Gesundheitsversorgung: Eine gesamtstaatliche Aufgabe
Wie dieser Kraftakt gelingen kann, besprachen hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik sowie dem Unterstützungsbereich.
Die Versorgung einer großen Anzahl kontaminierter Verletzter zählt zu den anspruchsvollsten Szenarien im Gesundheitswesen. Um auf einen solchen Ernstfall vorbereitet zu sein, trainierten das Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz und die BG Unfallklinik Ludwigshafen im Mai gemeinsam den Aufbau und Betrieb einer Verletzten-Dekontamination.
Mit Hilfe eines Dosimeters kann die Strahlenbelastung der Verletzten festgestellt werden
Bundeswehr/Helmut von Scheven
Werden an einem Krankenhaus Verletzte angeliefert, die mutmaßlich atomaren, biologischen oder chemischen Stoffen ausgesetzt waren, müssen sie vor der weiteren Behandlung im Krankenhaus dekontaminiert werden. Um das zu üben, fahren die blauen und roten Fahrzeuge des Technischen Hilfswerkes und der Feuerwehr Ludwigshafen vor dem Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz vor. Neben Material zur Dekontamination haben sie auch spezialisiertes Personal der BG Klinik Ludwigshafen an Bord.
Es ist der Beginn einer in Art und Umfang bisher einzigartigen Übung: Zehn Angehörige des Bundeswehrkrankenhauses und elf Einsatzkräfte der BG Klinik Ludwigshafen trainieren in dem Übungsszenario die Versorgung von Verletzten nach einer Kontamination durch radioaktive Strahlung nach einen Industrieunfall.
Die Klinik in Ludwigshafen ist eine Einrichtung der Berufsgenossenschaft (BG) und gesetzlichen Unfallversicherer in Deutschland. Als Teil der BG Kliniken ist die Ludwigshafener Klinik gemäß ihres gesetzlichen Auftrages spezialisiert auf die Behandlung und Wiederherstellung von Opfern schwerer Unfälle und deshalb für den Sanitätsdienst ein wichtiger Austauschpartner.
Oberfeldarzt Benjamin B. hat die Übung organisiert und verantwortet den Krankenhausalarm- und -einsatzplan am Koblenzer Bundeswehrkrankenhaus. „Angesichts der veränderten sicherheitspolitischen Lage und der Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung gewinnt die Vorbereitung auf komplexe Schadenslagen zunehmend an Bedeutung“, betont der Facharzt für Anästhesie.
Gemischte Teams beider Krankenhäuser unterstützen sich gegenseitig beim Anlegen der orangefarbenen Schutzausrüstung. Bis alles richtig sitzt, vergehen mehrere Minuten. Doch Sicherheit geht vor. Daher prüfen die Angehörigen der Teams jede Nahtstelle ganz genau – denn wenn ein Anzug undicht sein sollte, wird der Helfer oder die Helferin schnell selbst zu jemandem, dem oder der geholfen werden muss.
Sicherheit geht vor: Damit die persönliche Schutzausrüstung auch richtig sitzt, helfen sich die Kräfte gegenseitig beim An- und Ausziehen
Bundeswehr/Helmut von Scheven
Mit Wasser aus einem separaten Wassertank befreien die Spezialistinnen und Spezialisten die Haut von kontaminierten Stoffen
Bundeswehr/Helmut von Scheven
Oberfeldarzt Benjamin B. (Mitte) hat die Übung organisiert und verantwortet am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz den Krankenhausalarm- und -einsatzplan
Bundeswehr/Helmut von SchevenFür Oberfeldarzt Benjamin B. verdeutlicht die gemeinsame Übung, dass die Bewältigung solcher Szenarien nur im engen Schulterschluss ziviler und militärischer Kräfte möglich ist. Seiner Ansicht nach darf die Fähigkeit zur Versorgung kontaminierter Verletzter kein Spezialthema einzelner Zentren bleiben. Denn der Sanitätsdienst der Bundeswehr geht davon aus, dass Feuerwehren und spezialisierte Kräfte des Bevölkerungsschutzes bei einer komplexen Lage mit einer radioaktiven Kontamination an ihre Belastungsgrenzen gelangen könnten.
Krankenhäuser müssten daher in der Lage sein, erste Maßnahmen eigenständig einzuleiten und den Schutz von Personal, Patientinnen und Patienten sowie eigener Infrastruktur sicherzustellen, so der Oberfeldarzt. „Übungen wie diese schaffen Handlungssicherheit bei unserem Personal, fördern die Zusammenarbeit verschiedener Akteure und helfen dabei, Abläufe unter realitätsnahen Bedingungen zu erproben.“
Die Dekontaminationsübung am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz zeigt beispielhaft, wie zivile und militärische Partner gemeinsam Verantwortung für die Gesundheitsversorgung in Krisen- und Konfliktsituationen übernehmen: professionell, vernetzt und mit Blick auf die Herausforderungen zukünftiger Einsatz- und Bedrohungslagen. „Wir behandeln jährlich rund 150 Patienten, die mit überwiegend chemischen Giftstoffen in Verbindung gekommen sind“, betont Professor Dr. Dr. Michael Kreinest die Erfahrung seines Teams. Er ist Leiter der Stabsstelle Katastrophenmedizin an der BG Klinik Ludwigshafen.
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