Tapferkeit: Haltung, Pflicht und Auszeichnung
Diese Tugend ist eine im Soldatengesetz verankerte Grundpflicht und Teil des soldatischen Selbstverständnisses. Was bedeutet sie der Truppe?
Das Ehrenkreuz für Tapferkeit ist die höchste Auszeichnung, die die Bundeswehr vergeben kann. Einer der wenigen Träger ist Oberstabsfeldwebel Jan H.* Er spricht über Tapferkeit, Mut und Angst – und wie Training den Umgang damit verändern kann.
Mehr als 30 Jahre Panzergrenadier: Oberstabsfeldwebel Jan H. ist seit 2009 Träger des Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit. In seiner Dienstzeit lernte er, was Tapferkeit bedeutet und warum Angst und Tapferkeit sich nicht ausschließen.
picture alliance/dpaOberstabsfeldwebel Jan H. ist seit 2009 Träger des Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit. Verliehen wurde es ihm für das, was er und seine Soldaten während eines Tages in Afghanistan geleistet haben. Ein Tag, bei dessen Geschehen er sich selbst ungern in den Vordergrund stellt – nicht aus Zurückhaltung, sondern weil er findet, dass die Geschichte nicht nur von ihm handelt.
Beim Bundeswehreinsatz in Afghanistan war es eine der Aufgaben der internationalen Schutztruppe ISAF, für ein sicheres Umfeld zu sorgen. Auch Jan H. war einer der Soldatinnen und Soldaten, die am Einsatz teilnahmen. Am 4. Juni 2009 hatten er mit seinem Zug den Auftrag, eine Straße nach Sprengfallen abzusuchen. 36 Männer, verteilt auf mehrere Fahrzeuge, gehörten zu seinem Team. Jan H. war damals schon 15 Jahre Panzergrenadier und ein erfahrener Unteroffizier.
An diesem Tag wurde, acht Kilometer entfernt von seinem Zug, am frühen Nachmittag ein deutscher Spähtrupp von einem Selbstmordattentäter angegriffen und anschließend in einen Hinterhalt gelockt. Der Spähtrupp kämpfte, bis die Munition knapp wurde.
Jan H.s Zug verlegte auf Befehl in Richtung des Hinterhalts und geriet dabei in einer nahegelegenen Ortschaft selbst ins Feindfeuer. Daraufhin wichen er und seine Männer nicht aus, sondern kämpften tapfer. Der 36 Mann starke Zug stieß durch, fand den Spähtrupp und kämpfte stundenlang gegen die zahlenmäßig überlegenen Angreifer. Mit Erfolg: Kurz nach Einbruch der Dunkelheit konnten alle Soldaten das Kampfgebiet sicher verlassen.
An diesem Tag gab es dank Jan H.s Zug keine deutschen Verluste.
„Wer ruhig bleibt, gibt Zuversicht.“
Was der Unteroffizier aus dieser Zeit erzählt, klingt nicht nach Tapferkeit im klassischen Sinne. Er beschreibt, wie er im Chaos des Gefechts versucht hat, ruhig zu funken. Wie er immer wieder zu jedem seiner Soldaten gegangen ist, um präsent zu sein. Wie er manchmal auch einen schlechten Witz gemacht hat. Das sei nötig gewesen, um das Team zusammenzuhalten. Denn wer in solchen Momenten hektisch werde, erzeuge Panik, so der erfahrene Soldat. „Und wer ruhig bleibt, gibt Zuversicht.“
So etwas wie Angst, sagt er, habe er nur bei der Annäherung gespürt. Doch mit dem ersten Schuss sei diese verflogen. Er sei zu beschäftigt gewesen, um weiter darüber nachzudenken. Was ihn angetrieben habe, sei nicht die Sorge um sich selbst gewesen, sondern die Sorge um seine Männer.
Das Ehrenkreuz für Tapferkeit setzt voraus, dass das normale Maß soldatischer Pflichterfüllung deutlich überschritten wird und man mutiges, standfestes und geduldiges Verhalten bei außergewöhnlicher Gefährdung von Leib und Leben zeigt. Jan H. findet, dass diese Beschreibung zwar auf die Erlebnisse des Tages zutrifft, aber die Auszeichnung, sagt er, sei am falschen Ort gelandet: Es sei nun eine Einzelperson, die sie trage – dabei sei es sein ganzer Zug gewesen, der diese Leistung vollbracht habe.
