Was der Sanitätsdienst aus dem Krieg in der Ukraine lernt
Ein Team untersuchte in der Ukraine die Versorgung Verwundeter im Drohnenkrieg und gewann Erkenntnisse für den deutschen Sanitätsdienst.
- Datum:
- Ort:
- Ukraine
Ein Team untersuchte in der Ukraine die Versorgung Verwundeter im Drohnenkrieg und gewann Erkenntnisse für den deutschen Sanitätsdienst.
Wie verändert ein Drohnenkrieg die militärische Verwundetenversorgung? Der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr und sein Expertenteam sprachen Ende September 2026 in Kyjiw und Dnipro mit ukrainischen Ärzten über Verwundungsmuster, taktische Verwundetenversorgung, Sanitätslogistik und Blutversorgung. Fünf Erkenntnisse sind besonders relevant.
Bodengebundene Drohnen spielen eine immer größere Rolle in der Ukraine. Sie bieten der taktischen Führung die Möglichkeit, wichtige medizinische Güter in die Kill Zone zu bringen, und werden auch für die Patientenevakuierung genutzt.
IMAGO/DepositphotosDie Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine zeigen ein deutlich verändertes Bild der Verwundungen. Nach ukrainischen Angaben werden rund 90 Prozent der Verwundungen durch Drohnen verursacht. Das direkte Gefecht ist nach Einschätzung ukrainischer Sanitätsfachleute deutlich seltener geworden, denn Drohnen können den Raum hinter der eigentlichen Kontaktlinie auf große Entfernung überwachen und bekämpfen. Die sogenannte Kill Zone erstrecke sich dabei über rund 25 Kilometer.
„Meine Erwartung an die Reise in die Ukraine ist es, Erkenntnisse für unseren Sanitätsdienst zu gewinnen, Informationen zur Rettungskette, aber auch zu Strukturen, zu Ausbildungsinhalten und mit welchem Sanitätsmaterial wir die Ukraine in ihrem Kampf besser unterstützen können“, so Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr.
Besonders auffällig sind die Verletzungsmuster durch Loitering Munition, insbesondere Drohnen mit Handgranaten. Diese werden gezielt auf die Brustplatte eines Soldaten gelenkt und führen neben Verletzungen im Gesicht und am Hals auch zu besonders schweren Verletzungen an Armen und Händen. Rund 85 Prozent der Verletzungen der oberen Körperhälfte sind nach ukrainischen Angaben Augenverletzungen. Schutzbrillen sind bei den ukrainischen Streitkräften kaum verbreitet.
Nicht nur die Verwundungsmuster verändern sich. Auch die Art, wie Verwundete aus dem Gefahrenbereich gebracht werden, muss angepasst werden. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr untersucht deshalb den Einsatz bodengebundener und luftgebundener unbemannter Systeme, sogenannter UGVs (Unmanned Ground Vehicles) und UAVs (Unmanned Aerial Vehicles). Das Sanitätsregiment 3 in Dornstadt erprobt dafür unter anderem eine erste Drohnenteileinheit.
Die ukrainischen Erfahrungen zeigen, dass solche Systeme bereits heute einen kleinen, aber relevanten Teil der Patientenevakuierung übernehmen. Der Vorteil liegt vor allem dort, wo eine Evakuierung mit bemannten Fahrzeugen weitere Soldaten gefährden würde. „Der Einsatz von UGVs erhöht die Resilienz und die Flexibilität des taktischen Führers und entlastet so die Truppe“, sagt Oberstarzt i.G. Dr. Tim-Oliver Trotzke aus der Abteilung Einsatz und Gesundheitsversorgung im Unterstützungskommando. Wenn es keine Möglichkeit gibt, einen Verwundeten ohne zusätzliches Risiko für weitere Soldatinnen und Soldaten zu evakuieren, könne ein unbemanntes System eine gute Alternative sein.
Nach Einschätzung von Generaloberstabsarzt Hoffmann müssen die Sanitätskräfte daher lernen, mit unterschiedlichen unbemannten Luft- und Bodensystemen umzugehen, um maximal flexibel reagieren zu können. Drohnen könnten künftig nicht nur für die Verwundetenrettung eingesetzt werden, sondern auch Sanitätsmaterial oder Blutkonserven in gefährdete Bereiche transportieren.
