NATO-Übung in Estland: Novum für die Sanität
Bei Vigorous Warrior üben 2.500 Soldatinnen und Soldaten die gesamte Rettungskette im NATO-Bündnisfall inklusive des Aufbaus einer Role 3.
Vom 8. bis 20. Juni 2026 trainierten Soldatinnen und Soldaten aus 29 NATO- und Partnernationen Seite an Seite bei Vigorous Warrior in Estland. Die erste NATO-Übung zur Militärmedizin wurde durch die estnischen Streitkräfte und das NATO Centre of Excellence for Military Medicine organisiert. Das Sanitätsregiment 3 aus Dornstadt betrieb vor Ort ein Einsatzlazarett.
Das modulare Einsatzlazarett der Role 3 des Sanitätsregiments 3 aus Dornstadt war im Hafen von Tallinn nahezu komplett in fester Infrastruktur – drei riesigen Hallen – untergebracht
Bundeswehr/Mathias Erdmann
2.500 Angehörige der Sanitätsdienste aus 29 NATO- und Partnernationen kamen bei der Übung in Estland zusammen, um die gesamte Rettungskette im NATO-Bündnisfall im multinationalen Rahmen zu üben – vom Ort der Verwundung bis zum Krankenhaus. Das Sanitätsregiment 3 aus Dornstadt bildete mit dem Einsatzlazarett der Role 3 ab, die vorletzte Ebene der Rettungskette. Der Betrieb eines voll ausgestatteten Einsatzlazaretts in fester Infrastruktur am Hafen von Tallinn und in multinationaler Besetzung war eine Premiere für die Soldatinnen und Soldaten aus Dornstadt.
Bei der Verlegung eines Einsatzlazaretts muss unglaublich viel Material bewegt werden. In enger Zusammenarbeit mit dem Logistikzentrum der Bundeswehr reisten insgesamt 163 Container und 39 Fahrzeuge nach Estland. Im Ernstfall dauert der Aufbau einer Role 3 nur 72 Stunden. Damit das klappt, sind Übungen wie Vigorous Warrior ein wichtiger Test: Durch die erstmalige Integration der modularen Sanitätseinrichtung in feste Infrastruktur dauerte es dieses Mal ein wenig länger. Nach fünf Tagen stand das Einsatzlazarett einsatzbereit verteilt auf drei Lagerhallen im Hafen von Tallinn.
Das modulare Einsatzlazarett der Sanitätskräfte aus Dornstadt wirkt erst einmal wie ein Puzzle aus Containern und Zelten. Zusammengefügt entsteht schließlich eine Einrichtung, die eine medizinische Versorgung auf dem qualitativen Niveau eines deutschen Kreiskrankenhauses leistet. Für den Einsatz bringt diese mobile Modularität eine Menge Vorteile: Die Role 3 kann zu Land, zu Wasser und durch die Luft an jeden Ort der Welt transportiert werden und bereits nach drei Tagen können darin Leben gerettet werden.
Bei Vigorous Warrior 2026 standen in Tallinn dazu sechs Operationssäle, eine große Intensivstation, eine Pflegestation mit 150 Betten und ein großer Facharztbereich – vom Zahnarzt bis zur Psychiatrie – zur Verfügung. Selbst ein Computertomograph wurde mitgeführt.
Zur 36-Stunden-Übung gehörte auch ein simulierter Unfall in einem nahen Chemiewerk, bei dem die Luft auf Schadstoffe geprüft werden musste, um entscheiden zu können, ob eine Evakuierung notwendig war
Bundeswehr/Mathias Erdmann
Auch das geschützte Sanitätsfahrzeug Eagle V 6x6 war in Estland im Einsatz, um verletzte oder verwundete Personen zur Notaufnahme des Einsatzlazaretts zu bringen
Bundeswehr/Mathias Erdmann
Nach ihrer Anlieferung wurden Verletzte durch einen Arzt gesichtet und dann mit der Krankentransporttrage in die Notaufnahme und den Schockraum gebracht
Bundeswehr/Mathias Erdmann
Die High-End-Simulatoren, die durch eine externe Firma zur Verfügung gestellt wurden, bieten die Möglichkeit, realistische Operationen zu üben
Bundeswehr/Mathias ErdmannUm eine Role 3 in einer 36-Stunden-Übung zu trainieren, brauchte es viel Vorbereitung. Die Patientinnen und Patienten etwa wurden von realen Personen dargestellt. Für sie wurde jeweils eine vollständige fiktive Akte angelegt, die den gesamten Weg durch das Einsatzlazarett abbildete. So entstanden für die Übung des Einsatzlazaretts insgesamt 260 Fallakten mit mehr als 1.400 Laborberichten, welche durch die Bundeswehrkrankenhäuser anonymisiert zur Verfügung gestellt worden waren. Je nach Schwere der Verwundung ging das von den Blutwerten über radiologische Bildbefunde bis zur psychiatrischen Befundung. Damit alles rechtzeitig fertig wurde, hatte das Sanitätsregiment 3 bereits im Januar 2026 damit begonnen, die Fallakten zusammenzustellen.
Um den anonymen Fallakten während Vigorous Warrior 2026 ein Gesicht zu geben, standen 100 „Soldatinnen und Soldaten in darstellender Funktion“ zur Verfügung. Vier ausgebildete Schminkteams sowie unzählige helfende Hände gaben ihr Bestes, um von der Platzwunde bis zum offenen Schienbeinbruch jede Verletzung so realistisch wie möglich darzustellen. Darüber hinaus wurden künstliche Simulatoren genutzt, an denen auch realitätsgetreu operiert werden konnte. Sie simulierten von Atmung und Puls bis zur spritzenden perforierten Arterie alle Körperfunktionen, die auch ein echter Mensch besitzt. Auch alle inneren Organe sind für eine operative Intervention genau dort, wo sie sein sollen.
Das medizinische Personal der Role 3, zusammengesetzt aus 13 verschiedenen Nationen, wurde 36 Stunden lang auf die Probe gestellt. Von mehreren Massenanfällen von Verletzten, den sogenannten Mass Casualties, über eine eingespielte Bedrohung durch einen Unfall in einem Chemiewerk bis zum Ausfall des eigenen Personals aus medizinischen Gründen. Trotz aller Widrigkeiten wurden in den 36 Stunden ganze 276 Patientinnen und Patienten im Einsatzlazarett behandelt – ein erfolgreicher Stresstest für die Role 3 des Sanitätsregiments 3 und ein Beleg für die Leistungsfähigkeit des Sanitätsdienstes der Bundeswehr im NATO-Bündnis.
von Michael Tomelzik E-Mail schreiben
Bei Vigorous Warrior üben 2.500 Soldatinnen und Soldaten die gesamte Rettungskette im NATO-Bündnisfall inklusive des Aufbaus einer Role 3.