Als Beispiel nennt er einen seiner MG-Schützen, der trotz Feindfeuer durch die Luke seines gepanzerten Fahrzeugs kletterte, um eine Störung am Maschinengewehr zu beheben, während Geschosse rund um ihn einschlugen. Nicht für sich, sondern damit die Gruppe weiterkam und die wichtige Waffe wieder eingesetzt werden konnte.
Was ist Tapferkeit? Nicht das Spektakuläre, sondern das Selbstverständliche zu tun in einem Moment, der alles andere als selbstverständlich ist, sagt Jan H. „Mutig ist man, wenn man sich hineinbegibt in die Situation. Tapfer ist man, wenn man durchhält, sobald man drin ist.“
Über die Jahre habe er nicht aufgehört, über diese Unterscheidung nachzudenken. Mut und Tapferkeit, sagt er, seien voneinander zu trennen – auch wenn es schwer zu greifen sei. Und deshalb könne auch jemand tapfer sein, der Angst hat. „Ich bin skeptisch, wenn jemand sagt, er spüre keine Angst“, sagt Jan H. „Wie viel davon wird verdrängt, und wie gesund ist es, keine Angst zu spüren – gerade aus einer Führungsposition heraus?“ Angst sei nie komplett abwesend, auch bei erfahrenen Führungskräften nicht. „Was zählt, ist der Umgang damit“, betont er.
Das ist für ihn ein Punkt, den er als Ausbilder weitergegeben hat und bei dem er die Bundeswehr noch nicht am Ziel sieht. In den USA hat er in der Rolle eines Ausbilders US-amerikanischer Soldatinnen und Soldaten ein Fach kennengelernt, bei dem es unter anderem um Emotionsregulation geht: das Military Resilience Training, kurz MRT. Soldatinnen und Soldaten lernen dort gezielt, mit Gefühlen und Stress umzugehen – beispielsweise wie sie die Angst durch Atemtechniken regulieren können, bevor sie zur Lähmung wird. „Diese Form vom Umgang mit den eigenen Gefühlen und das Training dieses Umgangs gibt es bei uns in der Breite noch nicht”, resümiert der Oberstabsfeldwebel.
Den Begriff „Held“ lehnt Jan H. ab. „Mich selbst würde ich nie als Held bezeichnen. Ich schaue viel mehr auf andere und denke: Das ist heldenhaft.“ Was er weitergeben will, ist konkret. Jungen Soldatinnen und Soldaten sagt er: „Tapferkeit kann man trainieren. Man muss sich immer wieder anstrengenden, stressigen und herausfordernden Situationen stellen.“ Und: „Das eigene Handeln muss zur Routine werden, sodass ich unter Gefahr nicht darüber nachdenken muss, was ich tue – sondern einfach handle.“ Ein Restrisiko, dass man in einer Situation trotzdem handlungsunfähig werde, bleibe für ihn dabei immer. „Aber es lässt sich abbauen.“
„Je mehr Routine ich in meinem fachlichen Handeln bekomme, desto besser bin ich in der Lage, das unter Stress und Gefahr abzurufen.“
Dazu komme ein weiterer wichtiger Faktor, sagt Jan H.: „In kritischen Momenten ist man nicht allein.“ Man müsse das Team so formen, dass es füreinander einstehe. „Das funktioniert nur in einer Gruppe, die diesen Zusammenhalt wirklich spürt“, so der Oberstabsfeldwebel. „Wenn das fehlt, kommt man schnell in eine Situation, in der man das eigene Wohl über das der anderen stellt.“
Viele Kameraden, die früher in seinem Zug waren oder die er später ausgebildet hat, sind jetzt selbst militärische Führungspersonen. „Ich sehe, wie sie sich entwickelt haben – und das zeigt mir: Das, was ich ihnen versucht habe weiterzugeben, ist angekommen.“
*Name zum Schutz der Person abgekürzt
von Arthur Galbraith