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Heer
Auf den Spuren der Geschichte

Politische Bildung in der Gedenkstätte Lager Sandbostel

Geschichte

Es ist ein trister Ort. Mehrere karge Holzhäuser stehen auf dem mit Rasen bewachsenem Gelände. In diesen Baracken des „Stalag X B“ Sandbostel waren die damaligen Kriegsgefangenen ab 1939 unter widrigsten Bedingungen untergebracht. Soldatinnen, Soldaten und Mitarbeitende der 1. Panzerdivision besuchen zur Politischen Bildung das Kriegsgefangenenlager nahe dem Dorf Sandbostel.

Drei alte Holzbaracken stehen auf einer Grünfläche der Gedenkstätte.

Auf dem Gelände der Gedenkstätte Lager Sandbostel sind fünf originale Baracken erhalten geblieben: Dort mussten die sowjetischen Kriegsgefangenen mit bis zu 50 Mann auf einer 50 Quadratmeter großen Stube hausen.

Bundeswehr/Aileen Tina Hufschmidt

Es ist Politische Bildung zum Anfassen. Auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers besuchen Soldaten und Mitarbeiter der 1. Panzerdivision die fünf original erhaltenen Baracken. Das in der militärischen Kurzform „Stalag“ genannte Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager X B wurde ab August 1939 als eines von vier Kriegsgefangenenlagern im Wehrkreis X, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und nördliches Niedersachsen errichtet. Das Lager fasste seinerzeit bis zu 30.000 Kriegsgefangene.

Ab April 1945 wurden in dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager auch Häftlinge aus den Konzentrationslagern Neuengamme, Hamburg, Bremen und Wilhelmshaven untergebracht. Später wurde das Gelände als britisches Internierungslager genutzt, dann als Gefängnis und zuletzt als Materialdepot der Bundeswehr. Seit 2013 erinnert die Gedenkstätte Lager Sandbostel in ihrer heutigen Form an die Geschichte und Nachgeschichte des Kriegsgefangenenlagers.

Unterhaltung nicht für alle

Ein Zivilist sitzt an einem Tisch und hält ein gerahmtes Foto in der Hand.

Kulturelle Unterhaltung gab es in der Lagerzeit nicht für alle Gefangenen. Der Rechtsberater der 1. Panzerdivision, Leitender Regierungsdirektor Thorsten Schaay, zeigt das Foto einer damaligen Musikveranstaltung.

Bundeswehr/Aileen Tina Hufschmidt

Vor den Soldaten liegen mehrere Bilder auf dem Tisch. Sie zeigen Alltagssituationen der Gefangenen in einem Kriegsgefangenenlager. Die verschiedenen Bilder sollen auf zwei Stapel verteilt werden – ein Stapel für Situationen, welche die Besucher für gewöhnlich erachten, und einen Stapel für eher ungewöhnlich scheinende Situationen. „Eine Musikkapelle und hübsch zurecht gemachte Frauen zur Unterhaltung in einem Kriegsgefangenenlager?“, wundert sich eine Soldatin. „Na ja, zumindest für einen Teil der Gefangenen“, antwortet Thomas Grunenberg. Er leitet die Führung durch die Gedenkstätte. Grundsätzlich haben Kriegsgefangene nach den Genfer Konventionen, Anspruch auf kulturelle und religiöse Weiterbildung. „Allerdings blieb dies den sowjetischen Kriegsgefangenen im Lager Sandbostel verwehrt“, erklärt der ehrenamtlich tätige Grunenberg.

Härteste Bedingungen

Mehrere Soldaten stehen vor einem Schaukasten, der das Lager als Modell zeigt.

Bevor es zur Besichtigung der Baracken geht, erläutert Thomas Grunenberg den Aufbau des Lagers an einem Modell

Bundeswehr/Aileen Tina Hufschmidt

Bei den sowjetischen Kriegsgefangenen wurde das Kriegsvölkerrecht explizit missachtet. Daher waren die Baracken, die bis heute erhalten geblieben sind, insbesondere für die als „sowjetische Kollaborateure“ bezeichneten Gefangenen vorgesehen. Die Stuben der Baracken waren ursprünglich für zwölf Gefangene ausgelegt. „Tatsächlich waren in einer Stube bis zu 50 Personen untergebracht. Bei den Maßen dieser Stube war das nicht mal ein Quadratmeter zum Leben für jeden Gefangenen“, so Grunenberg. Insbesondere im Winter 1941/1942 starben Tausende sowjetische Kriegsgefangene an Krankheiten und körperlicher Erschöpfung.

Ein Stück Individualität

Soldaten blicken auf Namenstafeln aus roter Tonkeramik, die an Betonstelen angebracht sind.

Schüler aus der Umgebung arbeiten stetig an diesem Projekt: Seit 2010 fertigen sie Keramikplatten mit den Namen der früheren Kriegsgefangenen an und wollen ihnen damit ein Stück Individualität zurückgeben.

Bundeswehr/Aileen Tina Hufschmidt

Der Grund der körperlichen Erschöpfung der Kriegsgefangenen wird nicht zuletzt beim Besuch des ehemaligen Speisesaals im Lager Sandbostel deutlich. Genug Nahrung gab es hier für die Gefangenen nicht. „Ich habe in einer früheren Direktive gelesen, dass für einen Gefangenen damals ungefähr 2.200 Kilokalorien pro normalem Arbeitstag veranschlagt wurden. Wenn man die damaligen Bedingungen allerdings genauer betrachtet, stellt man fest, dass die Gefangenen mindestens das Doppelte an Energie pro Tag verbraucht haben müssen“, erklärt der pensionierte Lehrer Grunenberg. Die meisten Menschen im Lager überlebten nur drei bis sechs Monate, alle waren mangelernährt.

Die Politische Bildung findet schließlich an der Kriegsgräberstätte Sandbostel ihr Ende. In Sammelgräbern wurden verstorbene Kriegsgefangene bestattet. Die genaue Zahl der Toten ist bis heute ungeklärt. Eine Soldatin blickt ergriffen auf die Namenstafeln aus Tonkeramik, die an Stelen angebracht sind. „Wow, das ist eine wirklich tolle Aktion“, flüstert sie. In den vergangenen zehn Jahren fertigten Jugendliche aus der Region für jeden einzelnen Kriegsgefangenen eine Platte zum Gedenken. Sie gibt den unzähligen Opfern zumindest einen Teil ihrer verlorenen Individualität zurück.

Gegenständliche Zeugen des Lagers

von Aileen Tina Hufschmidt
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