Baltic Operations
Das große Ostsee-Marinemanöver der USA, der NATO und eingeladener Partner ist Kernstück im Jahresablauf der verbündeten Seestreitkräfte. BALTOPS trainiert seit über 50 Jahren das breite Spektrum moderner Seekriegführung.
Das große Ostsee-Marinemanöver der USA, der NATO und eingeladener Partner ist Kernstück im Jahresablauf der verbündeten Seestreitkräfte. BALTOPS trainiert seit über 50 Jahren das breite Spektrum moderner Seekriegführung.
Baltic Operations, kurz BALTOPS, ist das wichtigste, jährlich stattfindende Marinemanöver der NATO in der Ostsee. Die multinationale Übung dauert in der Regel zwei Wochen. Sie ist mit einem jährlich wechselnden Partner in der Region als Gastland verknüpft. Dort, in einem der Häfen des Landes, versammeln sich die beteiligten Flottenverbände unmittelbar vor der Übung. Im Unterschied dazu endet BALTOPS quasi schon traditionell jedes Jahr im Marinehafen von Kiel, direkt zum Beginn der Kieler Woche.
Wie jedes Manöver dient auch BALTOPS auf rein militärischer Ebene dazu, alle teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten intensiv zu trainieren. Wichtigster Aspekt dabei ist die Interoperabilität: also die Fähigkeit, auf verschiedenste Weise und auf unterschiedlichen Ebenen flexibel und effektiv zusammenzuarbeiten. Das Manöver übt daher nicht nur die Kooperation der Besatzungen von Schiff zu Schiff. Es soll auch dafür sorgen, dass See-, Luft- und amphibische Streitkräfte in der Lage sind, nahtlos zusammenzuarbeiten.
Früher ging es für die NATO um die Verteidigung der Ostsee-Zugänge Öresund und Großer Belt. Heute ist ihr der Seeweg zu den Verbündeten im Baltikum wichtig, falls in einem Krisenfall die Landverbindung durch die Suwalki-Lücke gesperrt sein sollte.
BundeswehrDieses Training stärkt also die kombinierten Reaktionsfähigkeiten der verbündeten Marinen, die erforderlich sind, um die regionale Stabilität sichern zu können. So soll BALTOPS auch auf einer politischen Ebene die Entschlossenheit der NATO und ihrer Partner zur Verteidigung des Ostseeraums demonstrieren.
BALTOPS sorgt für den Ausbau von militärisch-politischen Beziehungen über ein breites Spektrum hinweg. Das schafft praktische Voraussetzungen dafür, dass Verteidigungsministerinnen und -minister über unterschiedlichste Themen diskutieren können: zum Beispiel über künftige Teilnahme an anderen Übungen, Bedarf an vorgeschobenen Basen, Vereinbarungen über den Informationsaustausch und Möglichkeiten politischer Unterstützung im Falle einer regionalen Krise.
Auch hochrangige Flagg- und Stabsoffiziere knüpfen und stärken ihre beruflichen und persönlichen Verbindungen. So steht in der Regel allein schon im Plan fürs „Key leader engagement“ des BALTOPS-Befehlshabers während der zwei Wochen der Großübung ein Termin nach dem anderen.
Die BALTOPS-Manöverreihe begann während des Kalten Krieges als Teil der Bemühungen der USA, ihr Engagement für die Sicherheit und Stabilität einer der beiden strategischen Flanken Europas zu demonstrieren. Das Mittel dafür: eine effektive multinationale maritim-militärische Zusammenarbeit.
Im Mai 1971 liegt der Gründungsmoment von BALTOPS. Der Flugzeugträger USS „Intrepid“ fuhr damals zusammen mit drei Zerstörern in die Ostsee, um seine Fähigkeiten in Sichtweite der UdSSR zu demonstrieren. Die Einsatzgruppe fuhr bis auf 20 Seemeilen an die sowjetische Küste heran und wurde rund um die Uhr von sowjetischen Aufklärungsflugzeugen beobachtet.
