Y – Das Magazin der Bundeswehr
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Die NATO-Staaten rüsten sich gegen die russische Bedrohung auch in der Dimension See. Welche Rolle spielen da Seeminen? Das Y-Magazin hat dazu Fregattenkapitän Sebastian Weidmann* von der Fachgruppe Minenabwehr im 3. Minensuchgeschwader der Bundeswehr befragt.
Enorme Sprengkraft: Minentaucher sprengen in einem Sperrgebiet in der Ostsee gezielt eine Mine. Durch die Druckwelle der Explosion schießt das Wasser viele Meter in die Luft.
Bundeswehr/Jane SchmidtDeutschland und acht weitere NATO-Partner im Ostseeraum wollen bei der Beschaffung von Seeminen enger zusammenarbeiten. Warum gerade jetzt?
Die Ostsee ist ein wichtiger Transit- und Versorgungsweg für das Bündnisgebiet, um das Baltikum zu erreichen. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat im Juli 2024 gesagt, der Kauf von Seeminen sei ein besonders wirksamer Weg, um einen Aggressor auf See abzuschrecken. Wir brauchen eine Modernisierung unserer Seeminen, um sie weiter als Waffe einsetzen zu können. Neun Staaten haben deshalb auf dem NATO-Gipfel in Washington im Juli 2024 eine Absichtserklärung abgegeben, Seeminen künftig gemeinsam zu beschaffen und zu nutzen: Dänemark, Estland, Finnland, Norwegen, Lettland, Litauen, Polen, Schweden und Deutschland.
„Wenn die Seeminen der NATO-Partner an der Ostsee zukünftig gleich sind, ist das ein großer taktischer Vorteil.“
Wie wichtig ist das Thema Minenlegen und Minenabwehr in der Ostsee?
Alle Gewässer bis zu einer Wassertiefe von 300 Metern sind mit Grund- und Ankertauminen verminbar. Die Wassertiefen in der Ostsee liegen im Wesentlichen genau in diesem Bereich – sie kann also fast vollständig vermint werden. Die Ostsee ist als Versorgungsweg nicht nur militärisch, sondern auch zivil sehr wichtig: Finnland zum Beispiel wickelt aufgrund der Lage rund 90 Prozent seines Handels über den Seeweg ab. Kurzum: Das Ausbringen von Seeminen kann die Landkarte verändern. Sie sperren Seeräume ab und schützen eigene Häfen und Seewege. Deshalb sind Seeminen und, damit verbunden, Kooperationen in der aktuellen geopolitischen Lage sehr wichtig. Wenn die Seeminen der NATO-Partner an der Ostsee zukünftig gleich sind, ist das ein großer taktischer Vorteil. Es vereinfacht die Logistik und Ausbildung der Marinesoldatinnen und -soldaten erheblich.
Welche Arten von Seeminen gibt es? Und wer setzt diese wie und wo ein?
Seeminen sind viel einfacher zu legen als abzuwehren, denn sie sind im Wasser verborgen. Die Auswahl von Minentypen richtet sich nach Faktoren wie der Wassertiefe oder der Bodenart und dem Schiffstyp, gegenüber dem man eine Bedrohung erzielen möchte. Grundsätzlich lassen sich drei Minenarten unterscheiden: Das Minengefäß einer Ankertaumine wird von einem Anker auf Grund gehalten. Das Gefäß selbst schwebt dann auf der eingestellten Tiefe in der Wassersäule. Die Grundmine hingegen liegt auf oder im Meeresboden – eingesunken oder versandet. Und Treibminen bewegen sich frei an oder unter der Wasseroberfläche. Manche Minen reagieren bei direktem Kontakt, andere explodieren, wenn ihre Sensoren akustische oder magnetische Signaturen von Schiffen auffassen. Es dürfte weltweit rund 300 Typen geben. Sie werden in allen Konflikten mit einer maritimen Dimension verwendet. Wir vermuten, dass mehr als 50 Staaten Seeminen besitzen und 30 sie produzieren können. Dazu kommt die Aushändigung an nicht staatliche Akteure. Mit Seeminen ist also immer zu rechnen. Sie sind technisch einfach und sehr wirksam.
Unbemannte Suche: Die Minenjagddrohne Seefuchs wird über ein Lichtwellenleiterkabel von einer Trägerplattform wie dem Minenjagdboot „Homburg“ gesteuert und liefert hochauflösende Sonar- und Videobilder.
