Marine

Schiffstechnik: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“

Schiffstechnik: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“

  • Menschen
  • Marine
Datum:
Ort:
Wilhelmshaven
Lesedauer:
6 MIN

Korvettenkapitän Caroline Laabs ist Schiffstechnischer Offizier der Fregatte „Sachsen“. Bei der Marine hat sie ihren Jugendwunsch verwirklicht, sowohl mit Menschen als auch mit Technik zu arbeiten. Und: Sie ist auch die erste Frau in dieser wichtigen Position.

Porträtbild einer Marineoffizierin in blauer Arbeitsuniform mit weißem Schutzhelm

Caroline Laabs auf dem Flugdeck ihres Schiffs. Die „Sachsen“ liegt gerade in der Werft und ist fast komplett eingerüstet.

Bundeswehr/Steve Back

Frau Kap’tän, wann und wie sind Sie zur Bundeswehr beziehungsweise Marine gekommen?

Während meines vorletzten Schuljahres 2002 hatte ich drei Tage in Kiel an einem Truppenbesuch teilgenommen – das bot mir die Möglichkeit, an einer Seefahrt auf dem damaligen Binnenminensuchboot „Frauenlob“ teilzunehmen. Von der Kameradschaft, dem Zusammenhalt und der Freude, die alle Soldaten der Besatzung ausgestrahlt haben, war ich absolut begeistert. Für mich war ab diesem Moment klar, dass ich ein Teil davon werden wollte und es mich dazu aus dem Süden Deutschlands in den „hohen Norden“ verschlagen würde.

Wollten Sie mit Einstieg in die Marine schon immer Schiffstechnikoffizier auf einer Fregatte werden?

Für mich stand immer fest, dass ich eine technische Laufbahn einschlagen möchte. Während meines Praktikums Flotte an Bord des Einsatzgruppenversorgers „Frankfurt am Main“ haben mich die Menschen in der Technik und die Technik selber in meiner Entscheidung bestärkt. Während meines Elektrotechnik-Studiums an der Bundeswehr-Universität in München konnte ich auf der Fregatte „Bayern“ ein weiteres Praktikum absolvieren, was mich für eine erste Verwendung nach dem Studium auf so einem Schiff begeisterte. Schon während dieser Erstverwendung, und durch meine tollen Vorgesetzten, verfestigte sich bei mir der Wunsch, irgendwann mal STO eines Kriegsschiffes zu werden.

„Ich sorge dafür, dass das Schiff aus schiffstechnischer Sicht immer einsatzklar ist“

Welcher Teil der Besatzung untersteht Ihnen und wie gliedert sich dieser Bereich auf?

Mir untersteht der gesamte Hauptabschnitt 200 Schiffstechnik. Der gliedert sich in die drei Teileinheiten Schiffsbetriebstechnik, Elektrotechnik und Antriebstechnik. Das sind zusammen rund 50 Personen von einer über 200-köpfigen Besatzung.

Was sind Ihre Aufgaben als STO auf einer Fregatte?

Mein Tätigkeitsfeld ist mannigfaltig. Es beginnt damit, dass ich als Hauptabschnittsleiter meinen Hauptabschnitt in allen Belangen – personell und technisch – vor dem Kommandanten und dem Ersten Offizier vertrete. Ich sorge dafür, dass das Schiff aus schiffstechnischer Sicht für die Seefahrten immer einsatzklar ist.

Ein graues Kriegsschiff in See.

Die Fregatte „Sachsen“ während des jährlichen Flugkörperschießens der Marine vor Andoya in Norwegen 2016

Bundeswehr/Jule Peltzer

Dabei spielt es in der Schiffstechnik weniger eine Rolle, ob es sich um eine Tages-Seefahrt oder um einen sechsmonatigen Einsatz handelt. Sowohl die Antriebsanlage, die Spannungsversorgung im Schiff als auch die Sanitäranlagen müssen zu jeder Zeit funktionstüchtig sein.

