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Jagdkampf der Reserve: Niemals zuvor so intensiv

Jagdkampf der Reserve: Niemals zuvor so intensiv

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Datum:
Ort:
Seedorf
Lesedauer:
4 MIN

Die Reservistendienstleistenden der 11. Kompanie des Fallschirmjägerregiments 31 trainieren den Jagdkampf. Sie haben sich auf die neuntägige Übung Cobra Track neun Monate vorbereitet. Denn die Konzeption „Reserve des Heeres“ fordert ein Training der Reserve bis an die Ausbildungshöhe aktiver Soldaten heran.

Ein Soldat steht mit seiner Waffe zielend an einem Straßenrand.

Reserve im Fallschirmjägerregiment 31: Ein Jagdkommando der 11. Kompanie sichert den Weg zum Angriffsziel. Sie sollen feindliche Kräfte überraschen und ausschalten.

Bundeswehr/Olaf Stromann

Wolkenfetzen ziehen über den Nachthimmel, ab und zu tritt das fahle Licht des Mondes hervor. Der Wind weht rau durch die Kronen großer Bäume. Auf einem Rundweg, der eine Pumpanlage für Treibstoff eingrenzt, nähern sich zwei Soldaten. Sie laufen Streife durch das Gelände. In diesem Szenario gehören die Soldaten auf dem Streifenweg generischen Kräften an. Gedanklich sind diese beiden in dieser kalten und unwirklichen Nacht bereits bei einer Tasse Kaffee in der nicht weit entfernten Wachbaracke. In ihrem Rücken zeichnen sich plötzlich mehrere Schatten auf dem nassen Asphalt ab.

Der Handstreich

Soldaten liegen auf dem Waldboden, in ihrer Mitte eine Karte, mit deren Hilfe sie ihr Vorgehen planen.

Der Handstreich: Wenn er gut geplant ist, dauert er nur Sekunden. Dabei wird der Gegner blitzartig überfallen und kann wie im Fall der Sprengung einer Treibstoffanlage sehr nachhaltig geschwächt werden.

Bundeswehr/Olaf Stromann

Was folgt, ist ein präzise geplanter Handstreich mit dem Ziel, die für die Treibstoffversorgung der feindlichen Streitkräfte wichtige Pumpanlage mit einer Sprengung zu zerstören. Das Ausschalten des Feindes und die Sprengung der Anlage dauern nur wenige Minuten und die „Schatten“ verschmelzen wieder mit der Dunkelheit. Die „Schatten“ sind Fallschirmjäger der 11. Kompanie im Jagdkampfeinsatz hinter den feindlichen Linien. Der Jagdkampf ist ein besonderes Einsatzverfahren für infanteristische Kräfte. Dabei werden gegnerische Kräfte und Einrichtungen vorwiegend aus dem Hinterhalt oder im Handstreich bekämpft. Das Überraschungsmoment liegt dabei auf der Seite der Angreifer. Die im Jagdkampf eingesetzten Soldaten kämpfen weitgehend auf sich allein gestellt.

Wie alles begann

Wie jede Geschichte hat auch diese einen Anfang. Sie beginnt im Oktober 2017 an der Infanterieschule in Hammelburg. Damals wurden 26 neue Jagdkommandoführer vom Inspektionschef der XII. Inspektion mit den Worten verabschiedet: „Tragen sie den Jagdkampf in die Truppe.“ Einer der dort angetretenen Männer war der Kompaniechef der 11. Kompanie des Fallschirmjägerregiments 31 aus Seedorf. Das Problem bei der Umsetzung für die Reservisten war dabei die Ausbildungshöhe. Auf den Lehrgang „Führer eines Jagdkommandos“ gehen ausnahmslos Soldatinnen und Soldaten mit bestandenem Einzelkämpferlehrgang und dementsprechender hoher physischer Leistungsfähigkeit. In Ergänzungstruppenteilen ist dies nicht ohne Weiteres gegeben. Der Jagdkampf erfordert neben Teamfähigkeit eben eine sehr hohe körperliche Belastbarkeit und die Fähigkeit sich an die natürliche Umgebung anzupassen.

Ohne Ausbildung, keine Übung

Symbolfoto Ausbildungsbroschüren

Selbst erstellte Ausbildungshilfen vermitteln den theoretischen Ausbildungsstoff leichter.

