Marine

Amphibische Operationen: eine Einführung

Das Seebataillon sammelt für die Bundeswehr Fachwissen für den wohl komplexesten aller militärischen Aufträge: Landungsoperationen. Was ist das genauer?

Soldaten in Flecktarnuniform mit Sturmgewehren im Anschlag in der Brandung eines Strandes, im Hintergrund ein Landungsboot.

Auf der Trennlinie zwischen Wasser und Erde

Ungefähr 80 Prozent der Weltbevölkerung lebt nicht weiter als 100 Kilometer von der Meeresküste entfernt. Die meisten Großstädte weltweit liegen ebenfalls in Meeresnähe, und immer mehr Menschen ziehen dorthin. Die sogenannte Littoralisation ist neben der Urbanisierung ein erkennbarer Trend. An der Küste wird es also immer enger.

Luftbild eines Containerschiffs in einem Containerhafen.

Global konzentrieren Wirtschaft und Bevölkerung sich immer stärker in dicht besiedelten Küstenstreifen. Häfen und Hafenstädte haben immer mehr Bedeutung

HHM/Michael Lindner

Die Nähe zum Meer ist dabei nicht nur für den Handel wichtig, sondern kann auch militärisch genutzt werden. Das Wasser ist dabei mehr als ein Medium zum Transport von Soldaten und ihrer Ausrüstung. Von See aus können Waffensysteme an Land wirken, sei es um eigene Truppen zu unterstützen oder um feindliche Verbindungslinien zu stören. Spezialisierte amphibische Landungsschiffe können weltweit als mobile Basis für Operationen unterschiedlicher Intensität dienen.

Die möglichen Szenarien für Seestreitkräfte, außerhalb ihrer eigenen Domäne zu wirken, sind vielfältig. Sie reichen von Hilfeleistungen in Katastrophenfällen über die Evakuierung von Staatbürgern bis hin zu offensiven Operationen bei der Landes- und Bündnisverteidigung.

Was ist Amphibik?

Vom Meer zum Land – vom Land zum Meer. Der Leitspruch des Seebataillons der Deutschen Marine beinhaltet bereits den Kern der Amphibik. Das Präfix „amphi“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet auf Deutsch „doppelt“. Gemeint ist damit die gleichzeitige Kriegsführung an Land und im Wasser. Im herkömmlichen Sinn, und am häufigsten, ist damit eine militärische Landungsoperation von See auf Land gemeint.

Moderne amphibische Operationen gehen in ihrer Komplexität noch darüber hinaus. Sie sind nicht auf die Elemente Wasser und Land beschränkt, sondern werden in allen Dimensionen geführt. So spielen auch der Weltraum, Cyber und insbesondere der Luftraum bei solchen maritimen militärischen Unternehmen eine wichtige Rolle.

Schwarzweißaufnahme eines Hafens mit Schiffen, Landungsbooten und einer Reihe von Jeeps auf einer Pier.

Amphibische Operationen sind für die Logistik besonders herausfordernd. Hier Vorbereitungen der USUnited States-Armee in Südengland 1944 für die Landung der Alliierten in der Normandie

US Army

Eine Vielzahl von Akteuren ist deshalb involviert, allen voran Luftstreitkräfte. Sie können Landungstruppen direkt unterstützen. Sie können auch schneller reagieren und tiefer im Landesinneren wirken, als dies mit Fußsoldaten, Rad- oder Kettenfahrzeugen möglich wäre.

Aber es ist nicht nur der Kampf an der Küste oder dahinter. Amphibische Operationen gehen über reine Anlandungen hinaus. Sie beginnen bereits im Heimathafen mit akribischer Planung und dem korrekten Beladen der beteiligten Schiffe und Boote.

Was ist ein Landungsschiff?

Es gibt verschiedene Arten von Schiffen mit amphibischen Fähigkeiten. Das Spektrum reicht von kleinen Mehrzwecklandungsbooten, die einen Zug Infanterie oder einen Kampfpanzer transportieren können, bis zu großen Hubschrauberträgern.

Besonders leistungsfähig und vielseitig sind die spezialisierten großen Ladungsschiffe, die im Fachenglisch „Landing Platform, Dock“, kurz LPD, heißen. Sie sind für amphibische Operationen enorm wichtig. Diese speziellen Schiffe haben ein besonderes Deck, im Englischen well-deck genannt, das sich wie ein Schwimmdock fluten lässt. Hier können die Landungsboote für den Transport an Land beladen werden oder Schwimmpanzer zu Wasser gelassen werden.

