Die Seeminen der Bundeswehr
Mit Ankertau- und Grundminen kann die Marine Seewege für den Gegner sperren und die eigene Küste absichern.
Feindliche Seeminen unschädlich zu machen und eigene zu legen, ist Aufgabe der Marine. Warum muss sie das können?
Sie lauern unter der Wasseroberfläche, brauchen kein Essen, keinen Schlaf, keine Ablösung. Allein das Gerücht ihrer Anwesenheit kann hohe wirtschaftliche Schäden verursachen – und tatsächlich ausgelegt, beeinflussen sie ganze militärische Operationen: Seeminen.
Bestünde allein der Verdacht, eine Seemine könnte im Kleinen oder Großen Belt Dänemarks liegen – welche zivile Besatzung würde noch in die Ostsee einfahren und das Risiko eingehen, dass ihr Schiff beschädigt oder gar versenkt werden könnte? Der Nord-Ostsee-Kanal wäre im Handumdrehen überlaufen und der Warenverkehr auf der Ostsee käme zum Erliegen. Die Situation in der Straße von Hormus im Jahr 2026 verdeutlicht die drastischen Auswirkungen eines solche Szenarios.
Vor einer Hafeneinfahrt verlegt, können Seeminen im Kriegsfall zudem ganze Flotten am Auslaufen hindern. Andersherum könnte die Auslegung der versteckten Sprengladungen vor der eigenen Küste eine Anlandung feindlicher Kräfte beenden, bevor sie richtig begonnen hat.
Der Einsatz von Seeminen hat also ein enormes Potenzial. Zudem sind sie verhältnismäßig günstig und sehr leicht zu verlegen. Letztendlich erfordert es keine militärischen Schiffe, auch ein Fischerboot oder ein kleines Handelsschiff kann eingesetzt werden, um die explosive Fracht verdeckt zu legen. Sind Seeminen einmal unerkannt verlegt, ist kaum noch nachvollziehbar, wer dafür verantwortlich ist. So können Seeminen schnell zum Mittel der hybriden Kriegführung werden.
Seeminenkriegführung umfasst sowohl das Auslegen eigener sowie die Suche und Zerstörung feindlicher Seeminen. Dabei sind moderne Seeminen mit Sensorik ausgestattet, sodass der Sprengkörper etwa nur beim Überlaufen bestimmter Schiffstypen detoniert.
Die Spezialistinnen und Spezialisten für die Beseitigung dieser Gefahr sind die Minenjagdeinheiten und die Minentaucher der Marine. Mit ihren Minenjagdbooten, Unterwasserdrohnen und professionellen Soldatinnen und Soldaten stellt die Bundeswehr eine tragende Säule der Seeminenabwehr in der NATO und in der Nord- und Ostsee.
Doch die Marine ist nicht nur in der Lage, feindliche Seeminen zu beseitigen. Viele ihrer Schiffe können Minen aufnehmen und verlegen. Zum Einsatz kommen bei der Bundeswehr Grundminen und Ankertauminen – die gängigsten Seeminentypen weltweit.
Soldaten verlegen eine Grundmine während einer Übung. Auf Schienen wird der mehrere hundert Kilogramm schwere Sprengsatz über das Deck ins Wasser geschoben.
Bundeswehr/Jane Schmidt
Die Minenjagdboote – hier die „Grömitz“ der Frankenthal-Klasse – sind die Mutterschiffe der Minenräumer. Von hier aus starten sie ihre Unterwasserdrohnen oder suchen mit dem Bordsonar den Meeresgrund ab.
BundeswehrSeeminen sind vor allem in flachen Gewässern bis etwa 100 Meter Wassertiefe effektiv, was die Küste der Nordsee und große Teile der Ostsee in den Fokus rückt. Ihre Anwesenheit verändert die Geografie. Denn Schifffahrtrouten müssen bei einer Bedrohung durch Minen neu bestimmt oder in Gänze unterbrochen werden – eine fatale Situation, da die Verteidigung Europas Truppentransporte per Schiff erfordert.
Um das alles zu gewährleisten, werden die Minenabwehrkräfte der Marine benötigt.
