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Weiterbildung am Isonzo: Angriffsoperation im Gebirge

Weiterbildung am Isonzo: Angriffsoperation im Gebirge

  • Geschichte
  • Heer
Datum:
Ort:
Bad Reichenhall
Lesedauer:
8 MIN

Aus den Kampfhandlungen in den Julischen Alpen im Ersten Weltkrieg können Soldatinnen und Soldaten auch heute noch wesentliche taktische Lehren ziehen. Daher haben sich Offiziere der Gebirgsjägerbrigade 23, darunter auch Studierende der Universität der Bundeswehr Hamburg sowie österreichische Kameraden, für eine Weiterbildung auf die Spuren der 14. deutschen und österreichisch-ungarischen Armee im heutigen Slowenien begeben.

Soldaten stehen auf einer Anhöhe und blicken ins Tal.

Im heutigen Slowenien: Auf dem Matajur, im Hintergrund rechts der Gebirgsrücken des Kolovrat. Von dort kämpfte sich im Ersten Weltkrieg der damalige Oberleutnant Erwin Rommel mit seinen Soldaten bis zum Matajur vor.

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Bei dem militärhistorischen Unterricht geht es im Speziellen um die sogenannte 12. Isonzoschlacht. Anhand ihres Verlaufes werden dem Führungspersonal in mehreren Geländebesprechungen die Herausforderungen des Gebirgskampfes und das daraus resultierende Führungsverhalten vom Kompaniechef bis zum Brigadekommandeur eindrücklich vermittelt.

Die Isonzoschlachten

Vor einem alten Geschütz stehen Soldaten und folgen den Erläuterungen eines Zivilisten in einem hellroten Poloshirt.

Oberst a. D.außer Dienst Manfred Benkel erläutert den Offizieren am Passo Predil den Verlauf und die Funktion der Aufmarschstraßen.

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Die Isonzoschlachten, die im heutigen Slowenien entlang des Flusses Soca (deutsch: Isonzo) stattfanden, gehören mit über einer Million vermissten, verwundeten und getöteten Soldaten zu den blutigsten Kämpfen im Ersten Weltkrieg. Zwischen 1915 und 1917 gab es insgesamt zwölf große Kampfhandlungen zwischen dem verfeindeten Königreich Italien und den verbündeten Mächten Österreich-Ungarn und dem Deutschen Kaiserreich. In den ersten elf Isonzoschlachten konnte Italien mit seinen Offensiven die Habsburger Monarchie zurückdrängen. Das operative Ziel des italienischen Königreiches war unter dem Leitgedanken „mare nostrum“ (unser Meer) die Einnahme der damaligen österreichisch-ungarischen Stadt Triest. Da die deutsche Oberste Heeresleitung ein Zusammenbrechen der Front befürchtete, stellte sie sieben Divisionen mit gebirgsbeweglichen Verbänden zur Verfügung. Diese deutschen Verbände wurden mit fünf österreichisch-ungarischen Verbänden zur 14. Armee zusammengefasst. Ihr gelang es in der 12. Schlacht im Oktober 1917 zwischen den heutigen Städten Bovec und Tolmin zum Gegenangriff auszuholen und die Italiener zurückzudrängen. Wie die Mittelmächte es schafften, die Italiener in diesem gebirgigen Gelände vernichtend zu schlagen, welche logistischen, sanitätsdienstlichen und taktischen Voraussetzung geschaffen werden mussten, ist Thema dieser fünftägigen Gebirgsreise des Führerkorps der Gebirgsjägerbrigade 23.

Der Aufmarsch und seine Tücken

Soldaten stehen im Halbkreis auf einer Wiese vor einem anderen Soldaten, der spricht. Im Hintergrund Berge.

Im Talbecken von Bovec erklärt Brigadegeneral Maik Keller den Soldaten seine Absicht: „Mir kommt es darauf an, die taktischen Gegebenheiten aus der Karte ins reale Gelände zu projizieren und dabei Schlussfolgerungen für das heutige Handeln zu …

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Die Weiterbildung beginnt im österreichischen Arnoldstein. Oberst außer Dienst (a.D.) Manfred Benkel hatte diese Weiterbildung als Fachreferent inhaltlich vorbereitet. Mit seinem Vortrag über die Ausgangssituation versetzt er die Teilnehmenden in das Jahr 1915 zurück: Warum hatte Italien, das eigentlich mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn im Dreibund stand, am 23. Mai 1915 an der Seite der Triple Entente, also Frankreichs, Russlands und des Vereinigten Königreichs, den Mittelmächten den Krieg erklärt und somit die blutigen Gebirgskriege in den Dolomiten und am Isonzo ausgelöst?

