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ENJJPTEuro NATO Joint Jet Pilot Training: Die multinationale Pilotenschule in Sheppard

ENJJPTEuro NATO Joint Jet Pilot Training: Die multinationale Pilotenschule in Sheppard

Datum:
Ort:
Sheppard
Lesedauer:
5 MIN

Seit 1981 gibt es das Euro NATO Joint Jet Pilot Training (ENJJPTEuro NATO Joint Jet Pilot Training) auf der Sheppard Air Force Base in den USA. In dieser Zeit wurden bereits mehr als 2.600 deutsche Jetpiloten hier ausgebildet.

Ein kleiner Jet über einer Startbahn. Von oben sieht man ein paar Häuser und sehr viel Landschaft.

Grenzenlos ist sie zwar nicht, die Freiheit am Himmel rund um die Sheppard Air Force Base, aber das Fluggebiet, das den angehenden Piloten zur Verfügung steht, ist trotzdem riesig

Bundeswehr/Christian Timmig

„Wir sind hier Gäste in einem internationalen Umfeld von 14 Nationen“, sagt Oberstleutnant Michael Schill. Er ist seit 2020 Dienststellenleiter des deutschen Anteils beim ENJJPTEuro NATO Joint Jet Pilot Training, „der einzigen voll fliegenden Dienststelle der Bundeswehr im Ausland“, auf der Sheppard Air Force Base bei Wichita Falls im Norden von Texas.

Der gebürtige Dürener ist seit 23 Jahren Fluglehrer und kann auf mehr als 5.500 Flugstunden verweisen. Seine Begeisterung für das Fliegen und für das, was er hier tut, ist so groß wie eh und je. „Es macht unheimlich viel Spaß, die jungen Luftfahrzeugführer fliegerisch und militärisch auszubilden für das, was sie erwartet.“

Künftige Jetpiloten kommen nach Sheppard

Die deutschen Schülerinnen und Schüler, die nach Sheppard kommen, werden nach ihrem Abschluss alle als Jetpiloten ausgebildet. Andere Länder schicken auch künftige Transporter-, Hubschrauber- und Drohnenpilotinnen oder -piloten sowie Waffensystemoffizierinnen und -offiziere.

Die Anwärter der anderen Nationen machen hier ihre erste Flugausbildung, während unsere schon in Goodyear beim Initial Flight Training waren. Dort wird man in 18 Flugstunden zum Solo ohne Fluglehrer gebracht“, sagt Schill. Trotzdem finde auch für die Deutschen in Sheppard der Großteil der Ausbildung statt.

Neben den USA und Deutschland gehören zum ENJJPTEuro NATO Joint Jet Pilot Training momentan Italien, Dänemark, Türkei, Großbritannien, Norwegen, Niederlande, Belgien, Kanada, Spanien, Rumänien, Griechenland und Portugal. Gemeinsam bilden die Länder ein Steering Committee, einen Lenkungskreis. „Diese Multinationalität hat nur Vorteile“, so Schill. „Wir bilden zusammen aus, wachsen zusammen und treffen einander immer wieder. Diese gemeinsame Zeit verbindet die Pilotinnen und Piloten der beteiligten NATO-Länder für die Zukunft.“

Pro Jahr werden acht Lehrgänge mit insgesamt bis zu 256 Teilnehmenden durchgeführt. 70 Prozent der Schüler kommen aus den USA. Deutschland schickt derzeit jährlich 24 Pilotenanwärterinnen und -anwärter. Alle acht Wochen beginnt ein neuer Lehrgang, wobei die Klassen gemischt sind.

  • Ein älterer Soldat zeigt einem jüngeren, wie ein Flugmanöver ablaufen soll

    Michael Schill hat zwei Arbeitsplätze: einen als Dienststellenleiter am Schreibtisch, den anderen als Fluglehrer in der T-38. Vor jedem Flug gibt es ein detailliertes Briefing.

    Bundeswehr/Francis Hildemann
  • Zwei Soldaten in Fliegerkombi und mit Taschen gehen an mehreren Flugzeugen vorbei.