Zur Abschreckung und Verteidigung muss die NATO ihre transatlantischen Versorgungsrouten sichern. Dazu gehört auch das Räumen von Seeminen, die in flachen Gewässern und Hafeneinfahrten liegen könnten.
Bundeswehr/C3Allerdings ist spätestens seit den Anschlägen auf die Unterwasserinfrastruktur in der Ostsee klar, dass Minenabwehrkräfte nicht erst im Verteidigungsfall gebraucht werden, sondern auch zur Abwehr hybrider Bedrohungen notwendig sind. Mit ihrer Ausrüstung können sie sehen, was unter der Wasseroberfläche passiert. So verhindern sie, dass die Ostseeanrainerstaaten, deren Wirtschaftskraft maßgeblich vom freien Seeverkehr abhängt, durch die Androhung einer Verminung erpressbar sind.
Grundsätzlich werden drei Arten von Seeminen unterschieden: Ankertauminen, Grundminen und mobile Minen. Unter die letzte Kategorie fallen beispielsweise Treibminen, die durch die Meeresströmung ihre Position verändern und dadurch eine unberechenbare Gefahr für den Schiffsverkehr darstellen. Die Bundeswehr nutzt diese Art der Seemine nicht. Im Arsenal der Marine befinden sich die Ankertaumine DM 11 und die Grundmine DM 61 G2.
Mit Ankertau- und Grundminen kann die Marine Seewege für den Gegner sperren und die eigene Küste absichern.
Die Minenabwehrkräfte der Marine haben die Aufgabe, Seeminen zu finden und unschädlich zu machen. Je nach Situation und Art der Seemine nutzen sie dazu verschiedene Mittel und Verfahren. So erfordert die Beseitigung einer Grundmine ein anderes Vorgehen als die einer Ankertaumine. Sollte dann noch eine Unterwasserpipeline in der Nähe sein, muss dies ebenfalls bei der Räumung berücksichtigt werden.
Um dieses komplizierte Unterfangen zum Erfolg zu bringen, verfügen die Expertinnen und Experten der Marine über spezielle Minenjagdboote sowie Über- und Unterwasserdrohnen. Kommt die Technik an ihre Grenzen, können auch Minentaucher eingesetzt werden, die in bis zu 80 Metern Tiefe Seeminen entschärfen.
Seeminen sind günstige und effektive Waffen. Sie zu räumen, ist anspruchsvoll. Dazu nutzt die Marine spezielle Boote, Drohnen und Taucher.
Die Fähigkeit zur Seeminenkriegführung gewinnt mit dem Konfrontationskurs Russlands gegenüber Europa stark an Bedeutung. Daher plant die Marine die Modernisierung und den Ausbau ihrer Mittel zur Seeminenkriegführung.
Modularität wird bei den neuen Booten, die künftig die Frankenthal-Klasse ablösen, eine wichtige Rolle spielen. Aufgrund der schnellen technologischen Entwicklung ist die Halbwertszeit von Sensoren deutlich geringer als die der stählernen schwimmenden Plattform, auf der sie eingebaut sind. Damit nicht immer neue Boote gekauft werden müssen, um dem aktuellen Stand der Technik zu entsprechen, sollen die Boote und die Sensorik modular getrennt werden. Bei technologischen Entwicklungen muss also kein großer schiffbaulicher Aufwand betrieben werden, sondern ein Ortungssystem oder eine Minenräumdrohne wird unabhängig vom Schiff modernisiert.
Darüber hinaus plant die Marine den verstärkten Einsatz unbemannter Systeme bei der Minenabwehr. So sollen künftig mindestens 18 neue unbemannte Minenabwehreinheiten in den Dienst gestellt werden. Durch diese Über- und Unterwasserdrohnen kann die unmittelbare Gefährdung für die Soldatinnen und Soldaten reduziert und die Leistungsfähigkeit der Minenjagdkräfte gesteigert werden. Dennoch wird es auch in Zukunft noch Expertinnen und Experten geben müssen, die die unbemannten Systeme steuern und einsetzen, die Ergebnisse auswerten und die im Minenfeld an Bord oder als Taucher unter Bedrohung arbeiten und Minen beseitigen.