Y – Das Magazin der Bundeswehr
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Wo steht die deutsche Veteranenkultur? Warum werden NVA-Soldaten ausgeschlossen? Und wie begegnet man kritischen Stimmen in der aktiven Truppe? Y – Das Magazin der Bundeswehr sprach mit der Stellvertreterin des Generalinspekteurs, Generaloberstabsarzt Dr. Nicole Schilling, die für die Veteranenarbeit in der Bundeswehr zuständig ist.
Frau Generaloberstabsarzt Dr. Nicole Schilling ist seit August 2025 Stellvertreterin des Generalinspekteurs der Bundeswehr und Beauftragte für Veteranenangelegenheiten im Verteidigungsministerium
Bundeswehr/Tom TwardyFrau Generaloberstabsarzt, warum ist es wichtig, dass wir Veteraninnen und Veteranen in Deutschland auch als solche benennen?
Es geht vor allem um Anerkennung und Wertschätzung. Wir wollen den Menschen, die sich für die Sicherheit Deutschlands einsetzen und Verantwortung übernehmen, Respekt zollen. Der Begriff schließt auch diejenigen mit ein, die heute nicht mehr aktiv in der Bundeswehr sind und vielleicht aus Altersgründen keine Reservistendienstleistenden sind. Auch sie haben einen wertvollen Beitrag geleistet.
In anderen Ländern ist der Veteranenstatus oft verbunden mit einer langjährigen Dienstzeit, häufig auch mit Einsatz- und Gefechtserfahrung. Der deutsche Begriff ist breiter gefasst. Warum?
Es gibt keine allgemeine Definition von Veteranin und Veteran, die von allen geteilt wird. Jedes Land macht es ein bisschen anders. Wir haben uns bewusst für einen sehr inklusiven Begriff entschieden, um den Dienst in der Bundeswehr zu würdigen und ihn für die Gesellschaft sichtbar zu machen. Ich höre von Veteraninnen und Veteranen oft, dass es ihnen um das Soldatsein als solches geht – egal, ob man gerade in der Truppe ist oder der Dienst schon Jahre her ist. Alle haben sich einmal entschieden, in den Streitkräften zu dienen. Das Soldatsein verbindet Aktive und Ehemalige miteinander. In vielen Veteranengruppen wird das genauso gelebt, das finde ich toll.
Eine Bevölkerungsgruppe ist ausgeschlossen: ehemalige Soldaten der NVA, die nicht in der Bundeswehr übernommen wurden. Warum sind sie keine Veteranen?
Ich verstehe, dass das die Menschen bewegt. Aber ich finde es richtig, dass unser Veteranenstatus an die Bundeswehr und an unseren Eid auf die freiheitliche demokratische Grundordnung gebunden ist. Das ist das, was uns als Veteraninnen und Veteranen miteinander verbindet, und die Angehörigen anderer Armeen, die nicht in unserer Traditionslinie stehen, ausschließt.
Was sagen Sie Soldatinnen und Soldaten, die sich nicht als Veteraninnen und Veteranen sehen, weil sie noch aktiv im Dienst sind oder weil sie nicht im Einsatz waren?
Wir wollen niemandem etwas überstülpen oder vorgeben, dass sich jetzt alle in der Truppe als Veteran oder Veteranin fühlen sollen. Es geht uns um das Zeichen, dass alle in der Bundeswehr, aktive wie ehemalige Soldatinnen und Soldaten, einen wichtigen Beitrag für das Land leisten. Ich habe mich sehr gefreut, als ich mein Veteranenabzeichen bekommen habe. Das Abzeichen prägt jetzt nicht täglich meinen Dienst als Soldatin, aber es hat eine Bedeutung für mich.
Ist es denkbar, dass der Begriff irgendwann noch einmal angepasst wird?