Darüber hinaus bin ich erste Beraterin für den Kommandanten in schiffstechnischen Fragen und Angelegenheiten. Weil das ein sehr umfangreiches Aufgabengebiet ist, kann ich immer auf mein Team zurückgreifen. Deren Ausbildung und Weiterbildung, Koordinierung der Balance zwischen Wachbelastungen und Freistellungen, Schreiben von Beurteilungen et cetera liegt in meiner Verantwortung. Die Arbeit mit Personal und Technik bereitet mir sehr viel Freude, sie umfasst all‘ das, was ich mir von dieser Verwendung erhofft und versprochen habe.

„Ich wusste, dass die Crew diese Extremlage meistern würde“

Welches war Ihr bisher prägendstes Erlebnis in der Seefahrt und in der Schiffstechnik?

Das war mit Abstand der Flugkörperunfall auf der „Sachsen“ im Juni 2018 vor der norwegischen Küste. Während und nach diesem Vorfall habe ich erlebt, wie wichtig die Zusammenarbeit aller und zwingend notwendig das Vertrauen sind, die an Bord eines Kriegsschiffes herrschen müssen. All‘ die Ausbildung, all‘ die Trainings, die wir während der Jahre unserer Ausbildung durchlaufen, kamen hier zum Einsatz. Trotz einer Lage, wie sie in der Deutschen Marine noch nie vorgekommen ist, wusste ich, dass die Crew diese Extremlage meistern würde.

Schlussendlich haben wir das Schiff, mit Unterstützung der Fregatte „Lübeck“, die uns damals begleitete, wieder sicher in unseren Heimathafen Wilhelmshaven bringen können. Wir hatten zwar einen materiellen Schaden, mussten aber – glücklicherweise – keine gesundheitlichen Ausfälle beklagen.

Muss man für den STO einen bestimmten Studiengang vorweisen?

Derzeit sind die Vorgaben gemäß Anforderungsprofil der Marine so, dass ein technischer Studiengang erforderlich ist. Dies ist aus meiner Sicht auch zwingende Voraussetzung. Natürlich stehen die Befähigung zur Menschenführung und ein gewisses Talent für Organisation für die Tätigkeit des Hauptabschnittsleiters im Vordergrund, nichtsdestoweniger ist technisches Verständnis, wie es ein technischer Studiengang vermittelt, unabdingbar. Hierzu zählen sämtliche technische Studiengänge; wie Luft- und, Elektrotechnik, Maschinenbau, Informatik, Raumfahrttechnik und so weiter.

Gibt es spezielle Lehrgänge, die man als STO durchlaufen muss?

Ja, allerdings. Im Anschluss an das Studium erfolgen für alle jungen Marineoffiziere die sogenannten A-wertigen Lehrgänge. Dazu gehören insbesondere der Lehrgang „Marine Vertiefung A Schiffstechnik für Offiziere“ für circa neun Monate an der Marinetechnikschule in Parow, und der Lehrgang „Schadensabwehr für Offiziere“ am Einsatzausbildungszentrum Schadenabwehr der Marine in Neustadt in Holstein Diese Lehrgänge legen die Grundlagen für die schiffstechnischen Aufgaben und dienstlichen Verwendungen.

„Wichtig ist, dass die gesamte Besatzung immer am gleichen Strang zieht“

Muss man sich auf einer Fregatte, um STO zu werden, auch erst einmal in einer Schülerfahrt behaupten?

Nein, eine Schülerfahrt, so wie es auf U-Booten erforderlich ist, gibt es nicht. Allerdings verläuft der Weg zum Schiffstechnikoffizier über ein Zertifizierungsverfahren. Das heißt, man qualifiziert sich an Bord in verschiedenen aufeinander aufbauenden Verwendungen. Als Elektrotechnikoffizier musste ich die Eignung für die Verwendung als Antriebsoffizier nachweisen und entsprechend als Antriebsoffizier musste ich die STO-Eignung nachweisen, um jeweils für die nächstfolgende Verwendung in Betracht gezogen zu werden.

Zurzeit liegt die „Sachsen“ im Dock des Marinearsenals Wilhelmshaven. Was ist der Unterschied zum Alltag in der Seefahrt beziehungsweise die Herausforderung im Arsenal?

Eine Marinesoldatin und ein Marinesoldat in blauer Arbeitsuniform in einem Raum mit großen grauen Kästen.

