Kampfjets, die Geschichte schrieben
Von der F-84 zum Eurofighter: Acht Geschichten über Kampfflugzeuge der Bundeswehr und wie sie die Entwicklung der Luftwaffe prägten.
Von der F-84 zum Eurofighter: Acht Geschichten über Kampfflugzeuge der Bundeswehr und wie sie die Entwicklung der Luftwaffe prägten.
Die Geschichte der Luftwaffe lässt sich an ihren Flugzeugen ablesen. Jede Maschine steht für eine Ära, eine Technologie, eine Herausforderung. Die F-84 brachte die Bundesrepublik zurück in die Luft. Der Starfighter läutete das Überschallzeitalter ein. Der Tornado wurde zum Arbeitspferd für Jahrzehnte. Und der Eurofighter ist heute das Rückgrat der Luftverteidigung.
Die Zitate in diesem Beitrag stammen aus Zeitzeugenberichten des Aufrufs „70 Jahre Luftwaffe“. Veteranen und ehemalige Angehörige der Luftwaffe teilten auf diesem Weg ihre persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen. Einige von ihnen kommen hier stellvertretend zu Wort.
Die erste Maschine der neuen Luftwaffe war keine deutsche Konstruktion. Sie kam aus den USA und hieß F-84F Thunderstreak. Der robuste Jagdbomber mit Strahlantrieb galt Mitte der 1950er-Jahre als modern. Mit diesem Flugzeug begann der Neuanfang. Die F-84 war kein Hightech-Wunder. Sie flog nicht überschallschnell, hatte keine komplexe Avionik, keine raffinierten Waffensysteme. Aber sie war zuverlässig, wartungsfreundlich und verfügbar. Genau das brauchte eine Luftwaffe im Aufbau. Die Techniker lernten an dieser Maschine die Grundlagen: Triebwerkswartung, Hydrauliksysteme, Waffenintegration. Ein ehemaliger Wartungsoffizier erinnert sich: „Die F-84 war wie ein guter Lehrer. Nicht zu kompliziert, aber anspruchsvoll genug. Wir lernten systematisch zu arbeiten, Fehler zu diagnostizieren, unter Zeitdruck zu reparieren.“ Die Thunderstreak bildete so auch die erste Generation deutscher Flugzeugtechniker aus. Bis 1966 flog die F-84 bei der Luftwaffe. Dann wurde sie durch modernere Muster ersetzt. Doch es war die F-84, mit der das Jagdbomber-Zeitalter der jungen Luftwaffe begann.
Während die F-84 den Bodenangriff übernahm, kam für die Luftverteidigung die F-86 Sabre. Ein Kampfjet, der schon im Koreakrieg Berühmtheit erlangt hatte. Geschwungene Tragflächen, charakteristische Lufteinläufe, pfeilschnell für seine Zeit. Die Sabre war der erste echte Abfangjäger der Luftwaffe. Technisch war die F-86 ein Sprung nach vorn. Erstmals arbeiteten deutsche Techniker an Maschinen mit hydraulisch betriebenen Steuerflächen, Schleudersitzen und Radar-Feuerleitanlagen. Die Komplexität nahm zu. Nicht mehr jeder Handgriff war offensichtlich. Fehldiagnosen konnten teuer werden. Ein Zeitzeuge berichtet: „Bei der F-86 reichten Schraubenschlüssel und Gefühl nicht mehr. Man musste Handbücher lesen, Schaltpläne verstehen, systematisch vorgehen.“ Die technische Dokumentation wurde wichtiger. Qualitätssicherung etablierte sich als Prinzip. Die Sabre flog bis 1964 bei der Luftwaffe. Sie war ein Zwischenschritt, aber ein wichtiger. Sie bereitete Piloten und Techniker auf das vor, was kommen sollte: das Zeitalter des Überschalls.
