Wie die NATO ihre Hilfe für die Ukraine koordiniert
Material, Ausbildung, Weiterentwicklung: So hilft die NATO der Ukraine im Kampf gegen Russland – und profitiert dabei auch selbst.
Mit der Mission NATO Security Assistance and Training for Ukraine (NSATU) hilft die Allianz der Ukraine mit Material und Ausbildung.
Die Ukraine besteht seit mehr als dreieinhalb Jahren in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor. Neben der Tapferkeit der ukrainischen Truppen ist dabei auch die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft ein zentraler Faktor. Die NSATU-Mission koordiniert die Hilfen für das angegriffene Land: systematisch und bedarfsgerecht.
Das multinationale Kommando für die Mission Nato Security Assistance and Training for Ukraine (NSATU) wurde im Dezember 2024 in der Lucius-Clay-Kaserne in Wiesbaden in Dienst gestellt. Die NATO-Mitgliedstaaten füllten damit einen Beschluss des NATO-Gipfels von Juli 2024 in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington mit Leben.
Das Kommando der US-Armee für Europa und Afrika befindet sich ebenfalls in räumlicher Nähe in Wiesbaden: Die systematische Sichtung, Koordinierung und Mobilisierung der Ressourcen von mehr als 30 alliierten Partnern erfordert die ständige Rücksprache mit dem bedeutendem NATO-Mitgliedstaat.
„Unsere ukrainischen Freunde kämpfen nicht nur für sich, sondern für uns alle.”
Auch erleichtert die zentrale Lage mitten in Europa die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union: Im Bereich der militärischen Aus- und Weiterbildung kooperiert NSATU beispielsweise eng mit der European Union Military Assistance Mission Ukraine (EUMAM UA). Die europäische Ausbildungsmission ist schon seit Oktober 2022 für die ukrainischen Streitkräfte aktiv.
Neben finanzieller Unterstützung benötigt die Ukraine vor allem zwei Dinge: Ausbildung und Wehrmaterial wie Sanitätsequipment, aber auch die dringend an der Front benötigte Munition oder Waffensysteme. Diesen Anforderungen wird NSATU in drei Organisationssträngen gerecht: Planung und Koordination von militärischer Unterstützung sowie Ausbildung und Zuteilung von Ressourcen (Training, Support und Force Development).
NSATU führt keine eigenen Trainings durch, sondern vermittelt den ukrainischen Kameradinnen und Kameraden militärische Ausbildungseinrichtungen verbündeter Partnernationen. In der Umsetzung kommt dann oft das Konzept „Train the Trainers“ zum Tragen. Die Idee ist, so viele ukrainische Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wie möglich auszubilden, die ihr Wissen direkt an die kämpfenden ukrainischen Kameradinnen und Kameraden weitergeben.
Das Training ist dabei an die Materialunterstützung angepasst. Ziel ist es, die Ausbildung an verschiedenen Waffensystemen mit identischen Lieferungen verschiedener Militärgüter abzustimmen, um so einen schnellen und sicheren Einsatz an der Front zu gewährleisten.
Auf geheimen Transporten auf Straße und Schiene geht es von den Unterstützerstaaten in Richtung NSATU-Umschlagpunkt im polnischen Rzeszów. Flugabwehrsysteme vom Typ Patriot gehören zu den am dringendsten benötigen Waffen der Ukraine.
Bundeswehr/Jane Schmidt
Der logistische Hub hat einen äußerst hohen Schutzbedarf, denn hier werden tausende Tonnen Material an die Ukrainer übergeben. Die Bundeswehr trägt mit Patriot-Systemen und Tornado-Jets zum Schutz des Knotenpunkts bei.
Bundeswehr/Cora MohrdieckWelche Trainings und welche militärische Ausrüstung die Ukraine am meisten braucht, wird in Form von sogenannten Capability Coalitions aus verschiedenen Nationen mit der Ukraine gemeinsam abgestimmt. Damit wird der militärische Bedarf der Ukraine gezielt priorisiert. Deutschland hat eine Führungsrolle im Bereich Luftverteidigung übernommen. Die Materiallieferungen erfolgen über sogenannte Logistic Enabling Nodes (LEN) in Polen und zukünftig auch in Rumänien. Über diese Knotenpunkte werden außerdem Reparatur und Instandhaltung von Waffensystemen, wie zum Beispiel dem Patriot-Flugabwehrsystem, abgewickelt.
Die Ausbildungsinhalte für das Training der ukrainischen Truppen basieren wiederum auf Erfahrungen, die im aktuellen Kampfgeschehen gewonnen wurden. Die hier gesammelten operationellen sowie militärstrategischen Erkenntnisse und Informationen werden mit den Streitkräften der NATO-Mitgliedstaaten ausgetauscht.
