Interview

Folge 6: Clausewitz: Der Vater der Strategic Studies mit Professor Beatrice Heuser

Folge 6: Clausewitz: Der Vater der Strategic Studies mit Professor Beatrice Heuser

Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
22 MIN

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Der preußische General Carl von Clausewitz hat im Westen eine neue Denkweise über den Krieg eingeführt. Wo frühere Autoren Handbücher mit festen Regeln schrieben oder sich mit Ethik oder dem Kriegsrecht befassten, widmete er sich grundsätzlich dem Phänomen des Krieges und seinen komplexen gesellschaftlichen Faktoren.

Portrait von Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz

Carl von Clausewitz (1780–1831) nach einem Gemälde von Karl Wilhelm Wach

Bundeswehr/e. V.

Sich mit Clausewitz zu beschäftigen ist also recht anspruchsvoll. Sein Werk ist jedoch umso reicher an lohnenswerten Erkenntnissen.

Clausewitz’ Ansatz bescherte ihm eine Reihe berühmter und treuer Anhänger, darunter beispielsweise Bernard Brodie und Colin S. Gray in den USA, Sir Julian Corbett und Sir Michael Howard im Vereinigten Königreich sowie Alexander Andrejewitsch Swetschin in Russland und Mao Zedong in China. In dieser Folge des „Talking Strategy“ Podcasts befragt Commodore a.D. Paul O’Neill, Director of Military Sciences am RUSI (The Royal United Services Institute for Defence and Security Studies), Professor Dr Beatrice Heuser zu Clausewitz und seinem intellektuellen Erbe. Sie gehen dabei auf das bleibende Vermächtnis des berühmtesten preußischen strategischen Denkers ein. 

Link zum Podcast

Übersetzung des Transkripts 

Paul O’Neill: Ich begrüße unsere treue Zuhörerschaft. Heute bin ich im Einsatz, weil ich das Mikrofon meiner Kollegin, Prof. Beatrice Heuser, übergebe. Beatrice ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen an der Universität Glasgow und hat im Fachbereich für War Studies des Londoner King’s College, an vier Universitäten bzw. Hochschuleinrichtungen in Frankreich sowie zwei deutschen Universitäten doziert. Außerdem kommt sie aus der Praxis: Sie hat im internationalen Stab des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Hauptquartiers in Brüssel und als Forschungsdirektorin am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam gearbeitet. Zu ihren Veröffentlichungen gehören: „The Strategy Makers: Thoughts on War and Society, from Machiavelli to Clausewitz“, „The Evolution of Strategy: Thinking War from Antiquity to the Present“ und das vielleicht relevanteste Werk für heute, „Reading Clausewitz“, der Gegenstand unseres heutigen Gesprächs ist. 

Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz war ein preußischer Offizier und militärischer Denker. Er diente sowohl in der preußischen als auch in der russischen Armee und stieg zum Generalmajor auf. 1780 in Burg bei Magdeburg, Preußen, geboren, starb er 1831 in Breslau im damals preußisch besetzten Schlesien (heute Wrocław in Polen). Clausewitz ist wahrscheinlich der militärische Denker mit dem größten Einfluss auf die westlichen Streitkräfte. Doch obwohl sein Werk weithin bekannt und vielzitiert ist, wird es wohl eher selten tatsächlich gelesen. Er ist derjenige, der erklärte, der Krieg sei „die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ und eine „wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Haß und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines politischen Werkzeuges, wodurch er dem bloßen Verstande anheimfällt. Die erste dieser drei Seiten ist mehr dem Volke, die zweite mehr dem Feldherrn und seinem Heer, die dritte mehr der Regierung zugewendet.“ Zudem war Clausewitz der Ansicht, die oberste Rolle des Führers bestehe darin, das Wesen des Krieges, den er führt, zu kennen. 

Nun, Beatrice, in früheren Ausgaben, insbesondere als wir uns mit preußischen Denkern wie von der Goltz und von Caemmerer beschäftigt haben, haben wir gehört, dass Clausewitz zum Zeitpunkt des Ersten Weltkriegs als unbedeutend angesehen wurde. Und dennoch haben wir auch über einen britischen Seestrategen, Corbett , gesprochen, der der Meinung war, Clausewitz sei eben doch relevant. Wie beurteilen Sie die Bedeutung von Clausewitz zu diesem Zeitpunkt? 