Drohnenangriffe können zu schweren Verwundungen an den oberen Extremitäten und im Gesicht führen. Eine Lehre für den Sanitätsdienst ist, die persönliche Schutzausstattung auf die neuen Bedürfnisse und Verletzungsmuster zu überprüfen.
IMAGO/Anadolu Agency
Stabilisierungspunkte und Behandlungseinrichtungen werden in der Ukraine zunehmend eingegraben. Damit erhöht sich der Schutz, und die Aufklärungsmöglichkeiten durch feindliche Drohnen werden reduziert. Eine wichtige Erkenntnis für den Sanitätsdienst.
IMAGO/Avalon.redAuch die Behandlung selbst verändert sich durch den Einsatz von Drohnen. In der Ukraine werden Behandlungseinrichtungen der Ebenen 1 und 2 der militärischen Rettungskette zunehmend unterirdisch oder in den Boden eingegraben betrieben. Der Grund ist einfach: Eine medizinische Einrichtung, die vom Gegner erkannt und bekämpft werden kann, ist unter den Bedingungen des Kriegs in der Ukraine selbst gefährdet. Nach ukrainischen Angaben blieb eine eingegrabene Behandlungseinrichtung im Raum Saporischschja nach einem Angriff mit zehn Gleitbomben ohne verletztes Personal. Der Schutz durch die bauliche Ausgestaltung kann somit entscheidend sein.
Für den Sanitätsdienst der Bundeswehr stellt sich deshalb die Frage, wie Behandlungseinrichtungen auch unter den Bedingungen einer anhaltenden Drohnenbedrohung aus der Luft geschützt, verlegt und betrieben werden können. Generaloberstabsarzt Hoffmann kündigte nach der Reise eine engere Zusammenarbeit mit den Kräften der Spezialpioniere aus Husum an, die wie der Sanitätsdienst auch zum Unterstützungsbereich gehören. Deren schweres Gerät wäre geeignet, um Behandlungseinrichtungen schnell unter Tage zu bringen und entsprechende Verfahren für die Bundeswehr zu erproben.
Eine weitere Lehre zieht die Delegation für den Zeitraum zwischen Verwundung und Behandlung. In der Ukraine können aktuell zwischen der Verwundung und dem Eintreffen in einer Behandlungseinrichtung der Ebene 2 der Rettungskette bis zu zwölf Stunden liegen. Dadurch gewinnt einerseits die taktische Verwundetenversorgung an Bedeutung, andererseits werden auch weiterhin sogenannte sanitätsdienstliche Hochwertressourcen gebraucht. Die ukrainischen Streitkräfte setzen angesichts der Verwundungen durch Drohnen im Gesicht und Halsbereich auch Spezialisten wie Augen- oder HNO-Ärzte vergleichsweise weit vorn ein. Ziel ist eine frühe fachgerechte Behandlung, um die Chancen auf eine langfristige Rehabilitation zu erhöhen.
Die Problematik der teils sehr langen Zeit zwischen Verwundung und Behandlung ist an der hohen Zahl von Amputationen zu erkennen. Auch wenn die unmittelbare Behandlung mit einem Tourniquet zunächst lebensrettend sein kann, ist eine schnelle weitere Versorgung unverzichtbar, um Gliedmaßen zu erhalten. Ukrainische Gesprächspartner sprachen von rund 100.000 Amputationen bei ukrainischen Soldaten seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022.
Für die Bundeswehr bedeutet das eine Anpassung der Ausbildung. Schon im Vorfeld der Reise wurden die Lehrgangslandschaft sowie die Inhalte für Ersthelfer und medizinisches Personal in der Bundeswehr überprüft. „Wir haben aufgrund der Erkenntnisse aus der Ukraine die Lehrgangsinhalte massiv verändert. Mit dem Combat Life Saver wird der ehemalige Ersthelfer in der Truppe besser befähigt, sich länger um schwer verletzte Kameradinnen und Kameraden zu kümmern, bevor professionelle Kräfte die Patientinnen und Patienten übernehmen“, so Oberstarzt Dr. Dennis Ritter, Leitender Rettungsmediziner der Bundeswehr. Die Lehrgänge werden 2026 ausgerollt. Mittelfristig soll die gesamte Truppe entsprechend befähigt werden.
Die Lehrgangsteilnehmerinnen dokumentieren das Verletzungsmuster während des Lehrgangs Combat Physician. Zusammen mit dem Combat Life Saver und dem Combat Paramedic ist er direkt aus den Erkenntnissen aus der Ukraine entstanden.