NATO
Gefährliches Handwerk: Ein Minentaucher inspiziert das Minengefäß einer Ankertaumine. Die Mine ist am Meeresboden verankert und schwebt im Wasser. Wenn ein Schiff oder Boot dagegen stößt, explodiert sie.
Bundeswehr/Björn WilkeWie beeinflussen Seeminen den Schiffsverkehr?
Das kann man im Schwarzen Meer beobachten. Seeminen dürften dort 2022 eine amphibische Landung russischer Kräfte bei Odessa verhindert haben. Ein günstiges Seekriegsmittel hatte also eine enorme operative Auswirkung. Auch die russischen Kräfte dürften Minen eingesetzt haben. Die Bedrohung durch Minen in der westlichen Hälfte des Schwarzen Meeres ist sehr hoch und hat Auswirkungen auf den Getreideexport der Ukraine. Minenabwehrkräfte können jedoch die Bedrohungen lokalisieren und einen Kanal für die Schifffahrt freiräumen. Eine andere Option ist es, Schiffe im Lead-Through-Verfahren durch gefährdete Gebiete zu leiten.
Was bedeuten Seeminen für Deutschland bei der Landes- und Bündnisverteidigung?
In Deutschland liegen sehr wichtige Häfen an der Nord- und Ostsee. Wir sind ein Transitland bei der Bündnisverteidigung und auf passierbare Wege angewiesen. Daher müssen die Seewege und die Hafeninfrastruktur militärischen Dimensionen genügen und geschützt werden. Seeminen und ihre Abwehr sind also eine Kernfähigkeit bei der Landes- und Bündnisverteidigung.
Wie groß ist die Bedrohung durch Minen für die Deutsche Marine?
Seeminen sind eine unterschätzte Waffe. Sie sind eine dauerhafte Bedrohung für die zivile und militärische Nutzung von Seegebieten. Alle sprechen über die Veränderung der Kriegführung durch Drohnen. Doch Seeminen und Drohnen sind meiner Meinung nach in ihrer Wirkung und bei den technischen Fortschritten, die sie in letzter Zeit gemacht haben, sehr ähnlich. Seeminen sind zum Beispiel wesentlich ausdauernder als früher, weil sich die Akku- und Batterietechnologie weiterentwickelt hat. Die Elektronik ist zudem sehr viel feiner geworden und lässt sich nicht mehr so einfach austricksen. Kurzum: Seeminen verbreiten Unsicherheit, sperren Räume, sind günstig, einfach zu bedienen und einzusetzen.
Y-Magazin: Dimension See PDF, nicht barrierefrei, 50,8 MB
Welche Fähigkeiten zur Minenabwehr hat die Deutsche Marine?
Es gibt drei Techniken bei der Minenabwehr: Suchen, Jagen und Tauchen. Die Bundeswehr beherrscht alle und damit die verbundene Seeminenabwehr. Darüber hinaus können wir Minen legen und üben das regelmäßig. Die Minensuche erfolgt durch kleine unbemannte und ferngelenkte Simulationsfahrzeuge, die Magnet und Akustikfelder großer Schiffe abstrahlen und der Mine etwas vorgaukeln. Die Fahrzeuge sind extrem robust und überstehen auch Minendetonationen. Bei der Minenjagd wird der Meeresboden mit der Sonaranlage eines Schiffs oder durch autonome Unterwasserdrohnen gescannt. Wurde eine Seemine entdeckt, wird sie von einer kabelgelenkten Nahbereichsdrohne oder einem Taucher identifiziert und mit einer Sprengladung beseitigt. Beim Minentauchen geht es auch um Aufklärung. Vor der Beseitigung einer Mine sammeln die Minentaucher möglichst viele Informationen. In der Nähe von kritischer Infrastruktur oder Pipelines kann eine Mine nicht gesprengt werden. Dann muss sie entschärft werden. Die Marine verfügt über zwölf Minenabwehr-Boote: Das sind hochgeschützte Spezialschiffe, extrem leise und ohne magnetische Abstrahlung. Sie sind sehr robust konstruiert und können mitten in einem Minenfeld operieren.
Unsere Marine arbeitet eng mit den NATO-Partnern zusammen. Gilt das auch für die Minenabwehr?
