Luftwaffe und Raumfahrt: Der Mensch im Hochtechnologiesystem
- Datum:
- Ort:
- Laage
- Lesedauer:
- 4 MIN
Moderne Luft- und Raumfahrtsysteme werden immer komplexer. Doch wenn Menschen unter extremen Bedingungen Verantwortung für sie tragen, bleiben Entscheidungsfähigkeit, Ausbildung und mentale Stärke entscheidend. Darüber sprach der Inspekteur der Luftwaffe mit ESA-Astronaut Alexander Gerst in Laage.
Generalleutnant Holger Neumann (l.) festigt die Verbindung zwischen Luftwaffe und Weltraum bei einem Besuch beim Taktischen Luftwaffengeschwader 73 in Laage mit jemandem, der den Weltraum persönlich kennt: dem ESA-Astronauten Alexander Gerst (r.)
Bundeswehr/Leon BelzDer Weltraum – das sind nicht nur unendliche Weiten, sondern für die Bundeswehr vor allem eine Dimension von militärisch hoher Bedeutung: Satelliten liefern Daten und Bilder für ein umfassendes Lagebild und ermöglichen wichtige Kommunikation für militärische Operationen. Umhertreibender Schrott und Weltraumwetter, ganz zu schweigen von gegnerischen Störversuchen, beeinflussen die Funktionsfähigkeit dieser Satelliten. Nur konsequent, dass Deutschland den Weltraum als strategische Dimension in seiner nationalen Sicherheitsstrategie verankert hat.
Bei der Bundeswehr liegt die Dimension Weltraum in der Verantwortung der Luftwaffe. Dazu ist es unter anderem notwendig, Schnittstellen zu anderen deutschen und europäischen Kompetenzzentren auszubauen – auch zur Europäischen Weltraumorganisation
Die wiederum bringen noch etwas anderes wertvolles mit als hautnahe Expertise zum Weltraum, von dem die Luftwaffe profitieren kann: die Erfahrung, unter extremem Druck handlungsfähig zu bleiben und lebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Denn auch bei der Luftwaffe werden Waffensysteme immer komplexer, vernetzter und schneller, das Operationsumfeld zugleich dynamischer und datengetriebener. Der entscheidende Faktor darin jedoch bleibt der Mensch.
Deshalb lud der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, den ESA-Astronauten Alexander Gerst zu einem Besuch beim Taktischen Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ nach Laage in Mecklenburg-Vorpommern ein. Gerst kennt nicht nur den Weltraum, sondern auch Situationen, in denen Menschen mit extremen Bedingungen und hochkomplexer Technik umgehen müssen. Während seiner beiden Flüge ins All verbrachte er insgesamt 363 Tage im Weltraum und war bei seiner zweiten Mission als erster Deutscher Kommandant der Internationalen Raumstation ISS.
Für die Luftwaffe ist dieser Wissenstransfer mit der Raumfahrt auch mit Blick auf die zunehmende technologische Komplexität ihrer Systeme relevant. Denn unabhängig davon, ob ein Mensch in einem Kampfjet oder einer Raumkapsel sitzt: In kritischen Situationen müssen Informationen schnell verarbeitet, Entscheidungen getroffen und Mensch und Maschine als Gesamtsystem funktionieren.
Darum gibt es in diesem Bereich auch bereits Kooperationen. „Piloten und Astronauten sind unglaublichen Kräften ausgesetzt, sowohl in der Luft als auch im Weltraum“, so der Inspekteur in Laage. „Das hat dazu geführt, dass unsere Medizinerinnen und Mediziner bereits sehr eng zusammenarbeiten, weil wir ähnlichen Belastungen ausgesetzt sind.“ Beispielsweise tausche man sich dazu aus, wie man mit Stress umgehe oder mit Situationen, in denen etwas nicht nach Drehbuch ablaufe – beim Raketenstart oder im Luftkampf.
Alexander Gerst (l.) auf dem Rücksitz eines Eurofighters des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 „Steinhoff“: Bei einem Mitflug konnte Gerst selbst erleben, welche Kräfte im Luftkampf auf Piloten und Pilotinnen wirken.
Bundeswehr/Christian TimmigMit Gersts Tag beim Taktischen Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ ging dieser Austausch über reine Gespräche hinaus: Höhepunkt des Besuchs war eine Fähigkeitsdemonstration des Eurofighters – in der Luft über Mecklenburg-Vorpommern, mit Gerst auf dem Rücksitz einer Ausbildungsmaschine. Damit konnte sich der erfahrene Astronaut aus erster Hand einen Eindruck darüber verschaffen, wie sich die körperlichen Belastungen im Cockpit eines Kampfjets mit denen in einer Weltraumrakete vergleichen lassen.
„Astronauten fliegen natürlich sehr gerne in so einem High-Performance-Jet mit, weil es eine sehr gute Trainingsumgebung ist, um unter schwierigen Bedingungen operativ zu handeln. Wärme, Kälte, Beschleunigung bis zu 9 g und trotzdem den Überblick zu behalten über Navigation, Kommunikation – das macht einen dann fit für den richtigen Raketenstart“, so Gerst über seinen Mitflug mit dem Eurofighter.
Was Gerst dabei beschreibt, ist eine Herausforderung, die über die Raumfahrt hinausweist. In beiden Bereichen entscheidet sich die Leistungsfähigkeit eines hochkomplexen Systems nicht allein an seiner Technik. Menschen müssen Informationen unter hoher Belastung verarbeiten, Entscheidungen treffen, kommunizieren und gleichzeitig die Kontrolle über das Gesamtsystem behalten.
Genau diese menschliche Leistungsfähigkeit wird für die Luftwaffe mit zunehmender technologischer Vernetzung zu einem entscheidenden Faktor. Der Austausch mit Gerst bot deshalb auch einen Blick aus einer anderen Hochtechnologie-Domäne auf eine gemeinsame Herausforderung: Wie müssen Menschen ausgebildet und vorbereitet sein, damit sie auch unter außergewöhnlichen Bedingungen sicher und entschlossen handeln können?
Wenngleich er bereits zweimal an Bord von Raketen in den Erdorbit gereist sei – auch die Erfahrung im Eurofighter war etwas Neues für den promovierten Geophysiker und Vulkanologen. Denn während beispielsweise in den USA das Kampfjettraining zur Ausbildung der Astronautinnen und Astronauten dazugehört, trainieren deutsche Astronauten ausschließlich in der Zentrifuge. Nun teilt der ESA-Astronaut ein Stück der Erfahrung seiner ausländischen Kolleginnen und Kollegen.
Angehörige des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 „Steinhoff“ im Gespräch mit ESA-Astronaut Alexander Gerst: Kampfpiloten und Astronauten sind sehr ähnlichen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt
Bundeswehr/Leon Belz