Erste-Hilfe-Ausbildung in der Heimatschutzausbildung
Leben retten als Schlüsselkompetenz. Die Sanitätsausbildung ist eine der wichtigsten Lektionen für Rekrutinnen und Rekruten.
Von:
Beate Schöne
Datum:
Berlin, Anfang Juli 2026. Auf dem Gelände der Julius-Leber-Kaserne trainieren 15 Rekruten vom zweiten Zug der 5. Kompanie des Wachbataillons die taktische Verwundetenversorgung (Tactical Combat Casualty Care, TCCC). Sie ist fester Bestandteil der neuen Heimatschutzausbildung Streitkräfte (HSA SK).
Versorgen unter Feuer
Im Übungsszenario ist ein Trupp mit Drohnen angegriffen worden. Die Lage ist unklar. Nur eins steht fest: Irgendwo zwischen den Bäumen liegen Verwundete. Die Rekruten laufen los, um die Verwundeten aus der Gefahrenzone zu bringen und sie erstzuversorgen.
Matrose Savan M. ist einer von ihnen. Auch wenn es heute nur eine Übung ist, hämmert sein Herz gegen die Brust. Die Hände zittern kurz, dann greift der eingeübte Ablauf. Er sieht einen Kameraden am Boden liegen – eine schwere Verletzung am Bein. Er weiß: Hier im direkten Gefahrenbereich zählt jede Sekunde.
In der ersten Phase, der Versorgung unter Beschuss (Care under Fire), können nur lebensnotwendige Erstmaßnahmen durchgeführt werden – wie das Anlegen des Tourniquets. Nachdem die Aderpresse sitzt, hilft Savan M. dem verwundeten Kameraden bis an die Waldkante. Ein anderer Soldat hatte weniger Glück. Er musste von seinen Kameraden an den Waldrand getragen werden.
„Hier ist es wichtig, im Gefahrenbereich nichts zurückzulassen – kein Verbandsmaterial, keine Verpackung und keine Ausrüstung. Die Gegenstände könnten Hinweise auf die Position und die Stärke der eigenen Kräfte geben“, erklärt Feldwebel Bryan S. Der Notfallsanitäter ist Angehöriger der Sanitätsstaffel Einsatz in Gardelegen und mit seinem Zug für die Sanitätsausbildung in Berlin zuständig.
Im geschützten Bereich beginnt die zweite Phase, die Versorgung unter Deckung (Tactical Field Care). Die jungen Soldaten arbeiten schon fast routiniert das MARCH-Schema ab: Gibt es weitere massive Blutungen (Massive Bleeding)? Sind die Atemwege frei (Airways)? Als Nächstes wird die Atmung überprüft (Respiration). Danach kontrollieren die Soldaten Puls und Kreislauf (Circulation). Zum Schluss schützen sie den Verwundeten mit einer Rettungsdecke vor dem Auskühlen (Hypothermia).
„In der neuen Heimatschutzausbildung lernen die Rekruten, wie sie einem Verwundeten im Notfall einen Wendl-Tubus (Schlauch zum Freihalten der Atemwege) durch die Nase einführen, damit die oberen Atemwege offenbleiben“, erklärt Bryan S.
Auch eine Thoraxpunktion zur Dekompression der Lunge muss im Notfall durchgeführt werden können. Damit das alles unter Stress gelingt, werden die Abläufe immer wieder trainiert.
Dass die Abläufe am Ende so gut funktionieren, ist das Ergebnis vieler Wiederholungen. Gerade die neuen Ausbildungsinhalte fordern höchste Konzentration: Atemwegssicherung mit dem Wendl-Tubus, Nadeldekompression und Versorgung einer Schusswunde mit dem Chest Seal. Dabei geht es nicht darum, einzelne Handgriffe nur auswendig zu lernen. Die Rekruten sollen ein grundlegendes anatomisches Verständnis entwickeln, Symptome erkennen und auch unter Druck richtig entscheiden. „Es muss krisensicher sein“, sagt Bryan S. Deshalb werden die Abläufe so lange wiederholt, bis sie unter Lärm, Zeitdruck und körperlicher Belastung abrufbar sind.