Weiter im Inneren des Schiffes befindet sich genug Stauraum, um Personal, Fahrzeuge und Waffen für eine Anlandung zu transportieren. An Oberdeck können Hubschrauber starten und landen.

Deutschland verfügt über kein eigenes Landungsschiff, kann aber auf Basis einer bilateralen Vereinbarung die Landungsschiffe der Königlich Niederländischen Marine mitnutzen. Die niederländische Flotte verfügt über zwei LPDs der Rotterdam-Klasse und das Mehrzweckversorgungsschiff „Karel Doorman“.

Amphibische Plattformen im Vergleich

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  • Typ

     

  • Ausrüstung

     

  • Länge (in Metern)

     

  • Verdrängung (in Tonnen)

     

  • Besatzung und Truppen

     

VS

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  • Ausrüstung

     

  • Länge (in Metern)

     

  • Verdrängung (in Tonnen)

     

  • Besatzung und Truppen

     

Wozu dienen amphibische Operationen?

Amphibische Operation gibt es für verschiedene Intensitäten. Weil das Spektrum von einer Katastrophenhilfe bis zu einem symmetrischen militärischen Konflikt reicht, sind sie in unterschiedlichen Eskalationsstufen ein vielfältig einsetzbares Werkzeug – auf operativer und strategischer Ebene.

Was sie besonders macht, ist ihre Flexibilität und die befristete Unabhängigkeit von einem Hafen. Denn normalerweise gibt es einen Austausch von See zu Land und umgekehrt nur über diese Knotenpunkte. Amphibische Operationen hingegen brauchen „nur“ eine schwimmende Plattform und kleinere Fahrzeuge für den Transport an Land.

Sowohl für die Landes- und Bündnisverteidigung, als auch für Auslandseinsätze der Bundeswehr und der NATO können amphibische Operationen Vorteile bringen. In der symmetrischen Kriegführung dienen sie offensiven Tätigkeiten, wie zum Beispiel einem überraschenden Flankenangriff über See. Ein Beispiel dafür ist der alliierte Gegenangriff bei Incheon in Südkorea im September 1950 gegen die nordkoreanischen Truppen, die fast die gesamte Halbinsel erobert hatten. In der Defensive dienen sie zur Verstärkung an einem Küstenabschnitt oder Kampfformen wie der Verzögerung und dem Ausweichen.

Die Rückfallebene See lässt sich gleichermaßen offensiv wie defensiv nutzen. Personal und Material sind durch das Abstützen auf eine Plattform auf See mobil und flexibel einsetzbar. Hinzu kommt die logistische Unterstützung über See, solange kein freundlicher Hafen zur Verfügung steht.

Welche Arten von amphibischen Operationen gibt es?

Amphibische Operationen unterscheiden sich in ihrem Zweck, ihrer Intensität und in ihrem Maßstab teils deutlich.

Raid: Angriff mit zeitlich begrenztem Auftrag

Der Raid ist eine zeitlich und räumlich begrenzte Operation. Hierbei nehmen eigene Truppen beispielsweise einen Küstenabschnitt ein, bringen ihn also gegen feindlichen Widerstand unter eigene Kontrolle. Den genommenen Raum halten sie aber nur temporär und ziehen anschließend wieder ab. Zweck können das Zerstören von Zielobjekten, zum Beispiel großen Radaranlagen, Raketenstellungen oder Munitions- und Treibstofflagern, oder das Zerschlagen von aufmarschierten gegnerischen Truppen sein. Einen Raid zu planen, umfasst immer, das Ausweichen über See mit vorzubereiten.

Assault: Angriff mit anschließendem Raumgewinn

Schwarweißaufnahme eines Schiffes vor einer Küste, darüber ein Kampfjet in der Luft.

Der letzte echte amphibische Assault im großen Maßstab war die britische Landung in der Bucht von San Carlos während des Falklandkriegs 1982. Hier das Landungsschiff RFA „Sir Bedivere“ während eines argentinischen Tieffliegerangriffs

Crown Copyright/Imperial War Museum

Der Assault ist die eigentliche amphibische Invasion. Über den Raid hinaus streben die eigenen Truppen an, über den Landekopf, den „beachhead“, hinaus im Landesinneren Raum zu gewinnen – und dort zu bleiben. Deshalb kommt der Logistik beim Assault auch eine wesentliche Rolle zu: Sie muss sicherstellen, dass die gelandete Streitkraft ausreichend versorgt bleibt und Verstärkung bekommt.

