Dem Feind auf der Spur
Eine Game von Y – Das Magazin der Bundeswehr
Signale orten, Kommunikation stören, Einsätze sichern: Im LEKE-Basiscamp lernen Interessierte die Aufgaben der Spezialisierten Kräfte kennen.
In Frankenberg (Eder) konnten interessierte Bundeswehrangehörige sich genau ansehen, welche Aufgaben diese Spezialisierten Kräfte übernehmen – und sich für eine Verwendung bei ihnen empfehlen.
Es ist Anfang Dezember. Der Waldboden ist mit Laub bedeckt, der Wind pfeift durch die Bäume. Mehrere Soldaten haben sich am Waldrand verteilt, um die Umgebung zu beobachten und zu sichern. In der Ferne ertönen Rotorgeräusche. Einer der Soldaten hebt seinen Arm und gibt das Zeichen zum Loslaufen. Zwei Kameraden rennen aus der Deckung auf das freie Feld und weisen mit einer Signalflagge dem heranfliegenden NH-90 den Landeplatz. Die Türen schwingen auf, Trupps springen heraus und sichern die Umgebung. Die Soldaten aus dem Wald laufen zum Hubschrauber und steigen ein. Der Hubschrauber hebt wieder ab, während die abgesetzten Kräfte im Wald in Deckung gehen. Die Soldaten führen ein Air Ground Integration Training (AGIT) durch. Mit dem Verfahren werden Anlandung, geordnetes Auf- und Absitzen sowie das Zusammenspiel von Bodentruppen mit Luftunterstützung für den Ernstfall geübt.
Y-Magazin: Neue Dimensionen PDF, nicht barrierefrei, 17,4 MB
Die Kräfte gehören zu LEKE: Luftlandefähige Komponente zur Nahunterstützung im Einsatz. Als Spezialisierte Kräfte des Cyber- und Informationsraums (CIR) sind sie im hessischen Frankenberg stationiert und Teil der 5. Kompanie des EloKa Bataillons 932. Sie führen den Elektronischen Kampf dort, wo es kein anderer kann. Die LEKE-Kräfte agieren lautlos und hochmobil. Sie orten, erfassen und analysieren feindliche elektromagnetische Signale, stören Kommunikation und ermöglichen so sichere Operationen. Ähnlich wie Fernspäher oft vor der eigentlichen Mission vor Ort, wirken sie im Verborgenen: Sind Fernspäher das Auge, ist LEKE das Ohr.
Wenige Minuten später kündigt ein tiefes Dröhnen den nächsten Landeanflug des NH-90 an. Zehn Soldatinnen und Soldaten, die nicht zu LEKE gehören, beobachten das taktische Vorgehen am Rand der Landefläche. Noch ein Durchgang – dann sind sie selbst an der Reihe. Sie nehmen am einwöchigen LEKE-Basiscamp teil, das erstmals durchgeführt wird. Ziel ist es, einen realistischen Einblick in Auftrag, Fähigkeiten und Belastungen der Spezialisierten Kräfte zu bekommen.
Unter den Teilnehmenden ist Leutnant Lina Jäger*. Sie und ihre neun Kameraden hatten Losglück, denn nur zehn der insgesamt 18 Teilnehmenden dürfen mitfliegen. „Ich bin ganz schön aufgeregt, denn es ist mein erster Flug mit einem Hubschrauber“, so die 24-Jährige. Für die LEKE Kräfte ist die Übung mit dem NH-90 eine Kompetenzerweiterung, für Jäger und ihre Kameraden bedeutet der Flug vor allem eins: ein unvergessliches Erlebnis. Das Basiscamp soll künftig halbjährlich in Frankenberg durchgeführt werden. Zwei Frauen und 16 Männer, aus verschiedensten Dienststellen und Berufen, nutzen das Camp, um herauszufinden, ob die Intensität der LEKE-Verwendung etwas für sie sein könnte.
„Als Truppenoffizier zu den LEKE-Kräften zu kommen ist schwierig, aber nicht unmöglich.”
Das Feld, aus dem die Teilnehmenden kommen, ist groß: Vom zivilen Praktikanten bis zum erfahrenen Infanterie-Hauptfeldwebel ist alles dabei. Gesucht werden hauptsächlich Soldatinnen und Soldaten im Unteroffizierdienstgrad mit Portepee. „Als Truppenoffizier zu den LEKE-Kräften zu kommen ist schwierig, aber nicht unmöglich“, weiß Jäger. Sie ist derzeit für Personalwerbung zuständig und eher im Innendienst tätig. Aber sie ist gerne im Feld, springt in ihrer Freizeit Fallschirm und sucht bewusst nach fordernden Verwendungen. Von LEKE erfahren hat sie durch Kameraden und einen Artikel auf Ynside. Ihre Neugier war geweckt. „Ich mag sowohl körperliche als auch geistige Herausforderungen“, erklärt Jäger. „Deswegen bin ich Soldatin geworden.“ Sie will an ihre Grenzen kommen und auch darüber hinausgehen.