Psychologische Kameradenhilfe
„Weiter durchhalten.“ „Wir sind da.“ „Du bist nicht allein.“ Permanent sprechen die Rekruten mit den Verwundeten und erklären, was sie tun. „Ich öffne jetzt deine Weste“, beschreibt Savan M. seinem verwundeten Kameraden sein Vorgehen. Das viele Sprechen hat Methode: Kommunikation gibt Orientierung, schafft Nähe und hilft auch den Helfenden, strukturiert zu bleiben. „Die Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigen, dass psychische Betreuung und persönliche Resilienz immer wichtiger werden“, sagt Bryan S. Deshalb wurden in die neue Heimatschutzausbildung Elemente ergänzt, die Soldatinnen und Soldaten helfen sollen, auch unter hoher Belastung handlungsfähig zu bleiben. Dazu gehört das Modell B.E.S.S.E.R. Das Akronym steht für Binden, Einstehen, Sprechen, Stabilisieren, Engagieren und Rückführen. Es hilft Kameradinnen und Kameraden, in akuten Stresssituationen Halt zu finden.
Die erweiterte Sanitätsausbildung soll die Rekrutinnen und Rekruten zum Einsatzersthelfer Alpha und Combat Lifesaver befähigen. Das bedeutet, sie sollen ihre Kameradinnen und Kameraden unter Gefechtsbedingungen versorgen können, bis das eigentliche Sanitätspersonal übernimmt. Auch das sind Erfahrungen aus den aktuellen Konflikten: „Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass Notfallsanitäter nicht überall gleichzeitig verfügbar sind. Die Truppe muss sich also zunächst selbst helfen“, sagt Bryan S.
„Ich freue mich auf alles, was noch kommt.“
Matrose Savan M. gehört zum zweiten Zug der 5. Kompanie des Wachbataillons in Berlin. Heute steht die taktische Verwundetenversorgung auf dem Lehrplan, das ist die Versorgung von verletzten Kameradinnen und Kameraden unter Feuer.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
„9:34 Uhr! 9:34 Uhr!“
Savan M. legt ein Tourniquet (Aderpresse) an, um stark blutende Gliedmaßen abzuschnüren. Die Uhrzeit muss dokumentiert werden, damit das Sanitätspersonal später weiß, wie lange das betroffene Bein schon ohne Durchblutung ist.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
„Hat jemand ein Chest Seal?“
Schussverletzung! Savan M. klebt in der Übung ein Chest Seal auf die Wunde und markiert auf der luftdichten Wundauflage die Stelle, an der die Lunge punktiert werden würde, falls das später notwendig wird.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
Den Brustkorb punktieren
Verschlechtert sich der Zustand des Verwundeten, wird das Burp-Manöver durchgeführt (von englisch „to burp“ = rülpsen), um eingeschlossene Luft entweichen zu lassen. Bleibt die Besserung aus, folgt die Nadeldekompression.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
„Wir haben aus dem russischen Angriffskrieg gelernt.“
Feldwebel Bryan S. ist Sanitäter und seit September 2025 Ausbilder beim Wachbataillon. Er erklärt den Rekrutinnen und Rekruten die Phasen der taktischen Verwundetenversorgung: Care under Fire, Tactical Field Care und Tactical Evacuation Care.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
„Packen und weg!“
Mit einem Schleifgriff wird ein verwundeter Soldat bei der Übung bis an die geschützte Waldkante gezogen. Die Versorgung unter Beschuss ist die gefährlichste Phase in der taktischen Verwundetenversorgung.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
Fertig für den Abtransport
„In sechs Minuten kommt der MedEvac!“, ruft der Ausbilder. Die Verwundeten müssen jetzt schnell zum Abholplatz für die medizinische Evakuierung gebracht werden.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
