Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ – ein Multitalent
Die „Gorch Fock“ bereitet den maritimen Offiziernachwuchs auf dessen Führungsrolle in einer kriegstüchtigen Marine vor.
Zum 250. US-Unabhängigkeitstag zeigt sich die Deutsche Marine vor New York von ihrer besten Seite: zupackend und modern. Die „Gorch Fock“ und die Fregatte „Sachsen“ fuhren dafür über den Atlantik. Das ist kein Höflichkeitsbesuch, sondern Ausdruck der langjährigen und intensiven Zusammenarbeit der deutschen und amerikanischen Flotte.
Vor einigen Jahrzehnten hätte eine Grafik zur deutsch-amerikanischen Marine-Zusammenarbeit vielleicht so ausgesehen. An Aktualität und Symbolkraft haben die künstlerischen Ausdrucksformen jener Zeit nichts eingebüßt. Happy 4th of July!
Bundeswehr/Hanna M. LainesDie „Gorch Fock“ , das Segelschulschiff der Marine, lässt in vielen Köpfen Bilder entstehen. Von einer Mannschaft, die hoch oben in der Takelage Segel setzt und mit geballter Muskelkraft den Naturgewalten trotzt. Bisweilen auch von lauschigen Sonnenuntergängen auf See. Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Dreimaster sich auf den Weg über den Atlantischen Ozean macht. Dass er in diesem Jahr für seine 189. Ausbildungsfahrt Kurs auf New York setzte, lag an einem besonderen Jubiläum. Gemeinsam mit der Fregatte „Sachsen“ nimmt die 1958 in Dienst gestellte „Botschafterin in Weiß“ an den 250-Jahr-Feierlichkeiten am 4. Juli teil.
Die Ausbildung auf der „Gorch Fock“ ist kein Anachronismus. Zwar funktioniert vieles an Bord noch ausschließlich mit Muskelkraft. So braucht es vier Rudergänger, um Kurs zu halten. Und dutzende Kadettinnen und Kadetten arbeiten an den Brassen, um schwere Rahen zu bewegen. Doch Segel und Tauwerk sind bereits aus modernen Kunstfasern hergestellt, und für Hafeneinfahrten oder Flauten gibt es einen Dieselmotor.
Als Konstante bleibt: Naturgewalten prägen den Arbeitsalltag auf neuen Fregatten, Korvetten oder Versorgungsschiffen ebenso wie auf dem seit 2021 generalüberholten Schulschiff. Wie solche elementaren Kräfte in See wirken, lernen Kadettinnen und Kadetten aber nur auf diesem Großsegler hautnah. Dort werden sie zu Seeleuten.
Wer bei meterhohen Wellen auf bis zu 45 Meter Höhe aufentern oder auf dem Oberdeck einen sicheren Halt finden muss, weiß: Es geht nur gemeinsam. Kriegstüchtigkeit erfordert Teamgeist und die Fähigkeit, Verantwortung unter Belastung und bei rauem Wetter zu übernehmen. Auch deshalb geht es nicht ohne dieses Schiff traditioneller Bauart, von dem noch drei Schwesterschiffe aus den 1930er-Jahren in Dienst sind – davon eines in den USA. All dies verdeutlicht, warum die „Gorch Fock“ als würdige Repräsentantin zu dem besonderen Jubiläum auf die lange Fahrt nach New York geschickt wurde.
Die Fregatte „Sachsen“ ist das zweite deutsche Schiff im Hudson River. Anders als die Gorch Fock, die der Marineschule Mürwik untersteht, ist sie nicht nur im rein nationalen Auftrag in New York. Die „Sachsen“ ist auch Flaggschiff der Standing NATO Maritime Group 1 (SNMG1) im Auftrag des Bündnisses.
Die „Sachsen“ ist zudem nicht nur das Stabsschiff für die unter britischer Führung stehenden SNMG1, sondern trägt mit ihren hochmodernen Sensoren und Effektoren zum Schutz des Verbandes insbesondere vor Bedrohungen aus der Luft bei. Denn mit ihren Radaranlagen kann sie einen Bereich überwachen, der in etwa der Größe der Nordsee entspricht.
