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Rückblick auf Superlative

Ostseemanöver: Nach BALTOPSBaltic Operations ist vor BALTOPSBaltic Operations

Ostseemanöver: Nach BALTOPSBaltic Operations ist vor BALTOPSBaltic Operations

Datum:
Ort:
Kiel
Lesedauer:
6 MIN

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Sechzehn NATONorth Atlantic Treaty Organization-Verbündete und -Partner haben ihre zweiwöchige Marine-Großübung am 17. Juni formell in Kiel beendet. Zwei Wochen intensives Training lagen hinter ihnen. Bis Baltic Operations 2023 bleiben nur knapp 50 Wochen. 

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Das polnische Minensuchboot ORP „Drużno“ bei der Arbeit während BALTOPSBaltic Operations 2022. Fotograf Tomas Donauskas von der litauischen Marine gewann mit seinem Bild den internen Fotowettbewerb während des Manövers.

Litauische Seestreitkräfte/Tomas Donauskas

BALTOPSBaltic Operations 2022 hat mit seinem hohen Grad an Komplexität unsere kollektive Einsatzbereitschaft und Anpassungsfähigkeit auf die Probe gestellt“, sagte Vizeadmiral Eugene Black, Kommandeur der 6. USUnited States-Flotte und der Naval Striking and Support Forces NATONorth Atlantic Treaty Organization (STRIKFORNATONaval Striking and Support Forces NATO), auf der Abschluss-Pressekonferenz des Großmanövers im Marinestützpunkt Kiel-Wik. „Es hat zugleich die Stärke unseres Bündnisses und unsere Entschlossenheit unterstrichen, freie Schifffahrt für alle zu gewährleisten.“

Das ergänzte der deutsche Vizeadmiral Frank Lenski, Stellvertreter des Inspekteurs der Marine. Er mahnte vor dem Hintergrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine: „Wir müssen wachsam sein, jederzeit bereit, uns zu verteidigen. Mit Blick auf unsere Freunde und Verbündeten im Baltikum, in Finnland, Polen und Schweden stehen wir hier für das Versprechen der NATONorth Atlantic Treaty Organization: ‚Einer für alle – alle für einen.‘“

Eine Großübung in strategischer Kommunikation

Das dauerhafte Engagement der amerikanischen Seestreitkräfte in Europa begrüßte Lenski daher ausdrücklich. „Unsere Verbindungen zur USUnited States Navy sind stark und werden es auch bleiben“, so der Admiral. Sie würden gebraucht, weil heute praktisch die gesamte Ostsee Teil der Nordflanke der NATONorth Atlantic Treaty Organization ist. „Über diese ‚nasse Flanke‘ gelangen im Verteidigungsfall die Truppen- und Materialverstärkungen bis zu unseren Verbündeten in der östlichen Ostsee.“

Also müssten die Alliierten auch hier ihre Fähigkeit zur Verteidigung demonstrieren. „BALTOPSBaltic Operations diente genau dieser glaubhaften Abschreckung“, sagte Lenski, „und ich habe den Eindruck, alle beteiligten Marinen haben eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wozu wir gemeinsam in der Lage sind.“

Das zeigte sich in der Spannbreite unterschiedlicher maritimer Waffensysteme und dem enormen Spektrum von Übungsszenarien während des Manövers – die von Admiral Black angesprochene Komplexität. So kamen die an BALTOPSBaltic Operations 2022 beteiligten 47 Schiffe, 89 Flugzeuge sowie 7.000 Soldatinnen und Soldaten aus 16 verschiedenen Ländern. Speziell für Schiffsbesatzungen führten hunderte Teilübungen, Serials genannt, in ihrer Summe teils zu 100-Stunden-Wochen. Der Zweck: unter so realistischen Bedingungen wie möglich und daher rund um die Uhr zu trainieren.

Schwedens Streitkräfte unterstützten das Großmanöver erheblich. Sie richteten in Stockholm die große Pre-Sail-Konferenz vor dem Auslaufen zum Manöver aus. Anschließend ermöglichten sie viele Einzelübungen auf und über schwedischem Hoheitsgebiet. Insbesondere diente die Insel Gotland als Übungsgebiet für mehrere Luftwaffeneinsätze und amphibische Landungen des Hubschrauberträger USSUnited States Ship „Kearsarge“ und des Landungsschiffs USSUnited States Ship „Gunston Hall“.

