Heer
Neue Technik, neue Aufträge

Blick in die Zukunft der Infanterie

Blick in die Zukunft der Infanterie

Datum:
Ort:
Hammelburg
Lesedauer:
6 MIN

Die Infanterieschule auf dem Lagerberg öffnete in diesem Jahr zum 25. Mal ihre Tore für den Tag der Infanterie. Internationale Gäste, Schaulustige, ehemalige und aktive Soldaten erhielten einen Einblick in die Ausbildungsstätte der Infanterie und kamen miteinander ins Gespräch. 

Ein Soldat sitzt am Steuer eines Geländewagens, einer steht an einem schweren Maschinengewehr.

Das luftverladbare Fahrzeug Caracal, ausgestattet mit einem schweren Maschinengewehr vom Kaliber 50, wird auf dem Tag der Infanterie in Hammelburg vorgestellt

Rheinmetall AG

Die Aussteller der Bundeswehr und der Industrie präsentierten während der drei Tage Fähigkeiten und Innovationen und brachten damit auch den einen oder anderen erfahrenen Soldaten zum Staunen. Delegationen von Partnerstaaten nahmen auch dieses Jahr wieder am Tag der Infanterie und an Wettkämpfen teil. Auftakt der Veranstaltung bildete die Begrüßung aller Teilnehmenden durch den General der Infanterie, Brigadegeneral Michael Matz, im Infanteriesaal in Hammelburg. Er hieß besonders die Vertreter aus Finnland und Frankreich willkommen. Durch den Beitritt Finnlands in die NATO hing dieses Jahr im Infanteriesaal zum ersten Mal die finnische Flagge unter den Flaggen der Partnerstaaten. Die französische Delegation begrüßte General Matz in deren Muttersprache und verwies auf die langjährige Zusammenarbeit. 

Grabenkampf und Panzervernichtung

Passen Sie jetzt Ihre Datenschutzeinstellungen an, um dieses Video zu sehen

Der vielfältige Tag der Infanterie im Rückblick: Aktive und ehemalige Soldatinnen und Soldaten verschiedener Partnernationen und Gäste lauschen hier den Vortragenden



Generalleutnant Harald Gante, stellvertretender Inspekteur des Heeres und Kommandeur Einsatz im Kommando Heer, widmete sich in seinem Vortrag der Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland. Die Bundeswehr bildet seit Anfang des Jahres 5.000 Soldaten des ukrainischen Militärs aus, bis Ende des Jahres sollen es 10.000 Soldaten sein. Mit Erfolg, wie Ukrainer berichten. Die Ausbildung in Deutschland gelte als eine der hochwertigsten Ausbildungen, die die ukrainische Armee erhalte. Der Schwerpunkt liegt auf einer Ausbildung für Führungskräfte auf den Ebenen Zug- und Gruppenführer, die dann ihr Wissen weitergeben. Gante hob hervor, dass nicht nur die ukrainische Armee vom Heer lerne, auch die Bundeswehr lerne dazu. Dann wandte sich der General der Landes- und Bündnisverteidigung zu. Sie sei der Hauptauftrag und Schwerpunkt der Bundeswehr und dazu gehörten ganz besonders die Fähigkeiten des infanteristischen Kampfes. Grabenkampf oder Panzervernichtung müsse eine Kernkompetenz des Heeres bleiben, so Gante. 

Aber auch das Internationale Krisenmanagement sei wichtig für den Auftrag. Sicherheit und Stabilität auf der Welt sorgten für geopolitische Voraussetzungen zur Erfüllung der Anforderungen bei der Landes- und Bündnisverteidigung.

Schnelle Verlegung muss geübt werden

In seiner Rede beschrieb Gante die Herausforderungen, die auf die Bundeswehr zukommen. Mit neuen mittleren Waffensystemen schließe das Heer eine Fähigkeitslücke zwischen Schweren und Leichten Kräften. Eine schnelle Verlegung soll das Ziel zukünftiger Übungen sein. Die neu aufgestellten Mittleren Kräfte sollen den Leichten Kräfte folgen und den Feind binden, bis diese ebenfalls durch die schweren, kettengestützten Verbände unterstützt werden können. Hierfür bekommt die Infanterie 121 Systeme vom neuen Schweren Waffenträger, welche die Besucher des Tags der Infanterie schon sehen konnten. Das Waffensystem gehörte zu einem der vielen Aussteller der Industrie. Zudem können militärische Evakuierungsoperationen notwendig werden, für die das Heer kaltstartfähig sein muss. Konkret bedeutet das, die Zeit von der Alarmierung bis zur Verlegung (notice to move) muss kurz sein. So sieht das Konzept vor, die Leichten Kräfte innerhalb von 24 Stunden verlegen zu können. Die Mittleren Kräfte haben eine notice to move von 72 Stunden. Diese Elemente stellen sicher, dass die Bundeswehr spontan auf auftauchende Krisen reagieren kann. 

Der Schwere Waffenträger 

Ein Gefechtsfahrzeug steht vor einem Gebäude, daneben eine Infotafel

Der Schwere Waffenträger der Infanterie. In Hammelburg wird ein Vorführmodell von Rheinmetall in der australischen Version gezeigt.

