Mit „Mut zum Diskurs“

Die Studienphase vereint Ausbildung und Beratung

Die Studienphase vereint Ausbildung und Beratung

Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
4 MIN

Die Studienphase des nationalen Lehrgangs General-/Admiralstabsdienst (LGAN) ist so etwas wie die erste praktische „Feuertaufe“ für die jungen Offiziere, die an der Führungsakademie ausgebildet werden. Zwei Jahre lang beschäftigen sie sich in Hamburg mit einem konkreten Thema, das für die Streitkräfte relevant ist oder erst noch werden könnte. 

Die Ergebnisse der Lehrgangsteilnehmenden werden in zukünftigen Überlegungen einbezogen

Bei der Abschlusspräsentation stellen die Lehrgangsteilnehmenden ihre Ergebnisse vor. Hier ist der LGAN 2019 zu sehen, der sich mit der strategischen Ausrichtung der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVPGemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik) der EU beschäftigt hat.

Bundeswehr/Christian Gelhausen

Oberster Auftraggeber ist der Generalinspekteur der Bundeswehr: General Eberhard Zorn will über die Studienphase „die geballte brain power des LGAN“ nutzen. „Alle über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben jahrelange Erfahrung in ihren jeweiligen Fachgebieten“, sagt Zorn. „Fast alle waren mindestens einmal im Einsatz, alle haben studiert, die meisten bis zum Master.“ Diese hochqualifizierten Frauen und Männern sollten in der Studienphase die Gelegenheit bekommen, sich „abseits des Tagesgeschäfts“ in wichtige Zukunftsthemen zu vertiefen. Gerade weil sie während des Lehrgangs – noch – nicht in aktuelle Arbeiten eingebunden seien, hätten sie die nötige Freiheit, sich strategischen Fragen mit Fernlicht zu widmen. 

Der oberste Soldat der Bundeswehr sucht während des zweijährigen Lehrgangs mehrmals den Austausch mit den Teilnehmenden

Der Generalinspekteur tauscht sich mit Lehrgangsteilnehmenden des Generalstabs-/Admiralstabsdienst National über ihre Zwischenergebnisse aus

Bundeswehr/Katharina Roggmann

Für den Generalinspekteur wie für die gesamte Führung der Bundeswehr liegt der tägliche Fokus derzeit stark auf dem Krieg in der Ukraine. „Umso wichtiger ist es, dass wir nicht langfristige Themen aus den Augen verlieren – und gewappnet sind, wenn diese aktuell werden“, sagt Zorn. Der LGAN 2020 beschäftigt sich in seinem Auftrag gerade mit operativen Herausforderungen für die Bundeswehr in einem mehrdimensionalen Gefechtsfeld und identifiziert entsprechende Handlungsempfehlungen. Am 7. Juli 2022 wird der Lehrgang seine Ergebnisse in einer eintägigen Abschlusspräsentation der gesamten Führungsriege der Bundeswehr vorstellen. General Zorn erwartet „exzellente Ergebnisse“. „Diese wollen wir natürlich für strategische Überlegungen, aber auch anlassbezogen im Ministerium oder in den oberen Kommandobehörden nutzen“, kündigt er an.

Impulse für Sicherheitsstrategien

So könnte die jüngste Ergebnispräsentation Impulse für eine künftige nationale Sicherheitsstrategie liefern. Weitere Beispiele aus der Vergangenheit: Die Ergebnisse des LGAN 2017, der 2019 Vorschläge zur nationalen Führungsorganisation gemacht hatte, seien mit in die jüngsten Überlegungen zur Zukunft der Bundeswehr eingeflossen. Und auf die Ergebnisse des LGAN 2018, der sich mit „Afrika – ein Kontinent im Aufbruch“ beschäftigte, sei im Bundesministerium der Verteidigung „stark geschaut worden“, als es um die Weiterentwicklung des militärischen Engagements in Mali ging. Der LGAN 2021 untersucht im Auftrag des Generalinspekteurs den Indopazifik und erarbeitet Möglichkeiten deutschen militärischen Engagements in dieser Region. 

Der Kommandeur der Führungsakademie, Generalmajor Oliver Kohl, hält eine Rede vor den Lehrgangsteilnehmenden

Für den Kommandeur der Führungsakademie, Generalmajor Oliver Kohl, ist die Studienphase ein wichtiger Baustein in der Ausbildung

Bundeswehr/Katharina Roggmann

Der Kommandeur der Führungsakademie, Generalmajor Oliver Kohl, sieht in der Studienphase ebenfalls einen „besonders wertvollen“ Anteil des Lehrgangs. „Deswegen halten wir die Resultate der Studienphase – wie auch die vielen anderen Arbeitsergebnisse der Lehrgangsteilnehmenden – systematisch fest und stellen sie interessierten Organisationsbereichen, Kommandos oder anderen Dienststellen zur Verfügung“, sagt Kohl.