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    Letzter Akt strategischer Kommunikation: Vizeadmiral Frank Lenski (l.) und Vizeadmiral Eugene Black auf der abschließenden Pressekonferenz von BALTOPSBaltic Operations in Kiel

    Bundeswehr/Marcus Mohr
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    Brennpunkt Gotland: ein schwedischer Soldat in einem Rapsfeld während der „Rückeroberung“ der strategisch zentral gelegenen Ostseeinsel

    US Marine Corps/Timothy A. Turner
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    Konzentration auf die Lage: ein britischer und ein schwedischer Marinesoldat in der Operationszentrale des Zerstörers HMSHis/Her Majesty's Ship „Defender“ der Royal Navy

    Crown Copyright
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    U-Boot-Jäger: ein Bordhubschrauber AW159 Wildcat der Royal Navy. Er war das wohl wichtigste Werkzeug der HMSHis/Her Majesty's Ship „Defender“, um nach dem schwedischen Unterseeboot zu suchen.

    US Navy/Taylor Parker

Das Ziel: glaubwürdige Abschreckung in allen Dimensionen

Auf beiden amerikanischen Schiffen waren Flieger und Infanteristen der 22nd Marine Expeditionary Unit sowie schwedische Seesoldaten eingeschifft. Sie eroberten die strategisch wichtige Ostseeinsel gemeinsam von einem fiktiven Gegner zurück. Dieses Szenario setzte das vom letzten Jahr fort, in dem die „blauen“ Verbände erst einmal die Ostseezugänge um Dänemark von den „orangenen“ Kräften hatten zurückgewinnen müssen.

Während dieses „D-Day“ in Gotland übten die Schiffe in See intensiv auf taktischer Ebene. Zum Beispiel trat das schwedische U-Boot, das an BALTOPSBaltic Operations teilnahm, zum Training vor allem gegen den britischen Zerstörer HMSHis/Her Majesty's ShipDefender“ und Flugzeuge anderer Teilnehmer an, darunter je ein deutscher und ein amerikanischer Seefernaufklärer.

Letzterer war vom Typ P-8A Poseidon und für die Dauer des Manövers im niedersächsischen Fliegerhorst Nordholz stationiert. Dieses Flugzeugmuster sollen die deutschen Marineflieger künftig auch erhalten, so dass die enge Zusammenarbeit mit der USUnited States Navy in der eigenen Heimatbasis für sie eine weitere wertvolle Erfahrung war.

Die Kontrolle über alle 89 an BALTOPSBaltic Operations teilnehmenden Militärflugzeuge – und damit die bisher größte Luftwaffen-Integration in der Geschichte der Übung – hatte das Northern Combined Air Operations Centre der NATONorth Atlantic Treaty Organization im nordrhein-westfälischen Uedem. Es ließ die Flugzeuge sowohl von see- als auch von landgestützten Plattformen aus starten; es ordnete mehr als mehr als 400 Einsätze an, doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Das Training für die Kampf- und Unterstützungsflugzeuge umfasste das gesamte Spektrum der Dimensionen Luft, einschließlich Luft-See-, Luft-Boden-, Luft-Luft- und Aufklärungseinsätzen sowie Luftbetankung. Allein in der U-Boot-Abwehr aus der Luft kamen beispielsweise über 90 Flugstunden zustande.

Ein Testfeld für neue Verfahren und Technologien

Ganz anderer Dimension war eine Teilübung der Sanitäter: BALTOPSBaltic Operations umfasste erstmals ein komplexes Szenario für das Bergen von Verletzten von einem U-Boot mitten in hoher See. Die Herausforderung war, dass diese Rettungskette der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Sanitätsdienste der Aufklärung durch einen potentiellen Gegner, etwa durch das Verwenden von Hubschraubern, nicht auffallen durfte.

Auch diente das Großmanöver der Erprobung neuer Technologien. Wissenschaftler aus fünf Nationen brachten neueste Fortschritte der Minenjagd mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen (UUVs) mit, um deren Wirksamkeit in Einsatzszenarien zu erproben. Die BALTOPSBaltic Operations-Arbeitsgruppe für Minenabwehr war im gesamten Ostseeraum unterwegs, um das Aufspüren von Kampfmitteln und deren Entschärfung in kritischen Meerengen zu üben.

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    Die Korvette „Braunschweig“, von der Fregatte „Sachsen“ aus gesehen. Beide gehörten zu den „orangenen“ gegnerischen Kräften im BALTOPSBaltic Operations-Szenario – und ernteten viel Lob auf der Post-Exercise-Discussion: „Those evil and fantastic orange forces“.

