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Niemand wird zurückgelassen

BALTOPS 2023: Joint Personnel Recovery im Ostseeraum

BALTOPS 2023: Joint Personnel Recovery im Ostseeraum

Datum:
Ort:
Rostock
Lesedauer:
5 MIN

Das große Ostsee-Marinemanöver diente dieses Jahr auch dazu, die Rettung hinter feindlichen Linien Gestrandeter ausführlich zu üben. Erstmals während BALTOPS geschah das zum Testen neuer Verfahren auch mit einem unbemannten System.

Alt-Text.

Ein USUnited States-Marinehubschrauber fischt einen zur Übung in Seenot geratenen britischen Marinesoldaten aus der Ostsee. Was im Einzelnen einfach aussieht, kann Teil einer komplexen Rettungskette sein.

US Navy

Die zentrale Aufgabe der Personnel Recovery ist die Vorbereitung auf den Moment, in dem ein Soldat oder eine Soldatin in einem Kampf- oder Konfliktszenario von seiner oder ihrer Einheit getrennt werden. Das kann eine Pilotin sein, die über See abgeschossen wurde, oder ein Fernspäher, der hinter den feindlichen Linien gestrandet ist – mit Gegnern, die aktiv versuchen, dem zur Rettung anfliegenden Team zu schaden. Solche Personnel Recovery, auf Bundeswehrdeutsch Personenrückführung, ist ein allgemeiner Begriff für eine Vielzahl von Bergungsarten, aber er lässt sich auf eine einfache Aussage reduzieren: Niemand wird zurückgelassen.

Das ist leicht gesagt, aber schwieriger auszuführen. Die Natur des modernen Krieges bedeutet, dass Streitkräfte nie wissen, wann, wie oder wo ein Bergungsszenario eintritt. Beim Großmanöver BALTOPS 2023 haben Beteiligte die dynamische Natur der Personnel Recovery (PRPersonnel Recovery) ausführlich trainiert. Dazu dienten fünf Einzelübungen, darunter die Szenarien „Rettung der Crews von über See abgestürzten Hubschraubern“ sowie „Taktische Bergung von Luftfahrzeugen und Personal“, Tactical Recovery of Aircraft and Personnel im NATO-Englischen, an Küstenabschnitten.

Der Notfall Personnel Recovery will immer mitgedacht sein

Es gibt zwei Hauptaspekte der PRPersonnel Recovery: Vorbeugung und Vorbereitung. Vorbeugung ist relativ selbsterklärend: Das Risiko der Isolation und Gefangennahme sollten die an Einsätzen Beteiligten nach Möglichkeit beseitigen oder wenigstens verringern. Das sollten sie im Voraus einplanen.

Vorbereitung ist die dynamischere Seite der PRPersonnel Recovery. Auf individueller Ebene nehmen Angehörige der Streitkräfte, die sich in potenziell isolierenden Szenarien wiederfinden können, an PRPersonnel Recovery-Ausbildungen wie Survival, Evasion, Resistance and Escape (SERESurvival, Evasion, Resistance and Extraction) teil. Vor allem Piloten und Spezialeinheiten werden darin geschult, wie sie sich in Sicherheit bringen und aus einem Kampfszenario an einen Ort fliehen können, von dem aus sie geborgen werden können.

In größerem Umfang dienen ganze Systeme zur Vorbereitung auf Personnel-Recovery-Szenarien. Die amerikanische Luftwaffe verfügt über spezielle Einheiten für PRPersonnel Recovery, und auch die Flugzeug- und Hubschrauberträger der USUnited States-Marine haben den ständigen Befehl, für PRPersonnel Recovery in See vorbereitet zu sein.

Die deutschen Seestreitkräfte haben zwar keine dezidierten Truppen ausschließlich für die Personenrückführung, aber PRPersonnel Recovery gehört zu den Kernaufgaben der Bordeinsatzkräfte des Seebataillons. Daneben sind vor allem beim Kommando Spezialkräfte der Marine und natürlich bei den Marinefliegern Experten für Rettung und Rückführung von isoliertem Personal ausgebildet.

Ein hellgraues, viermotoriges Propellerflugzeug.

Ein deutscher Seefernaufklärer P-3C Orion. Langstrecken-Marineflugzeuge wie diese sind eine ideale Plattform für die Koordination komplexer Missionen im Seeraum unter ihnen.

Bundeswehr/Sascha Linkemeyer

Der dynamische Charakter von Personenrückführungen erfordert jedoch häufig eine rechtzeitige Reaktion auf feindliche Umgebungen. Das gibt der Einbeziehung von NATO-Verbündeten und -Partnern für eine wirksame PRPersonnel Recovery-Vorbereitung eine entscheidende Bedeutung – insbesondere im geografischem Raum Europa. 

Großübungen wie BALTOPS sind eine ideale militärische Testumgebung

„Der große Wert von BALTOPS besteht darin, dafür zu sorgen, dass Verbündete und Partner zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen können, denn man weiß nie, welches Szenario bei der Bergung eintreten wird“, sagt dazu Joe Klein, der Leiter des Personnel-Recovery-Programms der USUnited States-Marine in Europa und Afrika.