„Für mich ist es wichtig, dass die Männer und Frauen schon auf dem LGAN feststellen, dass ihre Meinung aufmerksam gehört wird und ‚Relevanz entfaltet‘.“ 

Ein Thema, zwei Jahre Zeit

Denn die Führungsakademie verstehe sich eben nicht nur als zentrale Ausbildungsstätte des Führungsnachwuchses der Bundeswehr – „sondern auch als Denkfabrik, die strategische Fragen mit Relevanz für das Kerngeschäft unserer Streitkräfte untersucht“. Um dieser steigenden Bedeutung gerecht zu werden, wurde u.a. die Studienphase ab dem Jahr 2017 neu ausgerichtet. Sie wurde zeitlich deutlich ausgedehnt und mit einer höheren Priorität im Gesamtablauf versehen. Früher bearbeiteten die jungen Offiziere den jeweiligen Auftrag in einem relativ kurzen Zeitfenster am Ende des Lehrgangs – jetzt haben sie fast über die gesamten zwei Jahre Zeit, sich in einzelnen Phasen immer wieder ihrem einen Thema zu widmen. Das erlaube ihnen, inhaltlich sehr in die Tiefe zu gehen, sagt Kohl.

Bei der Studienphase geht es vor allem um die handwerklichen Fähigkeiten der Lehrgangsteilnehmenden

Für den Direktor Ausbildung, Flottillenadmiral Christian Bock, blicken die Teilnehmenden bei der Studienphase über den Tellerrand

Bundeswehr/Katharina Roggmann

Auch deswegen ist die Studienphase für die Lehrgangsteilnehmer ein wichtiger Baustein ihrer fachlichen Ausbildung. Flottillenadmiral Christian Bock, stellvertretender Kommandeur und Direktor Ausbildung der Führungsakademie der Bundeswehr, sieht darin zunächst eine gute inhaltliche Vorbereitung auf künftige Dienstposten. Dadurch dass sich die Studienphase über den gesamten Lehrgangszeitraum erstrecke und zusätzlich Expertenbefragungen und Recherchereisen eingebunden würden, könnten die Teilnehmer eine erhebliche Expertise aufbauen, die sich einmal in der Qualität des Produktes widerspiegele. Andererseits könnten die künftigen Generalstabsoffiziere dieses Fachwissen auch gewinnbringend in späteren Verwendungen einsetzen. 

Verschiedene Perspektiven

Dem Direktor Ausbildung geht es außerdem um handwerkliche Fähigkeiten: Da die Lehrgangsteilnehmer den gesamten Prozess von der Methodenwahl bis hin zur Ergebnispräsentation selbst organisierten, entwickelten sie auch Kompetenzen im Aufsetzen und Durchführen von Projekten. Wichtig ist Bock, dass die Hauptakteure der Studienphase „frei und kreativ“ ans Werk gehen – „mit einem frischen, unbelasteten Blick auf die Dinge, ohne Vorgaben von oben, ohne Denkschranken“. Sie sollten „weit über den Tellerrand blicken und die Dinge ganzheitlich und erst recht aus neuen Perspektiven heraus betrachten“. Dabei sollten sie stets das Kernprinzip der Führungsakademie beherzigen: „Mut zum Diskurs“. 

Das nötige Quentchen Mut werden die angehenden Generalstabsoffiziere auch in ihren künftigen Verwendungen benötigen. „Gute Entscheidungen erforderten heute mehr denn je eine fachlich fundierte Beratung“, sagt der Kommandeur der Führungsakademie. Und genau das sollen die LGAN-Absolventen in ihren zwei Jahren in Hamburg lernen: „Das Analysieren von Lagen, das Erarbeiten von Entscheidungsvorschlägen – und in der Beratung dann die größtmögliche Klarheit in der Ansprache“, sagt Kohl. Als künftige Führungsgehilfen müssten die jungen Offiziere die Fähigkeit besitzen, „die Dinge so anzusprechen, wie sie nach ihrer Überzeugung sind, und nicht, wie sie vermeintlich gerne gehört werden wollen“.

von Simone Meyer  E-Mail schreiben

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