Nein, ich sehe dafür ehrlicherweise nicht die Notwendigkeit. Wir haben andere Arbeitsschwerpunkte, die wir weiterverfolgen sollten. Unser Ziel ist es, den Veteranenbegriff aus dem aktiven Wortschatz der Bundeswehr noch stärker in die Bevölkerung zu tragen. Für Menschen, die der Bundeswehr nie angehört haben, ist es nicht entscheidend, ob sie gerade mit einem aktiven Soldaten oder einer aktiven Soldatin sprechen oder mit jemandem, der vor drei Monaten ausgeschieden ist. Das Wichtigste ist, dass die Gesellschaft ein grundsätzliches Bewusstsein für ihre Veteraninnen und Veteranen entwickelt.
„Ich finde es richtig, dass unser Veteranenstatus an unseren Eid gebunden ist.“
Seit der Einführung des Veteranenbegriffs im November 2018 ist viel passiert. Wo stehen wir heute in der Veteranenpolitik?
Am Anfang fand das Thema eher im Hintergrund und innerhalb der Truppe statt. Wir haben das Veteranenabzeichen eingeführt und das Veteranenbüro gegründet. Die vielen privaten Initiativen und Veteranenorganisationen haben nun eine zentrale Ansprechstelle in der Bundeswehr, an die sie sich wenden können. Der erste Nationale Veteranentag im vergangenen Jahr hat allem noch einmal einen Boost verliehen. Erstmals ist uns gelungen, das Thema richtig in die Gesellschaft zu tragen. Das öffentliche Interesse am Tag war groß, die Berichterstattung gut. Wir haben sehr viel Resonanz erfahren, von der Politik über die Wirtschaft bis zur Bevölkerung. Die Unterstützung unserer Arbeit hat deutlich zugenommen, auch weil das Verständnis für die volle der Streitkräfte insgesamt gewachsen ist.
Als Stellvertreterin des Generalinspekteurs sind Sie für die Veteranenarbeit in der Bundeswehr verantwortlich. Was genau sind Ihre Aufgaben?
Ich finde, es ist ein starkes Signal, dass es in der Leitung des BMVg einen Beauftragten für Veteraninnen und Veteranen gibt. Denn es unterstreicht, wie wichtig das Thema genommen wird. An vielen Stellen in der Bundeswehr wird Veteranenarbeit betrieben – nicht nur im BMVg, auch im Streitkräfteamt, bei Betreuung und Fürsorge, dem Personalmanagement oder dem Sozialdienst. Meine Aufgabe ist es, die Fäden zusammenzuführen und manchen Knoten, der sich bildet, aufzulösen. Ich bin also eine Schnittstelle in der Truppe. Gleichzeitig bin ich eine Ansprechperson und manchmal auch ein bisschen eine Moderatorin für die Veteranenorganisationen. Auch für die Politik und die Wirtschaft: Gerade Wirtschaftsvertreterinnen und -vertreter suchen momentan den Dialog, weil sie wissen möchten, was die aktuelle Sicherheitslage für sie bedeutet. Da lasse ich den Veteranenaspekt natürlich einfließen.
Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf und welche Pläne haben Sie?
Wir haben viele Ideen: Neben einem digitalen Veteranenpass wollen wir zum Beispiel, dass aktive Soldatinnen und Soldaten das Veteranenabzeichen nicht mehr beantragen müssen, sondern beim Dienstzeitende direkt von ihren Vorgesetzten erhalten. Mein großes Ziel ist es, das Thema noch stärker in der Gesellschaft zu verankern. Ich habe mich sehr gefreut, wie gut der erste Nationale Veteranentag angekommen ist. Nicht nur die Zentralveranstaltung in Berlin, auch in den Bundesländern und Kommunen gab es knapp 130 Veranstaltungen. Wir wollen eine bundesweite Bewegung erschaffen. Vor Kurzem habe ich mit einem Vertreter der Deutschen Bahn gesprochen, wie man in den Zügen für den nächsten Veteranentag werben könnte. Ich bin mir sicher, viele der Reisenden sind oder waren bei der Truppe. Ich wünsche mir, dass die Leute ins Gespräch kommen. Die Soldatinnen und Soldaten, Aktive wie Ehemalige, freuen sich darüber.
Dass Veteraninnen und Veteranen in den Fokus gerückt sind, hängt stark mit Impulsen von Verbänden und Vereinen zusammen. Wie schauen Sie auf die Veteranenkultur, die gerade entsteht und von unten, also den Betroffenen selbst, geprägt wird?
