Scharfer Schuss auf Kreta
Der Raketenschießplatz NAMFI ist der einzige seiner Art in Europa, auf dem die Flugabwehr der Luftwaffe den Ernstfall proben kann.
„At Battle Stations!“ schallt es über den Truppenübungsplatz. Das Flugabwehrsystem IRIS-T SLM ist hochgefahren und einsatzbereit, seine Crew überwacht aufmerksam den Luftraum. Die Übung in Todendorf dient als finale Vorbereitung für ein historisches Ereignis: den ersten scharfen Schuss und die Zertifizierung für den Einsatz in der Luftverteidigung.
Es ist modern, leistungsstark und durch den Einsatz in den ukrainischen Streitkräften kampferprobt: Das Flugabwehrsystem IRIS-T SLM gilt als ein entscheidendes Element der Modernisierung der Luftverteidigung der Bundeswehr. Nach intensiven Monaten der Ausbildung und Vorbereitung werden die Soldatinnen und Soldaten der Flugabwehrraketengruppe 61 im Oktober 2026 erstmalig mit scharfen Lenkflugkörpern schießen. Auf Kreta hat die Einheit ein Ziel: die Zertifizierung für den Einsatz zu erlangen, auch in der integrierten Luftverteidigung der NATO. Die finalen Vorbereitungen finden aktuell in Todendorf an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste statt. In den Pre Tactical Firings (PreTacs) üben die Flugabwehrkräfte ein letztes Mal alle Handgriffe und Abläufe.
Bereits am frühen Morgen treffen die Soldatinnen und Soldaten der Flugabwehrraketengruppe 61 am Sammelpunkt auf dem Truppenübungsplatz ein. In einem Waldstück, das die Entdeckung durch gegnerische Aufklärungsmittel erschweren soll, stellen sie die Fahrzeuge des Flugabwehrsystems IRIS-T SLM und des Gruppengefechtsstands in einer bestimmten Reihenfolge auf, dem sogenannten Marschband. Wenn der Befehl zum Aufbruch erfolgt, verlegen die Flugabwehrkräfte umgehend und gemeinsam in Richtung des vorgesehenen Einsatzgebiets. Hierfür fahren sie zunächst als Kolonne, die sich dann während der Fahrt aufteilt, um möglichst zeitgleich in den unterschiedlichen Stellungsbereichen einzutreffen. Die Verlegung ist ein entscheidendes Element der Zertifizierung während des taktischen Schießens auf Kreta und wird dort durch ein erfahrenes Prüfungsteam bewertet.
In den PreTacs wiederholen die Soldatinnen und Soldaten die Abläufe jeden Tag, um größtmögliche Handlungssicherheit als Team zu gewinnen. Auf den Fahrzeugen sitzen dabei die entsprechenden Crews des Waffensystems. Fahrzeugbewegungen, Aufbau und Bedienung werden immer durch die gleichen Soldatinnen und Soldaten durchgeführt, damit jeder Handgriff sitzt und der Bedarf an Personal so gering wie möglich gehalten werden kann.
Sobald sie in den Stellungsbereichen eingetroffen sind, beginnen die Soldatinnen und Soldaten umgehend mit dem Aufbau des Flugabwehrsystems. Wichtige erste Arbeitsschritte: die Fahrzeuge mit Metallstäben zu erden, um Überspannungen des Fahrzeuges ableiten zu können, sowie reflektierende Oberflächen am Fahrzeug mit speziell zugeschnittenen grünen Planen abzudecken. Reflektierende Oberflächen sind zum Beispiel Glasscheiben, Seitenspiegel und die Kennzeichen.
Die weiteren Schritte beim Aufbau sind dann abhängig von der jeweiligen Systemkomponente. Bei den Startgeräten bringen die Soldatinnen und Soldaten die Lenkflugkörper auf der Abschussrampe in senkrechte Position und bereiten die Kommunikationselemente vor, also Funkmast und Lichtwellenleiter. Am Radarfahrzeug richtet das Aufbauteam zeitgleich per Knopfdruck den Sensor auf und testet das System auf mögliche Fehler. Im Feuerleitstand, dem Common Tactical Operation Center (C-TOC), richtet die Feuerleitcrew, geführt vom Feuerleitoffizier, ihre Arbeitsplätze ein und bindet die anderen Systemkomponenten an. Leistungsstarke Generatoren gewährleisten unabhängig von externen Stromquellen den dauerhaften Betrieb aller Fahrzeuge.
