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NATO-Raketenabwehr: Scharfschützen im Nordatlantik

NATO-Raketenabwehr: Scharfschützen im Nordatlantik

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Datum:
Ort:
Rostock
Lesedauer:
6 MIN

Die Fregatten der Klasse 124 werden künftig zur NATO-Raketenabwehr gehören. Im Manöver Formidable Shield hat die „Sachsen“ schon einmal die Einbindung in das System geübt. Denn noch bevor das Schiff sein neues Radar erhält, erfüllt es bereits eine Spezialaufgabe.

Vom Betrachter aus gesehen hinter den Aufbauten eines Kriegsschiffes startet eine Rakete; im Mast noch davor wehen Flaggen.

Testschuss: Vom USUnited States-Zerstörer der „Donald Cook“ der Arleigh-Burke-Klasse startet eine SM-3-Rakete. Der Flugkörper ist in der Lage, auch Ziele außerhalb der Atmosphäre zu treffen.

US Navy/Theron J. Godbold

Es war eine Premiere für die NATO-Marinen: Mit der Großübung Formidable Shield 2017 hat die Allianz zum ersten Mal geprobt, wie sich unterschiedliche Kriegsschiffe in die strategische Bündnisverteidigung einfügen. Vom 24. September bis zum 18. Oktober hat eine Task Group, deren teilnehmende Schiffe nach ihren speziellen Fähigkeiten ausgewählt worden waren, ausschließlich zu dem Zweck trainiert, anfliegende Mittel- und Langstreckenraketen abzuwehren.

Eine Marinesoldatin in blauer Arbeitsuniform auf der Brücke eines Schiffes spricht in einen Telefonhörer.

Captain Shanti Sethi, die USUnited States-Kommandeurin der Task Group IAMD, hier noch während des Manövers Joint Warrior auf der Brücke der kanadischen Fregatte „Montreal“, zwei Wochen vor Formidable Shield

US Navy/Raymond Maddocks

Formidable Shield hat uns in einem dynamischen Umfeld zusammengebracht, um unsere Raketenabwehrfähigkeiten zu verfeinern“, sagt Captain Shanti Sethi von der USUnited States Navy. Sie kommandierte die Großübung. Dynamisches Umfeld – das heißt, geübt wurde im herbstlich-rauen Nordatlantik nordwestlich von Schottland.

Für die Deutsche Marine mit dabei: die Fregatte „Sachsen“. Ihre Spezialfähigkeit: die Luftverteidigung eines ganzen Flottenverbandes. Die Task Group IAMD – Integrated Air and Missile Defence, extra für die Übung gebildet, setzte sich aus insgesamt 14 Kriegsschiffen von acht NATO-Partnern mit rund 2.800 Männern und Frauen Besatzung zusammen. Sie alle konnte die „Sachsen“ innerhalb des 800 Kilometer großen „Schirm“ ihres Luftraum-Überwachungsradars mit Abwehrraketen beschützen, sollten sie selbst angegriffen werden – etwa durch Kampfjets oder Anti-Schiff-Raketen.

Unter realen Bedingungen stand die Raketenabwehr der NATO auf dem Prüfstand

Erst das erlaubt der eigentlichen ballistischen Raketenabwehr, unbesorgt ihre Arbeit zu machen. Zurzeit sind das noch USUnited States-Zerstörer der „Arleigh Burke“-Klasse. Drei von ihnen haben an Formidable Shield teilgenommen. Sie verfügen erstens über ein Überwachungsradar, dass nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe „schauen“ kann; es kann also weit- und hochfliegende Raketen entdecken, die auf ihrer ballistischen Flugbahn eine Zeitlang die Erdatmosphäre verlassen. Zweitens können sie Abwehrraketen vom Typ Standard Missile SM-3 verschießen, die mit einer Höhenreichweite von 300 Kilometern selbst ballistische Flugkörper abfangen.

Radar und Raketen müssen sich nicht unbedingt auf ein- und demselben Schiff befinden. Zwei Plattformen können sich die Arbeit aufteilen – ganz wie ein Scharfschützenteam immer aus zwei Mann besteht. Aber genauso wie ein Scharfschütze mit dem Fernglas seinen Kameraden mit dem Gewehr auf ein weit entferntes Ziel „einweist“ – alles können sie nicht sehen.

