Wenn Studierende zu Staatschefs werden: Drei Tage simulierte Weltpolitik
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Es ist ein ungewöhnlicher Vormittag an der Andrássy-Universität im Herzen der ungarischen Hauptstadt Budapest. Wo sonst über Theorien internationaler Beziehungen doziert wird, geht es an diesem Tag ganz praktisch um Geld, Macht und Sicherheit.
Hauptmann Henrik Giere-May trägt als Spielleiter die Gesamtverantwortung für das Planspiel POL&IS. Er simuliert die Auswirkungen der politischen Entscheidungen der Teilnehmenden.
Bundeswehr/Jan VolkmannRund 30 Studierende sitzen an den Tischen der Andrássy-Universität in Budapest, darunter viele Deutsche. Die meisten von ihnen studieren Internationale Beziehungen hier in Ungarn. Nun stehen ihnen im Hörsaal die Hauptleute Maximilian Jost, Henrik Giere-May und Niklas Johnen gegenüber. Die Jugendoffiziere der Bundeswehr sind durch die Initiative der Studierenden auf Einladung des Lehrstuhls nach Budapest gekommen und haben für drei Tage eine Welt im Kleinformat mitgebracht.
POL&IS (Politik & Internationale Sicherheit), das Planspiel der Jugendoffiziere, lässt die Teilnehmenden in die Rollen von Regierungschefinnen, Umwelt- und Wirtschaftsminister oder Verteidigungsministerinnen schlüpfen. Gemeinsam bilden sie die internationale Staatengemeinschaft der Vereinten Nationen nach. Konferenzen werden abgehalten, Bündnisse geschlossen, Krisen bewältigt und Resolutionen vorbereitet – immer mit dem Ziel, die komplexen Zusammenhänge internationaler Politik erlebbar zu machen.
„Wir simulieren mit POL&IS die Arbeit der Vereinten Nationen. Die Teilnehmenden übernehmen Verantwortung für ihre Staaten und erleben sehr schnell, dass internationale Politik nur funktioniert, wenn miteinander gesprochen und verhandelt wird“, erläutert Hauptmann Henrik Giere-May. Er ist bei der Bundeswehr der Vorsitzende der Arbeitsgruppe „POL&IS“, die an der ständigen Weiterentwicklung der Simulation mitwirkt, und heute Spielleiter.
Schon nach kurzer Zeit ist von einer gewöhnlichen Lehrveranstaltung nichts mehr zu spüren. Delegationen beraten sich, Ministerinnen wechseln zwischen den Tischen und Räumen, Regierungschefs suchen Verbündete. Es wird gerechnet, diskutiert, argumentiert und taktiert. Dann fällt ein Satz, der außerhalb des Planspiels wohl für Verwunderung sorgen würde: „Waffen für Geld? Ja, das finde ich fair, das können wir machen.“
Es ist ein Satz, der zeigt, wie schnell die Teilnehmenden in ihren Rollen aufgehen. Persönliche Überzeugungen treten in den Hintergrund. Entscheidend ist, die Interessen des vertretenen Staates erfolgreich zu verfolgen. „Genau das macht den Reiz von POL&IS aus. Die Teilnehmenden vertreten nicht ihre private Meinung, sondern die Interessen ihres Landes. Dadurch entstehen intensive Diskussionen und oft überraschende Lösungen“, beschreibt Hauptmann Maximilian Jost den Verlauf der Simulation.
Besonders intensiv werden die Debatten, wenn es um Fragen der Sicherheit geht. Diplomatie, wirtschaftliche Interessen und militärische Fähigkeiten greifen ineinander. Eine Teilnehmerin bringt ihre Rolle so auf den Punkt: „Wir haben nicht die Absicht, einen Angriff auszuführen oder Krieg zu führen.“ Doch Friedenswünsche allein lösen internationale Konflikte nicht. Bündnisse müssen geschlossen, Kompromisse gefunden und unterschiedliche Interessen vereinbart werden.
Genau diese Erfahrung macht das Planspiel so wertvoll. Es zeigt, wie schwierig politische Entscheidungen werden können, wenn wirtschaftliche Zwänge, Sicherheitsinteressen und humanitäre Verantwortung gleichzeitig berücksichtigt werden müssen. Die Jugendoffiziere greifen dabei nur moderierend ein – die politischen Entscheidungen treffen ausschließlich die Teilnehmenden.
Hauptmann Maximilian Jost diskutiert mit den Schülerinnen und Schülern die Auswirkungen strategischer Stationierungsentscheidungen. In der Simulation sind die jungen Menschen Verteidigungsministerinnen und -minister und tragen viel Verantwortung.
Bundeswehr/Jan Volkmann
Jugendoffizier Hauptmann Niclas Johnen leitet die Diskussion der Simulationsteilnehmenden, die die Rolle der Wirtschaftsministerinnen und Wirtschaftsminister einnehmen
Bundeswehr/Jan VolkmannDie Jugendoffiziere bieten POL&IS für Bildungseinrichtungen an. „Grundsätzlich führen wir POL&IS mit Schülerinnen und Schülern ab der gymnasialen Oberstufe durch“, erklärt Hauptmann Niklas Johnen. Nicht immer müssen dafür gleich drei Tage eingeplant werden. Wenn eine Bildungseinrichtung weniger Zeit hat, kann auf das Konflikt-Planspiel – kurz KPS – zurückgegriffen werden. Diese Simulation dauert nur einen Tag und lässt sich meist schon im Klassenraum durchführen. Auch ein- bis zweistündige Vorträge oder die Teilnahme an Podiumsdiskussionen sind möglich.
Mit den Jugendoffizieren der Bundeswehr verwandelte sich der Hörsaal in eine kleine diplomatische Bühne. Die Studierenden erlebten hautnah, dass politische Entscheidungen selten einfach sind und fast immer Auswirkungen auf andere Staaten und Politikfelder haben. Gerade diese Erfahrung ist das Ziel des Planspiels. Politik wird nicht nur erklärt – sie wird erlebt.
Nach den drei Tagen ist die Welt der Teilnehmenden nicht unbedingt friedlicher geworden – sondern eher komplizierter und damit realistischer. Die Minister und Regierungschefinnen verwandeln sich wieder in Studierende, und die fiktive Welt des Planspiels endet. Was bleibt, sind intensive Diskussionen, neue Perspektiven und die Erkenntnis, dass internationale Zusammenarbeit vor allem eines verlangt: miteinander zu reden.
von Jan Volkmann