Beatrice Heuser: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs gab es eine Reihe von Autoren, die sich angesichts der vom Krieg entfachten Leidenschaft – jenem ersten Element der Clausewitz’schen Dreifaltigkeit, den Leidenschaften des Volkes – einfach nicht vorstellen konnten, dass der Krieg in irgendeiner Weise wieder begrenzt werden könnte. Und natürlich hatte Clausewitz erst relativ spät in seinem recht kurzen Leben entdeckt, dass ein Krieg begrenzter sein konnte als die Napoleonischen Kriege. Und in gewisser Weise hatte er eingeräumt, dass sich ein Krieg nicht linear entwickelt, also nicht linear aus einer Begrenzung heraus immer umfassender und absoluter wird. Als also am Vorabend des Ersten Weltkriegs diese Leute über Clausewitz schrieben, meinten sie, er sei realitätsfremd oder die damals völlig neuen Ereignisse, nämlich der Aufstieg des Nationalismus in Europa, hätten ihn nun völlig überholt. Der Nationalismus hatte die Leidenschaften der Menschen wirklich verstärkt, weshalb sich die Kommentatoren nicht vorstellen konnten, dass ein begrenzterer Krieg noch stattfinden könnte. Ich glaube, es spricht für Clausewitz, dass er von jenen abgelehnt wurde, die sich Krieg nur als etwas sehr Leidenschaftliches, sehr Intensives und sehr Unbegrenztes vorstellen konnten. 

Paul O’Neill: Es ist interessant, dass Sie das sagen, weil er oft beschuldigt wird, Verfechter eines totalen oder absoluten Krieges gewesen zu sein. Wie kommt es Ihrer Meinung nach zu diesem Missverständnis? 

Beatrice Heuser: Dieses Missverständnis ist dadurch zustande gekommen, dass uns die Worte „absolut“ und „total“ sehr ähnlich erscheinen, es sei denn, wir sehen sie uns genauer an. „Absolut“ bedeutet losgelöst, befreit von jeglichen politischen Zwängen. Und genau solchen politischen Zwängen schien Napoleon in den Napoleonischen Kriegen nicht zu unterliegen. So war Clausewitz der Ansicht, die Politik schränke Napoleons Kriegsziele nicht ein. Er sprach daher von einem „absoluten“ Krieg, einem Krieg, der sowohl von politischen als auch von anderen Zwängen befreit sei. 

In seinem Buch „Vom Kriege“ gibt es zwei widersprüchliche Textstellen. Eine von ihnen besagt, es gebe in der Realität keinen absoluten Krieg, bei jedem Krieg gebe es irgendwelche Einschränkungen, selbst wenn es sich nur um Friktion handle. An anderer Stelle sagt er: wir müssten uns fragen, ob all dieses Gerede über absoluten Krieg überhaupt einen Sinn ergebe, wenn wir ihn nicht in „unserer“ Zeit erlebt hätten. Und zu seiner Zeit hat er natürlich die Napoleonischen Kriege miterlebt. Wenn er die Napoleonischen Kriege als den Inbegriff eines Krieges sah, der von politischen Zwängen befreit werden konnte, dann können wir daraus postulieren, dass die Napoleonischen Kriege zwar in der Tat sehr intensiv waren, aber in Wirklichkeit in deren Verlauf nicht jeder Mann, jede Frau und jedes Kind bzw. die gesamte Industrie mobilisiert wurde. Das, was später als totaler Krieg betrachtet wurde – ein Begriff, der erst 1918 von einem französischen Politiker geprägt wurde – hätte die vollständige Mobilisierung der Industrie, der Finanzen eines Staates, aber auch der Bevölkerung umfasst; das ist eine Tradition, die auf Ideale der Französischen Revolution zurückgeht, die nie in die Praxis umgesetzt wurden: nämlich dass jeder einzelne Bürger eigentlich als Soldat dienen sollte. Bei der Französischen Revolution waren damit natürlich alle männlichen Bürger gemeint. Aber selbst in der Französischen Revolution gab es das Ideal, dass Frauen sich irgendwie an den Kriegsanstrengungen beteiligen und die Männer unterstützen sollten, die kämpften. Es gibt also eine Art Tradition, die von der Französischen Revolution bis zu jenem französischen Politiker (Léon Daudet, 1867–1942) im Jahr 1918 reicht, der den Begriff „totaler Krieg“ prägte: dass es vor allem um die totale Mobilisierung der eigenen Gesellschaft ging. 

