Sanitätstruppe auf dem Weg nach Litauen
Fahrzeug um Fahrzeug rollt in den frühen Morgenstunden durch ein Kasernentor in Koblenz.
Für rund 160 Soldatinnen und Soldaten, die für die Übung die Struktur des Sanitätsbataillon 45 einnehmen, beginnt die erste große Belastungsprobe. In insgesamt drei Marschbändern mit rund 65 Fahrzeugen schiebt sich der Verband in Richtung Norden. Medic Quadriga 2026 hat begonnen.
Für die Männer und Frauen am Steuer ist das harte Arbeit. Denn militärische Märsche sind keine spontane Fahrt. Sie folgen präzise geplanten Abläufen: Alle Fahrzeuge halten exakte Abstände ein und bewegen sich mit einer konstanten Geschwindigkeit von exakt 60 Stundenkilometern. Von den Kraftfahrern erfordert das höchste Konzentration.
Die Kolonne besteht aus etlichen schweren Lkw und hochmodernen Einsatzfahrzeugen, wie dem Eagle 6x6. Das ist ein speziell für den geschützten Verwundetentransport konzipiertes Fahrzeug.
Unterstützt durch die Feldjäger, die wichtige Punkte absichern, wird eine vorab genau festgelegte Route eingehalten. Der Kommandeur bewegt sich dabei außerhalb der Kolonne und überwacht den Ablauf.
An der A2 legt der Konvoi einen geplanten technischen Halt ein. Es ist die Zeit für eine kurze Erholung und die Überprüfung von Ausrüstung und Fahrzeugen, bevor die Reise weitergeht. Bis zum heutigen Etappenziel sind es noch gut 200 Kilometer.
Der Startschuss für die Übung Medic Quadriga 2026 war die Befehlsausgabe an die Kräfte des Sanitätsregiments 2 in Koblenz. Das ist der Moment, in dem aus einzelnen Puzzleteilen ein großes Ganzes wird und aus Planung Realität. In der Falckenstein-Kaserne hatten sich etwa 160 Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsregiment 2 und weiterer Sanitätsverbände versammelt. Sie bilden seit dem Moment der Befehlsausgabe das Sanitätsbataillon 45, welches laut Bundeswehrplanungen für den Einsatz in Litauen vorgesehen ist.
Der Auftrag der Übung ist klar definiert: Die medizinische Unterstützung der in Litauen stationierten Panzerbrigade 45 in einem fiktiven Fall der Landes- und Bündnisverteidigung. Es geht um „Deterrence & Defence“ – also Abschreckung und Verteidigung. Ein realistisch angelegtes Szenario, das höchste Professionalität erfordert. Die Sanitätskräfte übernehmen hier eine Schlüsselrolle. Denn nur wer die Versorgung seiner Kräfte sicherstellt, kann glaubhaft agieren.
Im Briefing ging es um weit mehr als eine bloße Marschroute. Wie genau soll der Marsch in das Einsatzland ablaufen? Wo steht der fiktive Gegner? Wie sind die Bodenbeschaffenheit und das Wetter vor Ort? Auch Details zu Funkfrequenzen, Sicherheitsregeln und der Ausrüstung wurden intensiv und detailliert besprochen. Alles mit dem Ziel, dass auch unter Zeitdruck jeder Handgriff sitzt.
Die Befehlsausgabe wurde durch den Kommandeur des Übungsverbandes, Oberfeldarzt Lars Pestner, geleitet. Er machte deutlich, worum es im Kern geht: „Wir helfen den Männern und Frauen der Truppe im Ernstfall und sorgen damit für die Durchhaltefähigkeit.“
Das erste Marschziel ist erreicht: eine militärische Liegenschaft im Norden Deutschlands.
Unmittelbar nach der Ankunft werden die Fahrzeuge durch Tankwagen wieder mit Kraftstoff versorgt. Der Marsch ist beendet, doch es gibt noch einiges zu tun. Die Einsatzbereitschaft für den nächsten Tag hat oberste Priorität.
Mechaniker und Kraftfahrer prüfen Fahrzeuge und Technik, kleinere Arbeiten werden sofort erledigt. Parallel wird der Tag nachbereitet: Meldungen werden abgeglichen, Abläufe ausgewertet, der nächste Abschnitt vorbereitet.
Die Soldatinnen und Soldaten beziehen ihre Unterkünfte und werden versorgt. Für die nötige Energie und ein Stück „Normalität“ sorgt der Marketender. In der Bundeswehr ist das eine Art mobiler Kiosk, der die Truppe mit „Nervennahrung“ und Getränken versorgt. Ein kleines aber wichtiges Detail. „Das gehört zur Fürsorge für die Männer und Frauen. Es hält die Stimmung hoch und sichert die Leistungsfähigkeit“, sagt der Kommandeur.
Am späten Abend folgt die Befehlsausgabe für den kommenden Tag. Letzte Arbeiten werden abgeschlossen. Dann kehrt Ruhe ein. Einige Stunden Erholung bleiben, bevor der Marsch fortgesetzt wird.