Bevor die 14. Armee unter Führung von General Otto von Below angreifen konnte, mussten sieben deutsche Divisionen mit etwa 12.000 Soldaten pro Division innerhalb von 14 Tagen in Stellung gebracht, werden. Welche Kraftanstrengung nicht nur der einzelne Soldat mit etwa 35 Kilogramm Gepäck zu leisten, sondern auch die militärische Führung bei der Planung zu bewältigen hatte, zeigt Benkel während der Fahrt ins slowenische Bovec anhand einer der vier Aufmarschstraßen an verschiedenen Geländepunkten. Allein der Anmarschweg der Soldaten von Villach über den Predil Pass in Richtung Bovec hielt allerlei Tücken bereit: „1917 war die Straße wesentlich kurvenreicher und ließ nur einspurigen Verkehr bei wenigen Ausweichstellen zu. In Konsequenz hieß das: Fahrzeuge, die den Anmarschweg behinderten, mussten regelmäßig von der Straße in den Abgrund geschoben werden und waren damit verloren“, erklärt der Oberst am Geländepunkt „Predil See“ den Teilnehmenden. Zudem konnten die Italiener vom gegenüberliegenden überhöhten Sella Nevea die Aufmarschbewegungen hinauf zum Passo Predil mit Schiffsgeschützen bekämpfen, sodass der Anmarsch nur bei Nacht möglich war.

„Krieg ist nicht nur Heldentum“

Soldaten stehen vor Gedenksteinen auf einem Friedhof.

Die Lehrgangsteilnehmenden besuchen den Soldatenfriedhof in Log pod Mangartom für gefallene österreich-ungarische und bosnische Soldaten, im Hintergrund der 2.208 Meter hohe Berg Rombon.

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Auch ein Soldatenfriedhof für österreich-ungarische und bosnische Soldaten, die bei den Kämpfen um den Berg Rombon und im Flitscher Becken gefallen sind, besichtigen die Gebirgssoldaten. „Der Krieg ist nicht nur Heldentum. Er bedeutet auch Tod und dieser Verantwortung müssen sich Offiziere bewusst sein“, resümiert Benkel an diesem christlich-muslimischen Friedhof.

Der 2.208 Meter hohe Berg Rombon war in diesem Krieg ein wesentliches Schlüsselgelände. Ganz nach dem taktischen Grundsatz „Wer die Höhen hat, hat die Täler“ verteidigten die kaiserlich-königlichen-Truppen diesen Berg vehement, um einen Durchstoß der Italiener zu verhindern. Zur Versorgung der dort eingesetzten Truppen baute die österreichisch-ungarische Armee sogar eine Seilbahn. Die Soldaten waren an diesem Berg Sommer wie Winter eingesetzt und hatten somit nicht nur gegen den Feind, sondern auch gegen die Natur – Steinschlag, Hitze, Schneelawinen und Kälte – unter Einsatz ihres Lebens zu kämpfen. Dem Feind unter diesen extremen klimatischen Bedingungen über Jahre in Stellungskriegen gegenüberzustehen, verdeutlicht die ungeheure Leidensfähigkeit der Gebirgssoldaten eindrucksvoll.

Karte, Kompass und die taktische Großlage

Soldaten stehen auf einer Anhöhe und blicken ins Tal.

Die Soldatinnen und Soldaten erhalten eine Einweisung in das Gelände und die taktische Lage der 12. Isonzoschlacht vor 104 Jahren.

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Am zweiten Tag verschaffen sich die Teilnehmer beginnend vom Tal in Bovec an verschiedenen Geländepunkten einen Überblick über den Frontverlauf der 12. Isonzoschlacht, der sich bis an die Adria zog. Mittels Karte und Kompass orientieren sich die militärischen Führer an jedem einzelnen Geländepunkt und weisen anschließend das Publikum anhand eines vorgegebenen Schemas in die geografischen Gegebenheiten ein. Danach werden die taktische Großlage der 12. Isonzoschlacht in das Gelände gelegt und taktische Grundsätze besprochen: „Anhand dieser Bilder im realen Gelände sollen die Teilnehmer ein Gefühl dafür entwickeln, was es bedeutet, im schwierigen Gelände Angriffsoperationen durchzuführen“, erklärt Oberstleutnant Michael Hermann, Projektoffizier dieser Veranstaltung.