Es gibt aber noch eine zweite Definition des totalen Kriegs, die noch berühmter, oder besser berüchtigter, wurde. Und das ist die Definition, die nach dem Franzosen Daudet von jemandem verwendet wurde, der de facto Nazi war: General Erich Ludendorff. Er schrieb und veröffentliche 1935 ein schreckliches Buch mit dem Titel „Der totale Krieg“. Übersetzt wurde es ins Englische als „The Totalitarian War“. Tatsächlich aber sprach er vom totalen Krieg. Und dieser beinhaltete für Ludendorff nicht nur die totale Mobilisierung der eigenen Industrie und gesamten Bevölkerung, bis hin zu den Alten, Kindern etc., sondern gleichzeitig auch die Komponente des Völkermords, denn für Ludendorff war es in Ordnung, die gesamte feindliche Bevölkerung anzugreifen. Und alle Juden und im Idealfall auch noch alle Katholiken zu töten, weil er letztere auch nicht mochte. Das ist ganz anders als die Napoleonischen Kriege. Napoleon hätte niemals Völkermord begehen und tatsächlich eine ganze Bevölkerung auslöschen wollen, nur weil er eine Art Rassenhass gegen sie hegte. Und als er über Napoleons Vorstellungen und seine Kriegführung nachdachte, hatte Clausewitz bei diesem von „absoluter“ Kriegführung gekennzeichneten Krieg eher hochintensive und große Schlachten und das unaufhörliche Streben nach immer größeren politischen Zielen vor Augen, in keinster Weise aber Völkermord. 

Paul O’Neill: Danke, diese Einordnung ist sehr hilfreich. Sie haben Clausewitz jetzt vor allem in der Zeit der Napoleonischen Kriege verortet. Welche anderen Einflüsse bildeten Ihrer Meinung nach die Grundlage für Clausewitz’ Art zu schreiben? 

Beatrice Heuser: Einer der Gründe, warum Clausewitz so originell war, ist, dass er weder des Lateinischen noch des Griechischen oder selbst des Italienischen mächtig war. Genau genommen konnte er nur Werke lesen, die entweder ins Deutsche oder ins Französische übersetzt worden waren. So las er tatsächlich viel weniger als einige der Menschen, die im Jahrhundert vor ihm geschrieben hatten, mit dem Ergebnis, dass er wirklich nur eine ziemlich begrenzte Anzahl an bedeutenden früheren Werken berücksichtigte. Dazu gehörten deutsche Übersetzungen von Machiavellis „Der Fürst“ und von Guibert, der sehr großen Einfluss auf ihn hatte. So entlehnte er von Guibert Ansichten darüber, wie ein Volk sein eigenes Land verteidigen sollte, selbst wenn die Hauptarmee besiegt ist; diese Ansichten sind im sechsten Buch von „Vom Kriege“ zu finden. Das macht ihn zu einem Denker für Aufstand und Widerstand gegen eine feindliche Besatzungsmacht. 

Von Machiavelli übernahm er auch eine eher amoralische Haltung und Denkweise, denn einer der Punkte, mit denen Clausewitz sich nicht befasste, bestand insbesondere darin, über den gerechten Krieg nachzudenken, also die Frage, wann es richtig ist, in den Krieg zu ziehen. Damals schrieb er jedoch ausschließlich aus der Perspektive Preußens, eines Außenseiters, der von den deutlich überlegeneren Kräften der französischen Armeen Napoleons angegriffen worden war. Daher klammerte er diesen ganzen Bereich aus und folgte in vielerlei Hinsicht Machiavellis Ansichten. Er dachte nicht über die Sittlichkeit der eigenen Handlungen nach. Er dachte auch nicht über die Sittlichkeit der Regierung nach. Er ging lediglich davon aus, dass es eine Regierung gibt und man ihre Anweisungen befolgt. 

Paul O’Neill: Und natürlich ist das einer der Punkte, die bei Clausewitz bemängelt werden, nämlich die fehlende Moral. Aber es gibt auch zahlreiche andere Kritikpunkte an seiner Arbeit, nicht wahr? Er wird beschuldigt, der „Mahdi der Massen und der gegenseitigen Massaker“ zu sein. Und dennoch frage ich mich, inwieweit Sie diese Kritik für gerechtfertigt halten. 