Nach ihrer Etappe durch Norddeutschland haben die Marschkolonnen nun den Hafen erreicht. Hier beginnt ein neues Kapitel der Übung – der Wechsel vom Landmarsch auf den Seeweg. Auf den Asphalt der Autobahn folgt das Wasser der Ostsee.
Bevor die 65 Fahrzeuge jedoch auf die Fähre verladen werden, greift erneut das Prinzip der vollen Einsatzbereitschaft. Jedes Fahrzeug wird noch einmal betankt und überprüft. Erst danach rollen die Fahrzeuge in ihren Formationen auf die Verladefläche des Hafens. Vor der Auffahrt treten die Soldatinnen und Soldaten noch einmal an. Sie erhalten letzte Informationen zum Ablauf an Bord: Unterbringung in den Kojen, Verpflegung während der Überfahrt und organisatorische Hinweise für die kommenden Stunden auf See.
Eng abgestimmt mit den zivilen Hafenmitarbeitern wird im Anschluss die Verladung vorbereitet. Die Einfahrt in das Schiffsinnere erfordert von den Kraftfahrern absolute Präzision. Fahrzeug für Fahrzeug verschwindet im Bauch der Fähre. Das Einweisen in die finale Parkposition ist Zentimeterarbeit.
Für die Männer und Frauen ist die nun folgende Überfahrt eine Gelegenheit, nach den Strapazen des Landmarsches durchzuatmen, bevor in Litauen die nächste Phase der Übung beginnt.
Mit dem Schließen der Bugklappe und dem Kommando „Leinen los“ lässt der Verband die deutsche Küste hinter sich. Nächster Halt: das Baltikum.
Nach rund 20 Stunden Überfahrt öffnet sich die Bugklappe der Fähre im litauischen Hafen wieder. Die Zeit an Bord wurde effektiv genutzt. Die Befehle für die kommenden Stunden sind bereits ausgegeben, jeder Soldat kennt seinen Auftrag. Fahrzeug für Fahrzeug rollt von der Fähre, um sich auf einer Bereitstellungsfläche erneut zu den bewährten Marschkolonnen zu formieren. Das Ziel: Pabrade, rund 350 Kilometer Fahrtstrecke quer durch Litauen entfernt.
Begleitet von deutschen Feldjägern und der litauischen Militärpolizei setzt sich der Verband in Bewegung. Die Fahrt durch das Land und mitten in der Nacht ist eine logistische Herausforderung, die durch die enge internationale Zusammenarbeit aber reibungslos verläuft. Während die Kolonne rollt, hat das Vorauskommando um den Kommandeur und den Spieß bereits wertvolle Vorarbeit geleistet und die Lage vor Ort für die Truppe erkundet.
In den frühen Morgenstunden erreichen die Fahrzeuge schließlich den Truppenübungsplatz. Mit dem Einrollen in das Camp Adrian Rohn verschiebt sich der Fokus: Unterkünfte beziehen, den Marsch nachbereiten, technischer Dienst stehen auf dem Programm. Vor allem aber: Führungsfähigkeit herstellen. Der Gefechtsstand wird eingerichtet, Infrastruktur aufgebaut – von ITInformationstechnik bis Verpflegung muss alles passen.
Der Marsch in das Einsatzland ist damit abgeschlossen, doch die eigentliche Bewährungsprobe für die Sanitätskräfte beginnt jetzt erst.
Für das Sanitätsbataillon 45 beginnt die nächste entscheidende Phase. Die Herstellung der vollen Einsatzbereitschaft, der Full Operational Capability (FOCFull Operational Capability). Bevor die Kernübung startet, muss dazu die gesamte sanitätsdienstliche Infrastruktur stehen und funktionieren.
Die Bedingungen in Litauen fordern die Truppe unmittelbar heraus. Tauender Schnee und immer wieder einsetzender Frost haben das Areal in eine Mischung aus Eis, Wasser und tiefem Matsch verwandelt. In diesem Moment zahlt sich die akribische Vorbereitung aus, die bereits mit der Befehlsausgabe vor einigen Tagen begonnen hat.
In konzentrierter Teamarbeit verlegen die Soldatinnen und Soldaten Bodenplatten, ziehen Gräben zum Ablauf des Wassers und schaffen so ein stabiles Fundament für das Luft-Lande-Rettungszentrum. Zelte für die einzelnen Behandlungsabschnitte werden errichtet, die Stromversorgung über Dieselaggregate sichergestellt.
Gearbeitet wird unter Einsatzbedingungen. Schutzweste, Helme und persönliche Bewaffnung sind für alle Pflicht. Parallel erkunden Trupps im Gelände geeignete Stellungen und Ausweichstellungen für das Forward Surgical Element (FSEForward Surgical Element), um auch die chirurgische Erstversorgung nahe am Gefecht vorzubereiten.
Jeder Handgriff ist darauf ausgerichtet, die komplexe Rettungskette lückenlos und schnell zum Einsatz zu bringen. Mit dem Erreichen der FOCFull Operational Capability ist der Verband nun bereit für die Bewährungsproben der kommenden Tage: Die Umsetzung der gesamten Rettungskette – von der Front bis nach Deutschland.