Um auf moderne Bedrohungen wie Flugkörper, Torpedos und Drohnen richtig reagieren zu können, ist ein vollumfängliches Lagebild unabdingbar. Eine Gefahr zu identifizieren, ist gut. Alle im Blick zu haben, ist besser. Außerdem muss deren Abwehr regelmäßig trainiert werden. Dies übte die Besatzung vor dem Besuch im New Yorker Hafen während des Manövers „FLEETEX250“ vor der Ostküste der USA. An der Übung unter Führung der 2. US-Flotte waren 30 weitere Kriegsschiffe beteiligt. Wie hier trainieren die amerikanische und die deutsche Marine seit Jahrzehnten regelmäßig gemeinsam.
Der Besuch der Fregatte in den USA hat daher nicht nur einen protokollarisch-repräsentativen Charakter. Vor dem Hintergrund des 250. Geburtstags der USA ist dieser ein Zeichen gelebter Partnerschaft und Bündnissolidarität in der NATO. Gleichzeitig steht er für eine Kooperation, die gerade an der Nordflanke der NATO zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Ob Operationen, Übungen, Personalaustausch, Ausbildung oder die Weiterentwicklung militärischer Fähigkeiten – die U.S. Navy und die Deutsche Marine verbindet eine langjährige intensive Zusammenarbeit. Bei regelmäßigen Trainings geht es vor allem um Interoperabilität: Waffensysteme müssen technisch, Besatzungen und Abläufe organisatorisch auf einander abgestimmt sein. Auf konstant hohem Niveau sind die USA bislang der wichtigste maritime Kooperationspartner Deutschlands – nicht zuletzt, was glaubwürdige Abschreckung betrifft.
Die Liste gemeinsamer Programme und Übungen ist lang, wobei sich der Schwerpunkt auf den Schutz der NATO-Nordflanke und der Ostsee verlagert hat. Das verdeutlichten etwa BALTOPS und Northern Coasts zur Sicherung der Seewege durch die Ostsee. Auch die Integration deutscher Fregatten in Flugzeugträgerverbände der U.S. Navy bei Manövern auf der anderen Seite des Atlantiks oder 41 Jahre deutsch-amerikanischer Reserveoffizieraustausch sprechen für sich. Die Coast to Coast-Kooperation beider Marinen umfasst überdies amphibische Übungen zur Bewegung, Unterstützung und Versorgung von Truppen über Küstenlinien hinweg.
Anlässlich der Feierlichkeiten zum 4. Juli wird wie zuletzt vor 50 Jahren wieder die Regatta um die Five Sisters Trophy stattfinden. Segeln werden die „Gorch Fock“, die den Pokal bei der bisher einzigen Durchführung 1976 anlässlich der 200-Jahrfeier der USA gewann, und ihre drei noch zur See fahrenden Schwesterschiffe: die amerikanische Bark „USCGC Eagle“, die portugiesische „NRP Sagres“ und die „NS Mircea“ aus Rumänen. Auch für das Revival 2026 ruhen die deutschen Hoffnungen auf dem Traditionsschiff aus Kiel. Damit sind nach fünf Jahrzehnten wieder alle aktiven Schiffe der Gorch-Fock-Klasse in den USA versammelt.
In Baltimore lagen alle „Gorch-Fock-Schwesterschiffe“ gemeinsam im Hafen vor Anker. Auch dies ein Anblick, der sich nur selten bietet.
Bundeswehr/US NavyFür den Kurs von New York nach Boston sei allen vier Dreimastern „Mast und Schotbruch“ gewünscht, damit sie sicher und erfolgreich ins Ziel einlaufen. Doch vorher heißt es erst einmal, von Küste zu Küste zu einem Vierteljahrtausend Vereinigte Staaten zu gratulieren. Herzlichen Glückwunsch – Happy 4th of July!
von Christina Moritz E-Mail schreiben