Heer

Von der Bühne zum Corona-Einsatz

Von der Bühne zum Corona-Einsatz

  • Reserve
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Datum:
Ort:
Mecklenburg-Vorpommern
Lesedauer:
4 MIN

Der Schauspieler Marco Linke aus Bremen ist Stabsgefreiter der Reserve beim Panzergrenadierbataillon 908. Vom Weyher Theater in der Hansestadt hat er als Soldat direkt zum Gesundheitsamt Pasewalk gewechselt und unterstützt das Personal mit 14 weiteren Kameraden bei der Kontaktnachverfolgung.

Ein Soldat in Flecktarnuniform und mit Mund-Nasenschutz telefoniert.

Schauspieler Marco Linke ist im Gesundheitsamt Pasewalk in der Kontaktnachverfolgung eingesetzt. Er unterstützt mit 14 weiteren Reservisten den Kampf gegen das Corona-Virus.

Bundeswehr/Marco Linke

Er lacht gerne und deutlich, ist lebendig – ein Typ, wie man ihn sich vorstellt als jemanden, der sein Geld in geregelten Zeiten auf der Bühne verdient. Marco Linke ist eigentlich Schauspieler am Weyher Theater in Bremen. Dort hat er „Ab heute bin ich Jungfrau“ noch zu Ende gespielt und steckte in den Proben für „Eine Reise“. Die Premiere war für Ende Januar angedacht. Doch: „Dann kam Corona“, sagt er und tauschte Bühnenkostüme kurzerhand gegen Flecktarn. Aktuell arbeitet er am Schreibtisch – weit weg von seinem Beruf und das nicht nur inhaltlich. Denn Linke ist auch Soldat und hilft als solcher im Gesundheitsamt Pasewalk – 470 Kilometer von der Wesergemeinde entfernt.

Mitte November kam die Anfrage der Bundeswehr. „Wer weiß, wie es mit dem Theater weitergeht“, sagte er sich und der neuen Aufgabe direkt zu. Linke will helfen. „Es wird viel von Solidarität gesprochen“ – so hat er es in der Corona-Zeit erlebt. Mit der ganz anderen Tätigkeit im Pasewalker Gesundheitsamt hat er das Gefühl, das auch leben zu können. „Ich sehe großen Sinn darin“, sagt er. Man stehe dabei „in der ersten Reihe“ und „nur so kann man der Situation Herr werden“. Damit meint er die Pandemie. Dass er eben nicht nur zu Hause sitzt und dort womöglich nur Trübsal bläst, Teil der Bundeswehr ist, die in dieser Phase unterstützt – „das macht mich ein bisschen stolz“. Bei allem persönlichen Gewinn: Linke arbeitet fernab der Heimat. Unter der Woche geht es in den Landkreis Vorpommern-Greifswald, am Wochenende zur Familie nach Bremen. So läuft es nun seit knapp drei Monaten, in Vollzeit und auf freiwilliger Basis, aber natürlich bezahlt. „Die Amtshilfe wurde stetig verlängert“, sagt Linke.

Als Reservist im Gesundheitsamt

Ein Soldat in Uniform und Mund-Nasen-Schutz sitzt am Schreibtisch vor einem Computerbildschirm.

Im Laufe eines Tages führen Stabsgefreiter Marco Linke und seine Kameraden vom Panzergrenadierbataillon 908 im Gesundheitsamt Pasewalk etliche Gespräche. Sie fragen nach Vorerkrankungen, Immunschwächen und Symptomen.