    Dann geht’s von der Theorie zur Praxis, also raus zu den Flugzeugen. Ihre Helme tragen Lehrer und Schüler nicht unterm Arm, sondern in Taschen.

    Bundeswehr/Francis Hildemann
  • Ein Soldat kniet an der Spitze eines kleinen Jets, der andere steigt zum Cockpit hoch

    Die eiserne Regel lautet: kein Flug ohne vorherigen Check der Maschine. Das lernen die deutschen Pilotenschülerinnen und -schüler schon in Goodyear bei ihrer Grundausbildung.

    Bundeswehr/Francis Hildemann
  • Ein Soldat mit Helm sitzt in einem Cockpit und hat beide Hände an der Sauerstoffmaske

    In der T-38 sitzt die Schülerin oder der Schüler immer vorne, der Fluglehrer hinten

    Bundeswehr/Francis Hildemann
  • Zwei kleine Jets kurz nach dem Start im parallelen Steigflug

    Auch Formationsflüge werden von der Pike auf gelernt, also erst mal mit zwei Luftfahrzeugen. Später wird es dann komplexer.

    Bundeswehr/Francis Hildemann

Viel Platz, wenig Menschen, schönes Wetter

Das Fluggebiet, das dem ENJJPTEuro NATO Joint Jet Pilot Training zur Verfügung steht, ist riesig. Es entspricht ungefähr einem Viertel des gesamten deutschen Luftraumes und ist nicht dicht besiedelt. Schill: „Wir haben viel Platz, meist schönes Wetter und fast keine Beschwerden über den Fluglärm.“ Tornados, Blizzards und Gewitter gebe es nur im Frühjahr.

Geflogen wird in einem 200-Kilometer-Radius um Sheppard herum. Hier gibt es zahlreiche Fluggebiete für alle Ausbildungsphasen, von den ersten Platzrunden bis zur IFFIntroduction to Fighter Fundamentals-Ausbildung für Tiefflüge und den Instrumentenflug.

Die drei Phasen der Ausbildung

Die insgesamt 55 Ausbildungswochen gliedern sich in drei Phasen. In den ersten fünf Wochen der Phase 1 wird Theorie gepaukt. Phase 2 dauert 28 Wochen. In dieser Zeit absolvieren die Pilotenschülerinnen und -schüler 104 Flugstunden mit der Beechcraft T-6, 52 Simulatorstunden, 220 Stunden Theorie und sieben Checkflüge. Phase 3 umfasst 90 Flugstunden mit der T-38C, 47 Stunden im Simulator und 104 Stunden Theorie. Ein straffes Programm, denn auch in ihrer Freizeit müssen die künftigen Pilotinnen und Piloten viel lernen. Zwölf-Stunden-Tage sind für sie normal.

Ein kleines Propellerflugzeug hebt von einer Startbahn ab

Auf der Beechcraft T-6 lernen die künftigen Pilotinnen und Piloten das Starten und das Landen. Sie bekommen ein Gefühl fürs Fliegen und drehen ihre ersten Platzrunden.

Bundeswehr/Francis Hildemann
Ein Jet, vorne und hinten schwarz lackiert, in der Mitte weiß, fliegt über einer Wolkendecke

Mit der T-38 erleben die Pilotenschüler erstmals, wie es ist, mit Überschallgeschwindigkeit und in Formation zu fliegen

Bundeswehr/Christian Timmig

„Diese Aufteilung hat sich bewährt und ist sehr erfolgreich“, sagt Schill. „Die Grundlagen wie Start, Landung, Notfallverfahren und die ersten Platzrunden lehren wir in der T-6. Die Fortgeschrittenen steigen auf die T-38 um, den leichten Jet für den Überschallbereich, und beginnen hier mit ersten Flugmanövern. Danach folgen der Instrumentenflug und die Formationsphase mit zwei und vier Flugzeugen. In der Formation erleben die Pilotenanwärter erstmals, was dreidimensionales Fliegen wirklich bedeutet.“