Bundeswehr/Benjamin Bendig

Wer nach dem Vortrag durch die Kaserne lief, konnte sich an Ständen der Firmen KNDS oder Rheinmetall über Innovationen und moderne Technologien informieren und die Fahrzeuge genauer in Augenschein nehmen. Ingenieure erklärten die aufwendigen Systeme und gaben so einen Einblick in die Armee der Zukunft. Am Eingang stand für jeden Besucher gut sichtbar der neue Schwere Waffenträger, aufgebaut auf dem System Boxer in der sogenannten australischen Variante. Dieses Fahrzeug ist erweitert um die Waffenanlage des bemannten Lance-Turms. Kommandant und Richtschütze sitzen anders als im Schützenpanzer Puma im Turm statt in der Wanne. Mit einer 30-mm-Kanone und dem mehrrollenfähigen leichten Lenkflugkörpersystem (MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörpersystem) ist dieses Fahrzeug auch gegenüber Schweren Kräften duellfähig. Ein Angestellter von Rheinmetall drückte es wie folgt aus: „Das Fahrzeug wird so, wie es da steht, ausgeliefert. Es wird nur noch im Tarnmuster der Bundeswehr lackiert.“

Die Besonderheit ist, dass die Bundeswehr ein Fahrzeug von der Stange kauft. Das klingt für ein Militärfahrzeug merkwürdig, bringt allerdings viele Vorteile mit sich. Entwickelt man Waffensysteme selbst, dauert dies meistens mehrere Jahre und ist sehr kostenintensiv. Mit dem Kauf der bereits entwickelten und erprobten Systeme ist das Heer auf dem aktuellen Stand der Technik und spart Geld bei der Anschaffung. Der Zulauf der ersten Fahrzeuge wird daher schon 2025 erwartet.

Als weitere Innovation wurde das luftverladbare Transportfahrzeug Caracal ausgestellt. Diese umgebaute Mercedes G-Klasse hat mit ihrem zivilen Pendant nicht mehr viel gemeinsam, außer dem Stern auf dem Lenkrad. Der Caracal fällt breiter aus, um Platz für Soldaten mit Plattenträger und weiterer Ausrüstung zu schaffen. Ausgestattet mit einer Dachlafette für ein schweres Maschinengewehr vom Kaliber 50 oder einer Granatmaschinenwaffe (GMWGranatmaschinenwaffe) und einer zusätzlichen Seitenlafette für ein Maschinengewehr MG5 ist das Fahrzeug in der Lage, auftretenden Feind zu bekämpfen. Mit seinen 4,9 Tonnen schafft der Caracal 120 Kilometer pro Stunde im Gelände. 

Das Seebataillon stellt sich vor

Zwei Taucher springen mit Taucheranzug in ein Schwimmbad.

Minentaucher des Seebataillons aus Eckernförde bei der Vorführung „Tauchen“

Bundeswehr/Benjamin Bendig

Am Schwimmbad präsentierten sich die Kräfte der Marine mit Boarding-Taktik und Minentauchen. Wer dachte, Marine wäre nur auf Schiffen, kennt das Seebataillon noch nicht. Verschiedene Fähigkeiten, wie das Befreien von besetzen Schiffen oder das Räumen von Minen unter Wasser gehören nur zu einigen Aufgaben der Truppe. In einem nachgebauten Schiffsbereich präsentierte eine Halbwelle, bestehend aus fünf Soldaten, das taktische Vorgehen auf einem Schiff.

Den Vortrag übernahm der Spieß der Kompanie. Er erklärte, dass das Boardingteam nicht nur Infanterie auf dem Wasser sei. Nach 20 Jahren in der Infanterie lerne er nach seinem Wechsel zum Seebataillon jeden Tag neu dazu. Die Einsatzgrundlagen seien komplett verschieden, da es beim Kampf um ein Schiff keinen rückwärtigen Raum mit Reservekräften gibt. Deshalb sei es umso wichtiger, dass jeder Soldat in einer Welle jede Aufgabe beherrscht und den Platz eines anderen Kameraden einnehmen kann. In einer weiteren Vorführung präsentierte die Minentauchkompanie aus Eckernförde den Einsatz von Tauchern und deren Material. Das moderne entmagnetisierte Tauchgerät ähnelt mehr einem Computer als einer Taucherflasche. Mit diesem Anzug ist es dem Taucher möglich, sich in einer Tiefe von 54 Metern ohne die Bildung von Blasen einem Objekt zu nähern. Sein Anzug steuert dabei automatisch den Sauerstoffgehalt.

Den Abschluss des Tages bildeten die Siegerehrung und der Kameradschaftsabend des Schießwettbewerbes. Die zwölf Mannschaften kamen aus unterschiedlichen Bereichen. Aktive Soldaten, Reservisten und auch Soldaten aus Finnland. 
Den ersten Platz der Mannschaftswertung belegte die 6. Kompanie des Wachbataillons des Bundesverteidigungsministeriums, das übrigens auch zur Infanterie gehört, gefolgt von der Kreisgruppe Rottal des Reservistenverbandes. 

Mit der finnischen Armee verbunden

Seit 1918 pflegen Deutschland und Finnland enge Beziehungen. Beide Armeen waren schon vor dem Beitritt Finnlands in die NATO eng verbunden und tauschten sich regelmäßig aus. Für seine Verdienste wurde einem Hauptmann der finnischen Armee das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Bronze verliehen. Die finnische Delegation übergab dem Präsidenten des Bundes Deutscher Infanterie e. V.eingetragener Verein (BDInf) das finnische Ehrenkreuz und dankte im Namen der finnischen Infanterie. Für seine Arbeit als Präsident des Vereins von 2009 bis 2016 wurde Generalleutnant a. D.außer Dienst Rainer Glatz der Titel als Ehrenpräsident verliehen. Er wirkte als Präsident „mit Herzblut gegen Widerstände“, so der aktuelle Präsident, Generalmajor a. D.außer Dienst Josef Blotz. Glatz erhielt die erste Miniaturausgabe der Fahne des BDInf und eine Besitzurkunde. 
Auch dieses Jahr wurden wieder Spenden für die Soldaten- und Veteranenstiftung gesammelt. Bei guten Gesprächen klang der Abend beim Sonnenuntergang auf dem Lagerberg aus. 

von Bernhard Lange

zum Thema