Beatrice Heuser: Das Thema des „Mahdi der Massen“ geht zurück auf die Frage, ob er tatsächlich über den totalen Krieg, den absoluten Krieg, schrieb. Dieses Zitat stammt aber natürlich von Liddell Hart. Dieser urteilte amüsanterweise darüber, wie schrecklich Clausewitz sei, ohne sich besonders intensiv mit seinem Werk beschäftigt zu haben. Es scheint, dass er „Vom Kriege“ erst ziemlich spät in seinem Leben komplett gelesen hat. Davor hatte er nur Ausschnitte daraus aufgeschnappt und sich zu ihnen geäußert, ohne genau verstanden zu haben, worum es wirklich ging. Als Clausewitz beschuldigt wurde, der „Mahdi der Massen“ zu sein, hatte dies mit seiner Hervorhebung der Vernichtungsschlacht zu tun. Sehen wir uns das genauer an: Was Clausewitz unter der Vernichtungsschlacht verstand, war eine Schlacht im Stile Napoleons, infolge derer die feindliche Armee für lange Zeit daran gehindert würde, wieder ins Geschehen einzugreifen und sich innerhalb einer relativ kurzen Zeit so neu zu formieren, wie es die Armeen des 18. Jahrhunderts oftmals selbst nach einer Niederlage vermochten. Und warum? In Schlachten sowohl im 18. Jahrhundert als auch zur Zeit Napoleons war eine Armee dann besiegt, wenn ein gewisser Anteil ihrer Soldaten entweder verwundet oder getötet und die restlichen versprengt worden waren oder wenn deren Truppenteile durch die erlittenen Verluste soweit aufgerieben waren, dass sie nicht mehr einsatzfähig waren und wieder neu formiert bzw. irgendwie neu zusammengesetzt werden mussten. 

Es ist übrigens sehr interessant, dass Sie von der Goltz erwähnt haben. Von der Goltz hat Ende des 19. Jahrhunderts über die Verwendung des Wortes „Vernichtung“ bei Napoleon und Clausewitz und auch bei Jomini, einem Zeitgenossen von Clausewitz, reflektiert. Eine feindliche Armee zu vernichten bedeutete damals lediglich, dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr in der Lage war, in relativ kurzer Zeit wieder ins Geschehen einzugreifen und sich neu zu formieren. Das hieß, wie ich bereits sagte, dass möglicherweise ein Teil der Soldaten dieser Armee, und zwar vielleicht nur etwa 20–50 %, verwundet oder getötet worden war. Damals begann jedoch das Wort „Vernichtung“, wie von der Goltz Ende des 19. Jahrhunderts bemerkte, darwinisch-genozidale bzw. darwinistische Züge im Sinne der Tötung einer ganzen Bevölkerung anzunehmen. Wir alle würden dies für absurd halten, wenn wir nicht gesehen hätten, wie die Nazis später diese Ziele auf ihre völkermordende Weise verfolgten. Diese genozidalen Vorstellungen – gemäß dem Motto: „Dieser Planet ist nicht groß genug für unsere beiden Rassen und wir müssen die andere Rasse ausrotten“ – waren aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts voll ausgeprägt.

So begann ab Ende des 19. Jahrhunderts, sogar noch vor dem Ersten Weltkrieg, das Wort „Vernichtung“ seinen Widerhall in den Vorstellungen über Kriege zwischen Nationen und ganzen nationalen Armeen mit äußerst hohen Opferzahlen zu finden. Liddell Hart, der den Ersten Weltkrieg erlebt hatte und wie die meisten Menschen seiner Generation durch diesen traumatisiert war, versuchte zu ergründen, woher diese Vorstellung gekommen war; die Vorstellung also, dass der Erste Weltkrieg aus gegeneinander kämpfenden nationalen Massenarmeen bestehen musste, in denen ein sehr großer Teil der armen Kerle, die zum Angriff aus dem Schützengraben klettern mussten, von Maschinengewehren niedergemäht wurde, während die Generale hinter ihnen darauf bestanden, dass Welle um Welle hinter ihnen her zu klettern hatte. Liddell Hart war der Meinung, all dies sei von Clausewitz’ Werk und all den Autoren des späten 19. Jahrhunderts, d. h. von Caemmerer, von der Goltz und Bernhardi, inspiriert worden. Und tatsächlich ließ sich auch Ludendorff später von dieser Vorstellung inspirieren, von der Schwerpunktsetzung auf die große Vernichtungsschlacht, diese dramatische, entscheidende Schlacht, die so viele Menschen, so viele Leben wie nötig vernichten müsse, um dem Feind die Niederlage zuzufügen. Weil Clausewitz über die Vernichtungsschlacht und ihre Bedeutung geschrieben hatte, dachte Liddell Hart daher, all das sei auf ihn zurückzuführen. Aber Clausewitz hatte mit dem Konzept etwas ganz anderes gemeint. Liddell Hart stellte dies erst viel später fest, als er sich mit dem Werk „Vom Kriege“ wirklich beschäftigte und daraufhin begann, Gedanken niederzuschreiben, die denen von Clausewitz sehr ähnlich waren. 