    Bundeswehr
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    Letztendlicher Zweck aller Seestreitkräfte: an Land wirken. USUnited States-Marineinfanteristen des Battalion Landing Team 2/6 der 22nd Marine Expeditionary Unit auf Patrouille an der Küste von Ustka, Polen, während der amphibischen Ausbildung von BALTOPSBaltic Operations 2022

    US Marine Corps/Yvonna Guyette
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    Sie waren während BALTOPSBaltic Operations 2022 allgegenwärtig: Kipprotor-Transportflugzeuge MVMecklenburg-Vorpommern-22 Osprey des USUnited States Marine Corps, stationiert auf dem Hubschrauberträger USSUnited States Ship „Kearsarge“, hier beim Landen bei Ventspils in Lettland

    US Navy/Jesse Schwab
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    Anspannung und Vorfreude im Übergang von BALTOPSBaltic Operations zur Kieler Woche: hier auf der Brücke des Führungsschiffs USSUnited States Ship „Mount Whitney“ beim Einlaufen in Kiel am Ende des intensiven Manövers

    US Navy/ Jacob Sippel

Parallele Manöver der russischen Ostseeflotte

Dass Russland die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Streitkräfte bei einem so umfangreichen Manöver mit eigenen Flottenbewegungen beobachtet, entspricht seit Jahren bekanntem Verhalten. „Es ist vollkommen normal für diese Jahreszeit, und vor allem auch parallel zu BALTOPSBaltic Operations, dass auch die russische Marine Manöver abhält“, führte Admiral Lenksi aus. „Von einem russischen Säbelrasseln in der Ostsee kann derzeit also keine Rede sein, zumal auch Russland Ostseeanrainer ist. Und wir wollen ja, dass die russische Marine sieht, dass die NATONorth Atlantic Treaty Organization ein starkes Bündnis ist.“

Eugene Black ordnete Übungen der russischen Ostseeflotte in internationalen Gewässern und Luftraum ebenfalls so ein. „Beide Seiten haben sich professionell verhalten“, so der USUnited States-Admiral. „Es gibt wirklich nichts zu berichten, außer dass wir sicher nebeneinander operiert haben.“

Erweiterte Szenarien bis in den Weltraum und die Psyche

Unter der formellen Führung Blacks und seiner 6. USUnited States-Flotte wurde BALTOPSBaltic Operations 2022 vom alliierten Marinehauptquartier STRIKFORNATONaval Striking and Support Forces NATO geleitet und kontrolliert. Dieser mehr als hundertköpfige NATONorth Atlantic Treaty Organization-Stab in Oeiras bei Lissabon war dafür verantwortlich, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Ausbildungsziele erreichten.

Darüber hinaus stellte STRIKFORNATONaval Striking and Support Forces NATO speziell die Kommandeure der einzelnen Manöver-Teilverbände vor weitere Herausforderungen. So war der Weltraum in den Übungsszenarien berücksichtigt: Zum Beispiel mussten Übungsteilnehmer und Entscheidungsträger mit realistischen, simulierten GPSGlobal Positioning System-Fehlern, verursacht durch natürliches Weltraumwetter oder gezielte Störungen, umgehen.

Selbst die Moral der Soldatinnen und Soldaten war ein Aspekt von BALTOPSBaltic Operations. STRIKFORNATONaval Striking and Support Forces NATO hatte seelsorgerische Unterstützung für das Personal in Krisenzeiten in die Übungsszenarien integriert. Das testete die Fähigkeit der Teilnehmer, Hindernisse im maritimen Umfeld zu überwinden: Militärgeistliche mussten dort psychologische Hilfe leisten, wo sie in See oder an Land gebraucht wurde.

„Im Falle eines Konflikts müssen wir spirituell und psychologisch bereit sein zu reagieren“, sagte Brian Weigelt, oberster Militärseelsorger der 6. USUnited States-Flotte. „Indem wir unsere Fähigkeit trainieren, während einer potenziellen Krise länderübergreifend seelsorgerischen Beistand zu leisten, werden wir in der Lage sein, uns nahtlos zu integrieren.“

Von Pre-Sail-Konferenz zur Post-Exercise-Diskussion

Mit dem Einlaufen gut der Hälfte der beteiligten Schiffe des Manöververbands von BALTOPSBaltic Operations in Kiel am 17. Juni ging die Großübung zu Ende. Im unmittelbaren Anschluss aber haben die Planungen für BALTOPSBaltic Operations 2023 bereits begonnen. Am 18. Juni fand in einem Konferenzsaal der Kieler Marinebasis die sogenannte Post-Exercise Discussion statt. In ihr kamen die Kommandeure der „blauen“, „orangenen“ und anderer Manöver-Teilverbände zusammen, wie auch Kommandanten und Offiziere beteiligter Schiffe sowie die wichtigsten Stabsoffiziere von STRIKFORNATONaval Striking and Support Forces NATO.

Sie trugen ihre fachlichen Erfahrungen aus der beendeten Großübung vor. Die gesammelten Erkenntnisse muss vor allem der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Marinestab in Portugal jetzt für das nächste Großmanöver in der Ostsee auswerten – und in ein neues Trainingsprogramm einfließen lassen.

von  Marcus Mohr  E-Mail schreiben

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