Neben „alten“, erfahrenen Fluglehrern unterrichten in Sheppard auch junge, die direkt aus der Ausbildung kommen. Das sind die, die direkt nach dem Pilotenschein in Sheppard bleiben und eine fünfmonatige Ausbildung als Fluglehrer machen. „Diese Mischung ist sehr gut für die Schülerinnen und Schüler“, findet Schill. „Die Älteren bringen mehr Lebenserfahrung und Ruhe mit, die Fluglehrer in Erstverwendung wissen noch genau, wie man sich als Schüler fühlt.“

Die Schwinge: Der Führerschein des Militärpiloten

Die Schwinge, auf die hier in Sheppard alle hinarbeiten, ist der „Führerschein“ eines Militärpiloten. Alle, die bestehen, erhalten die amerikanische und ihre nationale Schwinge. Vier Wochen vor deren Verleihung wird in der sogenannten Drop Night bekanntgegeben, wer für welches Luftfahrzeug vorgesehen ist. „Der Tornado ist schwieriger zu fliegen als der Eurofighter“, sagt Schill. „Dafür ist beim Eurofighter mehr Task Management erforderlich, weil man dort mehr Displays hat und alles allein regeln muss.“

Wer es geschafft und die Schwinge erhalten hat, absolviert danach die zehnwöchige Introduction to Fighter Fundamentals (IFFIntroduction to Fighter Fundamentals) auf der T-38. Hier lernen die Pilotinnen und Piloten die Grundzüge des Luftkampfes. Erst wenn sie auch diesen Kurs bestanden haben, werden sie später im sogenannten B-Course auf dem Luftfahrzeugmuster ausgebildet, für das sie bei der Drop Night bestimmt werden. Für die Deutschen ist das derzeit entweder der Eurofighter oder der Tornado. Diese Ausbildung findet dann allerdings in anderen Verbänden statt.

Zwei unterschiedliche goldfarbene Schwingen auf einem blauen Uniformstoff

Das sind die deutschen und die USUnited States-amerikanischen Wings, die jeder Militärluftfahrzeugführer, wie die Piloten der Bundeswehr offiziell heißen, als Tätigkeitsabzeichen trägt

Bundeswehr

Fluglizenz noch vorm Führerschein

Schill ist seit 1991 bei der Bundeswehr. Schon sein Vater war Soldat, deshalb wuchs Schill in Nörvenich auf. „Dort gab es eine Sportfluggruppe der Bundeswehr“, erzählt der Oberstleutnant. „Meinen allerersten Flug habe ich auf dem Schoß der Mutter gemacht und mit 17 hatte ich schon die Segel- und die Motorfluglizenz, noch vorm Führerschein.“

Für das Fliegen hat Schill seine andere Leidenschaft, den Fußball, aufgegeben. Denn eine Zeitlang war er Vertragsamateur bei Alemannia Aachen. In seiner Karriere bei der Bundeswehr ist der 53-Jährige Alpha Jet und Tornado geflogen, war Staffelkapitän des Taktischen Ausbildungszentrums, hat im Luftwaffenführungskommando unter anderem die fliegerische Standardisierung für den Fachbereich Tornado betreut und war beim Luftfahrtbundesamt im Referat fliegerische Standardisierung der Bundeswehr. 

Als Dienststellenleiter wird er bis September 2025 in Sheppard bleiben. Er ist Fluglehrer und Waffenlehrer für den Tornado und Fluglehrer für die T-38. Schill liebt seine Arbeit. „Wir sind hier ein tolles Team, alle sind hoch motiviert. Ich freue mich sehr darüber.“

Ablösung für die T-38

Das, was er sich für das ENJJPTEuro NATO Joint Jet Pilot Training noch wünscht, ist ein neues Ausbildungsflugzeug: die T-7, die irgendwann die T-38 ablösen soll. „Die T-7 ist im Vergleich zur T-38 einfacher zu fliegen und ihr Cockpit ist dem der F-35 ähnlich.“

von Stefanie Pfingsten

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