Bundeswehr/Helmut von SchevenDie Reise nach Kyjiw und Dnipro Mitte September 2026 war für Generaloberstabsarzt Hoffmann kein einmaliger Informationsbesuch. Der Zentrale Sanitätsdienst steht bereits seit Jahren im engen Austausch mit den ukrainischen Streitkräften. Der Austausch soll in Zukunft noch enger und nachhaltiger auf unterschiedlichen Ebenen fortgesetzt werden – neben den konkreten Bedarfen an Unterstützungsleistung auch zu Erkenntnissen zu Verletzungsmustern, chirurgischer Versorgung, Sanitätslogistik, Ausbildung, Einsatz von Drohnen und Digitalisierung.
Der Krieg in der Ukraine verändert nicht nur die Art der Verwundungen. Er stellt die gesamte Rettungskette auf den Prüfstand – von der persönlichen Schutzausrüstung über die Versorgung durch die Truppe und die Patientenevakuierung sowie den Schutz, der Behandlungseinrichtungen gegen Drohnenangriffe bis hin zur Verteilung von Verwundeten in der Behandlungsebene 4 an zivile Krankenhäuser. Diese Erfahrung wertet der Sanitätsdienst der Bundeswehr systematisch aus, um Erkenntnisse in die eigene Ausbildung, Ausstattung und Einsatzplanung einfließen zu lassen.
„Wir machen den international schon sehr guten Sanitätsdienst damit noch ein bisschen besser“, so Hoffmann. Eine These, die auch die ukrainischen Ärztinnen und Ärzte im Militärkrankenhaus Ost bestätigten: „Die Bundeswehr hat sehr gut ausgebildete Ärzte und einen sehr gut funktionierenden Sanitätsdienst, wir aber haben die Erfahrung“, beschrieb es ein ukrainischer Sanitätsoffizier. Von der engen Zusammenarbeit profitieren letztlich beide Seiten.
Zu Beginn der Reise werden vor dem Einstieg in den Zug in Polen Tourniquet, Emergency Bandage und starke Schmerzmittel an die Delegationsmitglieder ausgegeben. Wenige Wochen zuvor wurde ein ähnlicher Nachtzug von russischen Drohnen angegriffen.
Bundeswehr/Markus Bayer
Im Zug bespricht Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann den Ablaufplan. Welches Delegationsmitglied konzentriert sich auf welche Themen? Die Aufgaben werden klar verteilt – damit aus der Reise eindeutige Erkenntnisse gezogen werden können.
Bundeswehr/Markus Bayer
Neben Helm und Schutzweste hat jedes Delegationsmitglied ein Individual First Aid Kit immer dabei. Da ein Großteil des Teams aus Ärztinnen und Ärzten besteht, ist auf der Reise eine erste medizinische Versorgung sichergestellt.
Bundeswehr/Markus Bayer
Im ukrainischen Medical Command bedankt sich ein Stabsoffizier explizit bei Deutschland. Seine Familie hat in Deutschland Zuflucht und eine vorübergehende Heimat gefunden. Er ist mit der russischen Vollinvasion 2022 in die Streitkräfte eingetreten.
Bundeswehr/Markus Bayer
Ein Bombenshelter im Südosten der Ukraine. Allein in der ersten Nacht vor Ort gibt es sieben Luftalarme. Die Ukrainer haben sich schon daran gewöhnt. Ein Großteil sucht nur noch im größten Notfall ein Shelter auf.
Bundeswehr/Markus Bayer
Im Südosten ist die Delegation bei der Beladung eines Sanitätszuges dabei. Die Züge werden regelmäßig beschossen, deshalb findet die Beladung in der Nacht statt. Die Bundeswehr plant die Beschaffung eigener Sanitätszüge.
Bundeswehr/Markus Bayer
Der Leiter des Militärkrankenhauses Ost teilt seine Erkenntnisse mit der deutschen Delegation. Wie so viele andere ukrainische Sanitätseinrichtungen wurde auch das Krankenhaus wiederholt von russischen Drohnen angegriffen.
Bundeswehr/Markus Bayer
Der Leiter des Militärkrankenhauses Ost beschreibt die Erfahrungen des medizinischen Personals. Ukrainische Sanitäterinnen und Sanitäter werden regelmäßig von russischen Drohnen angegriffen und riskieren bei der Evakuierung und Behandlung ihr Leben.
Bundeswehr/Markus Bayer