Er betonte, wie wichtig die Interoperabilität von Streitkräften sei – also ihre Fähigkeit, mit teils unterschiedlicher Ausrüstung auf Basis gemeinsamer Verfahren zu kooperieren. „Je mehr wir zusammenarbeiten, desto besser sind wir in der Lage, kurzfristig zu reagieren, und es muss nicht nur das Handeln nur einer Stelle sein. Es kann eine Reaktion mehrerer Teilstreitkräfte sein, um jemanden wieder in Sicherheit zu bringen.“

Kleins Auftrag während BALTOPS 2023 war, die Fähigkeiten der NATO-Verbündeten und -Partnerstaaten in der gemeinsamen Personalrückführung zu verbessern. Im NATO-Englischen steht daher das Schlüsselwort „Joint“ vor der Aufgabe: Joint Personnel Recovery, kurz JPRJoint Personnel Recovery.

Die Schwierigkeiten, diese Fähigkeit zu stärken, liegen in den Interaktionen zwischen den an BALTOPS beteiligten Truppen: Estland verfügt über hochqualifizierte Polizeikräfte, die in der Lage sind, Rettungseinsätze auf See und in Küstennähe zu führen; italienische Marineinfanteristen sind äußerst fähige Kampfsoldaten, die für amphibische Operationen und die Erstürmung von Landezonen ausgebildet sind; und die deutsche Luftwaffe verfügt über einige der technologisch fortschrittlichsten Führungsflugzeuge in Europa.

Wie viele Unterschiede bestehen noch in einer über 70 Jahre alten Allianz?

Aber wenn sie gemeinsam operieren sollen, können Standards, Praktiken, Sprache und Arbeitsvokabular verblüffend unterschiedlich sein. Deshalb trainieren sie miteinander, immer und immer wieder, um diese Barrieren langsam abzubauen und einen einheitlichen NATO-Standard zu schaffen.

Bei BALTOPS 2023 begannen die PRPersonnel Recovery-Übungen in der östlichen Ostsee. Die USUnited States Navy ließ einen Marinesoldaten ins kalte Wasser fallen. Die estnische Polizei rückte mit Patrouillenbooten aus und stimmte sich mit NATO-Schiffen ab, um ihn zu retten.

Zwei Tage später schickte die britische Marine Patrouillenboote, um einen Soldaten in der mittleren Ostsee abzusetzen, den ein amerikanischer Hubschrauber bergen sollte. Über dem gesamten Vorgang kreiste ein deutscher Seefernaufklärer P-3C Orion und koordinierte die ganze Aktion als „Auge am Himmel“.

Später übte eine amerikanische P-8A Poseidon den Abwurf eines Such- und Rettungsfloßes. Seefernaufklärer wie diese werfen es auf die gleiche Weise ab wie Wasserbomben, mit ähnlicher Steuerungstechnik. Ein polnischer Hubschrauber wartete darauf, dieses Ziel zu bergen.

An Land übten italienische und amerikanische Marineinfanteristen mit Unterstützung von verschiedenen NATO-Flugzeugen eine „Tactical Recovery of Aircraft and Personnel“-Mission. Eine Kampfgruppe stürmte die Rückführungsposition und sicherte sie, bis das gesamte Personal und alles noch rettbare Material geborgen waren.

Alt-Text

Search and Rescue ist quasi die zivile Variante der Personnel Recovery. SARSearch and Rescue-Experten aller Streitkräfte haben so schon einen Baustein der militärischen Personenrückführung im Kasten.

US Navy

Als krönenden Abschluss setzte die USUnited States Navy zum ersten Mal in der Geschichte von BALTOPS eine Überwasserdrohne ein, ein Unmanned Surface Vessel (USV). Mit ferngesteuerter Lenkung barg das unbemannte Fahrzeug in Speedboot-Größe einen Piloten in See und brachte ihn zurück in Sicherheit.

Der Vorteil unbemannter Systeme: Sie können jeder Gefahr ausgesetzt werden

„Es gibt viele Szenarien, bei denen wir nicht wissen, ob wir die Bergungsfahrzeuge aufgrund der Bedrohungslage sicher einfahren oder einfliegen können“, sagte Klein. „Wenn eine bemannte PRPersonnel Recovery nicht möglich ist, kann man mit einem unbemannten Fahrzeug ein größeres Risiko eingehen. Das Militär arbeitet generell an der Entwicklung von Fähigkeiten zur Bergung von Fliegern, die in hochgefährdeten Gebieten abgestürzt sind und zu denen uns der Zugang verwehrt wurde, und ich denke, dass das USV eine mögliche Lösung für dieses Dilemma ist.“

Großmanöver wie BALTOPS bieten der NATO und ihren regionalen Partnern also nicht nur die Möglichkeit, die Interoperabilität in ihren militärischen Standardverfahren zu üben. Komplexe Szenarien, mit der Beteiligung unterschiedlicher Nationen und unterschiedlicher Teilstreitkräfte, helfen, hochspezialisierte Verfahren wie die JPRJoint Personnel Recovery quasi evolutionär zu verbessern.

„Das multinationale JPRJoint Personnel Recovery selbst ist für die USA und für die NATO wirklich wichtig, weil es unser Engagement für unsere Leute unter Beweis stellt“, so Klein. „Unsere wertvollsten Waffensysteme sind unsere Menschen. In Kampfszenarien müssen wir sie in Gefahr bringen, also müssen wir auch in der Lage sein, sie zurückzubringen. Wir müssen für den Fall üben, dass etwas schief geht – damit wir, wenn es nicht nach Plan läuft, in der Lage sind, effizient und effektiv zu reagieren.“

von  US Naval Forces Europe and Africa/US Sixth Fleet  E-Mail schreiben

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