Ich denke, unsere Veteranenkultur ist gut losgegangen. Die Richtung stimmt. Wir sind mit vielen Partnerländern im Gespräch, und natürlich ist es bei uns etwas anders als bei anderen. Ich hatte im vergangenen Jahr Besuch von der American Legion, einer großen Veteranenorganisation der US-amerikanischen Streitkräfte. Die Veteranenkultur in den USA ist schon noch einmal eine andere Hausnummer. Aber ich möchte auch bei uns erreichen, dass wir nicht nur an einem besonderen Tag über unsere Veteraninnen und Veteranen sprechen, sondern das Thema über das ganze Jahr ins gesellschaftliche Bewusstsein tragen.
Wo sehen Sie das Thema in fünf oder zehn Jahren? Was wünschen Sie sich für die Veteraninnen und Veteranen in Deutschland?
Ich wünsche mir, dass die Begriffe Veteranin und Veteran auch in Deutschland für keinen mehr fremd sind. Auch die Menschen, die nie in der Bundeswehr gewesen sind, sollen wissen: „Ja klar, das sind unsere Soldatinnen und Soldaten oder die, die es einmal waren.“ Natürlich möchten wir auch in fünf oder zehn Jahren unseren Veteranentag bundesweit feiern. Vielleicht wird dann auch das Veteranenabzeichen noch öfter getragen, als es bisher der Fall ist.
Der Bundestag hat den 15. Juni zum Nationalen Veteranentag erklärt. Warum ist ein Feiertag wichtig und was bedeutet es, dass die Bundesregierung als Ganzes für die Umsetzung zuständig ist?
Es ist total wichtig, ich betone das bei jeder Gelegenheit. Wir leisten als Verteidigungsressort natürlich Planungs- und Unterstützungsarbeit, aber es ist keine Bundeswehrveranstaltung. Der Nationale Veteranentag wird von der Bundesregierung veranstaltet. Der Bundestag hat den Feiertag im April 2024 beschlossen und die Bundesregierung mit der Organisation beauftragt. Der Parlamentsbeschluss unterstreicht unsere Rolle als Parlamentsarmee und wir freuen uns sehr darüber, dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bereitwillig die Schirmherrschaft übernommen hat – auch in diesem Jahr.
Im letzten Jahr wurden bei der Zentralveranstaltung in Berlin 10.000 Besucherinnen und Besucher gezählt, viele sind oder waren bei der Bundeswehr. Muss noch deutlicher werden, dass sich der Tag an alle richtet und sich die Truppe nicht selbst feiert?
Ich war letztes Jahr sehr zufrieden. Wir wussten im Vorfeld ja gar nicht, wer kommen würde. Als ich morgens durch das Veteranendorf gegangen bin, habe ich die vielen Stände gesehen und gedacht, es wäre schon ein Erfolg, wenn die alle miteinander ins Gespräch kommen – und das passierte auch. Aber natürlich wollten wir nicht unter uns bleiben. Am Ende hatte die Hälfte der Besucherinnen und Besucher nichts mit der Bundeswehr zu tun. Das war ein Riesenerfolg. Die Zahlen wollen wir natürlich weiter steigern und das Thema auch bundesweit noch stärker sichtbar machen.
Wie nehmen Sie die öffentliche Resonanz auf das Veteranenthema wahr und was wünschen Sie sich vom kommenden Veteranentag im Juni?
Die Soldatinnen und Soldaten sind wieder richtig in der Gesellschaft angekommen. Das merke ich auch beim Bahnfahren in Uniform. Diese positive Resonanz kannte ich in meinen über 30 Dienstjahren so eigentlich nicht. Unsere kommende Veranstaltung am Bundestag wird noch mal deutlich größer werden. Wir erwarten noch mehr Laufkundschaft im Parlamentsviertel, weil gleichzeitig der Tag der offenen Tür der Bundesregierung stattfindet. Auch das diesjährige Motto „Veterans, Family und Friends“ wird dabei helfen. Wir stellen bewusst das Umfeld der Bundeswehr in den Vordergrund – denn auch sie leisten ihren Beitrag.
von Florian Stöhr