Heer

„Fitness und Motivation werden gesteigert“

„Fitness und Motivation werden gesteigert“

  • Ausbildung
  • Heer
Datum:
Ort:
Strausberg
Lesedauer:
3 MIN

Die Lücke zwischen der körperlichen Leistungsfähigkeit der Rekruten und den notwendigen körperlichen Anforderungen in der Grundausbildung ist in den letzten Jahren größer geworden. Wie kann es gelingen, Rekruten fit für den Kampf zu machen? Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, spricht im Interview über die Neustrukturierung der Grundausbildung.

Soldaten sitzen im Gefechtsanzug draußen im Wald im Kreis und tauschen sich aus.

Generalleutnant Jörg Vollmer (r.) spricht mit den Rekruten des Pilotdurchgangs der neuen Grundausbildung über ihre Erfahrungen.

Bundeswehr/Mario Bähr

Herr General, die Grundausbildung wird umgestaltet. Warum?

Generalleutnant Vollmer: Die zunehmende Technisierung und veränderten Alltagsgewohnheiten haben allgemein zu einem weitverbreiteten und folgenreichen Bewegungsmangel geführt. Insbesondere die mangelnde Fitness und Belastbarkeit vieler junger Erwachsener entwickelt sich zu einem wachsenden Ausbildungsproblem in den Streitkräften: Rekrutinnen und Rekruten sind immer häufiger bereits den körperlichen Anforderungen der Grundausbildung nicht gewachsen und erreichen dadurch allenfalls eingeschränkt den Leistungsgrad, der für physisch anspruchsvolle soldatische Aufgaben nach der Grundausbildung erforderlich ist.

Deshalb ist es meine Absicht, die Ausbildung zur Schaffung dieser körperlichen Voraussetzungen für den Dienst im Heer nachhaltig zu verbessern. Dazu habe ich zunächst die Anpassung der Grundausbildung im Heer angewiesen.

Wie wird die neue Grundausbildung nach der Umgestaltung aussehen?

Die Grundausbildung wird sich in zwei Blöcke aufteilen. Im ersten Block wird innerhalb von sechs Wochen die Körperliche Leistungsfähigkeit, kurz KLF, verbessert. Um auf die individuelle Trainierbarkeit der Rekruten einzugehen, werden die Soldaten zu Beginn in drei Leistungsgruppen aufgeteilt. Hierfür absolviert jeder Rekrut den Basis Fitness Test. Die Zuordnung in die jeweilige Gruppe richtet sich nach dem erreichten Notenwert. Aus angepassten, fachlich basierten Trainingsmethoden soll am Ende des ersten Blocks eine gemeinsame Basis wachsen, die Lücken sollen sich schließen. Dabei geht es nicht darum, von morgens bis abends Sport zu treiben. Vielmehr ist das Konzept sehr breit gefasst. Es beinhaltet unter anderem Funktionales Training, den Aufbau des Gruppenzusammenhalts und auch theoretische Anteile. Dann erfolgt ein Zwischentest, der dem Basis Fitness Test entspricht. Der Rekrut muss mindestens die Note 4,49 erreichen, sonst muss er die Grundausbildung wiederholen. Dieser Test ist die Voraussetzung für den zweiten Block.

Was geschieht im zweiten Block?

Im zweiten Block lernen die Rekruten das militärische Handwerkszeug kennen, den Gefechtsdienst. Hier üben sie den Umgang mit Waffen und technischem Gerät, sich im Gelände zu orientieren und im Freien zu überleben. Der zweite Block dauert fünf Wochen. Insgesamt erhöht sich der Gesamtstundenanteil von Sport und KLF von derzeit 70 Stunden auf etwa 110 Stunden.

Wie bewerten Sie den Pilotdurchgang in Hagenow, bei dem das neue Konzept getestet wurde?

Fünf Rekruten in blauem Sportanzug trainieren auf dem Sportplatz.

Die Steigerung der Körperlichen Leistungsfähigkeit wird zu einem festen Ausbildungsabschnitt der Grundausbildung.

Bundeswehr/Mario Bähr

Ich habe den neuen Ansatz in Hagenow in der Ausbildung- und Unterstützungskompanie des Panzergrenadierbataillons 401 untersuchen lassen. Dabei haben wir einen ganzheitlichen Ansatz unter Einbindung der Sportschule der Bundeswehr, des Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr, der Truppenpsychologie sowie einer wissenschaftlichen Begleitung und Bewertung durch das Institut für Präventivmedizin der Bundeswehr verfolgt. In Hagenow habe ich mir selbst ein Bild von den Soldaten gemacht. Ich war beeindruckt von ihrer gesunden und motivierten Ausstrahlung. Keiner von ihnen wollte die Grundausbildung abbrechen. Mein persönlicher Eindruck entsprach dem rundum positiven wissenschaftlichen Auswertungsergebnis – für mich ganz klar ein voller Erfolg.

Wann beginnt die Grundausbildung nach dem neuen Konzept?

Die Umstellung beginnt im Mai 2019 und erfolgt schrittweise, Kompanie für Kompanie. Ab Juli werden dann auch Offizier- und Unteroffizieranwärter nach dem neuen Konzept ausgebildet.

Was sind dabei die Herausforderungen?

Sechs Rekruten und ein Ausbilder im Gefechtsanzug laufen im Wald in Schützenreihe.

Die Rekruten des Pilotdurchgangs absolvieren die Gefechtsausbildung.

Bundeswehr/Mario Bähr

Die Koordinierung der leistungsdifferenzierten Ausbildung ist eine Herausforderung. An vier Standorten des Heeres wird das Ausbildungspersonal auf die Grundausbildung in insgesamt 34 Kompanien vorbereitet. Ziel ist, dass in jedem Zug mindestens drei qualifizierte Ausbilder für KLF eingesetzt werden können. Die Umsetzung erfordert Mut zur Veränderung. Ab sofort wird die KLF mit Waffen- und Geräteausbildung gleichgesetzt. Dazu werden 40 Stunden aus dem Gefechtsdienst für die KLF genutzt. Ausbildungsinhalte müssen verdichtet und gegebenenfalls auf einen späteren Zeitpunkt verlagert werden. Die Erfahrungen aus dem Pilotdurchgang haben aber gezeigt, dass motivierte und leistungsfähige Rekruten aufnahmefähiger sind. Ausbildungsinhalte können schneller und nachhaltiger vermittelt werden.

Wie wollen Sie erreichen, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen?

Wir müssen zunächst gemeinsame Voraussetzungen schaffen. Die Umsetzung in der Fläche benötigt Zeit, um geordnet in diese Anpassung zu gehen. Ich habe eine Weiterbildung im Februar angewiesen, an der alle Kompaniechefs der betroffenen Ausbildungs- und Unterstützungskompanien teilnehmen werden. Hier wird unser Führungspersonal in die konkrete Umsetzung dieses Vorhabens eingewiesen.

von Peter Müller

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