Paul O’Neill: Ich glaube, wir sind wieder bei diesem Gefühl der Ungewissheit angelangt, das im Hinblick auf Clausewitz’ Theorien besteht. Ich frage mich, inwiefern dies Ihrer Meinung nach damit zu tun hat, dass es sich dabei um einen nachaufklärerischen Ansatz handelt. Man benötigt einen sehr Hegelschen Diskursansatz für das Werk; den dialektischen Ansatz, der oftmals den Dreischritt der These, Antithese und schließlich Synthese postuliert. Es gibt also einige Leute, die sagen, dass bei Clausewitz für jeden etwas dabei ist, man aber nur dann wirklich zum Kern vordringt, wenn man sein Werk auch komplett liest. Glauben Sie, dass Clausewitz deshalb nur schwer akzeptiert wurde? Zu jener Zeit war er als Schriftsteller immerhin weit weniger beliebt als Jomini, und er scheint mir erst mit den Amerikanern und dem Vietnamkrieg an Bedeutung im westlichen Kanon gewonnen zu haben. 

Beatrice Heuser: Eine sehr interessante Frage. Lassen Sie uns damit beginnen, warum Clausewitz Mitte des 19. Jahrhunderts weniger gelesen wurde als Jomini. Darauf gibt es eine sehr einfache Antwort: dass nämlich Jomini ein großer Selbstdarsteller war. Im Grunde genommen verfasste er ein einziges Buch, das er immer wieder umschrieb und neu auflegte und das zu seinen Lebzeiten ins Englische übersetzt wurde. (Ursprünglich schrieb Jomini natürlich auf Französisch; zu jener Zeit las die zivilisierte Welt nämlich auf Französisch, aber nicht auf Deutsch). Damals begann die zivilisierte Welt Bücher in englischer Sprache zu lesen, was bedeutet, dass er bereits zu Lebzeiten einen überaus starken Einfluss auf die Vereinigten Staaten und die amerikanische Militärakademie in West Point hatte. Clausewitz’ Werk, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, war dahingegen nur auf Deutsch erschienen. Auch wurden lediglich kurze Auszüge auf Französisch veröffentlicht. 

Wie ist man dann überhaupt auf Clausewitz gekommen? Clausewitz, dieser unbekannte preußische Autor, rückte in den Fokus, als die Kriege zu Zeiten von Moltke und Bismarck in den 1860er Jahren bzw. 1870–71 bemerkenswert erfolgreich verliefen. Diejenigen, die in diesen Kriegen auf der Seite der Verlierer gestanden hatten, sowie die Menschen im restlichen Europa fingen an sich zu fragen, warum die Preußen plötzlich so erfolgreich geworden waren, waren sie bei den Napoleonischen Kriegen im frühen 19. Jahrhundert doch noch die armseligen Außenseiter gewesen. Und dann dachten sie sich: „Oh, es gibt da dieses Buch, das in der preußischen Militärakademie gelehrt wird“, also „Vom Kriege“ von Clausewitz, das mittlerweile von den Menschen gelesen wurde. Das ist also die Erklärung Nummer eins. 