1960 begann die Ära des wohl umstrittensten Flugzeugs der Luftwaffe: der F-104 Starfighter. Schlank wie ein Bleistift und kompromisslos auf Geschwindigkeit ausgelegt, sollte der Starfighter die Luftwaffe ins Überschallzeitalter katapultieren. Das tat er auch, aber der Preis war hoch. Technisch war die F-104 extrem: kleine Tragflächen für hohe Geschwindigkeit, ein leistungsstarkes J79-Triebwerk, hohe Landegeschwindigkeit, enge Leistungsgrenzen. Die Maschine verzieh keine Fehler, weder bei Piloten noch Technikern. Die Unfallrate war erschreckend. Über 110 Starfighter gingen verloren, viele Piloten starben. Die Ursachen waren vielfältig: konstruktive Eigenheiten, mangelnde Schulung, Wartungsfehler, Materialermüdung. Ein Techniker von damals erzählt: „Der Starfighter zwang uns, zu perfektionieren. Jede Schraube, jede Sicherung, jedes Kabel musste stimmen. Ein Fehler konnte tödlich sein.“ Die Luftwaffe lernte daraus und wurde professioneller. Wartungsverfahren wurden verschärft, Qualitätskontrollen intensiviert, die technische Dokumentation akribischer. Der Starfighter war ein brutaler Lehrmeister, denn er lehrte gründlich. Bis 1987 flog die F-104 bei der Luftwaffe. Sie hinterließ technisch versierte Teams und das Bewusstsein: Hightech verlangt Höchstleistung.
Während der Starfighter alle Aufmerksamkeit auf sich zog, leistete im Hintergrund ein kleineres Flugzeug wertvolle Dienste: die Fiat G.91. Ein italienischer Leichtjäger, gebaut für Aufklärung und Erdkampf. Unspektakulär, aber zuverlässig. Die G.91 wurde zum Arbeitspferd der Luftwaffe. Technisch war die G.91 das Gegenteil des Starfighters: einfach konstruiert, robust, wartungsfreundlich. Ein Techniker brauchte kein Spezialwerkzeug, um die meisten Arbeiten zu erledigen. Die Maschine war verzeihend, so hieß es, auch bei rauem Einsatz – perfekt für Tiefflug und schnelle Einsätze. Ein ehemaliger Staffeltechniker beschreibt es so: „Die G.91 war wie ein treuer Hund. Sie machte, was man von ihr verlangte. Und wenn mal was kaputt war, konnte man es meist schnell reparieren.“ Diese Zuverlässigkeit machte die G.91 beliebt bei Piloten und Bodenpersonal. Bis 1982 blieb die G.91 im Dienst. Länger als geplant, weil sie einfach funktionierte. Sie bewies: Hightech ist nicht immer die beste Lösung. Manchmal zählt das Praktische mehr als Performance. Die G.91 war die stille Heldin ohne Überschall.
1973 kam eine Legende zur Luftwaffe: die F-4F Phantom II. Der Kampfjet hatte sich im Vietnamkrieg bewährt – kraftvoll, vielseitig, imposant. Die Phantom brachte eine neue Dimension: zwei Mann Besatzung, Radar-Feuerleitanlage, Luft-Luft-Raketen, enorme Waffenlast. Ein Systemsprung. Technisch war die F-4 komplex: zwei leistungsstarke J79-Triebwerke, hydraulische Systeme mit mehrfacher Redundanz, eine Avionik, die ständige Überwachung brauchte. Die Wartung war aufwendig, aber die Phantom war robust. Ein Triebwerkstechniker erinnert sich: „Die Phantom war laut, durstig und anspruchsvoll. Aber wenn alles stimmte, war sie ein Monster. Pure Power.“ Die F-4 zwang die Luftwaffe, ihre Wartungskapazitäten massiv auszubauen. Mehr Personal, bessere Ausrüstung, tieferes Systemwissen. Bis 2013 flog die Phantom bei der Luftwaffe – nach 40 Jahren Dienstzeit. Sie wurde modernisiert, angepasst, weiterentwickelt. Und sie bewies: Eine gute Grundkonstruktion altert langsam.