Die historische Vorhut von BALTOPS: Flugzeugträger USS „Intrepid“, hier 1968 noch im Westpazifik
US Navy
Zur gleichen Zeit reifte eine sowjetische „Vorwärtspolitik“ mit einer Verlagerung der Militärdoktrin von nahen zu weiter entfernten Einsätzen. So hatten die sowjetischen Streitkräfte ein Jahr zuvor die Großübung „Okean 70“ durchgeführt. Sie erstreckte sich auf den Atlantik, den Pazifik und sogar den Indischen Ozean. Die Sowjetunion unterstrich damit ihre globale Reichweite. Dabei betrachtete sie den Westen der Ostsee als Schlüsselregion: Es gab Pläne, im Fall einer Auseinandersetzung mit der NATO das dänische Festland einzunehmen und zu halten. Das belegten vor allem regelmäßige kombinierte Luft- und Amphibienübungen des Warschauer Paktes.
Der Schwerpunkt von BALTOPS damals lag auf dem Schutz der dänischen Inseln und der dänischen Meerengen. „Blaue“ Flottenverbände sollten in die Ostsee vordringen können, während „orangenen“ Kriegsschiffen der umgekehrte Weg in die Nordsee und damit in den Atlantik verwehrt bleiben sollte. Militärexperten hielten die Ostseezugänge für strategisch-operativ ebenso wichtig wie das GIUK Gap, also die Seewege zwischen Grönland, Island und Großbritannien, im Nordatlantik oder wie die Fulda-Lücke auf dem europäischen Festland.
1972 nahmen die USA das neue Manöver BALTOPS offiziell in ihre Liste globaler Übungen auf. Sie definierten es als jährliche, multilaterale Marineübung, an der Dänemark, die Niederlande, Großbritannien und Westdeutschland regelmäßig teilnahmen.
1975 schließlich erweiterte sich BALTOPS auf das gesamte Spektrum der Seekriegsführung, einschließlich der elektronischen Kampfführung und der asymmetrischen Kriegsführung. So bestand die „Orange Force“, wie sie heute heißen würde, damals aus dänischen und westdeutschen Schnellbooten, Flugzeugen und U-Booten, die gegen die Zerstörer und Fregatten der „Blue Force“ antraten.
War BALTOPS ursprünglich eine Übung der US Navy, sind heute praktisch alle NATO-Nationen daran beteiligt. Formell laden der Kommandeur der 6. US-Flotte und der US-Marinebefehlshaber Europa/Afrika im italienischen Neapel zu der Großübung ein. Die detaillierte Planung und Organisation ist allerdings seit 2016 Aufgabe der Naval Striking and Support Forces NATO (STRIKFORNATO) in Oerias bei Lissabon in Portugal, eines der beiden großen Marinehauptquartiere der Allianz. Dabei ist der Kommandeur der 6. US-Flotte zugleich Kommandeur von STRIKFORNATO – und damit immer der Befehlshaber von BALTOPS.
Ebenfalls wie andere Marinemanöver gliedert sich BALTOPS in zwei große Abschnitte von je rund einer Woche Dauer: das kombinierte Combat Enhancement Training (CET) und Force Integration Training (FIT) in der ersten Woche sowie die anschließende taktische Phase der Übung, die Tactical Exercise (TACEX), in der zweiten Woche.
Die gesamte Übung basiert auf einem Szenario „Blauland gegen Orangeland“ mit einem detaillierten Skript. Auf dieser Grundlage trainieren die Kriegsschiffe und ihre Besatzungen während der CET/FIT-Phase einzelne fiktive Ereignisse, die jeweils nur wenige Stunden dauern. Das sind zum Beispiel kleine Übungen zur Luftverteidigung oder Speedbootabwehr, oder aber grundlegende seemännische Manöver wie das Schleppen eines beschädigten Schiffs.
Integration und Kooperation auf allen Ebenen: Hier übt ein deutscher Seesoldat mit finnischen Marineinfanteristen auf dem niederländischen Landungsschiff HNLMS „Johan de Witt“ bei BALTOPS 2016
NATO/C. ArtiguesDas Marinemanöver hat seinen Höhepunkt in der taktischen Phase. In ihr trainieren die Schiffe und Boote weniger in vereinzelter schematischer Weise, sondern das Ausgangsszenario kann sich praktisch frei weiterentwickeln – ganz nach den Entscheidungen der Kommandeure der beteiligten Manöververbände. Diese TACEX-Phase ist so konzipiert, dass sie den Einsatz in einer möglichen Realität widerspiegelt, bei dem sich „orange“ und „blaue“ Kräfte in einem Konflikt gegenüberstehen.