Das Ergebnis vieler Wiederholungen
Dass die Abläufe so gut funktionieren, ist das Ergebnis vieler Wiederholungen. Ausbilder Bryan S. erklärt Abläufe immer wieder und bespricht mit den Rekruten, was schon gut geklappt hat und wo die Neuen noch dazulernen müssen.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
Neue Wege gehen
„Praxisnahes Lernen funktioniert bei jungen Menschen deutlich besser als stundenlanger Unterricht im Lehrsaal“, sagt der Ausbilder. Deshalb setzt die neue Heimatschutzausbildung auf den schnellen Wechsel von kurzen Theorieblöcken und praktischen Übungen. Dass seine eigene Ausbildung noch nicht allzu lange zurückliegt, sieht Bryan S. als Vorteil: „Die Sprache und die Denkweisen sind mir durchaus vertraut.“
Auch die Organisation der Ausbildung hat sich mit der neuen Heimatschutzausbildung verändert. Die Rekrutinnen und Rekruten kommen inzwischen monatlich statt quartalsweise. „Das erhöht unseren Bedarf an Personal, Material und Ausbildungsplätzen“, sagt Oberleutnant Lukas M., seit Oktober 2025 Zugführer im Wachbataillon. Die neu eingeführte Drohnenausbildung stellt den Verband vor Herausforderungen. Die jungen Soldatinnen und Soldaten sollen lernen, eigene Drohnen zu bedienen, feindliche Drohnen in der Luft zu erkennen und diese gezielt abzuwehren. Dafür sind ausreichend Ausbildungspersonal, Geräte und Computerarbeitsplätze erforderlich. Daran wird am Standort akribisch gearbeitet.
Lukas M., Zugführer im Wachbataillon Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
„Die neue Ausbildung erhöht unseren Bedarf an Personal, Material und Ausbildungsplätzen.“
Zugführer Lukas M. ist optimistisch. Er erlebt sehr motivierte Rekrutinnen und Rekruten. In den ersten Gesprächen sagen viele, sie wollten ihrem Land etwas zurückgeben. Die Haltung zeige sich im Ausbildungsalltag: Die neuen Kräfte unterstützten einander, nähmen Hinweise an und wollten dazulernen – um im Ernstfall nicht hilflos zu sein.
Für Angehörige des Wachbataillons ist die neue Heimatschutzausbildung der erste Schritt. Danach folgen die Spezialgrundausbildung Jäger sowie die Protokollgrundausbildung, die es nirgendwo sonst in der Bundeswehr gibt. Nach rund neun Monaten sind die Soldatinnen und Soldaten vollständig für ihre Aufgaben im protokollarischen und im infanteristischen Dienst ausgebildet.
Auswertung am Waldrand
Die Übung des zweiten Zugs um Savan M. ist mittlerweile beendet. Die Verwundetendarsteller stehen wieder auf, lösen Verbände und legen die Rettungsdecken ab. „Ihr habt trotz des Zeitdrucks ruhig gearbeitet und euch gegenseitig unterstützt. Genau das wollen wir sehen“, lobt Bryan S. Beim MARCH-Schema seien die Abläufe deutlich sicherer geworden. Gleichzeitig spricht er auch Fehler offen an. Eine Halsverletzung wurde nicht gut versorgt. Im Ernstfall könnte das schwerwiegende Folgen haben.
Rekrut Savan M. hört aufmerksam zu. Vor vier Wochen war vieles für ihn noch fremd: Ausrüstung, Kommandos, medizinische Begriffe. Jetzt hat er einen Kameraden aus der Gefahrenzone gebracht, Blutungen gestoppt, Verletzungen beurteilt und unter Zeitdruck die richtigen Entscheidungen getroffen. Die Übung ist für heute beendet, morgen geht es für ihn und seine Kameraden weiter.
In den kommenden Monaten warten viele weitere Ausbildungsabschnitte, neue Fähigkeiten und Herausforderungen auf den Zug. Savan M. ist bereit: „Ich freue mich auf alles, was noch kommt, und bin mir jetzt schon recht sicher, dass ich verlängern werde.“