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Interview: „Spagat zwischen Einsatzbereitschaft und Ansteckung“

Interview: „Spagat zwischen Einsatzbereitschaft und Ansteckung“

  • Coronavirus
  • Marine
Datum:
Ort:
Neustadt in Holstein
Lesedauer:
7 MIN

Flottillenarzt Jessica Ritter ist fachliche Leiterin am Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr. In Zeiten der COVID-19Coronavirus Disease 2019-Pandemie hat sie den Lehrgang „Erstausbildung zum Taucherarzthelfer und Tauchmedizinischen Assistenten“ als Fernausbildung neu auf die Beine gestellt.

Eine Frau in Marineuniform steht vor einer grauen Druckkammer.

Flottillenarzt Dr. Jessica Ritter ist Fachleiterin Sanitätsgefechtsdienst am Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine (EAZS M).

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Redaktion Marine: Frau Flottillenarzt, beschreiben Sie bitte die Problematik, einen Lehrgang in Zeiten von SARSSchweres Akutes Respiratorisches Syndrom-CoV-2 zu gestalten – speziell in Ihrem Fachgebiet.

Jessica Ritter: Traditionell findet die Erstausbildung zum Taucherarzthelfer beziehungsweise Tauchmedizinischen Assistenten fünf Mal pro Jahr mit einer Dauer von jeweils sechs Wochen am Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine in Neustadt in Holstein statt. Zusätzlich werden fünf Mal pro Jahr jeweils eine Woche Wiederholungslehrgänge durchgeführt, die alle zwei beziehungsweise drei Jahre absolviert werden müssen.

Die Ausbildung besteht aus einem theoretischen Teil mit Tauchmedizin, Dienstkenntnis, Gerätekunde und einem praktischen Teil mit Lagenausbildung, Druckkammereinweisung, 50-Meter-Druckkammerfahrt, sowie einer einführenden tauchpraktischen Ausbildung. Gewöhnlich sind alle Anteile miteinander verwoben.

Im Zuge der Präventivmaßnahmen für SARSSchweres Akutes Respiratorisches Syndrom-CoV-2 waren nun einige Fragezeichen aufgetaucht. Insbesondere die Abstandsregelung stellte uns vor Herausforderungen in allen drei Lehrgangsanteilen – bei den Hörsaalkapazitäten, der Anzahl der Ausbilder, bei Lagenausbildung und Druckkammerfahrten. Aber auch Kinderbetreuung, Schwangerschaft, Risikopatienten und Unterbringung gestalteten sich nicht weniger schwierig. Hinzu kommt, dass kurzfristig auch Erstuntersuchungen auf Tauchtauglichkeit ausfielen, die regulär Voraussetzung zur Teilnahme an diesem Lehrgang sind.

Welche Probleme bereiteten die Planung und Durchführung der Fernausbildung?

Zunächst einmal gab es Bedenken im eigenen Bereich, am EAZS M und auch darüber hinaus, was das mit einer Fernausbildung werden solle. Glücklicherweise habe ich mit Oberstabsarzt Alexandra von Stülpnagel, Oberstabsarzt Juana Brauel und Stabsbootsmann Katrin Günther ein Team gefunden, das die Herausforderung mit Freude und Engagement annahm.

Nun hieß es, dass das Training umzugestalten und die Unterrichtsunterlagen sowie Leistungsnachweise neu zu gestalten sind. Das nahm viel Zeit in Anspruch.

„Man begegnet den Trainingsteilnehmern auf Augenhöhe“

Mit der „integrierte(n) Technologiegestütze(n) Ausbildungsplattform der Bundeswehr“, dem iTAP BwBundeswehr, oder mit Fernausbildung hatte keine von uns bisher Erfahrung gesammelt. Freundlicherweise erhielten wir hierbei Unterstützung durch das Marinekommando, das Marinefliegergeschwader 5 und das Kommando Streitkräftebasis. Schnell konnten wir uns nun mit der Plattform vertraut machen, deren Möglichkeiten entdecken und nutzen. iTAP BwBundeswehr ist intuitiv bedienbar und macht das Arbeiten mit der Plattform sowohl für die Ausbilder, als auch die Lehrgangsteilnehmer einfach und komfortabel.

Ein weiteres Problem ergab sich daraus, dass nur Formate, die als „Offen“ eingestuft sind, auf iTAP BwBundeswehr hochgeladen werden dürfen. Im Fall der Unterrichtung von Dienstkenntnis schwierig. Dank der Unterstützung des Beauftragten Taucherdienstes fand sich auch hier eine Lösung.

