Beratungsangebot an der Führungsakademie

Selbstreflexion – ein Zeichen von Stärke

Selbstreflexion – ein Zeichen von Stärke

Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
5 MIN

Eine Person erzählt etwas und bevor sie fertig gesprochen hat, rattert es im Kopf. Das Gehörte wird bewertet, Gegenargumente überlegt und oft nicht mehr richtig zugehört. Kommt Ihnen diese Situation bekannt vor? Oberstleutnant Niklas S. hat sich dabei ertappt. Doch nun möchte der Lehrgangsteilnehmer der Führungsakademie etwas ändern und lässt sich von der Abteilung Persönlichkeitsentwicklung und Beratung coachen.

Oberstleutnant Niklas S. steht mit seinem Coach Oberstleutnant Henning L. an einem Flipchart

Oberstleutnant Niklas S. und sein Coach Oberstleutnant Henning L. treffen sich alle drei bis fünf Wochen, um alte Muster zu hinterfragen und neue Möglichkeiten aufzuzeigen

Bundeswehr/Christian Gelhausen

„Ich bin sehr schnell bereit, Entscheidungen zu treffen, zu handeln, zu führen. Das war für mich die letzten Jahre auch das Richtige. Die Truppe erwartet das von einem Kompaniechef. Mein Fokus hat sich aber nun geändert. Ich führe in den nächsten Jahren nicht mehr unmittelbar Truppe. Jetzt möchte ich bewusster meine sozialen Kompetenzen einsetzen“, sagt Oberstleutnant Niklas S., der am zweijährigen Lehrgang Generalstabs-/Admiralstabsdienst National (LGAN) teilnimmt. Dort erfuhr er vom Dezernat Persönlichkeitsentwicklung und Beratung, kurz PEB, und der „Kompetenzdiagnostik nach Kode“. Ein mittlerweile ehemaliger Lehrgangsteilnehmer berichtete dem derzeitigen Generalstabs-/Admiralstabslehrgang zudem über seine Erfahrungen. „Das fand ich sehr interessant“, sagt der Offizier und füllte kurze Zeit später den Online-Fragebogen aus. „Der Selbsttest bezieht sich im Schwerpunkt auf die berufliche Persönlichkeit. Es werden Kompetenzen in Bezug auf Alltagssituationen und Verhaltensweisen unter Stress abgefragt.“

Aktives Zuhören

Die Auswertung kam innerhalb von einer Woche und wurde bei einem persönlichen Treffen mit einem Mitarbeiter von PEB besprochen. „Das, was ich schon irgendwo über mich ahnte, hat sich da nochmal deutlich gezeigt. Meine Handlungskompetenz ist sehr stark ausgeprägt.“ Und schon wurden Ziele nach der „SMART-Methode“ – spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert - definiert. Das erste Ziel war schnell gefunden: 

Oberstleutnant Niklas S. blickt in die Kamera, hinter ihm ist ein Flipchart aufgebaut
Oberstleutnant, Niklas S. Bundeswehr/Christian Gelhausen
„Ich möchte meine Fähigkeit des aktiven Zuhörens weiter ausbauen. Manchmal habe ich die Tendenz, wenn ich andere Meinungen höre, nach dem ersten Halbsatz schon in eine gedankliche Gegenargumentation zu gehen. Zukünftig möchte ich mir persönlich mehr Zeit geben, um über das Gesagte nachzudenken und adäquat darauf zu antworten.“

Kulturell gibt es zudem Unterschiede, wie lange Pausen zwischen zwei Gesprächspartnern sein dürfen.  „Wenn Sie jemanden eine Frage stellen und Ihr Gegenüber schaut Sie dann beispielsweise acht Sekunden lang an, dann würden Sie denken: Hat er mich nicht verstanden? Spätestens nach drei Sekunden würden Sie wahrscheinlich Ihr Gegenüber fragen, ob Sie es nochmal anders formulieren sollen – das Schweigen würde unterbrochen werden. Ich möchte jetzt nicht acht Sekunden warten, aber durchaus auch mal zwei. Oder ich sage, darüber muss ich kurz nachdenken, um mir Zeit zum Nachdenken zu verschaffen.“ 

Alte Muster hinterfragen

Die zwei Jahre, die Oberstleutnant Niklas S. an der Führungsakademie der Bundeswehr ist, möchte er dafür nutzen, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Sein Coach, Oberstleutnant Henning L., unterstützt ihn dabei. Alle drei bis fünf Wochen treffen sich die beiden, um alte Muster zu hinterfragen und neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Sie sprechen darüber, wie sich der Alltag dadurch verändert hat und wie diese neuen Situationen auf den Offizier wirken. Denn wenn im Lehrgang über ein Thema diskutiert wird, dann kommt es mittlerweile öfter vor, dass Oberstleutnant Niklas S. immer wieder nicht oder erst viel später zu Wort kommt. 

