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U-Boot-Abwehr: Seemanöver Vision 2020 beendet

U-Boot-Abwehr: Seemanöver Vision 2020 beendet

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Ort:
Rostock
Lesedauer:
5 MIN

Vom 6. bis 16. Oktober hat die Marine intensiv die Jagd auf Unterseeboote geübt. Parallel hat sie neue Technik und Taktiken der Anti-Submarine Warfare getestet.

Ein U-Boot im Mittelgrund und mehrere Schiffe im Hintergrund in See.

Task Group 501.01: U-Boot „U 33“ war der Sparringspartner für die beteiligten Schiffe.

Bundeswehr/Christian Galski

An dem Manöver beteiligt war deshalb neben dem U-Boot „U 33“, den Fregatten „Mecklenburg-Vorpommern“ und „Lübeck“ sowie zwei Bordhubschraubern vom Typ Sea Lynx Mk88A auch das Forschungsschiff „Planet“ der Wehrtechnischen Dienststelle 71 des Ausrüstungsamts BAAINBwBundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr. Hinzu kam, je nach Szenario, ein Seefernaufklärer P-3C Orion aus dem Marinefliegerstützpunkt Nordholz.

Übungsgebiet war der Skagerrak, also die Nordsee zwischen der Südküste Norwegens und der Nordküste Dänemarks. Hier gibt es unweit vom Heimathafen der U-Jagd-Fregatten Wilhelmshaven ausreichend große Wassertiefen – bis zu 700 Meter in der sogenannten Norwegischen Rinne –, um möglichst unterschiedliche taktische Lagen simulieren zu können.

Großübungen dienen auch dem persönlichen Austausch

Zu denjenigen, die Vision 2020 vorbereitet haben, gehört Kapitänleutnant Christoph Scharf. Er ist seit Anfang des Jahres dem Stab des Manöververbands Task Group 501.01 zugeteilt. Sein Aufgabenbereich: Einsatz und Operationen, also der Kern militärischer Arbeit.

Portraitbild eines Marinesoldaten in blauer Arbeitsuniform.

Kapitänleutnant Christoph Scharf ist der Erste Schiffseinsatzoffizier der Fregatte „Hessen“. Im Stab der Großübung war er zuständig für „Einsatz und Operationen“.

Bundeswehr/Marcus Mohr

„Es ist wichtig, die U-Boot-Jagd im Verband mit mehreren Einheiten zu üben“, erklärt er. „Oft machen die Schiffe das nur als Einzelfahrer. Wir finden aber mit solchen großen, intensiven Übungen Sicherheit in unseren Verfahren. Und die Teams vor allem in den Operationszentralen generieren wertvolle Erfahrungen und können diese dann weitergeben.“

Damit werde auch die Zusammenarbeit zwischen Überwasser- und Unterwassereinheiten immer besser, so Scharf, „wie auch am Ende ihr persönlicher, fachlicher Austausch untereinander“. Das betrifft unter den beteiligten Verbänden vor allem das 2. Fregattengeschwader und das 1. Ubootgeschwader.

Unterstützt wurde Scharf in der Durchführung der Manöverplanungen von weiteren Fachleuten: einer Radar-Meisterin, einem Signal- und einem U-Jagd-Meister. Scharf und seine drei Portepeeunteroffiziere waren wiederum Teil eines insgesamt gut zehnköpfigen Stabs – unter der Gesamtführung vom Commander Task Group 501.01, Fregattenkapitän Thorsten Geldmacher. Dessen Stab war während des Manövers auf dem Flaggschiff „Mecklenburg-Vorpommern“ eingeschifft, um die Abläufe zu kontrollieren und gegebenenfalls auch Einzelübungen im laufenden Manöver flexibel anzupassen.

20201013 Gefechtsfeld Nordatlantik _mmo3-01

Potentielles Gefechtsfeld Nordatlantik: Der Ozean zwischen Nordamerika und Europa ist deutlich tiefer als Nord- und Ostsee. Für ihren EInsatz in der Großregion kann die Marine ideal in der Norwegischen Rinne nördlich von Dänemark üben.

U-Boot-Abwehr ist wichtiger Teil der Landes- und Bündnisverteidigung

Die gesamte Übung Vision 2020 gehört zu einem übergeordneten Programm der Marine, die U-Boot-Abwehr der Flotte wieder deutlich zu stärken. Diese Warfare Area, also die Kriegführung unter Wasser, war seit den 1990er Jahren auch für die Seestreitkräfte stark in den Hintergrund der Einsätze und des Arbeitsalltags getreten.

Ein graues Kriegsschiff in See.