Der wohl bekannteste, und historisch größte, Assault ist die Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944. Eines der ersten Ziele der Alliierten waren die Häfen der Normandie und der Bretagne. Nur über sie würde sich das Millionenheer versorgen lassen, das nötig war, um Nazi-Deutschland in Westeuropa zu besiegen.

Demonstration: Täuschung

Amphibische Operationen können auch eingesetzt werden, um einen Feind zu täuschen und zu Handlungen zu bewegen, die vorteilhaft für das Erreichen des eigenen Ziels sind. Die Täuschung beziehungsweise Ablenkung des Gegners lässt sich durch den Anschein einer großangelegten amphibischen Operation erzeugen.

Eine solche Demonstration kann Teil einer noch größeren militärischen Operation sein. Historische Beispiele dafür sind die erfolgreichen alliierten Maßnahmen 1944 und 1991 gegen deutsche beziehungsweise irakische Truppen. Die Besatzer in Frankreich beziehungsweise in Kuwait sicherten mit starken Truppenverbänden Küstenabschnitte, die von einer Landung bedroht waren. An den entscheidenden Kämpfen an anderer Stelle nahmen sie deshalb nicht teil.

Withdrawal: Ausweichen

Amphibische Flottenverbände können auch eigene Truppen von Land aufnehmen, so dass diese über See, zum Beispiel vor einem überlegenen Gegner ausweichen. Das eröffnet dem militärischen Entscheidungsträger vor Ort mehr Möglichkeiten des Handelns und erhöht die operative Flexibilität. Analog kann er über See in Küstennähe auch schnell Verstärkung erhalten.

Non-combatant evacuation: Evakuierungen von Zivilisten

Zwei Soldaten in Flecktarnuniform knieen vor einer Frau, die auf dem Boden sitzt.

Regelmäßig übt die Bundeswehr die Evakuierung von Zivilisten über See. Hier versorgen zwei Soldaten des Seebataillons eine Verletztendarstellerin

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Sollte sich eine Sicherheitslage in einem Krisenland so zuspitzen, dass Staatsbürger nicht mehr selbstständig ausreisen können, ist eine Option eine Evakuierung. Und wenn nicht über Flughäfen, dann über Häfen – und falls nötig Strände. Das kann sowohl als eine einfache Rückholung organisiert werden oder als eine robuste Evakuierung unter militärischem Schutz.

Eine solche Non-combatant evacuation hat auch bereits die Deutsche Marine hinter sich: Die Fregatten „Rheinland-Pfalz“ und „Brandenburg“ sowie der Einsatzgruppenversorger „Berlin“ retteten im März 2011 rund 400 Ausländer vor den Bürgerkriegskämpfen in Libyen.

Humanitarian crisis response: Katastrophenhilfe

Darüber hinaus kann ein amphibischer Marineverband auch bei Naturkatastrophen helfen. Katastrophenhilfe ist keine amphibische Operation im herkömmlichen Sinn, jedoch bieten Kriegsschiffe und speziell amphibische Landungsschiffe für solche Fälle vielfältige Vorteile. Für ihren Einsatz benötigen sie keine bestehende Infrastruktur, so können sie auch in zerstörten oder überschwemmten Küstengebieten Hilfe leisten.

Auch verfügen gerade Landungsschiffe über eine eigene gute Ausstattung mit Kommunikationsmitteln. So können so auch unabhängig von der lokalen Situation koordinierend unterstützen. Wertvoll in solchen Notsituationen sind auch die medizinischen Einrichtungen auf Marineschiffen und das Sanitätspersonal der Marineinfanterie. Nicht zuletzt ist jedes Kriegsschiff auch ein kleines, mobiles Kraftwerk, das seinen Strom auch an Land ableiten kann.

Ein Beispiel dafür ist die Unterstützung, die ein deutsch-niederländischer amphibischer Verband auf dem Landungsschiff „Johan de Witt“ im September 2019 leisten konnte. Sie waren direkt von einem geplanten gemeinsamen Manöver zur Katastrophenhilfe auf den Bahamas geeilt, nachdem der Inselstaat von einem verheerenden Hurrikan heimgesucht worden war.

Wie führt man amphibische Operationen?