Ein vollständiges Flugabwehrsystem IRIS-T SLM besteht aus einem Feuerleitstand, dem Radar und mehreren Startgeräten, die je mit bis zu acht Lenkflugkörpern bestückt sind. Ergänzt wird das System durch ein Nachladefahrzeug (Reloader), das mit einem Kran leergeschossene Kanister eines Startgeräts durch neue austauschen kann, sowie weitere Wartungs- und Führungsfahrzeuge.
Grundsätzlich werden in der Luftverteidigung alle Flugabwehrsysteme abhängig von der Umgebung und dem Auftrag eingesetzt. Der Stellungsbereich kann sich über mehrere hundert Meter bis zu einigen Kilometern erstrecken, denn der Abstand zwischen den einzelnen Fahrzeugen erschwert gegnerischen Einheiten die Aufklärung sowie die Bekämpfung mehrerer Fahrzeuge gleichzeitig. Um diese Entfernungen für Bedienerinnen und Bediener zu überbrücken, verfügt IRIS-T SLM auf all seinen Komponenten über leistungsstarke Antennen für eine sichere Funkanbindung sowie über die Möglichkeit, mittels Lichtwellenleiter (also einem Kabel) verbunden zu werden.
Wenn die Soldatinnen und Soldaten alle vorgesehenen Kommunikationswege hergestellt haben, können Radar und Startgeräte aus der C-TOC heraus gesteuert werden, und die Feuerleitcrew meldet ihre Einsatzbereitschaft an den Gefechtsstand.
Die Luftverteidigung der NATO agiert als ein Verbund, dem NATO Integrated Air and Missile Defence System (NATINAMDS). Hier werden die Fähigkeiten aller Bündnispartner in den Bereichen Luftaufklärung, Frühwarnung, Luftkampf und Flugabwehr gebündelt sowie gezielt eingesetzt. Elementar hierfür ist eine effiziente Führungsstruktur. Diese beginnt bereits auf Ebene der Einheiten mit den entsprechenden Luftverteidigungssystemen. Während der PreTacs übernimmt diese Aufgabe der Gruppengefechtsstand der Flugabwehrraketengruppe 61, auch Group Operation Center (GOC) genannt. Dieser führt alle angebundenen IRIS-T-SLM-Einheiten des Verbands und behält die Übersicht über deren Positionen, die Gefechtsbereitschaft und die Beladungszustände.
Während des taktischen Schießens auf Kreta wird der übergeordnete Geschwadergefechtsstand, das Surface to Air Missile Operation Center (SAMOC), für mehrere Verbände mit teils unterschiedlichen Flugabwehrsystemen (zum Beispiel auch Patriot) zuständig sein. Das GOC der Flugabwehrraketengruppe 61 ist darin mit seinem IRIS-T-SLM-System eingegliedert. Oberhalb des SAMOC entscheidet ein Control and Reporting Center (CRC) über die Maßnahmen der Luftraumüberwachung und -sicherheit, darunter auch über die Einheiten der Flugabwehr. Das CRC wird auch auf Kreta durch Soldatinnen und Soldaten des Luftwaffentruppenkommandos abgebildet.
Ein Flugabwehrsystem wie IRIS-T SLM bleibt bei Bedarf auch über einen längeren Zeitraum im Einsatzbetrieb, um einen Luftraum zu schützen. Das Bedienpersonal muss dann regelmäßig ausgetauscht werden, damit ein durchgehender Tag- und Nachtbetrieb sichergestellt wird. Das funktioniert nur mit einem gut geplanten Schichtsystem. Die Flugabwehrraketengruppe 61 verfügt daher über mehrere Feuerleitcrews. Diese werden alle gleichwertig am Waffensystem ausgebildet, absolvieren abwechselnd die PreTacs und werden während des taktischen Schießens auf Kreta gemeinsam als Team bewertet und zertifiziert.
Ein Großteil der Ausbildung wird durch aufwendige Simulationen abgedeckt. Das wird auch während der PreTacs so gehandhabt: Während in der C-TOC des Flugabwehrsystems IRIS-T SLM eine Crew das Übungsszenario am „echten“ Arbeitsplatz durchläuft, sitzt eine andere Crew zeitgleich im Simulationsraum. Hier kann das Ausbildungspersonal nicht nur unterschiedliche Situationen durchspielen, sondern die Szenarien auch jederzeit stoppen und besprechen. Der direkte Austausch sorgt somit nicht nur für Ausbildung auf Augenhöhe, sondern dient auch der Weiterentwicklung der eigenen Szenarien für zukünftige Ausbildungen.