Bundeswehr/Marco Linke

Gearbeitet wird im Pasewalker Gesundheitsamt im sogenannten Kreissaal, der sonst nur für Pressekonferenzen genutzt wurde. Dort sitzen Linke und 14 Kameraden pro Schicht. Jeder an einem Schreibtisch mit Telefon und Computer. Alle tragen eine Maske, inzwischen auch dort die FFP2-Modelle. Und die Arbeit? „Sehr arbeitsintensiv“, wie Linke sagt. „Es ist stetig zu tun.“ Der 41-Jährige ist Teil des Kontaktnachverfolgungsteams. Zum Schichtbeginn wird ein positiver Corona-Fall vorgelegt – anonymisiert. Aber: „Wir bekommen die Kontaktpersonen“. Die sind eingeteilt in die Kategorien eins und zwei, denen sie zugeordnet werden je nach Enge des Kontakts zu einem mit dem Coronavirus infizierten Menschen. Für sie werden Quarantänen festgelegt und gegebenenfalls Tests angeordnet. Linke ist der, der die Betroffenen über das jeweilige Vorgehen in ihrem Fall informiert. Allerdings: „Die meisten wissen Bescheid. Durch WhatsApp ist der Buschfunk groß.“ Trotzdem: Die Angerufenen sind überwiegend dankbar für die Informationen, die Linke liefert. Sie würden ihnen Angst und Ungewissheit nehmen. Manchen müsse man auch einfach nur gut zureden. Empathie ist damit also auch gefordert. In den Telefonaten – in Spitzenzeiten kam das Team in Pasewalk auf bis zu 150 Gespräche am Tag – fragen die Soldaten außerdem nach Vorerkrankungen, Immunschwäche oder auch Symptomen. All das erfassen sie in einem Computerprogramm, alles unter Einhaltung des Datenschutzes. Durch seine Arbeit werde das Netz weniger grobmaschig, findet der Bremer. „Wenn man so will, bekämpfen wir Corona direkt.“ Mit „wir“ meint er die vielerorts in deutschen Gesundheitsämtern eingesetzten Soldaten der Reserve. Auch in Pasewalk kommen sie aus dem ganzen Bundesgebiet. Er selbst dient im nicht-aktiven Panzergrenadierbataillon 908 in Viereck – einem Ersatztruppenteil, der nur aus Reservisten wie Linke besteht. „Es lag nahe, dass man in Pasewalk eingesetzt wird“, sagt er. Viereck liegt nur sieben Kilometer entfernt.

Klammheimlich zur Aufnahmeprüfung

Ein Mann mit Anzug und Krawatte klammert sich mit theatralischer Geste an einen orangefarbenen Rettungsring.

Nach einer Lehre zum Elektriker und seinem Grundwehrdienst zieht es den Schauspieler und Reservisten auf die Bühne. Der 41-Jährige ist durch und durch Theatermensch. Er arbeitet auch als Regisseur und ist Autor.

Bundeswehr/Marco Linke

Dass der ursprüngliche Ostwestfale überhaupt so stark in den Bundeswehrdienst zurückkehren würde, hat er selbst kaum geglaubt. So macht sich nun bezahlt, was der 41-Jährige sich vor Jahren als zweites Standbein aufgebaut hatte. Nach dem Grundwehrdienst, der 2001 zu Ende ging, hatte er sich gefragt, ob das überhaupt gut geht mit der Schauspielerei. Die hatte er erst nach einer Elektrikerlehre „ganz solide“ angepeilt. Als er seine Schwester einst in Hamburg besuchte, wo sie als Schauspielerin am Schmidts Tivoli Theater arbeitete, „fiel der Groschen“. Für sein Umfeld dagegen war es keine Überraschung, wie er sagt. Noch dazu kommt er „aus einer sehr musischen und kulturell interessierten Familie“. Nach dem Hamburg-Moment stand für den Bremer jedenfalls fest: Er wollte etwas anderes machen. „Klammheimlich“ ging er zur Aufnahmeprüfung an einer Hamburger Musicalschule – mit Erfolg. Bald darauf begann seine Theaterkarriere. Seine Engagements brachten ihn aufs Bremer Theaterschiff, ins Packhaustheater in Bremen, zur Komödie Bielefeld, auf das Theaterschiff Lübeck. 2012 kam er schließlich ans Weyher Theater, nachdem er auf Intendant Kay Kruppa gestoßen war, der seinerzeit Regie bei einem Stück des Theaterschiffs in Bremen führte. „Was Theater angeht, haben wir die gleiche Sprache gesprochen“, sagt er über die Begegnung. Beim Spielen hat Linke es nicht belassen. Der Mehrfach-Künstler ist außerdem Regisseur und Autor. „Märchen sind mein großes Steckenpferd“, sagt er. Schon mit seinem Erstlingswerk konnte Linke bei einem Intendanten punkten und blieb bei den Märchen. Sie würden mittlerweile in ganz Deutschland gespielt. Daraus ergaben sich dann auch Regieaufträge. „Ich bin ein Theatermensch“, sagt der 41-Jährige. „In diesem Beruf arbeiten zu dürfen, ist einfach ein Geschenk.“ Und wenn es nach, während oder trotz Corona wieder losgehen darf, glaubt Linke, „dass es eine große Wiedersehensfreude geben wird“ – auf beiden Seiten der Bühne.

von Maike Plaggenborg

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