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Der Weg nach Evreux führt auch über Südamerika

Der Weg nach Evreux führt auch über Südamerika

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Ort:
Evreux
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29 Grad warm, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, Urwald rechts und links der Straße – und trotzdem ein Stück Europa. Denn Französisch-Guayana mit seinem Hauptort Cayenne ist ein französisches Übersee-Département in Südamerika. Dies war das Ziel des ersten deutsch-französischen Langstreckenflugs mit der C-130J, bei der sich die Besatzung auf ihre binationale Zukunft in der Transportstaffel in Évreux vorbereitet. Mit an Bord: Hauptmann Floh als Co-Pilot und Oberstabsfeldwebel Steinecke als Ladungsmeister.

Hauptmann Floh und sein französischer Kollege sitzen im Cockpit, schauen in die Kamera und recken die Daumen in die Luft.

In Vorbereitung des gemeinsamen Lufttransportverbands in Évreux, zu dem fünf C-130J und fünf Tankerflugzeuge KC-130J gehören werden, fliegen Hauptmann Floh und sein französischer Kollege schon jetzt gemeinsam

Armée de l'air/Défense/Olivier Fortin

„Ich bin gerne unterwegs“, sagt Floh. Der 39-Jährige hat als Pilot bei der Luftwaffe seinen Traumjob gefunden. Seit 2008 war er beim Lufttransportgeschwader (LTG) 63 in Hohn stationiert. Jetzt gehört er zum Pre-Implementation-Team, zum Vorbereitungsteam für den deutsch-französischen Lufttransportverband, der ab 2021 in Évreux beheimatet sein wird. Er und Oberstabsfeldwebel Steinecke sind am 12. Mai nach Orléans gekommen, um diese binationale Staffel mit aufzubauen. Der 44-jährige Steinecke ist Ladungsmeister, wollte auch nie etwas anderes werden, und kommt ebenfalls vom LTG 63. „Wir sind beide quasi auf der Transall groß geworden“, meint er lächelnd. Sie waren immer viel unterwegs, vor allem in Afrika, den USAUnited States of America und den Einsatzgebieten der Bundeswehr.

Pioniergeist und Abenteuer

Mit ihrer Entscheidung für Évreux betreten die Soldaten wieder Neuland. „Das hat schon etwas mit Pioniergeist und Abenteuer zu tun“, findet Floh. „Da wir zu den ersten hier gehören, haben wir viele Möglichkeiten, uns bei der Gestaltung kreativ einzubringen und bauen etwas ganz Neues mit auf. Das ist spannend und macht Spaß.“ Das Team in Orléans schreibt Handlungsanweisungen, Ausbildungsvorschriften, passt Regularien an, immer in Absprache mit den französischen Kameradinnen und Kameraden, die schon seit zwei Jahren Erfahrung mit der C-130J Super Hercules haben. „Gemeinsam suchen und finden wir den besten Weg, um alles so effektiv und einfach wie möglich zu gestalten“, sagt Steinecke.

Oberstabsfeldwebel Steinecke und sein französischer Kollege im Laderaum der C-130J.

Oberstabsfeldwebel Steinecke und sein französischer Kollege besprechen die optimalen Lademöglichkeiten in der C-130J

Armée de l'air/Défense/Olivier Fortin
Oberstabsfeldwebel Steinecke vor der C-130J.

Der 44-jährige Steinecke ist seit 1995 bei der Bundeswehr, war seit 1996 beim LTG 63 und ist seitdem als Ladungsmeister unterwegs

Armée de l'air/Défense/Olivier Fortin

Doch auch wenn es viel Büroarbeit gibt, sind Floh und Steinecke seit ihrem Umzug viel in der Luft. „Im Moment bin ich hier wie ein Austauschpilot“, erklärt Hauptmann Floh. „Das ist für Oberstabsfeldwebel Steinecke als Ladungsmeister ähnlich. Wir beide müssen das Flugzeug möglichst schnell und gut kennenlernen, damit wir die nächsten Soldatinnen und Soldaten, die kommen, ausbilden können. Das heißt, ich mache hier einen Crashkurs vom Piloten über den Kommandanten zum Fluglehrer.“ Floh war schon auf der Transall Fluglehrer und freut sich auf die Aufgabe. 2023 soll das Ausbildungszentrum in Évreux in Betrieb gehen.