Bundeswehr/Olaf Stromann

Genau aus diesen Gründen ging der Jagdkampfübung der 11. Kompanie eine neun Monate andauernde Ausbildungsphase voraus. So war genug Zeit, um vorhandene Mängel abzustellen und die Voraussetzung zu schaffen, auch unter widrigen Bedingungen leben und kämpfen zu können. In mehreren Blockausbildungen wurde der Vielseitigkeit des Jagdkampfes Rechnung getragen: Leben im Felde, Überwinden von Hindernissen, Sprengausbildung, Hinterhalt oder Handstreich, Nahkampf, Funkausbildung, Anlegen von Versorgungsverstecken und das SERE-Verfahren, also das Verhalten als versprengter oder von den Kameraden isolierter Soldat, standen auf dem Dienstplan. Schwerpunkt war es, das Verständnis zu schaffen, dass die Natur nicht grausam ist und nicht besiegt werden muss. Das Jagdkommando soll Teil von ihr werden, um die Natur optimal für den Auftrag zu nutzen.

Zwei intern erstellte Ausbildungsbroschüren „Der Einzelschütze im Jagdkampf“ und eine „Befehlshilfe im Jagdkampf“ halfen bei dieser großen Aufgabe. Ein weiterer Schwerpunkt war das Marschtraining. Auch außerhalb ihrer Dienstzeit absolvierten die Reserve-Fallschirmjäger ein kontinuierliches Marschtraining. Höhepunkt war eine Tour mit vollem Marschgepäck über die drei höchsten Gipfel des Harzes über eine Strecke von 30 Kilometern mit 1.300 Höhenmetern.

Herbeigesehnte Bewährungsprobe

Die Gruppen- und Truppführer besuchten zusätzlich noch mehrere Trainings im „Primitiv Survival“, um sich mit den vier Überlebenselementen Unterkunft, Feuer, Wasser und Nahrung zu befassen. Ein Offizier der Kompanie hatte das Privileg und absolvierte als erster Reservedienstleistender nach der Neuordnung der Einzelkämpferausbildung erfolgreich den Einzelkämpferlehrgang an der Infanterieschule.

Nach einer Kurzübung über zwei Tage startete im September dann die von allen herbeigesehnte Bewährungsprobe: die Jagdkampfübung Cobra Track. Niemals zuvor wurden die Fallschirmjäger der Reserve so intensiv auf ein Ausbildungsziel hin vorbereitet. Die neuntägige Übung wurde vom Kompaniechef phasenweise angelegt: Planung, Verbringung, Infiltration, Verhalten im Operationsraum, also dem eigentlichen Auftrag, und der Rückführung. Unmittelbar nachdem die Übenden den Operationsraum erreicht hatten, begannen Teile des Jagdkommandos Cobra damit der Feindkräfte aufzuklären und die feindlichen Marschstraßen sowie die An- und Abmarschwege zu erkunden. Neben der Pumpanlage für Kraftstoff wurde noch ein regelmäßiger Versorgungsverkehr zu einem Depot des Feindes entdeckt. Eine diese Versorgungskolonnen wurde ebenfalls erfolgreich aus dem Hinterhalt angegriffen. Um nicht selbst von feindlichen Kräften entdeckt zu werden, bezogen die Soldaten des Jagdkommandos immer neue Verstecke, verweilten dort nicht lange und betrieben abgesetzte Funkstellen. Nach sieben Tagen wurden die Soldaten von nachrückenden eigenen Kräften wiederaufgenommen.

Im gesamten Aufgabenspektrum der Bundeswehr

Ein Soldat liegt getarnt mit seiner Waffe im Wald neben einem Baum und schaut durch sein Fernglas. Er hat einen Rucksack auf.

Aufklären und beobachten, wissen, was macht der Feind – Grundlage für jegliche militärische Operation.

Bundeswehr/Olaf Stromann

Der Kompaniechef, Major Olaf Berger*, ist mit dem Übungsverlauf hochzufrieden und führt aus: „In der im Februar 2021 veröffentlichten Konzeption ‚Reserve des Heeres‘ findet sich die Forderung, dass die Reserve die aktive Truppe im gesamten Aufgabenspektrum der Bundeswehr verstärken soll. Folglich müssen sich insbesondere die Ergänzungstruppenteile in Ausbildung und Auftrag am Fähigkeitsprofil der aktiven Truppe ausrichten, um dieser Rolle gerecht zu werden.“ Neben seiner Vielseitigkeit sei der Jagdkampf bestens geeignet, um länger andauernde körperliche Belastbarkeit und Selbstdisziplin zum Bestandteil der Ausbildung zu machen, um so die individuelle Leistungsfähigkeit und das Selbstvertrauen zu steigern. Genau diesem Anspruch hätten sich die Fallschirmjäger bei Cobra Track gestellt und der Jagdkampf würde einmal mehr erfolgreich in die Truppe getragen.

*Name redaktionell geändert

von Olaf Stromann

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