Heer

Digitale Lernpakete

Digitale Lernpakete

  • Digitalisierung
  • Heer
Datum:
Ort:
Sondershausen
Lesedauer:
3 MIN

Das Feldwebel-/Unteroffizieranwärterbataillon 1 im thüringischen Sondershausen nutzt digitale Möglichkeiten in der Ausbildung. Selbststudium und Distance Learning sind seit Beginn der Corona-Pandemie keine Fremdwörter mehr. Was aber, wenn junge Soldatinnen und Soldaten ihre ersten Schritte bei der Bundeswehr gehen und alles neu lernen müssen?

Ein liegender Soldat mit Helm und Ausrüstung zerlegt ein Maschinengewehr auf einer braunen Kokosfasermatte.

Waffenkunde gehört zum Grundwissen eines jeden Soldaten. Hier wird das Maschinengewehr MG3 fachgerecht in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt.

Bundeswehr/Nico Gluth

Der 38-jährige M. Pirme hat zuletzt 2014 für sein Abendstudium die Schulbank gedrückt und nach seiner Lehre über 5 Jahre als Maschinenbautechniker gearbeitet. Seit dem 1. Oktober 2020 ist er als Stabsunteroffizier (Feldwebelanwärter, kurz: FAFeldwebelanwärter) wieder bei der Bundeswehr eingestellt. „Ich habe bereits von 2002 bis 2007 als Kraftfahrer und Richtschütze bei den Panzermörsern gedient, da gab es so etwas noch nicht“, sagt Pirme. Aber die Zeiten ändern sich und auch die Bundeswehr stellt sich lösungsorientiert der herrschenden Krisensituation. Das Feldwebel- und Unteroffizieranwärterbataillon (FAFeldwebelanwärter/UA-Bataillon) 1 in Sondershausen, zu dem Pirme seit Mitte Januar kommandiert ist, geht dabei innovativ voran und hat das digitale Projekt „Begleitende Unterkunftslernen 2.0“ ins Leben gerufen.

Eigenverantwortung wichtig

Nach einem herausfordernden praktischen Ausbildungstag sitzt Pirme mit einem Kameraden auf seiner Stube. „Das Maschinengewehr MG3“ steht in großen Buchstaben auf dem Bildschirm des Fernsehers. Der 38-Jährige bereitet sich mit dem Lernpaket, das von den Ausbildern erstellt wurde, auf den kommenden Tag vor. Dann steht die Wiederholungsausbildung „Zerlegen und Zusammensetzen des MG3“ auf dem Dienstplan. „Das Vermitteln von Eigenverantwortung und Selbstständigkeit steht neben der militärischen Ausbildung und dem Formen eines starken Führungswillens im Fokus der Führungsnachwuchsausbildung“, erklärt Kompaniechef Major René Brömmer. Seine Idee vom begleiteten digitalen Lernen wurde zu einem Erfolgsrezept. „Die Soldaten lernen durch unser Projekt eigenverantwortlich auf der Stube, können dort erfolgreich den theoretischen und praktischen Unterricht vor- und nachbereiten.“

Fernseher als Unterrichtsmittel

Zwei Soldaten sitzen an einem Tisch. Vor ihnen hängt oben ein Bildschirm, der das Gehäuse eines Maschinengewehrs zeigt.

Der Stubenunterricht kann die praktische Ausbildung niemals ersetzen, aber zum Erlernen der technischen Daten, des Zubehörs und der elf Baugruppen ist er sehr hilfreich.

Bundeswehr/Nico Gluth

Die Idee vom selbstständigen Lernen auf der Stube entsteht während des ersten Corona-Lockdowns im März 2020. Denn der Dienstantritt der Grundausbildungssoldaten wird um sechs Wochen nach hinten verschoben. Um die Zeit bis zum ersten Ausbildungstag sinnvoll zu nutzen, wird das im Zivilbereich bereits vielfach genutzte „Distance-Learning“ für militärische Zwecke umgestaltet. Die Ausbilder des FAFeldwebelanwärter/UA-Bataillons 1 erstellen etliche Ausbildungsthemen für das Fernlernen und stellen den Soldaten das Unterrichtsmaterial über eine Internetplattform bereit. Zuhause erfolgt dann die theoretische Waffen- und Geräteausbildung und der Rechtsunterricht, zugleich können sich die Soldaten auch sportlich auf die neue Herausforderung bei der Bundeswehr vorbereiten. Schnell wird klar, dass die Soldaten dank der Lernpakete große Fortschritte machen und die praktische Ausbildung in Sondershausen schnell und effizient ist. Um auch in Zukunft von diesen Lernpaketen zu profitieren, entwickelt das ITInformationstechnik-Fachpersonal des FAFeldwebelanwärter/UA-Bataillons 1 das Projekt weiter. Die vorhandenen, multimediafähigen Fernseher werden mithilfe von USB-Sticks und technischen Anpassungen auf sämtlichen Stuben zu digitalen Lernplattformen.

Vorbereitet für die Praxis

Auf einem Bildschirm mit Tarnmuster und dem Schriftzug ‚Bundeswehr‘ sind 11 halbgeöffnete, gelbe Ordnersymbole.

Neben den digitalen Lernpaketen gibt es auch sportliche Lehrvideos zum Mitmachen.

Bundeswehr/Nico Gluth

Als Wiedereinsteller sieht Stabsunteroffizier Pirme vor allem einen entscheidenden Vorteil: „Für mich ist das hier wie eine Auffrischung des Wissens aus meiner ersten Dienstzeit.“ Zwar kann das theoretische Lernen die Praxis nicht ersetzen, aber sehr gut ergänzen: „Beim Maschinengewehr kenne ich also beispielsweise alle Baugruppen in der Theorie, weiß, wie sie aussehen und ich sie zusammensetzen muss. In der Praxis geht dann alles leichter von der Hand, da es nichts Unbekanntes mehr ist.“ Auch Oberstleutnant Daniel Faul, Kommandeur des FAFeldwebelanwärter/UA-Bataillons 1, ist vom neuen Projekt überzeugt: „Das ‚Begleitende Unterkunftslernen 2.0.‘ ist hier im Bataillon nur der Anfang. Absicht ist es, das Projekt so weiterzuentwickeln, dass ein eigener Ausbildungskanal implementiert wird, auf dem die Lehrgangsteilnehmenden nicht nur Ausbildungsthemen vor- und nachbereiten, sondern auch die Lageentwicklung unserer taktischen Rahmenlage hautnah miterleben können“, sagt er. „Das hohe Ausbildungsniveau auch unter diesen erschwerten Bedingungen zu halten und im besten Sinne der Auftragstaktik umzusetzen“, ist, laut Oberstleutnant Faul, „die wesentliche Leistung im Bataillon und bislang ein voller Erfolg.“

von Tobias Oppermann

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