Auftrag und Geschichte der Evangelischen Militärseelsorge
Warum gibt es Militärseelsorge – und seit wann? Wird sie heute noch gebraucht?
Warum gibt es Militärseelsorge – und seit wann? Wird sie heute noch gebraucht?
Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde bei den Überlegungen zur Gründung neuer deutscher Streitkräfte die Seelsorge bereits mitgedacht. Die Regierung der jungen Bundesrepublik und die Kirchen berieten schon 1950 – also fünf Jahre vor Gründung der Bundeswehr – über Fragen der Militärseelsorge und der Kriegsdienstverweigerung. Die Kirche plädiert für das Recht jedes einzelnen, nicht Soldatin oder Soldat werden zu müssen, wenn das Gewissen etwas anderes sagt. Auch wer den Streitkräften beitritt, soll seinen Glauben leben können und Zugang zur Seelsorge haben. So regelt das Soldatengesetz von 1956, dass jeder Soldat „einen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung“ hat. Staat und Kirche besiegelten dies durch die gemeinsame Unterzeichnung des Militärseelsorgevertrages am 22. Februar 1957.
Die Militärseelsorge als Teil der kirchlichen Arbeit wird im Auftrag und unter Aufsicht der Kirche ausgeübt. Der Staat sorgt für den organisatorischen Aufbau der Militärseelsorge und trägt ihre Kosten.
„Nie wieder Totalitarismus!“ – Das war eine der Lehren, die Deutschland aus der Gewaltherrschaft und den Weltkriegen gezogen hatte. Für die neuen Streitkräfte hieß dies: Alles, was zivil geleistet und verantwortet werden konnte, blieb zivil. Das betrifft die Bundeswehrverwaltung, die Rechtspflege und auch die Militärseelsorge, die von Anfang an in kirchlicher Verantwortung blieb. Daraus entsteht Unabhängigkeit: Kein Kommandeur kann eine Predigt oder ein Gebet befehlen oder verbieten, kein Militärgeistlicher meldet weiter, was ihm in seelsorglichen Gesprächen anvertraut wird – auf die Verschwiegenheit der Militärseelsorger ist Verlass.
Die Regelungen für die Unabhängigkeit der Militärseelsorge erwiesen sich nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 als besonders wertvoll. Den ehemaligen Angehörigen der Nationalen Volksarmee war Militärseelsorge unbekannt. Und auch die Kirchen in den ostdeutschen Bundesländern, die allen staatlichen Kräften jahrzehntelang eher kritisch gegenüberstanden, gingen jede Zusammenarbeit mit dem Staat sehr zurückhaltend an.
So dauerte es einige Jahre, bis die Regelungen des ehemals westdeutschen Militärseelsorgevertrages für alle Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland angewandt wurden. Die Aufgaben der Evangelischen Militärseelsorge und ihre Grundkonstruktion sind seit jeher die gleichen: Die Seelsorge in der Bundeswehr bleibt eine kirchliche Arbeit. Sie steht unter kirchlicher Leitung und Verantwortung – auch wenn der Staat die Organisation und einen Großteil der Kosten übernimmt.
Eingang des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr in Berlin
Evangelische Militärseelsorge„Seelsorge tut gut!“ – Diese Erfahrung machen die meisten Menschen in ihrem Leben. Auch die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr unterstützen diese These: In einer repräsentativen Bedarfsstudie aus dem Jahr 2026 gaben 91 Prozent der Befragten an, dass sie die Militärseelsorge in der Bundeswehr wertschätzen. Der Bedarf für Seelsorge in den Streitkräften ist also nach wie vor hoch – besonders in Zeiten voller Spannungen und Konflikte.
Begleiten, ermutigen, verkündigen und orientieren – diese Worte beschreiben den Auftrag der Militärseelsorge. Die wichtigste Aufgabe der evangelischen Seelsorgerinnen und Seelsorger ist es, einfach für Bundeswehrangehörige präsent zu sein – als vertrauenswürdige und verschwiegene Gesprächspartner, aber auch mit dem Angebot von Gottesdiensten und Andachten.
Auch ihre Aufgabe, die Orientierung in ethischen Fragen zu unterstützen, nimmt die Militärseelsorge sehr ernst und bildet die evangelischen Militärgeistlichen für den Lebenskundlichen Unterricht in der Bundeswehr intensiv aus. Im Unterricht betrachten die Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst und ihr Leben mit etwas Abstand und reflektieren mithilfe der Geistlichen ihre Werte und Lebensentscheidungen.