Herr General, warum ist Gotland so wichtig für die die NATO?
Die Ostsee ist eine strategisch bedeutende Region – als Wirtschafts- und Handelsraum für die Anrainerstaaten und die Europäische Union, aber auch unter militärischen Gesichtspunkten. Mit den baltischen Staaten, Dänemark, Deutschland, Finnland, Polen und Schweden grenzen acht NATO-Nationen an die Ostsee an. Sie verbindet die nordischen Länder mit dem europäischen Festland.
Gotland ist ein operativ und strategisch bedeutender Knotenpunkt. Das offenbart schon der Blick auf eine Landkarte. Denn sichere Häfen, Seewege und Lufträume in der Ostsee sind die Voraussetzung dafür, dass unser Bündnis handlungsfähig bleibt.
Das bedeutet: Wenn eine kollektive Verteidigung der NATO-Staaten an der Nord- oder Ostflanke notwendig werden sollte, wird Gotland zum Schlüsselterrain für die NATO. Eine sichtbare militärische Präsenz Schwedens und der NATO auf Gotland schützt die Insel und die Allianz.
Worum geht es bei der Übung Silver Wotan?
Bei Silver Wotan wird eine schnelle Verlegung nach Gotland geübt, und zwar an Land, in der Luft und auf See mit Soldatinnen und Soldaten aus Deutschland und Schweden. Nach einer Alarmierung verlegen deutsche Kräfte nach Gotland, um die schwedischen Streitkräfte zu verstärken. Es geht um den Schutz schwedischer Schiffsabwehrsysteme sowie Küstenverteidigung.
Ergänzend wird der Hafen von Visby von Land, auf See und aus der Luft gesichert und verteidigt. Silver Wotan zeigt die Bereitschaft und Fähigkeit der NATO-Partner, gemeinsam die Operationsfreiheit der Allianz im Ostseeraum zu erhalten. Rund 2.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten werden an der Seite unserer schwedischen Alliierten die Verteidigung Gotlands üben.
Ist Silver Wotan eine Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse?
Militärische Übungen wie Silver Wotan sind keine Reaktion auf ein Einzelereignis, sondern der laufende Nachweis der Verteidigungsbereitschaft und -fähigkeit der NATO-Partner. Doch das verstärkte Übungsgeschehen an der NATO-Nord- und Ostflanke ist natürlich durch die veränderte Sicherheitslage in Europa und das zunehmend aggressive und hybride Vorgehen Russlands beeinflusst.
Wir müssen immer in Handlungsoptionen denken, die Schwächen und Stärken aller Akteure – inklusive unsere eigenen – analysieren und passgenau agieren können. Dabei geht es weniger um Reaktion als um Antizipation. Es geht darum, vorbereitet zu sein und im Bündnis geschlossen und glaubwürdig zu handeln. Das ist die Essenz von Abschreckung.
Wie bewerten Sie die Lage in der Ostsee?
Wir beobachten das Geschehen in der Ostsee sehr genau, beispielsweise wenn zivile Schiffe für Spionage oder Sabotage genutzt werden, versuchen wir das verhindern. So haben sich seit Beginn der NATO-Mission Baltic Sentry Aktivitäten, die sich gegen kritische Unterwasserinfrastruktur in der Ostsee richten, rückläufig entwickelt. Das ist eine gute Nachricht, aber wir bleiben weiter wachsam. Denn Resilienz und Verteidigungsbereitschaft setzen weit vor einem Artikel-5-Szenario an.
Um den Ostseeraum zu überwachen, noch besser zu sichern und hybride Angriffe weiter zu reduzieren und möglichst zu verhindern, gilt es, dass die Ostseeanrainernationen in der NATO intensiv zusammenarbeiten und sich verschränken. Gemeinsame Übungen sind dabei ein wichtiger Baustein.
Hat sich die hybride Bedrohungslage in den vergangenen Monaten verändert?
Die Sicherheitslage hat sich vor allem dadurch verändert, dass hybride Aktivitäten inzwischen zum dauerhaften Bestandteil der Bedrohungslage geworden sind. Cyberangriffe, Sabotage, Spionage und Desinformation müssen parallel zu militärischen und terroristischen Bedrohungen betrachtet werden.
Zugleich hat sich seit Anfang 2024 die Qualität der hybriden Aktivitäten, wie zuletzt an deutschen Flughäfen, verändert. Hier werden durch Akteure Informationen gewonnen, Resilienz und Reaktionsfähigkeit getestet. Und es geht um Verunsicherung in der Bevölkerung. Es soll Angst geschürt werden. Hier halten wir dagegen.
Mit der Brigade Litauen stärkt Deutschland sein Engagement im Baltikum. Bei Eastern Shield bauen deutsche Pioniere Grenzanlagen in Ostpolen. Zahlt das nicht auf das russische Narrativ der NATO-Aggression ein?
Das deutsche Engagement in Litauen und Polen ist eine Reaktion auf das aggressive Vorgehen Russlands im Osten Europas. Die Präsenz der Brigade Litauen wie auch die Verstärkung der NATO-Außengrenzen bei Eastern Shield sind defensiv ausgerichtet. Sie sollen einen Angriff verhindern, indem sie ihn zu aufwendig, zu verlustreich machen.
Denn nur wenn wir glaubhaft zeigen, dass wir bereit und fähig sind, das NATO-Bündnisgebiet zu verteidigen, leisten wir einen aktiven und wirksamen Beitrag zur Konfliktvermeidung. Das ist für uns eine zentrale Aufgabe. Kein Säbelrasseln, aber ein klares Signal: Die NATO ist eine starke Allianz, die für den Schutz und die Souveränität ihrer Mitgliedstaaten gemeinsam und füreinander einsteht.
Wo sehen Sie die Schwerpunkte für das Operative Führungskommando der Bundeswehr in den kommenden Monaten?
Als militärisches Führungskommando auf der operativen Ebene konzentrieren wir uns auf den Aus- und Aufbau einer robusten operativen Planung und Führung der Verteidigung unseres Landes. Auch für uns gilt es, die eigene Resilienz im hybriden Spektrum zu erhöhen, agiler, robuster, stacheliger zu werden.
Unser Ziel – im Kommando und in der Bundeswehr – ist, die Verteidigungsfähigkeit weiter zu verbessern und Bedrohungen bundeswehrgemeinsam abzuwehren. Das erfordert Führung, Fähigkeiten und Soldatinnen und Soldaten, die wissen, wofür sie im Ernstfall kämpfen. Dann ist Abschreckung glaubhaft und wirksam.