„Der ‚Spotter#en‘ und der ‚Shooter#en‘ haben, um auf eine mögliche ballistische Bedrohung schnell reagieren zu können, ihre Radareinstellungen auf ballistische Raketen angepasst“, erläutert Oberbootsmann Max Dopitz  [Name geändert, d. Red.], einer der drei Radarmeister der „Sachsen“. Er ist das „Auge des Kommandanten“ für die Flugabwehr, wenn er in der Operationszentrale tief im Bauch des Schiffes vor seiner taktischen Radarkonsole sitzt.

Mehrere Marinesoldaten in dunkelblauer Arbeitsuniform und dunkelblauen Stoffhauben beugen sich über eine Kladde.

In der Operationszentrale der „Sachsen“, mitten im simulierten Gefecht. Hier hat auch Radarmeister Max Dopitz seinen Arbeitsplatz.

Bundeswehr/Chris Lechner
Ein graues Kriegsschiff in See, von vorne oben aufgenommen.

Die Luftverteidigungsspezialistin in See. Auf ihrem achteren Aufbau ist noch die schwarze Fläche ihrer SMART-L-Radarantenne zu erkennen.

Bundeswehr

„Wenn ich als Operator meine Radarkeulen hauptsächlich auf diese Bedrohung ausrichten würde“, fährt Dopitz fort, „dann würde unser Luftraumüberwachungsradar ständig in die zu erwartende Bedrohungsrichtung mit maximaler Emissionsleistung schauen – und nicht mehr 360 Grad des Luftraums um uns herum abdecken.“ Aber gerade tief fliegende Angreifer, die es auf die Schiffe abgesehen hätten, könnten aus allen Himmelsrichtungen auftauchen. Die Konsequenz: Arbeitsteilung.

Auch in See können Scharfschützen nicht alles sehen

„Das heißt, solange die anderen mit der Abwehr ballistischer Raketen aus weit über 1.000 Kilometern Entfernung befasst sind“, sagt der Radarmeister, „haben wir ganz einfach die Aufgabe der Verbandsluftverteidigung in einem kleineren Umkreis übernommen.“

In einem abgedunkelten Raum stehen und sitzen Marinesoldaten, im Hintergrund leuchtende Bildschirme.

In der Operationszentrale der USS „Winston S. Churchill“: Fregattenkapitän Andreas Uhl und seine Teammitglieder beobachten eine der Raketenabwehr-Übungen.

Quelle: US Navy/Amy M. Ressler

Auf der USS „Winston S. Churchill“, einem der drei „Arleigh Burke“-Zerstörer und zugleich Flaggschiff der Task Group IAMD, war Fregattenkapitän Andreas Uhl eingeschifft. Der Deutsche ist der Chef des multinationalen 15-köpfigen Stabes, der die Übung und den Schiffsverband geleitet hat. „Wir haben unter anderem die taktischen Kommunikations- und Datenverbindungen der Schiffe koordiniert und waren auch für die gegenseitige Sicherheit beim Flugkörper-Schießen zuständig“, beschreibt Uhl die Aufgaben seines Teams. Verantwortlich waren sie aber auch für die Operationen während des stürmischen Wetters und bei Nacht.

Die Schiffe und ihre Besatzungen waren unterschiedlichen simulierten Raketenbedrohungen ausgesetzt und konnten echte Abwehrraketen verschießen. „Elfmal haben wir live gefeuert: die Typen ESSM, SM-2 und Aster gegen relativ langsame Luftziele; die SM-3 gegen ballistische Ziele, die mit mehrfacher Überschallgeschwindigkeit aus bis zu 1.000 Kilometern Entfernung ankamen“, berichtet Uhl. In mehreren Gefechtsszenarien trainierten die Schiffe, ihre spezifischen Fähigkeiten miteinander in Einklang zu bringen: „Shooter“ und „Spotter“ der ballistischen Raketenabwehr wie die „Winston S. Churchill“ mussten mit den „Luftverteidigern“ wie der „Sachsen“ zusammenwirken.