Den Rahmen der Großübung bilden zwei große Besprechungen. Zu Beginn von BALTOPS findet im Gastlandhafen die sogenannte Pre-Sail Conference statt. In ihr koordinieren sich die Übungsteilnehmenden letztmals vor dem Auslaufen zum Manöver und erhalten letzte persönliche Anweisungen. Die unmittelbare Nachbesprechung in Kiel, die Post-Exercise Discussion, ist dann der eigentliche Abschluss der Großübung. Sie bildet die Grundlage für die folgende Übungsauswertung und das nächste BALTOPS-Manöver.
Nein. Der Ansatz der NATO gegenüber Russland verbindet Abschreckung mit Verteidigung und Dialog. Sie strebt keine Konfrontation an, und die von den Alliierten geführten Übungen richten sich nicht gegen ein bestimmtes Land. Generell wird das Bündnis alle seine Partner gegen jede militärische Bedrohung verteidigen – unabhängig vom Entstehen dieser Bedrohung. Das betrifft die Region Ostsee genauso wie andere, wobei bis heute dieser Raum von großer strategischer Bedeutung für die Sicherheit in Europa ist.
Alles, was die NATO tut – einschließlich militärischer Übungen – ist defensiv ausgerichtet und folgt dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Dieses Handeln steht im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen aller Bündnispartner. Folglich führt das BALTOPS-Szenario auch nicht zwangsläufig zu einer fiktiven kriegerischen Auseinandersetzung. Ein Erfolg der Übung kann ebenso darin liegen, dass es den teilnehmenden Entscheidungsträgern gelingt, einen potentiellen Gegner von einer kriegerischen Eskalation erfolgreich abzuschrecken.
Neben den USA sind die wohl wichtigsten regelmäßig Teilnehmer Dänemark, Deutschland, Großbritannien und Norwegen. Sie haben schon seit Beginn der Übungsreihe ein starkes Interesse an Sicherheit in den Zu- und Ausgängen der Ostsee.
Heutzutage sind in der Regel mehr als ein Dutzend Nationen dabei. An BALTOPS 2022 zum Beispiel waren außer den fünf genannten neun weitere NATO- und zwei EU-Partner beteiligt: Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Lettland, Litauen, Niederlande, Polen, Schweden und die Türkei.
Beim Vorbereiten und Durchführen multinationaler Übungen arbeiten die militärischen Planer der NATO und der Gastländer eng zusammen, um die Auswirkungen auf die Umwelt und die örtliche Bevölkerung zu begrenzen. Das soll Lärmbelästigung, Umweltverschmutzung und unterbrochene Dienstleistungen ganz vermeiden oder wenigstens möglichst gering halten.
Dazu gehören zum Beispiel Absprachen mit Luft- und Schifffahrtsbehörden über Auswirkungen der Operationen auf den zivilen Verkehr auf der Ostsee und im Luftraum der Region. Hinzu kommt aber auch die rechtzeitige Detailplanung, wie etwa mit den Betreibern von Häfen für die Entsorgung von Müll von Bord der Marineschiffe.
Seit über fünf Jahrzehnten haben bereits mehrere Generationen von Marinesoldatinnen und -soldaten der NATO und ihrer Partner tiefe persönliche Eindrücke von dem jährlichen Großmanöver mitgenommen. Nicht oft kommende Dutzende von Kriegsschiffen, Hubschrauber und Flugzeuge mit ihren Tausenden von Besatzungsmitglieder in diesem Maßstab zusammen. BALTOPS ist deshalb jedes Jahr für alle Beteiligten ein ganz besonderes Ereignis.