Nun zu den Unterschieden zwischen Clausewitz und Jomini. Für Jomini war es vollkommen in Ordnung zu glauben, dass es einige definitive Aussagen über Krieg gab, d. h. Grundsätze der Kriegführung, die man lehren konnte, bei denen man sagen konnte, dass unter Berücksichtigung der jeweiligen Situation bestimmte Regeln gelten: Beispielsweise, dass es gut ist, über mehr Masse als der Feind zu verfügen. Dies zu tun. Jenes zu tun. Clausewitz dagegen war diesbezüglich sehr skeptisch. Sein Ansatz bei der Analyse von Krieg bestand darin, zu sagen, dass es so viele Faktoren gibt, die bei der Entwicklung von Strategien und der Kriegführung eine Rolle spielen, dass es unmöglich ist, sie alle in eine große Formel zu packen. Es gibt eben kein allgemeingültiges Rezept für die richtige Kriegführung oder Strategie, nach dem Motto: „Tust du X, passiert Y“. In dieser Hinsicht hatte Clausewitz also, wie Sie bereits sagten, etwas sehr Nachaufklärerisches, etwas sehr Romantisches. Er war jemand, der sagte: Nichts davon ist komplett messbar. Es spielen sehr viele Faktoren mit hinein und es muss dem Urteil der jeweiligen Strategen, dem jeweiligen General im Felde obliegen, wie all diese verschiedenen Faktoren gegeneinander abzuwägen sind. Drei davon machen die wunderliche Dreifaltigkeit aus, die Sie bereits angesprochen haben, also die Leidenschaften der Völker, der Zufall und die Möglichkeiten, das Schicksal zu kontrollieren, bzw. die politischen Ziele, die man verfolgt. Es gibt aber auch viele andere Faktoren, für die er sich sehr interessierte. In alldem sieht man die Hegelsche Vorstellung einer Dialektik, eines Duells. Dies ist eine Idee, die bis in die Antike zurückverfolgt werden kann, bis hin zu Cicero, der behauptete, bellum leite sich aus duellum ab. Somit sei das Wort „Krieg“ eigentlich aus dem Wort „Duell“ entstanden – es spielen also zwei Parteien eine Rolle. Es war (zu Clausewitz' Zeiten) üblich zu sagen, der Krieg sei ein Duell. Aber Sie haben Recht, Clausewitz verpackte dies etwas anders, da er möglicherweise von Hegel oder dessen Vorstellungen zum Thema Dialektik gehört hatte, die damals in Berlin im Umlauf waren. Dabei ging es darum, dass der Feind Einfluss auf die eigenen Handlungen hat und wie sehr der Feind immer versucht, dem eigenen Tun entgegenzuwirken. So äußerte er, dass man die Handlungen der anderen Seite berücksichtigen müsse, anstatt, wie so viele Autoren vor ihm, einfach immer zu sagen: „Das ist, was du tun musst, also los, tu es“, und den Feind nicht zu berücksichtigen. 

Paul O’Neill: Das klingt interessant, denn er war auch ein großer Verfechter der militärischen Ausbildung, nicht wahr? Ich glaube, er machte sich zusammen mit Gneisenau und anderen Gedanken über die Ausbildung von militärischen Führern. Sie haben beschrieben, wie Jomini quasi eine Checkliste für Krieg zur Verfügung stellte, wohingegen Clausewitz sagte, es sei viel komplizierter, und großen Wert auf den Genius des Feldherren legte. Ich frage mich, wie Clausewitz sich mit der Notwendigkeit auseinandersetzte, Führer auszubilden, die diese Art von Urteilsvermögen ausüben konnten? 

Beatrice Heuser: Es gibt eine reizende Stelle, in der er den Zweck dieses Buches erklärt: Es soll „den Geist des künftigen Führers im Kriege erziehen“. Und man solle dem Einzelnen helfen, sich zu entwickeln, sich selbst zu erziehen, anstatt ihm einfach Grundsätze vorzugeben, die er wiederholen und dann gedankenlos anwenden soll. Er sagt dann auf ganz charmante Art und Weise, wir sollten nicht davon ausgehen, dass Militärausbildung etwas ist, bei dem der zukünftige Führer wie ein „Jüngling“ „am Gängelbande“ „auf das Schlachtfeld“ geführt werde. Man solle diesen vielmehr selbst dorthin ziehen lassen, eingedenk all der Dinge, die man ihm beigebracht habe. Denn er müsse dort in der Lage sein, seinen eigenen Intellekt und seine eigenen analytischen Fähigkeiten einzusetzen und darüber nachzudenken, was er angesichts der verschiedenen Überlegungen, die man ihm vermittelt hat, tut. Anstatt ihm diese Checkliste zu geben, wie es Jomini getan hätte. 

Paul O’Neill: Sehen wir uns nun an, was Ihrer Meinung nach die anhaltende Bedeutsamkeit von Clausewitz ausmacht. Er schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Buch wurde von seiner Frau zusammengestellt und nach seinem Tod veröffentlicht. Anfangs war es nicht besonders beliebt. Im 20. Jahrhundert änderte sich das, und es hat ganz klar das militärische Handeln im Westen geprägt. Und dennoch ist das Militär bei der Anwendung mancher von Clausewitz' Ideen – z. B. Schwerpunkte – in Operationen zur Bekämpfung von Aufständen nicht besonders erfolgreich gewesen. 