Die steht indes vor ihrer nächsten Modernisierung. Die Fregatte ist seit 2004 in der Deutschen Marine im Dienst und soll eine neue Radaranlage erhalten; für ihre Schwesterschiffe „Hamburg“ und „Hessen“ sieht es nicht anders aus. Diese Gelegenheit wird die Deutsche Marine nutzen, um nicht nur die Fähigkeiten der Schiffe der Klasse 124 auf den letzten Stand der Technik zu bringen, sondern gleichzeitig zugunsten des NATO-weiten Projekts Raketenabwehr zu erweitern. „Und damit erfüllt die Bundeswehr eine wesentliche Erwartung des Bündnisses“, ergänzt Uhl.

Mit einem großen Radar kommt auch große Verantwortung

Zwei graue Kriegsschiffe in See, von einem steigt ein langer Bogen aus Rauch auf.

Raketenabwehr beschützt Raketenabwehr: Eine niederländische Fregatte feuert eine Flugabwehrrakete vom Typ SM-2 ab.

US Navy/Casey J. Hopkins

Seit 2010 baut die NATO ein komplexes System zur Abwehr von Mittel- und Langstreckenraketen auf, „Ballistic Missile Defence“ genannt. Es soll die Allianz und ihre Bevölkerungen gegen immer weiter verbreitete Flugkörper schützen, die mit Massenvernichtungswaffen bestückt werden könnten. „Weil die Raketentechnologie immer weiter voranschreitet, müssen auch Seestreitkräfte über die Fähigkeit zur schneller und präziser Verteidigung dagegen verfügen, um potentielle Gegner abzuschrecken“, beurteilt der Amerikanerin Sethi die militärpolitische Lage.

Das Anti-Raketen-System des Nordatlantikbündnisses wird die Deutsche Marine also künftig um ein seegestütztes Radar ergänzen. Dabei besitzen die drei „Sachsen“-Klasse-Fregatten schon seit ihrer Indienststellung das Luftraumüberwachungsradar SMART-L des Herstellers Thales Nederland. Dessen beeindruckende Reichweite von rund 400 Kilometern deckt weit mehr als die gesamte deutsche Küste von Emden bis Usedom ab.

Um der dennoch unweigerlichen Veraltung des Geräts vorzubeugen – und zugleich den NATO-Auftrag Raketenabwehr zu erfüllen – wird die Bundeswehr dieses Weitbereichsradar nicht nur modernisieren, sondern zugleich sein Einsatzspektrum vergrößern: Der SMART-L-Nachfolger soll nicht mehr nur im Luftraum um sich herum angreifende Flugzeuge und Raketen entdecken, sondern künftig auch vor ballistischen Flugkörpern außerhalb der Atmosphäre, also im Weltraum, warnen können. Die Grundlage dafür: Schon am 1. Dezember 2016 hat General Volker Wieker, Generalinspekteur der Bundeswehr, unter den Lösungsmöglichkeiten im Projekt „Obsoleszenzbeseitigung und Fähigkeitserweiterung in der Luftverteidigung Fregatte 124“ entschieden.

Die „Sachsen“ soll bis in den Weltraum schauen können

Der Integrierte Planungs- und Rüstungsprozess der Bundeswehr sieht jetzt zur Anschaffung vor, mit einer Leistungsbeschreibung potentiellen Herstellerfirmen ein Angebot zu ermöglichen. „Dann schließen sich Produktauswahl, Vertragsgestaltung und Umsetzung an. Ab 2021 könnte dann das neue Radar auf den deutschen Fregatten eingerüstet werden“, schätzt Andreas Uhl die folgenden Schritte ab.

Ein graues Kriegsschiff in See; im Vordergrund mehrere Marinesoldaten in der Nock einer Schiffsbrücke.

Die niederländische HNLMS „De Ruyter“ neben der kanadischen „Montreal“. Die Fregatten der De-Zeven-Provinciën-Klasse sind ebenfalls mit dem SMART-L ausgestattet, die Niederländer damit auch für die Raketenabwehr ideale Partner für Deutschland.