Im Zentrum des Netzwerks der Ukraine-Hilfe
Stellt die Ukraine eine Hilfsanfrage wegen militärischer Ausrüstung, Ausbildungskapazitäten oder auch finanzieller Unterstützung, wird umgehend das NSATU-Unterstützungsnetzwerk aktiviert. Die etwa 300 in Wiesbaden zusammengezogenen Vertreterinnen und Vertreter der NATO-Länder und ihrer Verbündeten wie Australien und Neuseeland versuchen dann, den ukrainischen Bedarf so schnell und so unbürokratisch wie möglich zu decken. Das gesamte Kommando steht 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche im Dienst der Ukraine-Unterstützung. Ihre Mitglieder stehen im permanenten Austausch mit ihren Heimatländern, bis sich eine Lösung im Sinne der Ukraine herauskristallisiert hat: sei es auf binationaler, trinationaler oder sogar multinationaler Basis.
Neben der Lieferung dringend benötigten militärischen Materials und der Ausbildung ukrainischer Soldatinnen und Soldaten spielt auch die finanzielle Unterstützung der Ukraine eine besondere Rolle. Mittelfristig soll die Ukraine durch einen Anschub ihrer Rüstungsproduktion in die Lage versetzt werden, erhebliche Teile ihres benötigten militärischen Materials auf eigenem Boden selbst herstellen zu können. Um den notwendigen finanziellen Spielraum für dringende Militärgüter zu schaffen, gibt es zudem den NSATU Trust Fund für eine schnelle, unkomplizierte Beschaffung. Er entstand im April 2025 unter britischer Schirmherrschaft. Hier können die NSATU-Partner freiwillig Geldmittel für die Ukraine hinterlegen – Deutschland zum Beispiel stellte bislang rund 30 Millionen Euro zur Verfügung. Das Gesamtvolumen umfasst bis jetzt bereits mehr als 173 Millionen Euro. Ziel ist es, die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland weiter zu stärken – und damit auch eine weitere Ausbreitung des Konflikts zu verhindern.
Deutschland ist neben Großbritannien einer der wichtigsten Unterstützer der Ukraine. Das spiegelt sich auch in der Struktur von NSATU wider. So ist etwa Generalmajor Maik Keller stellvertretender Kommandeur des multinationalen Kommandos. Darüber hinaus sind nicht nur Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr im NSATU-Hauptquartier in Wiesbaden im Einsatz, sondern auch in Polen. Dort schützen sie mit Patriot-Flugabwehrsystemen den Logistic Enabling Node in Rzeszów, über den ein wesentlicher Teil der NSATU-Hilfen für die Ukraine abgewickelt wird. Zudem unterstützt Deutschland mit Transportflugzeugen A330 MRTT Betankungsflüge von NATO-Luftfahrzeugen, welche beim Schutz des Luftraums an der NATO-Ostflanke eingesetzt werden. Auch bei der Ausbildung ukrainischer Truppen spielen Deutschland und die Bundeswehr eine wichtige, wenn nicht zentrale Rolle.
Die Ukraine-Unterstützungsmission NSATU hat ihr Hauptquartier in Wiesbaden. Um die materielle Unterstützung für das angegriffene Land abzuwickeln, betreibt NSATU zwei logistische Umschlagpunkte – in Polen und zukünftig Rumänien.
Bundeswehr | Grafik: Astrid HöfflingZudem beteiligt sich die Bundeswehr an der NATO Airborne Early Warning and Control Force, dem NATO-AWACS-Verband, und schützt dabei den Luftraum entlang der Ostflanke der NATO. Diese Aufklärungs- und Überwachungsflüge bewegen sich nicht nur über Polen, sondern auch über Rumänien.
Das aktuelle Kriegsgeschehen in der Ukraine wird in Wiesbaden sehr genau beobachtet. Durch den permanenten Austausch zwischen NSATU-Alliierten und den ukrainischen Streitkräften entstehen Lagebilder, die ausgewertet und weiterverwendet werden. Zum einen fließen die Erkenntnisse von den Kriegsschauplätzen in der Ukraine in die taktische Ausbildung von NATO-Truppen ein, zum anderen werden sie auch für die Fähigkeitsentwicklung der NATO und der Streitkräfte ihrer Mitgliedstaaten verwendet. Hierzu gehört unter anderem die Taktik des modernen Drohnenkriegs. Eine wichtige Rolle spielt aber auch Robotik in Form von unbemannten Kampffahrzeugen am Boden für Aufklärung, Zielerfassung sowie direkte Kampfhandlungen.
Die NATO unterstützt ihre osteuropäischen Bündnispartner