„In der Regel wird eine Diskussion nach dem Prinzip „first come, first served“ geführt oder moderiert. Der, der sich zuerst meldet, sagt was dazu. Wenn Sie bis zum Ende zuhören, und sich dann nochmal zwei Sekunden geben, um nachzudenken, dann ist Ihre Hand in der Gruppe definitiv nicht mehr die erste, sondern die fünfte. Sie müssen also damit leben, dass der Punkt überholt ist oder dass dieser schon gebracht worden ist.“ Doch wie fühlt sich das an? Darüber tauscht sich der Lehrgangsteilnehmer mit seinem Coach aus. 

„Zuerst fand ich diese Situationen schlecht. Das liegt an meinem Sendungsbewusstsein. Aber dann wurde mir die Frage gestellt, warum fühlt sich das schlecht an? Muss ich diese Situationen werten? Auch wenn ich den Punkt nicht in der Diskussion bringen konnte, kann ich ihn trotzdem für mich innerlich gemacht haben.“ Gemeinsam mit Oberstleutnant Henning L. überlegt er, wie er die Situation aus einer anderen Perspektive sehen kann. Sein Coach stellt ihm Fragen, die ihm helfen, das Geschehene zu reflektieren, aufzulösen und neue Sichtweisen zu bekommen.

Oberstleutnant Niklas S. steht vor einem Panzer. Er hat Kopfhörer auf und trägt seine Schutzausrüstung

Im Jahr 2020 war Oberstleutnant Niklas S. in Mali im Einsatz. Er führte als Kompaniechef die gemischte Aufklärungskompanie

Bundeswehr/Privat

Zwischen Kompetenzen wechseln

Bei jedem Treffen werden Fortschritte festgehalten: Der Lehrgangsteilnehmer schätzt sich selbst ein. „Ich merke immer wieder, dass ich in alte Muster verfalle, wenn in kleinen Gruppen diskutiert wird oder die Diskussion emotionaler wird. In größeren Runden kann ich mich besser reflektieren und kontrollieren.“

Für Oberstleutnant Niklas S. ist die Beratung nicht dazu da, Schwächen abzustellen. Vielmehr sieht er es als Chance, sich weiterzuentwickeln. „Grundsätzlich möchte ich bewusst in meinen Kompetenzen hin und her wechseln können. Wenn ich Führungsverantwortung habe, dann hilft es der Truppe nicht, wenn ich überspitzt gesagt in einer stressigen Situation und vor der Front sage, dass ich erstmal ewig darüber nachdenken muss. Dann muss es vorwärts gehen und es muss eine Entscheidung kommen. In anderen Situationen, wenn ich vielleicht irgendwann in einer höheren Kommandobehörde oder im Ministerium eingesetzt werde und in einem Arbeitskreis über Projekte in den nächsten Jahren spreche, dann habe ich die Möglichkeit, mir etwas mehr Zeit zum Nachdenken zu nehmen.“

Für Oberstleutnant Niklas S. hat sich die Beratung bereits gelohnt. Die Selbstreflexion hat ihm eine breitere Perspektive eröffnet. Er hat dadurch gelernt, dass es noch viel mehr Sichtweisen gibt, als er zuvor gedacht habe und das Wichtigste: „Ich merke immer wieder, dass Veränderung Spaß machen kann – und ich mich kontinuierlich weiterentwickeln kann.“

Was ist das Dezernat PEB? 

PEB steht für Persönlichkeitsentwicklung und Beratung. Es ist eine Abteilung in der Führungsakademie der Bundeswehr, die mithilfe von Coaching-Methoden die individuellen Fähigkeiten von zivilen und militärischen Führungskräften ausbauen möchte. Ein fünfköpfiges Team berät Interessierte zu verschiedenen Fragestellungen, beispielsweise: Wie kann ich besser kommunizieren? Wie kann ich Situationen aus meiner Vergangenheit verarbeiten? Und was ist eine gute Work-Life-Balance?

von Sophie Düsing  E-Mail schreiben

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