Ein amphibischer Marineverband besteht aus zwei Teilen: einem Flotten-Anteil mit Landungsschiffen als Transportplattform für Personal, Luft- und Landfahrzeuge sowie einem Anteil Marineinfanterie, der Landing Force, gegebenenfalls unterstützt durch Spezialkräfte. Beide zusammen sind eine Amphibious Task Force (ATF).

Temporär gehören auch zum Beispiel auch Minenabwehrboote zur ATF. Sie bereiten eine amphibische Operation dadurch vor, dass sie für seeminenfreie Seewege sorgen und ihre Minentaucher für sichere Strände.

Soldaten in Flecktarnuniform und in blauer Arbeitsuniform sitzen und stehen in einem Raum.

Weil sie so komplex sind, brauchen amphibische Operationen besonders gute Absprachen zwischen allen Beteiligten. Hier besprechen sich Seeleute und Infanteristen auf dem USUnited States-Führungsschiff „Mount Whitney“ während des Manövers BALTOPS 2019

US Navy/Theodore Green

Der maritime Anteil der Operation wird geführt von einem Commander Amphibious Task Force (CATF), die Landungstruppe von einem Commander Landing Force (CLF). Im Übergang von See auf Land beziehungsweise Land auf See müssen sie koordinieren, wann das Kommando zwischen ihnen beiden übergeht. Das ist in der Regel der Fall, sobald die Anlandung abgeschlossen ist und der Schwerpunkt auf der Landoperation liegt.

Beide Kommandeure werden von Stäben unterstützt, deren Hauptaufgabe Planung und Organisation ist. Raumordnung und Koordination der verschiedenen einzelnen Elemente sind enorm komplex und wichtig, um Kriegsschiffe, Landungsboote, Flugzeuge, Hubschrauber und viele unterschiedlich spezialisierte Landeinheiten optimal einzusetzen.

Im Vordergrund ist ein Soldat in Flecktarn mit einer Pistole im Anschlag. Im Hintergrund ist eine Treppe.

Das Seebataillon

Seine Soldatinnen und Soldaten sind die Marineinfanterie der Bundeswehr.

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Welche amphibischen Fähigkeiten besitzt das Seebataillon?

Mit dem Leitspruch des Seebataillons „Vom Land zum Meer, vom Meer zu Land“ ist die Amphibik schon im Motto des Verbandes verankert. Amphibische Operationen kann das Bataillon mit seinen Spezialisten vielfältig unterstützen.

Ein Soldat in blauer Arbeitsuniform und mit Stahlhelm kniet an einem Strand vor einem tonnenförmigen Gegenstand.

Sie machen Strände erst sicher für die Landetruppe: Minentaucher. Hier ein Soldat des Seebataillons beim Entschärfen eines Übungssprengsatzes

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Die Minentaucherkompanie kann mit Kampfmittelabwehrtrupps die Voraussetzungen für ein sicheres Anlanden schaffen. Die Aufklärungskompanie kann mit ihren Drohnen, Scharfschützen und Feldnachrichtensoldaten wichtige Aufklärungsergebnisse für die eine geplante und auch eine laufende Operation beisteuern. Nicht zuletzt ist die Küsteneinsatzkompanie mit ihren Marineinfanteristen wesentlicher Beitrag zu einer Landing Force.

Die Bordeinsatzkompanien können mit ihren Bootszügen eigene kleine Operationen durchführen und andere Einheiten unterstützen. Außerdem lassen sie sich zum Eigenschutz (Force Protection) während der Landungsphase einsetzen. Darüber hinaus werden Soldaten aus der Gruppe Amphibischer Einsatz, die Teil des Bataillonsstabes ist, Planungsaufgaben wahrnehmen und an der Führung von Operationen als Stabselement beteiligt sein.

Welche Bedeutung hat die Kooperation mit den Niederlanden?

Seit 2016 gibt es eine offizielle Kooperation des deutschen Seebataillons mit dem niederländischen Korps Mariniers. Die Marineinfanteristen aus beiden Ländern füllen diese Vereinbarung zur Zusammenarbeit durch gemeinsame Einzelübungen, größere Manöver und Lehrgängen mit Leben.

So nehmen die Deutschen zum Beispiel seit 2019 am Joint Arctic Training und Joint Mountain Training der Niederländer in Nordnorwegen teil, das amphibische Operationsführung auch unter widrigen Witterungsbedingungen trainiert. Zu den gemeinsam absolvierten Manövern gehören unter anderem die NATO-Großübung Cold Response und die deutsch-multinationale Ostseeübung Northern Coasts.

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