Kerngeschäft Seekrieg: der estnische Minenleger „Wambola“ (rechts) und die dänische Mehrzweckfregatte „Absalon“ während BALTOPS 2020
NATO
Harte Arbeit bedeutet handfesten Trainingserfolg. Hier zwei Seeleute auf der britischen Fregatte HMS „Kent“ während eines Seeversorgungsmanöver mit dem amerikanischen Versorgungsschiff USNS „Supply“ bei BALTOPS 2020
Royal Navy
Normalerweise sind die teilnehmenden Kriegsschiffe während des BALTOPS-Manövers über tausende von Quadrat-Seemeilen verteilt. Hier fahren sie 2016 für ein Gruppenfoto in enger Formation.
NATO
Seemännische Grundlagen: Die spanische Fregatte „Méndez Núñez“ läuft bei BALTOPS 2016 den deutschen Einsatzgruppenversorger „Berlin“ zum Tanken in See an
Armada Española/Sánchez Oller
Ohne sie läuft bei BALTOPS nichts: Einer der zentralen Übungsaspekte ist jedes Jahr die Minenabwehr. Hier 2022 ein dänischer Minentaucher vor dem norwegischen Patrouillenboot HNoMS „Magnus Lagabote“
US Navy/Richard Hoffner
Multinationalität ist eine der wichtigsten Erfahrungen des Großmanövers. Hier eine BALTOPS-Zeremonie in Szczecin in Polen, das 2017 Gastland war.
US Navy/Ford Williams
Strategische Kommunikation: Die NATO nutzt das jährliche Marinemanöver für die Vermittlung ihrer Kernbotschaften. Hier 2017 mit einer Pressekonferenz im Hangar der dänischen HDMS „Absalon“, noch im Hafen Szczecin vor dem Auslaufen
US Navy/Ford Williams
Im Mittelpunkt stehen die Menschen: Soldatinnen und Soldaten, wie 2020 dieser norwegische Brückenwachoffizier auf der Fregatte HNoMS „Otto Sverdrup“, ziehen aus BALTOPS größten praktischen Nutzen
NATO
Seit Jahren ist das NATO-Manöver BALTOPS um die beiden EU-Partner Schweden und Finnland größer geworden. Hier fährt 2016 ein Kampfboot der schwedischen Marineinfanterie ins Welldeck des niederländischen Landungsschiffs HNLMS „Johan de Witt“.
NATO/C. Artigues
Amphibische Operationen: US-Marineinfanteristen am Strand der estnischen Insel Saaremaa während BALTOPS 2019. Im Hintergrund bringt ein polnisches Landungsschiff Verstärkung.
NATO
BALTOPS als politische Bühne: hier Schwedens Ministerpräsidentin Magdalena Andersson, und links hinter ihr US-Generalstabschef General Mark A. Milley, bei einem Pressetermin auf dem US-Hubschrauberträger „Kearsarge“ 2022 in Stockholm
US Navy/Jesse Schwab
BALTOPS in der Luft: Verbündete Luftwaffen können gemeinsam mit ihren Marinen im großen Rahmen üben. Hier führt 2022 ein deutsches Transport- und Tankflugzeug A400M eine Formation von Kampfjets über dem Hubschrauberträger USS „Kearsarge“ an.
US Navy/Jesse Schwab
Kein Manöver ohne die Menschen: Tausende Soldatinnen und Soldaten nehmen jährlich an BALTOPS teil, hunderte planen, organisieren und führen die Großübung. Hier 2022 eine Nachrichtendienst-Soldatin der US-Marineinfanterie auf der USS „Mount Withney“
US Marine Corps/Timothy Turner
Eine Belohnung zum Schluss: Nach zwei Wochen harten Trainings in See läuft hier das US-Führungsschiff USS „Mount Whitney“ am 15. Juni 2018 in Kiel ein. Einen Tag später, wie jedes Jahr, beginnt das größte Volksfest Nordeuropas: die Kieler Woche.
US Navy/Justin Stumberg
Die Erste Offizierin des US-Zerstörers USS „Bainbridge”, Commander Mary Devine, (links) beim Einlaufen nach BALTOPS 2018. Die betriebsame Kieler Förde unmittelbar vor Beginn der Kieler Woche zu befahren, ist eine letzte Übungsherausforderung.
US Navy/Theron J. GodboldVeröffentlicht am: 16.06.2022, zuletzt aktualisiert am: 12.05.2023
Ort: Rostock
Lesedauer: 6 Minuten