Zurück auf dem Boden wartet auf Jäger und ihre Kameraden die nächste Aufgabe: Tarnung. Laub, Holz und Äste werden auf die Zeltplane geworfen, um das Versteck möglichst gut an die Umgebung anzupassen. „Tarnung ist wichtig, aber sie darf nicht zu schwer werden, sonst bricht der Zeltbau zusammen“, warnt Oberbootsmann Raschek*. Er ist seit fünf Jahren LEKE-Soldat und Ausbilder beim Camp.
„Die Planungsphase ist eine der entscheidendsten.”
Normalerweise sind er und die anderen Ausbilder aktive LEKE-Trooper. Das heißt, sie sind mit den Spezialkräften unterwegs und bilden nicht primär aus. „Wir möchten eventuelle Hemmschwellen abbauen, Fragen beantworten und den hoffentlich potenziellen Bewerbern authentisch unsere Arbeit zeigen“, erklärt der 35-Jährige. Mittlerweile ist das Versteck kaum noch zu sehen. Es hätte noch mehr im Waldinnern und auf ebenerem Grund sein können, aber die Teamarbeit war gut, resümiert Raschek. „Beim Versteckbau achten wir neben Tarnung auch auf Komfort, indem wir Unebenheiten wie Steine oder Wurzeln möglichst entfernen. Das wirkt sich positiv auf die Durchhaltefähigkeit aus“, sagt Raschek. Man wisse nie, wie lang man an der Stelle verharren muss. Gleichzeitig müssten der sogenannte Footprint möglichst minimal und die LEKE-Kräfte unentdeckt bleiben.
Teamwork unter Deckung: Lina Jäger und ihre Kameraden errichten ein Versteck aus Stangen und einer Plane. Ziel ist es, möglichst lautlos zu agieren, unentdeckt zu bleiben und die eigenen Spuren zu verwischen.
Bundeswehr/Jörg Hüttenhölscher
Komfort für Durchhaltevermögen: Beim Versteckbau ist es wichtig, dass die Stelle gut getarnt wird. Das Versteck muss aber auch so komfortabel sein, dass es sich dort lange ausharren lässt. Das erhöht die Durchhaltefähigkeit.
Bundeswehr/Jörg HüttenhölscherEin Schwerpunkt des Camps ist der Umgang mit verschiedenen elektronischen Systemen – vom Satellitentelefon BGAN über das Handfunkgerät PRC6809 bis zum Peilgerät PR100. Die Teilnehmenden erhalten einen Überblick über die vielen Fähigkeiten luftbeweglicher Operationen: Spektrumüberwachung, Ortung, Peilung von Störsignalen bis hin zur Funkdisziplin. „Wer zu uns kommt, muss zwingend ein Interesse an Technologie haben. Denn das ist der Kern unserer Verwendung“, sagt Major Maximilian Seeger*. Er ist seit 2024 Chef der 5. Kompanie und heute zur Dienstaufsicht auf dem Truppenübungsplatz. Bewusst hält er sich im Hintergrund – beobachtet, sammelt Eindrücke und führt kurze Gespräche am Rand. „Es geht nicht darum, Druck aufzubauen“, sagt er. „Die Woche soll zeigen, ob jemand geeignet sein könnte oder nicht.“ Das Wichtigste sei, dass man motiviert ist.
Nach der Theorie folgt die Praxis. Aufgeteilt in drei Sechsergruppen gehen die Soldatinnen und Soldaten in den Wald. Ihr Auftrag: das elektromagnetische Spektrum erfassen, Signale erkennen und aufzeichnen sowie das abzuhörende Gebiet orten und mithilfe einer Kreuzpeilung eingrenzen. Leutnant Jäger trägt zum ersten Mal ein PR100, ein leistungsstarkes Gerät zur Spektrumüberwachung und Peilung – für LEKE-Kräfte das Arbeitstier. Es ist handlich, zuverlässig und deckt alles ab, was den Elektronischen Kampf ausmacht: Suchen, Erfassen und Peilen.