U-Boot-Jagd-Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“: Sie war für Vision 2020 das Flaggschiff der Task Group und Führungsplattform für den sogenannten Anti-Submarine Warfare Commander an Bord.

Bundeswehr/Christian Galski

Mit der Refokussierung der gesamten Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung seit den NATONorth Atlantic Treaty Organization-Gipfeln von 2014 und 2016 legt nun ebenfalls die Marine wieder einen Schwerpunkt auf die sogenannte Anti-Submarine Warfare – im NATONorth Atlantic Treaty Organization-Englisch kurz ASWAnti-Submarine Warfare und zu Deutsch soviel wie U-Boot-Abwehr.

„Vision 2020 war -das- Hochwertvorhaben der Deutschen Marine in diesem Jahr“, betont Kommandeur Geldmacher. Nach dem vorangehenden Flugkörperschießen vor der Nordküste Norwegens habe sein Manöververband nun auch in der Dimension Unterwasser den Seekrieg erfolgreich üben können. „Wir haben in der Task Group mit Seekriegsmitteln aus der Luft, über und unter Wasser im Bereich U-Boot-Jagd zweierlei getan: einerseits die Ausbildung unserer Besatzungen vorangetrieben, andererseits auch unsere Fähigkeiten und Verfahren weiterentwickelt.“

Die Schiffe und Luftfahrzeuge des Übungsverbands sind in den acht vollen Tagen des Manövers zehn mehrstündige große Einzelübungen der U-Boot-Abwehr gefahren. Darin integriert waren die Abwürfe von Torpedos des Typs DM58 durch den Seefernaufklärer P-3C und MU90 durch die Bordhubschrauber der „Mecklenburg-Vorpommern“.

Torpedo-Tests unter realen Bedingungen

Ein Marineoffizier in blauer Arbeitsjacke mit weißer Dienstmütze blickt auf offene See.

Fregattenkapitän Thorsten Geldmacher war als Commander Task Group 501.01 der oberste Verantwortliche für die Übung.

Bundeswehr/Marcus Mohr

Erstmals hat die Marine damit Übungstorpedos auf ein eigenes, taktisch voll flexibles U-Boot abgefeuert statt auf ein simples Zieldarstellungsgerät. Die Übungsgeräte besitzen die volle Funktionalität eines scharfen Torpedos einschließlich Sensoren, haben aber statt des Gefechtskopfs eine Datenaufzeichnung und einen aufblasbaren Schwimmkörper für die Bergung nach dem Testschießen eingebaut.

Die anschließende Auswertung der Daten nimmt das Zentrum Einsatzprüfung in Eckenförde vor. „Der Hersteller hat die Torpedos eher unter Laborbedingungen getestet“, erklärt Fregattenkapitän Bert Petzold. Er gehörte als Submarine Element Coordinator zum Stab der Task Group. „Wir versuchen dann, unsere Schießabschnitte so realistisch wie möglich zu machen und darüber hinaus“, führt er aus „Im echten Leben etwa hätten wir den Torpedo direkt über dem U-Boot abgeworfen, aber wir haben es ihm mit deutlichem Abstand zum Ziel absichtlich schwergemacht. Dann können wir beim Auswerten auch erkennen, wie die Software des Torpedos reagiert hat: Welches Ziel er tatsächlich als U-Boot erkannt und angesteuert hat.“

Ein kleines graues Schiff in See.

Hochseeschlepper „Fehmarn“: Das Hilfsschiff war für die Sicherheit der Torpedoabwürfe und als simuliertes Hochwertziel fürs U-Boot beteiligt.

Bundeswehr/Marcus Mohr

Während dieser Einzelübungen tagsüber hatte „U 33“ die Rolle des Gegners übernommen. Die Fregatten konnte so mit Hilfe eines intelligenten Gegners bekannte U-Jagd-Taktiken üben und neue testen. Abends und nachts hingegen fuhr das U-Boot vor allem zusammen mit dem Forschungsschiff „Planet“ separate Übungen, um moderne U-Jagd-Technologien und neue kooperative Verfahren zu erproben.

In beiden unterschiedlichen Konstellationen hat die „Planet“ ihr tiefenvariables Schleppsonar als wohl leistungsstärkster Sensor des U-Jagd-Verbandes Task Group 501.01 eingesetzt. Vision 2020 war damit auch eine wichtige Vorbereitung auf die Beschaffung des Mehrzweckkampfschiffs MKSMehrzweckkampfschiff 180 für die Marine ab 2023. Diese dann neuesten Kriegsschiffe der Flotte sollen eine modulare ASWAnti-Submarine Warfare-Ausrüstung besitzen, zu der auch moderne Schleppsonare gehören. Die Auswertungsergebnisse des großen U-Boot-Abwehr-Manövers dienen also ebenso dazu, das zukünftig wichtigste Sonar der Marine näher zu spezifizieren.