Außerdem mussten die Trainingsteilnehmer informiert werden, dass das Training in Form einer Fernausbildung stattfinden würde und dass sie dazu PCs mit Internetverbindung benötigen. Zwei Trainingsteilnehmer hatten tatsächlich keinen eigenen PC und liehen sich kurzerhand einen aus. Nicht zuletzt waren die Lehrgangsteilnehmer der neuen Lehr-/Lernform gegenüber etwas skeptisch.

Weitere Fragen kamen bezüglich der Administration auf. Was schreibt man auf die Kommandierungen, wie läuft das mit der Abwicklung im Geschäftszimmer, was passiert bei Erkrankung eines Lehrgangsteilnehmers?

Zwei Frauen behandeln eine liegende Person, innerhalb eines Übungsumfelds.

In der Druckkammer wird auf engsten Raum ein verunglückter Taucher behandelt. Die angehenden Sanitätsmeister lernen in Neustadt Taucherunfälle zu behandeln.

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Welche besonderen Vorkehrungen mussten Sie treffen und müssen in Zukunft eingehalten werden?

Die Ausbildung der Theorie erfolgte nun in den ersten drei Wochen in Form einer Fernausbildung. Die Lagenausbildung im Anwesenheitsteil erfolgte mit Hilfe von Simulationspuppen, sodass jeweils nur zwei Personen im Team an einer Puppe ausgebildet wurden. Beide trugen dabei einen Mund-Nasen-Schutz.

Die 50-Meter-Druckkammerfahrten wurden verschoben. Die Taucherdruckkammern in Neustadt sind zu klein, als dass man alle Lehrgansteilnehmer unter Einhaltung des Mindestabstandes zügig während des Trainings hätte durchschleusen können. Eine größere Druckkammer am EAZS M als auch die Behandlungsdruckkammer am Schifffahrtmedizinisches Institut (SchiffMedInst) befanden sich zu dieser Zeit in der geplanten Instandsetzung.

Die praktische Tauchausbildung konnte aufgrund des Ausfalls an Personal und der nicht möglichen Einhaltung von Mindestabständen nicht stattfinden.

Welche persönlichen Ambitionen hatten Sie beziehungsweise wie kam es zu dem Impuls, einen Lehrgang trotz erschwerter Bedingungen zu erstellen?

Im März 2020 tauchte ein neuartiges Virus auf, welches sich weltweit rasant ausbreitete und aufgrund erforderlicher Präventivmaßnahmen auch den Betrieb vieler Dienststellen der Bundeswehr zum Erliegen brachte. Für die Ausbildung hieß es nun den Spagat zu schaffen zwischen der Einsatzbereitschaft der Einheiten und gleichzeitig die Trainingsteilnehmer und Ausbilder bestmöglich vor einer Ansteckung zu schützen. Durch Zufall erfuhr ich von der Möglichkeit einer Fernausbildung. Ich sah darin eine Chance, mal etwas Neues auszuprobieren und diesen Spagat zu schaffen.

„Rasant gestiegene Nachfrage an Fernausbildungen“

War es von Anfang an klar, dass das Training stattfinden würde?

Es war von Anfang an klar, dass wir uns nicht erlauben konnten, das Training ausfallen zu lassen. Daher bewarben wir uns über das Marinekommando um Speicherkapazität auf der Plattform iTAP BwBundeswehr. Dies war erforderlich aufgrund der rasant gestiegenen Nachfrage an Fernausbildungen.

Bei hellem Sonnenschein sind ein kleiner Hafen und mehrere Gebäude von oben an einer Küste zu sehen.

Das Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine in Neustadt in Holstein

Bundeswehr/Björn Wilke

Inwieweit musste das vorhandene Material angepasst werden, sprich Unterlagen überarbeitet und für das Studium zu Hause erstellt werden?

Der gesamte Lehrgang wurde komplett angepasst und die Unterrichtsunterlagen innerhalb von drei Wochen neu erstellt. Es ist etwas anderes, Vorträgen im Unterricht zu folgen und gegebenenfalls Fragen zu stellen beziehungsweise Fragen gestellt zu bekommen – oder sich zu Hause selbstständig mit den Unterrichtsmaterialien zu beschäftigen.

Ziel war es, sich möglichst gut in die Trainingsteilnehmer hineinzuversetzen und die Vorträge so umzugestalten, dass diese von zu Hause aus bestmöglich die Unterrichtsinhalte nachvollziehen, Zusammenhänge erkennen und verstehen konnten. Zudem war es wichtig, eine Bindung zu ihnen aufzubauen, das Interesse an dem Lehrgang selbst und an dessen Form zu erwecken, sie auf die Reise mitzunehmen, sich nicht vorm Fragenstellen – per Forum und Telefon – zu scheuen und sie zum Lernen zu motivieren.

Online-Vorlesungen  könnte man nicht einen Schritt weitergehen und zukünftig generell bei diversen Lehrgängen darauf zurückgreifen?