Beatrice Heuser: Clausewitz hat tatsächlich zur großen Literatur über Aufstände und Aufstandsbekämpfung beigetragen. Überraschenderweise aber eher im Hinblick darauf, wie man einen Aufstand anzettelt, denn was er in seinem sechsten Buch in „Vom Kriege“ beschrieb, war die Formierung eines Widerstands, des lokalen Aufstands einer ganzen Bevölkerung. Ähnlich etwa den Planungen der Schweiz, wenn sie jemals angegriffen würde, oder dem, was Schweden im Kalten Krieg vorgehabt hätte, wenn es angegriffen worden wäre. Deshalb hat Clausewitz ganz entscheidend dazu beigetragen, aufzuzeigen, wie ein Aufstand zu anzuzetteln ist. Andererseits hat er tatsächlich nur hier und da ein paar kleine Ratschläge zur Bekämpfung eines Aufstandes gegeben. Es gibt eine besondere Stelle, die interessant ist, und zwar da, wo es um den Schwerpunkt geht. Dort bekommt man eine Vorstellung davon, wie man seine Anstrengungen auf bestimmte Punkte konzentrieren kann. Interessant ist jedoch, dass Clausewitz zu Beginn seiner Laufbahn ebenso wie Jomini dachte, dass ein Schwerpunkt auf den Streitkräften des Feindes ruhen müsse. Diese Idee revidierte er jedoch später, weil er dann darüber nachdachte, ob der Schwerpunkt wirklich immer auf den feindlichen Streitkräfte ruhen müsse oder auch anderswo gelegt werden könne. Und da kam er auf die Idee, dass er auch auf der Hauptstadt des Feindes oder der öffentlichen Meinung liegen könne. Oder, wie er dann ganz entscheidend ausführte: auf dem Anführer einer Rebellion. Sich auf den Anführer einer Rebellion zu konzentrieren anstatt zu versuchen, die gesamte Bevölkerung zu bestrafen, sei ein sehr wichtiger Weg, einen Aufstand zu bekämpfen. Aber wenn es nun darum geht, wie diese Ideen Bestand haben, sogar im Vietnamkrieg: der Grund, aus dem Clausewitz insbesondere beim USUnited States-amerikanischen Militär nach dem Vietnamkrieg sehr beliebt wurde, bestand darin, dass man der Ansicht war, dass kein sinnvoller Schwerpunkt bestimmt worden sei. Die USUnited States-amerikanischen Kräfte versuchten Hanoi zu signalisieren, dass es die Unterstützung der Rebellen im Süden einstellen solle, indem sie ihre Bomben nach einem Schema abwarfen, das nur für die Menschen im Pentagon verständlich schien, nicht aber für die betroffenen Personen. All dies erschien den Menschen, die den Vietnamkrieg mit seiner Planung und Durchführung durchlebten, sehr verwirrend. Ihres Erachtens sollte man zu einem kinetischeren Ansatz zurückkehren. Man sollte also versuchen, feindliche militärische Mittel zu einem früheren Zeitpunkt auszuschalten, sich mehr auf den militärischen Aspekt der Kriegführung in Europa zu konzentrieren und, soweit überhaupt möglich, von jeglichen Operationen zur Bekämpfung von Aufständen die Finger zu lassen. 

Nach dem Vietnamkrieg wurden in amerikanischen Militärakademien die Themen Konflikte geringer Intensität und Aufstandsbekämpfung ziemlich vernachlässigt. Stattdessen fokussierte man sich viel mehr auf das, was in der NATONorth Atlantic Treaty Organization, in Europa geschehen könnte, wenn die Sowjetunion, der Warschauer Pakt, dort angreifen würde. Man wandte sich also von der Bekämpfung von Aufständen ab. Dann wurde auch das Argument angeführt, man sei viel zu komplex vorgegangen, die ausgesendeten Signale hätten keinen Sinn ergeben. Der ganze spieltheoretische Ansatz habe keinen Sinn ergeben, weil man sich nicht wirklich auf den richtigen Schwerpunkt konzentriert habe. Und die Kritik in Bezug auf den Schwerpunkt beruhte hier tatsächlich auf Clausewitz’schen Ideen, anhand derer kritisiert wurde, wie sich die USUnited States-amerikanische Regierung während des Vietnamkrieges verhalten hatte. Das hat gewissermaßen zu dem großen Wiederaufleben von Clausewitz nach dem Vietnamkrieg und zu der vorherrschenden Meinung geführt: wenn die USA schon tätig würden, sollten sie auch die Art von Krieg führen, in der sie gut seien, also einen Krieg mit großer Feuerkraft und einem bestimmten Feindstaat bzw. einer bestimmten feindlichen Staatengruppe. 