Die Schlacht

Mehrere Soldaten stehen in einem Museum um ein Geländemodell herum, unter ihnen ein Zivilist, der redet.

Am beeindruckenden Diorama#ede im Museum in Kobarid in Slowenien wird die 12. Isonzoschlacht noch einmal erläutert.

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Die Hintergrundinformationen liefert Oberst a.D. Benkel: „Die italienische Führung erwartete, dass ein Angriff, im flachen südlichen Teil zwischen Görz und Mittelmeer erfolgen würde. Das unwegsame Gelände, die massiven Taleinschnitte und Felswände gespickt mit italienischen Artillerie- und Maschinengewehrstellungen schienen aus italienischer Sicht einen Gegenangriff wenig wahrscheinlich zu machen“, so der Fachreferent.

Am 23. Oktober 1917 um 2 Uhr nach Mitternacht begann der Gegenangriff der 14. Armee. Giftgaseinsatz, Zerstörfeuer aus schwerster und schwerer Artillerie, abgefeuert aus deutschen und österreichisch-ungarischen Artilleriestellungen, machten die ersten italienischen Stellungstruppen und Reserven kampfunfähig. Die schlechten oder nicht vorhandenen Gasmasken lieferten die Italiener den eingesetzten Kampfstoffen hilflos aus. Die Mittelmächte überrannten die italienische Verteidigung. Den Angriffsschwung ausnutzend kämpften sie sich im Zangenangriff von den Gebirgsstöcken diesseits des Isonzos über die Soca in die Gebirgsstöcke jenseits des Tals. In fünf Tagen erreichte die 14. Armee Udine und konnten die italienische Armee bis zum 9. November 1917 in die venezianische Tiefebene hinter den Fluss Piave zurückdrängen. Bereits in der 11. Isonzoschlacht hatte die italienische Armee vermehrt Gas eingesetzt, um die kaiserlich-königliche-Armee niederzuhalten. Wegen der grausamen Folgen des Gaseinsatzes im Ersten Weltkrieg verbietet heute das Genfer Protokoll den Einsatz von biologischen und chemischen Kampfstoffen.

Besuch von zwei Museen

Die Lehrgangsteilnehmenden besichtigen eine solche Artilleriestellung, besuchen das Freilichtmuseum Ravelnik und das beeindruckende Geländemodell im Museum in Kobarid. Hier wird die 12. Isonzoschlacht animiert dargestellt und so ein gutes Lagebild über die damalige Situation vermittelt. Oberstleutnant Michael Herrmann erklärt dabei sehr eindrucksvoll die heutige Bedeutung der streitkräftegemeinsamen taktischen Feuerunterstützung (STF) für den Gebirgskampf, die erst gerade bei der Übung Mountain Hornet im Mai 2021 auf dem kleinen Hochgebirgsübungsplatz Reiteralpe trainiert worden ist.

Die Toten mahnen

Ein Spalier von Soldaten steht vor dem Eingang der Gedenkstätte. Ein Soldat salutiert vor der Gedenkstätte.

Der Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, Brigadegeneral Maik Keller, und die Teilnehmenden gedenken am deutschen Beinhaus in Tolmin der Toten der 12. Isonzoschlacht im Ersten Weltkrieg.

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Den Abschluss des Tages bildet der Besuch des deutschen Beinhauses in Tolmin. Dies ist das einzige deutsche Gebeinhaus an der Isonzofront, in dessen Krypta die Namen von etwa 1.000 gefallenen Soldaten aufgelistet sind. Mit einer Kranzniederlegung durch den Brigadekommandeur gedenken die Teilnehmer der Toten der 12. Isonzoschlacht. Im Vorfeld richtet der Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, Brigadegeneral Maik Keller, eindringliche Worte an die jungen militärischen Führer: „Vor allem die grausamen Materialschlachten des Ersten Weltkriegs zeigen uns, wie wenig ein Menschenleben wert war. Jedes Menschenleben, dass Ihnen anvertraut wird, ist mit Bedacht und Würde zu führen sowohl im Friedensbetrieb, wie auch im Krieg“, mahnt Keller.