Erfahrungen und Erkenntnisse für die gesamte Flotte

Neben den Crews der „Mecklenburg-Vorpommern“ und „Lübeck“ konnten auch weitere Marinesoldaten an der Großübung teilnehmen. Das verbreitet die frisch gewonnenen Erfahrungen aus Vision 2020 schnell in der Flotte und ergänzt die später zu verteilenden schriftlichen Erfahrungsberichte. Auf den teilnehmenden Schiffen waren U-Jäger auch der Fregatten „Hessen“ und „Schleswig-Holstein“ eingeschifft. Insgesamt haben über 500 Soldatinnen und Soldaten am Manöver teilgenommen.

Ein Schiff mit blauem Katamaran-Rumpf und weißen Aufbauten in See.

Bestes Ohr der Flotte: Das Wehrforschungsschiff „Planet“ hat sein tiefenvariables, niederfrequentes Schleppsonar ausgebracht. In der tiefen Norwegischen Rinne konnte die Task Group die Leistungsfähigkeit speziell dieses Sensors optimal nutzen.

Bundeswehr/Christian Galski

„Es war großartig, nach der Einzelausbildung der Einheiten – und der intensiven Vorbereitung im Hafen – diese nun praktisch in See umzusetzen“, resümiert Thorsten Geldmacher. „Wir konnten ganz real im Verband mit Schiffen, Flugzeugen, Hubschraubern und einem U-Boot zusammenarbeiten, bis hin zum Schießen von Torpedos. Letztlich kommt es hierbei auch viel auf Teamwork und handwerkliche Fertigkeiten an. Das lernt und verinnerlicht man nur durch Praxis.“

Nach dem Flugkörperschießen und der ASWAnti-Submarine Warfare-Übung vor norwegischen Küsten wird die Task Group 501.01 nun noch an einem Seemanöver der französischen Marine im Ostatlantik teilnehmen. Die Praxis aus den beiden vorigen nationalen Großvorhaben können die beteiligten Marinesoldatinnen und -soldaten nun noch mit Bündnispartnern weiter vertiefen. „Am Ende dieser Reihe von Übungen werden wir einen deutlichen Beitrag erbracht haben, die Fähigkeiten der Marine zur Landes- und Bündnisverteidigung in allen Dimensionen der Seekriegsführung zu stärken“, so Geldmacher.

von Marcus Mohr  E-Mail schreiben

Multistatik

Die optimale Zusammenarbeit aller U-Boot-Jäger – Schiffe, Helikopter, Flugzeuge und U-Boote – hat wegen der komplexen Umgebung unter Wasser, der immer größeren Leistungsfähigkeit von U-Booten und der begrenzten Anzahl zur Verfügung stehender Mittel enorme Bedeutung. Das modernste taktische Verfahren, um Ziele unter Wasser zu entdecken, ist die sogenannte Bi- und Multistatik.

Das Prinzip der Bistatik ist noch relativ simpel: Ein U-Boot-Jäger, zum Beispiel eine Fregatte mit einem leistungsfähigen Schleppsonar, sendet aktive Sonarimpulse auf der Suche nach U-Booten. Ein zweiter Jäger empfängt diese Impulse, wenn sie auf ein Unterwasserziel treffen. Er oder ein Dritter kann dieses Ziel dann bekämpfen. Multistatik erweitert die Zahl vor allem der Empfänger solcher aktiven Sonarsignale. Man nutzt sie hauptsächlich defensiv, um ein Areal abzusuchen, das man beschützen will, denn die Methode schreckt U-Boote mit lauten aktiven Schallsignalen davor ab, in das Gebiet einzufahren.

Neue Kommunikationstechnologien machen die dafür notwendige Vernetzung von immer mehr Sendern und Empfängern der einzelnen U-Boot-Abwehr-Plattformen über und auch unter Wasser erst möglich. Diese Technologien, wie auch die genauen taktischen Vorgehensweisen moderner U-Boot-Abwehr, entwickeln NATONorth Atlantic Treaty Organization und Bundeswehr laufend weiter.

U-Boot-Abwehr auf Distanz

Die Jagd auf Unterseeboote findet über immer größere Entfernungen statt, in einem Umkreis von bis zu Dutzenden Seemeilen um eine Fregatte herum. Die wichtigsten Werkzeuge des sogenannten Anti-Submarine Warfare Commander an Bord, um in diesem großen Areal schnell und flexibel reagieren zu können, stehen in der Luft. Er koordiniert Bordhubschrauber und Seefernaufklärer im Kampf gegen die Bedrohung von unter Wasser.

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