Fliegen ist wie Fahrrad fahren

Hauptmann Floh im Cockpit der C-130J Super Hercules.

Nach seiner Ausbildung in den USAUnited States of America kann Hauptmann Floh jetzt in Orléans die C-130J wieder regelmäßig fliegen

Armée de l'air/Défense/Olivier Fortin

Schon zwei Tage nach ihrer Ankunft drehten sie in einem gemischten deutsch-französischen Team die ersten Platzrunden, um sich einzuarbeiten. „Ich hatte die C-130J zu dem Zeitpunkt seit einem halben Jahr nicht mehr geflogen“, erinnert sich Floh. „Aber fliegen ist ein bisschen wie Fahrrad fahren. Die Grundprinzipien verlernt man nie.“

Die Karte zeigt die Flugroute der C-130J von Orléans über Dakar nach Cayenne.

Vier Tage war die Crew mit der C-130J bei ihrem ersten Langstreckenflug unterwegs

Bundeswehr/Marco Parge

Der Flug nach Cayenne Anfang Juni war trotzdem etwas Besonderes, nicht nur, weil Südamerika vorher noch nie auf dem Flugplan der beiden Deutschen gestanden hatte. „In diesen vier Tagen ist so viel passiert wie sonst in zwei oder drei Monaten“, sagt Oberstabsfeldwebel Steinecke. Mit drei Paletten voller Versorgungsgüter startete die C-130J am 2. Juni morgens in Orléans. Eine der fünf Tonnen Ladung war für die französische Einheit in Dakar, wo die Crew nach achteineinhalb Stunden Flug Zwischenstation machte. An Bord waren drei Piloten, drei Ladungsmeister und drei Techniker, denn in jedem Bereich wird derzeit ausgebildet. Normalerweise kommt das Flugzeug mit den vier Propellerturbinen mit drei Mann Besatzung aus: Pilot, Co-Pilot und Ladungsmeister.

Raclette und Feldbetten in Dakar

Die C-130J steht auf dem Flughafen in Dakar.

Nach 2.420 nautischen Meilen, das sind knapp 4.482 Kilometer, war Dakar als erstes Ziel erreicht. Diese Entfernung entspricht etwa der maximalen Reichweite des Transportflugzeugs

Bundeswehr/Floh
In einem Büro sind zwei Feldbetten aufgebaut.

Feldbetten statt Hotel: In Dakar musste die Crew auf dem Flugplatz bleiben

Bundeswehr/Steinecke

„In Dakar durften wir wegen der Corona-Beschränkungen den Flugplatz nicht verlassen“, erzählt Steinecke. „Also haben wir in einem Bürobereich auf Feldbetten geschlafen und abends mit allen Raclette gegessen. Das war ein Hauch Frankreich im Senegal.“

Am nächsten Morgen ging es dann nach Flugvorbereitung, Wetterdatensuchen und dem übrigen Workflow weiter nach Cayenne. „Dabei ist uns immer wieder aufgefallen, dass wir auf den meisten Funkfrequenzen fast allein unterwegs waren, weil der zivile Flugverkehr so stark reduziert ist“, so Floh. Nach etwas mehr als sieben Stunden Flug durfte die Besatzung in Cayenne ins Hotel, denn in Französisch-Guayana gelten dieselben Corona-Regeln wie in Frankreich. So konnten sie sich zumindest ein bisschen umsehen und auch Mitbringsel kaufen, zum Beispiel Cayenne-Pfeffer.

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Steinecke steht an der Rampe hinten an der C-130J und weist den Gabelstapler ein.

Oberstabsfeldwebel Steinecke „dirigiert“ den Gabelstapler an die richtige Position

Bundeswehr/Floh
Steinecke schiebt eine der Paletten zur hinteren Rampe des Flugzeugs.

Tonnenweise Kartons: Der Ladungsmeister schiebt eine Luftfrachtpalette zur Rampe

Bundeswehr/Floh
Die C-130J auf dem Flugplatz von Cayenne

Sicher gelandet: Die C-130J auf dem Flugplatz von Cayenne

Bundeswehr/Floh

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Der Rückflug am nächsten Morgen ging wieder via Dakar, erst mit acht Tonnen Ladung, davon drei Paletten mit Verlegegepäck französischer Einheiten. In Dakar kam noch eine Palette dazu, so dass die deutsch-französische C-130J am 5. Juni abends mit neun Tonnen Gepäck in Orléans landete. „Es war ein Erlebnis, auch wenn das Ganze nur ein normaler Versorgungsflug im Rahmen des European Air Transport Command war“, sagt Hauptmann Floh.

