Vom Staatsvertrag zur Seelsorge für die Truppe
2021 hat die Bundeswehr ihren ersten Militärrabbiner eingestellt – ein Blick zurück
Fünf Jahre nach der Gründung des Militärrabbinats und der Amtseinführung des ersten Militärbundesrabbiners Zsolt Balla am 21. Juni 2021 ist die Jüdische Militärseelsorge fest in der Bundeswehr etabliert. Neben der Betreuung von jüdischen Kameradinnen und Kameraden bietet sie seelsorgerische und ethische Angebote für alle Soldatinnen und Soldaten.
Seit fünf Jahren bundesweit für die Truppe da: die Militärrabbiner der Jüdischen Militärseelsorge. Militärrabbiner Shmuel Havlin ist einer von derzeit sieben Militärrabbinern und für die nördlichen Bundesländer zuständig.
Bundeswehr/Pieter-Pan RupprechtAls im Sommer 2021 die ersten beiden Mitarbeiterinnen des Militärrabbinats auf dem Gelände des Planungsamtes in Berlin-Köpenick ihre Büros einrichteten, hatte Militärbundesrabbiner Zsolt Balla gerade von der damaligen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, seine Ernennungsurkunde in der Leipziger Brodyer Synagoge in Empfang genommen. Mittlerweile ist aus einer symbolträchtigen Idee eine feste Institution geworden – sieben Jahre nach Unterzeichnung des Staatsvertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden in Deutschland und fünf Jahre nach Beginn des Aufbaus des Militärrabbinats in der Berliner Oberspreestraße.
„Das Jubiläum fällt in eine Zeit, in der die sicherheitspolitischen Herausforderungen in Europa und der Welt deutlich zugenommen haben. Neben seinen originären Aufgaben im Bereich der Seelsorge und des Lebenskundlichen Unterrichts erweitert das Militärrabbinat die Militärseelsorge um die jüdische Perspektive und gibt die Gelegenheit, mehr über das lebendige Judentum in Deutschland zu erfahren. Diese Gespräche und der Austausch können somit einen Beitrag zur Bekämpfung des steigenden Antisemitismus in Deutschland leisten. Wichtig ist es daher nun, die bewährten Strukturen der Jüdischen Militärseelsorge nachhaltig weiterzuentwickeln.”
Inzwischen hat das Team das Militärrabbinats ein bundesweites Seelsorgenetz aufgebaut und ein Großteil der Militärrabbiner war in einem Auslandseinsatz. Die internationale Zusammenarbeit der Militärrabbiner reicht von den NATO-Partnern bis hin zu vielfältigen weltweiten Kontakten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Darüber hinaus setzen die Militärrabbiner immer wieder sichtbare Akzente im Alltag der Bundeswehr: Öffentliche Pessach-Feiern, Chanukka-Veranstaltungen im Verteidigungsministerium sowie multireligiöse Begegnungen und Angebote gemeinsam mit evangelischen und katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern machen jüdische Traditionen innerhalb der Streitkräfte erlebbar.
„Fünf Jahre Militärrabbinat stehen für gelebte Vielfalt und einen festen und selbstverständlichen Platz jüdischen Lebens in unserer Truppe. Die jüdische Militärseelsorge bereichert den Dienstalltag und schärft die ethische Orientierung unserer Streitkräfte“, sagt Verteidigungsminister Boris Pistorius. Er war vor Ort, als im Juli 2024 die neuen Räume des Militärrabbinats in Berlin Mitte eingeweiht und die Rabbinats-eigene Torarolle übergeben wurde.
Als Rabbiner Zsolt Balla am 21. Juni 2021 das Amt des ersten Militärbundesrabbiners übernahm, endete eine mehr als hundertjährige schmerzhafte Lücke deutscher Militärgeschichte. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte es in deutschen Streitkräften keine jüdische Militärseelsorge mehr gegeben. Mit Beginn der Arbeit des Militärrabbinats wurde diese Tradition wiederbelebt. Anfang Juni 2026 war Zsolt Ballas Vertrag als Militärbundesrabbiner mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland um eine weitere Amtszeit verlängert worden. „Das Militärrabbinat verkörpert mit seiner Arbeit die Verankerung jüdischen Lebens in der Mitte der deutschen Gesellschaft. Es vermittelt die Werte von Vielfalt, Respekt und gegenseitigem Verständnis innerhalb der Streitkräfte“, so Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland anlässlich der Vertragsverlängerung.
„Ich bin sehr dankbar zu sehen, dass sich in den letzten fünf Jahren ein reges Angebot entwickelt hat und Treffen mit den Militärrabbinern in vielen Kasernen schon selbstverständlich sind – und das nicht nur zu den jüdischen Feiertagen. In den nächsten fünf Jahren möchte ich meine ganze Kraft dafür einsetzen, gemeinsam mit der Leitung des Militärrabbinats, Monika Heimburger, den Militärrabbinern und dem Team bestmögliche Ansprechpartner und Unterstützer für die Kameradinnen und Kameraden zu sein und zugleich weiter als Brücke zwischen Bundeswehr, jüdischen Gemeinden und Gesellschaft zu fungieren“, so Militärbundesrabbiner Zsolt Balla. Balla ist der erste Militärbundesrabbiner in der Geschichte der Bundeswehr. Er ist Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig, Landesrabbiner von Sachsen und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Als Militärbundesrabbiner fungiert er als oberster jüdischer Militärseelsorger und hat die religiöse Leitung des Militärrabbinats inne. Der Militärbundesrabbiner steht in keinem Dienstverhältnis zum Staat, sondern wird vom Zentralrat der Juden ernannt.
Seit Einrichtung der Interimsbüros in der Berliner Oberspreestraße im Sommer 2021 ging der Aufbau des Militärseelsorge konsequent weiter: Das ist auch ein Verdienst von Monika Heimburger. Als Justitiarin des Militärrabbinats war sie Frau der ersten Stunde. Seit November 2023 ist sie amtierende Leiterin des Militärrabbinats und hat mit ihrem Team aus einer zunächst kleinen Dienststelle ein bundesweites Netzwerk mit einer Zentrale in Berlin Mitte und fünf Außenstellen in Hamburg, Schwielowsee, Leipzig, Köln und München aufgebaut. Mittlerweile arbeiten sieben Militärrabbiner mit neun Militärseelsorgeassistentinnen und -assistenten in Kasernen bundesweit. Die Rabbiner begleiten Soldatinnen und Soldaten im Alltag, beraten in Glaubensfragen innerhalb des militärischen Kontexts, organisieren religiöse Feiern, unterstützen bei der Versorgung mit koscherem Essen und gestalten den verpflichtenden Lebenskundlichen Unterricht, eine ethische Weiterbildung bei der Bundeswehr.
von Cornelia Riedel E-Mail schreiben