Innere Führung neu denken

Innere Führung neu denken

  • Innere Führung
  • Führungsakademie der Bundeswehr
Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
5 MIN

Vom 20.09.2021 bis 22.09.2021 fand das jährliche Seminar Innere Führung im Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst national (LGAN) 2020 an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg statt. Der LGAN 2020 umfasst 99 nationale und 18 internationale Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Generalmajor André Bodemann, Kommandeur ZInFü, eröffnet das Seminar Innere Führung im LGAN 2020

"Innere Führung ist kein Selbstzweck, sondern dient der Einsatzbereitschaft der Streitkräfte."

Bundeswehr/Thomas Martin

Der Kommandeur des Zentrums Innere Führung, Generalmajor André Bodemann, eröffnete das Seminar Innere Führung für die Angehörigen des LGAN 2020 mit einem Appell zum offenen und konstruktiven Diskurs. In seinem Impulsvortrag führte er unter anderem aus, dass die Konzeption der Inneren Führung einzigartig und aus der Besonderheit unserer Geschichte entstanden sei. Als Teil der DNA der Bundeswehr habe sie sich nach seiner festen Überzeugung im Grundbetrieb sowie im Einsatz absolut bewährt. Dabei sei die Innere Führung als Führungskultur der Bundeswehr absolut kein Selbstzweck. Sie leiste letztendlich einen wesentlichen Beitrag zur Einsatzbereitschaft der Streitkräfte, ebenso wie einsatzfähiges Material und gute Ausbildung und habe von Anfang an den einsatzbereiten Soldaten und eine einsatzbereite Bundeswehr zum Ziel gehabt. Das Beherrschen des militärischen Handwerks alleine genüge nicht.

Die Innere Führung verlange den bestmöglich ausgebildeten Soldaten, der zudem von unseren Werten überzeugt sei und die Rechte und Freiheiten, die er selbst erfahre, im Ernstfall verteidigen könne und auch wolle. Es gehöre daher zwingend dazu, dass jeder Soldat und jede Soldatin den Sinn im jeweiligen Tun und Handeln verstünden und dass sie aus innerer Überzeugung für Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität und Demokratie als die leitenden Werte unseres Staates eintreten würden – mit dem Wissen des „Dienens wofür“ – Die Legitimation unseres Auftrags. Unser Handeln würde dabei jedoch niemals isoliert und losgelöst in einem „bezugsfreien Raum“ stattfinden, denn unser Bezugsrahmen der Werte und Normen sei schließlich durch die freiheitliche‐demokratische Grundordnung, das Grundgesetz und die geltenden Gesetze der Bundesrepublik Deutschland klar definiert.

Damit stelle die Innere Führung die Grundfragen unseres militärischen Dienstes und beruflichen Selbstverständnisses. Denn in unserem Eid würden wir die freiheitliche demokratische Grundordnung und deren Werte anerkennen und schwören „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer verteidigen.“ Damit seien sowohl das WIE nämlich Treue und Tapferkeit als Tugenden als auch das WOFÜR – für unser Land, für Recht und Freiheit also für unsere Werte – klar definiert. Somit sei die Innere Führung auch nicht, wie leider oft falsch dargestellt, die Summe der weichen Themen. Denn schließlich bedeute Tapferkeit, dass wir in Pflichterfüllung in letzter Konsequenz bereit sein, die eigene körperliche oder seelische Unversehrtheit oder sogar das eigene Leben bzw. das der uns anvertrauten Soldatinnen und Soldaten einzusetzen bzw. selbst zu töten. Schließlich bekräftigte der Kommandeur Zentrum Innere Führung, dass Fundament und Grundsätze der Inneren Führung unverändert bleiben müssten. Dennoch gelte es aufgrund steter gesellschaftlicher, sicherheitspolitischer und technologischer sowie sonstiger Veränderungen, die Inneren Führung als eine dynamische, auf ständige Weiterentwicklung gerichtete Konzeption zu begreifen. 

Innere Führung im 21. Jahrhundert

Das Dozententeam des Zentrums Innere Führung knüpfte an diese Ausführungen an und setzte unter dem Leitthema „Bundeswehr im 21. Jahrhundert – Wie soll bzw. muss sich die Innere Führung weiterentwickeln?“ mit vielfältigen Methoden und Perspektiven differenzierte Impulse, die zu einem kritischen und konstruktiven Diskurs anregten. Mit Offenheit, Erfahrung und didaktischem Geschick wurden im Team-Teaching von zivilen und militärischen Dozentinnen und Dozenten Fragen nach dem eigentlichen Kernbestand, „überholtem Ballast“ und der notwendigen Erneuerung der Inneren Führung gestellt.

Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer sowie ein Dozent des Zentrums Innere Führung in der Diskussion

Diskussion rund um die Weiterentwicklung der Inneren Führung (unter Einhaltung der Corona-Auflagen der zuständigen Überwachungsstelle für öffentlich-rechtliche Aufgaben des Sanitätsdienstes – Nord).

Bundeswehr/Mark Fritsche

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, unter ihnen auch vier zivile Angehörige der Bundeswehr und internationale Soldatinnen und Soldaten aus 12 Nationen, betrachteten darüber hinaus noch weitere Themenfelder, die im Sinne der Weiterentwicklung der Inneren Führung Relevanz besitzen: „Führen auf Distanz im Zeitalter der Digitalisierung“, „Vertrauen als Führungsaufgabe / Umgang mit Fehlern“ und „Dienen und Mentale Stärke – Innere Führung als Beitrag zur Einsatzbereitschaft der Bundeswehr.“

Die Innere Führung ist ein wichtiges Thema, welches in der (Weiter-)Entwicklung von Offizieren einen wichtigen Platz einnehmen sollte. Ein Thema, das meiner Meinung nach nicht von beruflich orientierter Persönlichkeitsentwicklung zu trennen ist. Diese Persönlichkeitsentwicklung trägt dazu bei, dass Offizieren das Rüstzeug und die (Weiter-)Entwicklung der Persönlichkeitsmerkmale an die Hand gegeben wird, die notwendig sind, um die Innere Führung nicht nur durchzuführen, sondern aus persönlicher Überzeugung zu verwirklichen und zu übertragen. Wenn die Bundeswehr dies erreichen will, sollte sie sich nicht nur auf ein dreitägiges Seminar beschränken, sondern die Ausbildung sollte mit einem (mindestens) zwei- bis dreiwöchigen Seminar in einem zivilen Umfeld beginnen.

Oberstleutnant Alexander Pieters-Meijers, niederländischer Lehrgangsteilnehmer LGAN 2020

„Einsatz- und Kampfbereitschaft“ im Fokus

In den jeweils abschließenden Diskussionsrunden im Hörsaalrahmen kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu differenzierten und auch kritischen Ergebnissen. Häufig wurde gefordert, die Themen „Motivation“, „mentale Stärke“, sowie die „Befähigung zum Kampf“ noch stärker in den Fokus zu rücken. Denn schließlich sei dies der Kernauftrag von Streitkräften.

„Die Innere Führung hat damals wie heute Bestand. Sie muss nur auf den wesentlichen Kern und den eigentlichen Auftrag deutscher Streitkräfte verschlankt werden. Es bedarf innerhalb unserer Bundeswehr eines Paradigmenwechsels; hin zu einer Agenda „Mindset“. Mit einer Organisationskultur, die getragen vom Leitgedanken der Inneren Führung, Soldatinnen und Soldaten dazu befähigt, im Kampf zu bestehen und voller Überzeugung für ihren Beruf einzustehen.“

Major Mario Blath, Lehrgangsteilnehmer LGAN 2020

Darüber hinaus wurde angeregt, bewusst die auch in der Bundeswehr zunehmende Digitalisierung und deren Auswirkungen auf Führungsvorgänge zu betrachten, entsprechende Hilfestellung zu geben und zukünftig als zum Kern der Inneren Führung gehörenden Bestand zu betrachten.

„Die Themen waren inhaltlich gut gewählt, der zeitliche Rahmen hätte hierfür jedoch noch deutlich ausgedehnt werden müssen. Aus meiner Sicht bieten sich insbesondere im Hinblick auf den Aspekt der Digitalisierung und deren Implikationen für Führung weitere Diskurse an.“

Oberregierungsrätin Joana Rümke, Lehrgangsteilnehmerin LGAN 2020

Einhellig äußerten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Wunsch, auch künftig am Seminar Innere Führung festzuhalten und es – auch vom Zeitansatz her – auszubauen.

von Oberstleutnant Mark Fritsche und Major Daniel Ulrich (Lehrgangsteilnehmer LGAN 2020)