Chefin des Maschinenraums: Laabs hat direkte Verantwortung für über 50.000 PS und 50
Schiffstechnikerinnen und -techniker. Hier im Schaltraum der „Sachsen“ mit einem ihrer Obermaaten

Bundeswehr/Steve Back

Wegen der Arbeiten für diese sogenannte Planmäßige Instandsetzung ist das Bordkommando „ausgezogen“ und verrichtet seinen Dienst aufgeteilt in Büroräumen im Arsenal und in der Ebkeriege-Kaserne. Der Hauptabschnitt 200, die Schiffstechnik, der die Instandsetzung maßgeblich begleitet, befindet sich natürlich mehrheitlich im Arsenal.

Als Hauptabschnittsleiterin bin ich vorrangig in Besprechungen mit den zuständigen Firmen, Vertretern des Marinearsenals, Marineunterstützungskommandos und Bundeswehr-Ausrüstungsamt gebunden. An Bord und den Werkstätten überzeuge ich mich regelmäßig vom Fortschritt der Instandsetzungsarbeiten, bearbeite aber auch Personalangelegenheiten meiner Soldaten.

Außerhalb der Werftliegezeiten, unabhängig von Seefahrten, verrichten wir unseren Dienst an Bord. Hierbei bin ich vorrangig für die Funktionstüchtigkeit der technischen Anlagen für die Seefahrt und für die Einsatzbereitschaft meines Hauptabschnitts verantwortlich. Speziell im Seebetrieb sind Absprachen zwischen den Hauptabschnitten von immenser Bedeutung. Wichtig ist, dass die gesamte Besatzung immer am gleichen Strang zieht. In eigenen Lagen planen die Hauptabschnittsleiter mit dem Kommandanten und dem Ersten Offizier den Tages- beziehungsweise Wochenverlauf und stimmen die Belange der Hauptabschnitte ab.

„Die Werftliegezeit bietet Einblicke, die die Soldaten sonst nicht haben“

Wie üben Sie mit Ihrem Hauptabschnitt in dieser Werftzeit, um die Professionalität beizubehalten?

Viele meiner Soldaten sind während der Werftzeit auf anderen Fregatten eingeschifft. Zum einen unterstützen sie somit die Schwesterschiffe und bleiben zum anderen technisch fit. Für die Kameraden, die nicht auf anderen Einheiten unterstützen, bieten sich diverse Ausbildungsmöglichkeiten an: in der Einsatzausbildung hier in Wilhelmshaven, an der Marinetechnikschule in Parow oder auch an Bord. Speziell in der Schiffstechnik bietet die Werftliegezeit Einblicke in Aufbau und Funktionsweise der Anlagen, die die Soldaten sonst nicht haben und deshalb ausgiebig nutzen.

Zum Schluss: Haben Sie einen Tipp, einen Rat für alle, die sich für eine Aufgabe in der Schiffstechnik interessieren?

Na klar. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und solange jemand interessiert an eine Sache herangeht, kann er oder sie nahezu alles schaffen. Die Technik bereitet Spaß, das Team ist klasse und Seefahrten mit der Möglichkeit, Länder und Kulturen kennen zu lernen, sind unbezahlbar! Es kommt immer auf einen Versuch an. Als Frau kann ich behaupten, dass mir die Arbeit mit den „Heizern“ unbeschreiblich viel Spaß bereitet und ich die Zeit als Schiffstechnikoffizier sehr genieße.

von  Interview: Julia Haberichter  E-Mail schreiben

Caroline Laabs

wurde 1985 bei Stuttgart geboren und ist in Franken aufgewachsen. 2004 ist sie an der Marineschule Mürwik in die Bundeswehr eingetreten und ist mittlerweile Berufssoldatin. Von 2005 bis 2009 studierte sie an der Universität der Bundeswehr München Elektrotechnik (FH). 2017 wurde sie Schiffstechnischer Offizier auf der Luftverteidigungs-Fregatte „Sachsen“. Ab Frühsommer 2019 wechselt sie in die Personalabteilung des Marinekommandos.

Mehr zum Thema