Ich finde den Gedanken, in Zukunft auf mehr Fernausbildung zurückzugreifen, modern und sinnvoll. Viele Gründe sprechen dafür: Man begegnet den Trainingsteilnehmern auf Augenhöhe, man traut ihnen etwas zu, überträgt ihnen Eigenverantwortung und kann sie zudem individueller betreuen. Hinzu kommen die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie gesundheitliche Aspekte – wie wir sie gerade in der Pandemie erlebt haben.

Ich möchte dazu gerne ein Beispiel anbringen. Trainingsteilnehmer A ist zum Beispiel mit der Bearbeitung des Unterrichtsmaterials in fünf Stunden durch und kann dann seinen Tag so gestalten, wie er es möchte — zum Beispiel mit Familie, Freunden, Sport et cetera. Im Frontalunterricht wäre er gezwungen,  die vollen neun Stunden im Unterrichtsraum zu verbringen und kann dann lediglich auf die Möglichkeiten in der Kaserne zurückgreifen.

Trainingsteilnehmer B benötigt die vorgesehenen neun Stunden zur Bearbeitung des Unterrichtsmaterials, kann aber von zu Hause aus Fragen stellen, ohne das Gefühl zu haben, den Unterricht aufzuhalten. Auch er hat die Möglichkeit, die Unterrichtseinheiten in seinen Tagesablauf zu integrieren, so wie es für ihn am besten ist. Er schläft vielleicht länger, arbeitet dafür aber auch länger.

Wie war die Zustimmung von Ihren Vorgesetzten?

Das war ganz unterschiedlich. Aus der Abteilung Marinesanitätsdienst im Marinekommando erhielt ich von Anfang an Zuspruch. Am EAZS M gab es anfangs noch Skepsis. Nach wenigen Tagen teilte mir jedoch auch der Kommandeur mit, dass er es für eine gute Idee hielte und es einen Versuch wert sei.

„Die Ausbildung zum Taucherarzthelfer ist essentiell für die Flotte“

Wie sieht Ihr Alltag als Leiterin aus?

Ich bin Leiterin des Fachbereiches Bordsanitätsgefechtsdienst, Tauch- und Überdruckmedizin am Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine. Als Leiterin bin ich dafür verantwortlich, dass die sanitätsdienstliche Ausbildung im Bereich der Basis- und Einsatzausbildung stets auf aktuellem Stand ist und stattfindet. Des Weiteren stelle ich tauch- und notfallmedizinisch sicher, dass die Ausbildung der Schwimmtaucher und Schiffstaucher sowie die U-Boot-Rettungsausbildung an Land und in See stattfinden kann.

Hierzu ist entsprechendes Personal – Taucherarzthelfer, Tauchmedizinische Assistenten, Taucherärzte – und Sanitätsmaterial erforderlich. Nebenbei bemerkt, bin ich die einzige Frau in einer leitenden Funktion vor Ort. Bis vor Kurzem war ich sogar die einzige Frau im Offiziersdienstgrad am EAZS M.

Ein Mann in einem gelben Taucheranzug, auf dem Kopf eine blaue Wollmütze.

Bedarfsträger: Die Marine benötigt einige Spezialisten für Arbeit unter Wasser. Hier ein Schiffstaucher des Marinestützpunktkommandos Warnemünde

Bundeswehr/Björn Wilke
Eine Person im Tauchanzug unter Wasser blickt direkt in die Kammera.

Ihr Job gehört zu den gefährlichsten unter der Wasserlinie: Minentaucher. Gerade sie brauchen die Rückversicherung, gut ausgebildete Notfallhelfer zu haben.

Bundeswehr/Andrea Bienert

Sie sagen, dass das vermittelte Wissen wichtig für die Flotte ist. Warum?

Ja, die Ausbildung zum Taucherarzthelfer beziehungsweise Tauchmedizinischen Assistenten ist essentiell für die Einsatzbereitschaft der Flotte. Zum einen kommen, ohne Taucherarzthelfer beziehungsweise Tauchmedizinische Assistenten, die gesamte Tauchausbildung sowie die Tauchereinsätze zum Erliegen. Die Schwimmtaucher, Schiffstaucher, Kampfschwimmer und Minentaucher, aber auch die Pioniertaucher könnten alle ihre Arbeit nicht mehr leisten.

Zum anderen ist dieser Lehrgang grundlegender Bestandteil der Ausbildung zum Schiffsarzthelfer und Schiffsmedizinischen Assistenten, umgangssprachlich der San-Meister eines Schiffes oder Bootes der Marine. Und ohne eben diese ist das Auslaufen der Schiffe und Boote der Marine nicht möglich.

von  Interview: Paul Rein  E-Mail schreiben

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