Sanitätsdienstliche Versorgung im Gebirgskrieg

Einen Tag später stellt Oberfeldarzt der Reserve Dr. Thomas Götz die sanitätsdienstliche Versorgung im Ersten Weltkrieg vor. Die neu aufgestellten Gebirgstruppen waren sanitätsdienstlich unterversorgt. Vor allem das Bergen aus schwierigem Gelände erfolgte nur behelfsmäßig. In den Sanitätseinrichtungen selbst, konnte aufgrund des Verhältnisses der zum Teil schlecht ausgebildeten und ausgestatteten sanitätsdienstlichen Kräfte zu Verwundeten, nur durch Triage wenige Menschenleben gerettet werden. Die höhere Schlagkraft der Geschosse kompensierten die medizinischen Weiterentwicklungen wie Tetanusbehandlung, Bluttransfusionen und mögliche Röntgendiagnostik nur teilweise. Am Ende seines Vortrages geht der Oberfeldarzt auf die Bedeutung der sanitätsdienstlichen Kompetenzen innerhalb der Gebirgstruppe heute ein, die durch die letzten strukturellen Veränderungen „nicht mehr in der Intensität zum Tragen kommt, wie sie sollte“, resümiert der Anästhesist abschließend.

Auftragstaktik und das Württembergische Bataillon

Neben einer Kapelle steht eine Gruppe Soldaten und blickt ins Tal.

Ein Bergmarsch führt die jungen Offiziere auf den 1.642 Meter hohen Matajur in den Julischen Alpen. Er war 1917 das Angriffsziel des deutschen Oberleutnants Erwin Rommel.

Bundeswehr/Sarah Hofmann

Die taktische Großlage im Blick machen sich die Teilnehmer in den folgenden Tagen auf die Spur des Angriffs des Württembergischen Bataillons – als Teil der 14. Armee. In dessen Reihen kämpfte auch Oberleutnant Erwin Rommel, der in diesem Bataillon als Abteilungskommandeur eingesetzt war. Von Tolmin aus stieß Rommel mit seinen Soldaten in der 12. Isonzoschlacht auf die feindlichen Stellungen entlang des Gebirgsrückens Kolovrat bis zum Matajur vor. Es war die für den weiteren Gefechtsverlauf bestimmende Höhe. Diesen Angriff rekonstruieren die Gebirgsjäger an verschiedenen Geländepunkten. Als Grundlage dient Rommels Taktiklehrbuch „Infanterie greift an – Erlebnis und Erfahrung“. Oberstleutnant Herrmann dazu: „Initiative des militärischen Führers, gepaart mit Mut, Entschlussfreude und Schnelligkeit waren Rommels Erfolgsrezept bei diesem Angriff. Die wesentliche eigene Leistung von der Absicht des Vorgesetzten abzuleiten und diese dann mit der gebotenen Freiheit des Handelns entschlossen umzusetzen, spiegelt unsere heutige Führungsphilosophie – die Auftragstaktik – wider. Diese baut natürlich uneingeschränkt auf das Vertrauen in die untergebene und vorgesetzte Ebene.“ Besonders im Gebirgskampf kommt die Auftragstaktik aufgrund der teilweise isolierten Gefechtshandlungen wegen der geografischen Gegebenheiten besonders zum Tragen. Als Höhepunkt der militärhistorischen Veranstaltung marschieren dann alle Lehrgangsteilnehmenden auf das Angriffsziel Rommels - den Matajur mit 1.642 Höhenmetern.

Das Ausbildungsziel

Die Gebirgstruppe lebt heute wie damals aufgrund ihres besonderen Einsatzgebietes von Kameradschaft, Vertrauen, Leidensfähigkeit, Mut und Entschlossenheit über alle Führungsebenen hinweg. Diese Tugenden spiegeln sich besonders in der 12. Isonzoschlacht anhand des entschlossenen Vorgehens der Akteure wider. Die jungen Offiziere lernten in dieser Weiterbildung nicht nur die Herkunft und Habitus ihrer Truppengattung kennen, sondern bekamen auch ein Gefühl für Menschen- und Gefechtsführung anhand realer Bilder. „Meine Erwartungshaltung wurde voll erfüllt“, so das Fazit von Brigadegeneral Keller am Ende dieser militärhistorischen Veranstaltung.

von Sarah Hofmann

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