Department of National Defence/Ministère de la Défense nationale Canada

Mit dieser neuen Fähigkeit werden die „Sachsen“, „Hamburg“ und „Hessen“ selbst in der Lage sein, Raketen zu lokalisieren, die das Bündnisgebiet angreifen, und an die aktive Raketenabwehr zu melden. Die entscheidet dann, welche andere NATO-Einheit dafür ihre Abwehrraketen starten soll.

Von See aus übernehmen diese Rolle des „Shooters“ heute noch vor allem USUnited States-Zerstörer mit ihren weitreichenden „exo-atmospheric interceptors“, der SM-3; ab etwa 2025 sollen das auch zwei neue Fregatten der belgischen Marine können. Zu den „Spottern“, wie später die „Sachsen“, gehören heute zum Beispiel schon niederländische Fregatten.

Für Radarmeister Dopitz sind die Änderungen im Arbeitsumfeld schon absehbar: Er bekommt neue Kollegen. „Ich vermute, dass es für das komplizierte Geschäft der ballistischen Raketenabwehr einen weiteren Bootsmann und einen weiteren Fachoffizier an Bord braucht – mit dementsprechender Qualifikation“, sagt er. „Und die Verantwortung, die wir im Falle eines Falles an unserer taktischen Konsole zu tragen hätten, wäre natürlich groß. Fehler darf man sich dabei dann keine mehr erlauben.“

von  Hannes Borowsky und Marcus Mohr  E-Mail schreiben

Die Abwehr ballistischer Flugkörper

Experten warnen schon länger vor der globalen Verbreitung von Langstreckenraketen. Schätzungen zufolge besitzen inzwischen bereits mehr als 30 Staaten weltweit die Technologie, Flugkörper mit Reichweiten von 1.000 Kilometer und mehr zu bauen – also von der sogenannten Mittelstrecken- bis zur Interkontinentalrakete. Solche Raketen folgen nach ihrem Abfeuern einer ballistischen Flugbahn, das heißt, sie verlassen für einen Teil der Strecke zu ihrem Ziel die Erdatmosphäre in einem hohen Bogen, bevor sie einschlagen.

Eine besonders große Gefahr sind diese Flugkörper deshalb, weil sie potentiell mit Massenvernichtungswaffen bestückt werden können. Wenn ihre „Nutzlast“ nukleare, biologische oder chemische Waffen sind, dann bedrohen sie nicht nur militärische Punktziele wie zum Beispiel die Start- und Landebahn eines Flugplatzes, sondern den ganzen Flugplatz und alle Einwohner in seiner Nachbarschaft. Die Auswirkungen wären verheerend und die Folgen nur schwer kalkulierbar.

Alexander Vershbow, Stellvertretender NATO-Generalsekretär, beschrieb die militärischen Gegenmaßnahmen des Atlantikbündnisses auf einer internationalen Konferenz im Mai 2016 als rein defensiv: „Unsere ballistische Raketenabwehr ist dafür gedacht, unser Territorium, unsere Bevölkerungen und unsere Truppen gegen eine Spannbreite von Bedrohungen zu verteidigen, die von außerhalb des europäisch-atlantischen Gebiets stammen.“

Deutschland hat die Federführung einer Arbeitsgruppe, um geeignete Doktrinen für die maritimen Anteile der Raketenabwehr der europäischen NATO zu erarbeiten. Um diese Doktrinen ‚an den Mann zu bringen‘, veranstaltet die Deutsche Marine seit 2016 den jährlichen „Multinational Maritime Missile Defence Course“ an ihrem Taktikzentrum in Bremerhaven. Am letzten Kurs nahmen 38 Teilnehmer aus 11 Nationen teil; der folgende findet im März 2018 statt.

Als nächster großer praktischer Schritt ist vorgesehen, die Fregatten der Klasse 124 ab 2021 als Sensor für Frühwarnung und Zielvoreinweisung auszurüsten. Diese Fähigkeit kann den Wirkbereich der vorhandenen Abwehrraketen, zum Beispiel die amerikanische seegestützte SM-3 oder die deutsche und niederländische landgestützte Patriot, deutlich vergrößern.

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