Ausbildung in Texas und Arkansas

Bevor die beiden Bundeswehr-Soldaten nach Orléans kamen, hatten sie eine längere Vorbereitungszeit. Dazu gehörte zum einen ein Französisch-Lehrgang, zum anderen die Ausbildung auf der C-130J in den USAUnited States of America. Für Hauptmann Floh dauerte sie im Ausbildungszentrum der U.S. Air Force in Little Rock sechs Monate: Selbststudium, Unterricht in einer Kleinst-Klasse mit einem amerikanischen Kameraden und einem Fluglehrer, Simulator-Training und richtige Flüge – insgesamt 120 Flugstunden auf der C-130J, die jetzt nach und nach die Transall ersetzt.

Oberstabsfeldwebel Steinecke war nach seinem Französisch-Lehrgang elf Monate in den USAUnited States of America. Dort hat er in San Antonio in Texas erst den Abschluss als amerikanischer Ladungsmeister und dann in Arkansas den Abschluss als Ladungsmeister für die C-130J gemacht. „So wie die Piloten einen Simulator haben, gibt es für Ladungsmeister die Nachbildung eines Laderaums, wo wir verschiedene Beladungen geübt haben, von Paletten über Autos bis zu Triebwerkscontainern“, erklärt er. Auch Abwürfe, sogenannte Drops, wurden geübt. „Das ist wichtig, denn wir Ladungsmeister müssen alles so verknoten und abbinden, dass die Schirme in der richtigen Reihenfolge und in der richtigen Zeit das Flugzeug verlassen. Und das muss bei der C-130J anders gemacht werden als bei der Transall.“ Nach seiner Ausbildung dort hatte er sechs Wochen Urlaub, bevor er nach Orléans zog.

Ein Jahr ohne die Familie

Hauptmann Floh (l.) und Oberstabsfeldwebel Steinecke (r.) mit ihren französischen Pendants vor der C-130J in Orléans.

Gemischtes Doppel: Hauptmann Floh (l.) und Oberstabsfeldwebel Steinecke (r.) mit ihren französischen Pendants vor der C-130J in Orléans

Armée de l'air/Défense/Olivier Fortin

„Wir wurden beide herzlich aufgenommen“, sagt Steinecke. „Alle sind sehr freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend.“ Französisch brauchen die Soldaten vor allem im normalen Alltag, im Dienst läuft fast alles auf Englisch, auch Dokumentationen und Betriebshandbuch sind in der Fliegersprache. Beide werden das erste Jahr bis zum Umzug nach Évreux ohne ihre Familien in Orléans verbringen. „Es wäre einfach zu anstrengend, wenn meine Kinder innerhalb eines Jahres gleich zweimal wechseln müssten“, erklärt der Hauptmann. „Deshalb haben meine Frau und ich uns dafür entschieden, dass die drei 2021 direkt nach Évreux kommen.“ Dort wird es dann auch bilinguale Klassen geben, so dass Flohs Sohn und Tochter einen deutschen und einen französischen Schulabschluss machen können.

Steineckes Kinder sind schon älter. Der Sohn ist in der Ausbildung, die Tochter kommt ins letzte Schuljahr. „Da ist es besser, wenn sie ihren Abschluss in der gewohnten Umgebung und Sprache macht“, finden er und seine Frau.

Die beiden Soldaten werden regelmäßig nach Hause fahren. Außerdem hat das Haus, das der Pilot und der Ladungsmeister gemeinsam gemietet haben, auch Gästezimmer, so dass genug Platz ist, wenn die Familien zu Besuch kommen.

Für die Zukunft wünschen sich beide Freunde, dass alles so weitergeht wie bisher. „Es läuft wirklich gut und ich bin glücklich mit dieser Entscheidung“, sagt Hauptmann Floh. Allerdings hat er noch ein paar Ziele auf seiner Flug-Wunschliste, zum Beispiel Guadeloupe, Martinique oder Réunion. Da alle drei französische Übersee-Départements sind, könnten sie demnächst auf seinem Flugplan stehen.



von Stefanie Pfingsten