Paul O’Neill: Ich finde es interessant, dass Clausewitz, der in einer Epoche zwischenstaatlicher Kriege (während des Napoleonischen Zeitalters) schreibt und sich ganz deutlich auf die Streitkräfte konzentriert, tatsächlich von einem Seestrategen, nämlich Corbett, aufgegriffen wird; der scheut die Idee der Flottenschlacht und findet bei Clausewitz’ Ideen, die über das Heer hinausweisen; Ideen, die uns in ein Zeitalter des Wettbewerbs führen, in dem nicht notwendigerweise nur gekämpft wird. Das zeigt meiner Meinung nach auf, welche Bandbreite in diesem Buch steckt. Aber was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Dinge, die Clausewitz heute noch immer relevant machen? Was, würden Sie sagen, sollten wir als sein Vermächtnis ansehen und sollte heutzutage Teile unseres strategischen Denkens leiten?

Beatrice Heuser: Natürlich ist die wunderliche Dreifaltigkeit das Prinzip, das diese wirklich sehr wichtigen Schlüsselfaktoren für die Entwicklung eines Krieges bestimmt und beeinflusst; und zwar den Grad der Leidenschaften der beteiligten Völker, das Spiel des Zufalls und weitere Faktoren, aber auch die mögliche Entwicklung oder Festlegung politischer Ziele unter dem Einfluss der jeweiligen Ideologien der Kriegsteilnehmer. Die Clausewitz’sche Dreifaltigkeit spielt also nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. Ich habe bereits ausführlich darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass diese verschiedenen Faktoren seiner Meinung nach zusammenwirkten und man Krieg nicht auf eine einfache Formel reduzieren konnte. Dies erklärt, warum die Strategic Studies so schwierig in dem großen Fachbereich Sozialwissenschaften anzusiedeln sind, der dazu neigt, die ganze Welt auf eine unabhängige und eine abhängige Variable reduzieren zu wollen. Darüber hinaus liefert Clausewitz aber auch die wichtige Erkenntnis, dass unterschiedliche Epochen und Gesellschaften unterschiedliche Arten von Krieg hervorbringen. Das ist eine Erkenntnis, zu der er ziemlich spät kam, nämlich erst im achten Buch von „Vom Kriege“, in dem er davon sprach, dass jede Epoche ihre eigene Form des Krieges hat. Und das ist sehr wichtig, weil wir heutzutage den Begriff der „strategischen Kultur“ verwenden würden, welche die jeweilige Kriegführung beeinflusst. Dies unterstreicht wiederum, dass die Spieltheorie nur bis zu einem gewissen Grad zu unserem Verständnis möglicher Handlungen eines Gegners beitragen kann, weil wir berücksichtigen müssen, dass ein Gegner die Welt völlig anders sieht. 

Als Hauptvermächtnis ist folgendes Konzept anzusehen: Da ist einerseits die Wandelbarkeit des Krieges, andererseits aber Clausewitz' feste Überzeugung, dass die Quintessenz des Krieges immer gleich bliebe, nämlich dessen Zerstörungskraft, das Töten, das Verstümmeln, das Leid. Es ergaben sich somit zwei Widersprüche: Zum einen sagte er, die Quintessenz des Krieges bleibe immer gleich und biete die Gefahr einer Eskalation. Zum anderen sei aber jeder einzelne Krieg durch bestimmte Faktoren beeinflusst, habe seine eigenen Merkmale. 

Paul O’Neill: Beatrice, vielen Dank für diesen unglaublich interessanten Einblick in die Person Clausewitz. Wie ich zu Beginn sagte: eine Person, die vielleicht mehr zitiert und angeführt als tatsächlich gelesen wird. Ich finde, dies war wirklich ein spannender Einblick in sein Werk, die Einflüsse auf sein Werk und besonders die aktuelle Bedeutung seiner Schriften. 

Beatrice Heuser: Und ich danke Ihnen, Paul, recht herzlich für dieses spannende Gespräch über ihn.

von  Fakultät Einsatz, Cyber und Informationsraum, Streitkräftebasis

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