1981 begann die Ära des Tornado. Er ist ein europäisches Gemeinschaftsprojekt von Deutschland, Großbritannien und Italien. Variable Schwenkflügel, Terrain-Following-Radar, modernste Avionik. Der Tornado war gebaut für eine Mission: Tiefflug unter feindlichem Radar, Präzisionsangriffe bei jedem Wetter. Technisch war der Tornado revolutionär. Die schwenkbaren Flügel erlaubten hohe Geschwindigkeiten im Tiefflug und trotzdem kurze Landestrecken. Das Terrain-Following-Radar ermöglichte automatischen Tiefflug auch nachts und bei schlechtem Witterungsbedingungen. Die Avionik war digital, Jahre vor ihrer Zeit. Aber diese Komplexität hatte ihren Preis. Die Wartung war intensiv. Ein Techniker von damals erzählt: „Der Tornado war wie ein Hochleistungssportler. Ständige Betreuung, präzise Checks, keine Kompromisse. Aber wenn alles stimmte, war er unschlagbar.“ Bis heute fliegt der Tornado bei der Luftwaffe. In über 40 Jahren wurde er mehrfach modernisiert. Der Tornado hat bewiesen: Gute Technik altert nicht, sie reift. Er wird noch einige Jahre das Arbeitspferd der Luftwaffe bleiben.
1979 kam ein Flugzeug zur Luftwaffe, das eine ganze Generation von Piloten prägen sollte: der Alpha Jet. Ein deutsch-französisches Gemeinschaftsprojekt, gebaut als fortgeschrittenes Trainingsflugzeug und leichter Kampfjet. Klein, wendig, modern. Der Alpha Jet wurde zur Schule am Himmel. Technisch bot der Alpha Jet die richtige Balance: zwei sparsame Turbofan-Triebwerke, moderne Avionik, elektronische Fluginstrumente. Gleichzeitig verzeihend genug für Flugschüler und anspruchsvoll genug für fortgeschrittenes Training. Die Wartung war durchdacht. Modularer Aufbau, gute Zugänglichkeit, standardisierte Komponenten. Ein Techniker von damals sagt: „Der Alpha Jet war gebaut, um viel zu fliegen und wenig in der Wartung zu stehen. Genau das brauchte eine Trainingsmaschine.“ Bis 2021 wurde mit dem Alpha Jet ausgebildet. Er brachte vielen Piloten und Pilotinnen bei, wie man einen Jet beherrscht. Der Alpha Jet war nie im Kampfeinsatz, aber er schuf die Grundlage dafür, dass andere es sein konnten. Ein stiller Held der Ausbildung.
2004 begann die Eurofighter-Ära. Ein europäisches Gemeinschaftsprojekt, jahrzehntelang geplant, hochmodern, teuer. Der Eurofighter sollte die Luftüberlegenheit für Jahrzehnte sichern. Technisch war er ein Quantensprung. Der Eurofighter ist ein Delta-Canard-Design mit aerodynamischer Instabilität. Eigentlich ein Problem, ist aber Absicht. Ein Computer stabilisiert die Maschine tausendstelsekündlich. Das macht sie extrem wendig. Keine Maschine dreht schneller, steigt steiler, reagiert direkter. Die Avionik ist digital durchintegriert. Radar, Sensoren, Waffensysteme, Kommunikation. Alles vernetzt, alles in Echtzeit. Ein Techniker fasst es so zusammen: „Der Eurofighter ist ein fliegender Computer. Software-Updates sind genauso wichtig wie Schrauben nachziehen. Wir sind ITInformationstechnik-Spezialisten und Mechaniker zugleich.“ Die Wartung ist hochkomplex. Diagnostik-Software, Spezialwerkzeug, ständige Weiterbildung. Aber die Verfügbarkeit ist hoch. Der Eurofighter ist heute das Rückgrat der Luftverteidigung. Schnell, wendig, vernetzt – und bereit für die Bedrohungen von morgen.