Beim Suchen wird das Spektrum in verschiedenen Frequenzbereichen überprüft. Während hohe Frequenzen wie ein WLAN-Signal mit 2,4 Gigahertz geringe Reichweiten haben, können tiefe Frequenzen wie Funkgeräte mit 30 Megahertz große Distanzen überbrücken. Sobald die Teilnehmenden ein Signal empfangen, sollen sie es als Audiodatei aufnehmen, um es später auswerten zu können. Beim Peilen wird als Erstes geschaut und markiert, aus welcher Richtung das stärkste Signal kommt. Danach bewegen sich die Soldatinnen und Soldaten zu einem weiteren Punkt, der L-förmig zum ersten Punkt liegt und peilen das stärkste Signal erneut an. So entsteht eine Kreuzpeilung, die den vermuteten Standort feindlicher elektromagnetischer Quellen gezielt einschränkt. Noch genauer wird es, wenn man eine weitere Peilung an einem dritten Ort vornimmt. Wenn die drei Peillinien genau in einem Punkt zusammenlaufen, hat man den exakten Standort gefunden. Ansonsten entsteht ein kleines Dreieck, das den vermuteten Standort weiter einschränkt.
Leutnant Jäger ist begeistert: „Auch wenn das Gerät kompliziert aussieht, ist es erstaunlich intuitiv.“ Jäger dreht sich und hört plötzlich etwas. Zunächst nur Rauschen und lautes Knacken, kurz danach versteht sie klare Worte. „Es ist faszinierend zu merken, dass eine klitzekleine Drehung so einen Unterschied machen kann“, sagt sie. Abends wird das tagsüber Gelernte in Gruppenübungen vertieft. „Hier kombinieren wir alles Gelernte und agieren als Team“, so Jäger.
Bereit für die Nacht: Im Zelt rüstet sich Leutnant Jäger für die bevorstehende Abschlussübung aus. Neben der Schutzweste, dem Gewehr G36 und dem Gefechtshelm darf auch das Nachtsichtgerät nicht fehlen.
Bundeswehr/Jörg HüttenhölscherInzwischen ist es fast komplett dunkel. In wenigen Minuten treffen sich die Gruppen zur Vorbesprechung. „Die Planungsphase ist eine der entscheidendsten. Je mehr im Vorfeld geklärt ist, desto lautloser und unentdeckter kann operiert werden“, erklärt Raschek. Leutnant Jäger bereitet sich vor, wechselt Batterien, legt Ausrüstung an – inklusive G36 und Nachtsichtgerät. Kurz darauf werden die Aufgaben verteilt: Gruppenführer und Stellvertreter, ein Funker – der sogenannte Master Signal – und ein Master Medical für die Sanität. Jäger darf sich und ihre Gruppe nicht durch das Licht des GPS-Geräts verraten. Deshalb verschwindet sie mit der verräterischen Technik unter ihrer Jacke. Die anderen gehen in eine 360-Grad-Sicherung. „Wichtig ist, dass man als Team fungiert“, sagt Jäger. Sie hat einen unauffälligen Weg gefunden. Das Team arbeitet sich möglichst lautlos durch Gestrüpp und teils unebenes Gelände. Eins haben alle schnell verstanden: Jedes Mal, wenn das Funkgerät gedrückt wird, verrät man möglicherweise seinen Standort. An der Lagerhalle angekommen, heißt es: Versteck aufbauen, beobachten, elektromagnetische Signaturen erfassen und feindliche Bewegungen aufklären und dokumentieren.
„Interesse an Technologie und Motivation sind zwingend.“
Stunden später hat das Team seinen Auftrag erfüllt. „Das Camp bildet nicht eins zu eins die Realität ab, das geht aufgrund operativer Sicherheit nicht, aber es gibt einen authentischen Einblick“, so Raschek. Disziplin, Wille und Belastbarkeit sind elementar, um mit den Spezialkräften gemeinsam operieren zu können. Auch Nahkampftraining gehört dazu – nicht als Spektakel, sondern zur Kontrolle des Körpers. „LEKE-Kräfte müssen schnell reagieren und dürfen nicht die Übersicht verlieren“, sagt Raschek. Bei der Abschlussübung „Letzte Mission“ zeigt sich, wer den hohen Anforderungen gewachsen ist. Ob Lina Jäger wieder Navigatorin ist, weiß sie noch nicht. Was sie aber ganz sicher weiß: dass sie sich für das zweiwöchige Trainingslager bewerben wird, welches als Vorbereitung für das Eignungsfeststellungsverfahren dient. „Was LEKE-Kräfte besonders macht, ist nicht eine einzelne Fähigkeit, sondern ihre Kombination: luftbeweglich, verlegefähig, technisch hochspezialisiert und taktisch präzise“, bringt es Major Seeger auf den Punkt. Sie wirken dort, wo Sekunden entscheiden und Signale mehr zählen als Schüsse.
*Mit Sternchen gekennzeichnete Namen sind zum Schutz der Personen geändert.
von Beate Schöne
Eine Game von Y – Das Magazin der Bundeswehr