Ja, die Minenabwehr ist in der NATO sehr eng verzahnt. Seit Jahrzehnten unterhält die NATO zwei Ständige Minenabwehrverbände im Mittelmeer sowie in der Nord- und Ostsee, an denen sich die Deutsche Marine immer beteiligt. Wir üben regelmäßig und das ganze Jahr über mit unseren Bündnispartnern. Vom Kalten Krieg bis heute sorgen die Minenabwehrkräfte für freie Seewege und machen damit Einsätze von Kriegsschiffen oder den Nachschub über See erst möglich. Das gilt heute umso mehr, damit die Seewege ins Baltikum offen bleiben und die Nordflanke der NATO geschützt ist.
Die Deutsche Marine kann auch selbst Minen einsetzen. Wie sieht eine Minenlegeoperation aus?
Am Anfang findet am Kartentisch eine Minenfeldplanung statt. Welche Seeminen sollen wie und wo liegen und wie passt das mit den jeweiligen Wassertiefen vor Ort zusammen? Aus der Planung ergibt sich die taktische Einstellung der Minen, die vom Munitionsdepot vorgenommen wird. Die programmierten Minen werden am Depot auf das Achterdeck des Schiffs geladen und anschließend im Einsatzgebiet verlegt. Wichtig ist, genau zu dokumentieren, wo die Minen liegen, um später eigene Schiffe nicht zu bedrohen. Seeminen sind ideal für eine hybride Kriegführung. Wenn die Akteure eines Konflikts die Verminung mitteilen, wirkt sich das sofort auf den Seeverkehr aus. Die Verminung kann aber auch bloß behauptet werden, die Wirkung ist zunächst die gleiche. Am gefährlichsten ist es, wenn ein Staat die Verminung nicht bekanntgibt.
Führungssystem auf See: Die „Grömitz“ ist eins von zwölf Minenabwehrfahrzeugen der Marine. Das Minenjagdboot kann nicht nur selbst Minen aufspüren, sondern auch unbemannte Räumfahrzeuge vom Typ Seehund lenken.
Bundeswehr
Gezielter Mineneinsatz: Die Marine betreibt nicht nur Minenabwehr, sondern kann auch Minen legen. Im Bild werfen Minentaucher eine Grundmine in einem Übungsgebiet in der Kieler Bucht von Bord eines Minenjagdboots ab.
Bundeswehr/Jane SchmidtWelche zukünftigen Entwicklungen erwarten Sie?
Wir sehen, dass die Aufklärung immer mehr automatisiert wird. Überall, wo es die Umweltbedingungen zulassen, lassen sich autonome Unterwasserfahrzeuge einsetzen, um ein Unterwasser-Lagebild zu erstellen. Sie können stundenlang unter Wasser bleiben und eine vorher festgelegte Strecke abfahren. Der Einsatz unbemannter Systeme führt allerdings auch zur Frage, wie weit das Funksignal reicht und ob es gestört werden kann. In der Danziger Bucht beispielsweise ist das elektromagnetische Spektrum für GPS und Funk stark eingeschränkt. Jamming ist dort an der Tagesordnung. Bei den technologischen Entwicklungen müssen daher stets auch die Realisierungsrisiken bedacht werden. Wir brauchen weiterhin hochgeschützte Fahrzeuge, die in ein Minenfeld fahren können. Schließlich weiß man vorher nie sicher, wo ein Minenfeld ist. Auch wenn es Entwicklungen gibt, Unterwasserdrohnen aus einem Container heraus von Bord einer Fregatte oder von Land aus einzusetzen – das hochgeschützte Spezialschiff, den Minenjäger, werden wir weiter brauchen.
Rechnen Sie damit, dass Seeminen durch den Fokus auf Landes- und Bündnisverteidigung weiter an Bedeutung gewinnen werden?
Definitiv! Das gilt sowohl für den Einsatz von Seeminen als auch die Minenabwehr. Minen schaffen auf einfache Weise eine dauerhafte Bedrohung für die Schifffahrt, sie sind „geduldig“. Allein die Behauptung der Verminung schafft Unsicherheit und wirkt sich sofort auf den Seeverkehr aus. Die für uns wichtigen Seewege sind durchweg verminbar, deshalb müssen wir sie effektiv schützen.
*Name zum Schutz der Personen geändert.
von Kristina Stache