Tag der Deutschen Einheit

Uwe L: „Das Jahr 1989 war eine sehr spannende Zeit“

Uwe L: „Das Jahr 1989 war eine sehr spannende Zeit“

Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
7 MIN

Sie kann als Stützpfeiler der Bundeswehr angesehen werden – die Reserve. Denn sie hilft der aktiven Truppe, ihre Aufgaben zu erfüllen. Dazu gehören die Landes- und Bündnisverteidigung, der Heimatschutz und das internationale Krisenmanagement. Auch bei der Führungsakademie der Bundeswehr sind Reservistinnen und Reservisten eingesetzt.

Bundespräsident Richard von Weizäcker trägt sich ins Gästebuch ein. Daneben steht Feldwebel Uwe L.

Feldwebel Uwe L. (rechts) begleitete Bundespräsident Richard von Weizäcker (links) zum Eintrag ins Standortbuch der 5. Luftwaffendivision der Bundeswehr

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In welchen Bereichen die Reservisten an der höchsten militärischen Ausbildungsstätte der Bundeswehr in Deutschland arbeiten, mit welchen Herausforderungen sie sich tagtäglich auseinandersetzen und wie ihr Leben außerhalb der Bundeswehr aussieht, darüber berichten sie in unserer Serie: So auch Oberstabsfeldwebel Uwe L., der in zwei deutschen Streitkräften gedient hat und sich heute an einen besonderen Tag erinnert: Am 3. Oktober 1990, am Tag der Deutschen Einheit, wechselte er die Uniform und wurde Angehöriger der Bundeswehr. 

Das Leben in der DDR war sehr restriktiv und durchgeplant. Nichts wurde im „realexistierenden Sozialismus“ dem Zufall überlassen – so auch der Lebensweg des damals elfjährigen Uwe L. aus Rauda bei Eisenberg in Thüringen, der kurz nach Weihnachten 1964 das Licht der Welt erblickte. In der Schulzeit begeisterte er sich für Wehrtechnik und das Fliegen – ein Grund weswegen er zur damaligen Zeit in ein sogenanntes „Bewerberkollektiv“ für die Unteroffizierslaufbahn der Nationalen Volksarmee (NVANationale Volksarmee) aufgenommen wurde. Die Weichen für die spätere Berufung als Berufsunteroffizier wurden schon früh gestellt: „Das sozialistische System hat sehr viel unternommen, um junge Leute bei der Stange zu halten, die bereit waren, ihrem Land freiwillig zu dienen. Man konnte da nur schwer links oder rechts ausbrechen“, erzählt Uwe L. 

Allerdings hatte die frühe Entscheidung zu den Luftstreitkräften der Nationalen Volksarmee zu gehen auch Vorteile: „Man konnte sich quasi die Ausbildung aussuchen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, BMSR-Techniker zu werden. Ohne meine militärische Laufbahn wäre ich da niemals drangekommen.“ So lernte der junge Thüringer als einer von wenigen Menschen in der DDR den Umgang mit Mess- und Regeltechnik kennen. Als er schließlich mit 19 Jahren am 4. Mai 1984 eingezogen wurde, befand sich der selbsternannte „Arbeiter- und Bauernstaat“ bereits in einer tiefen Finanz- und Wirtschaftskrise – der Weg zur deutschen Einheitsarmee lag aber noch in weiter Ferne. 

24-Stunden-Dienste im Zentralen Gefechtsstand 

Uwe L. war noch keine zwei Tage bei der Grundausbildung, da wurde er auch schon vom Kompaniechef in der Kaserne in ein separates Zimmer geführt. Ein Oberstleutnant, der ihn dort erwartete, erklärte ihm, dass seine Grundausbildung beendet sei und er unverzüglich seine Sachen packen sollte. Aufgrund seiner zivilen Ausbildung wurde Uwe L. in einen damals streng geheimen Bunker gebracht: Dem Zentralen Gefechtsstand Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, der sich in einer großen unterirdischen Bunkeranlage südöstlich von Berlin in Fürstenwalde/Spree befand. 

„Zwei Techniker sind ausgefallen und so brauchte die NVANationale Volksarmee ganz schnell Ersatz“, erinnert sich Uwe L. Mit einer speziellen Technik, die aus sowjetischer Produktion stammte, wurde hier das gesamte Luftlagebild der DDR abgebildet und die Einsatzbereitschaft mit den Staaten des Warschauer Pakts abgestimmt. Die Unteroffizierschüler wurden über mehrere Wochen einkaserniert und erlebten oft Schikanen, wie Uwe L. zu berichten weiß: „Es kam nicht selten vor, dass wir nachts um drei Uhr den Speisesaal schrubben mussten. An uns blieb die Drecksarbeit hängen.“ Neben den langen 24-Stunden-Diensten im Bunker kann sich Uwe L. auch an den regen Alkoholschmuggel erinnern, der unter NVANationale Volksarmee-Soldaten Ende der 1980er-Jahre herrschte. 

Stabsfeldwebel Uwe L. steht im Bunker hinter einem großen Bedienungspult

Stabsfeldwebel Uwe L. und die Großtechnik im DDR-Gefechtstand: Im Dezember 1994 wurde der Bunker stillgelegt

Privat

Im Jahr 1986 lernte der Berufsunteroffizier seine jetzige Frau kennen. „Mit meinem Dienstgrad genoss ich einige Privilegien und erhielt eine eigene Wohnung zugeteilt. Erst jetzt durfte ich zwischen Wohn- und Dienstort pendeln, was für mich eine große Erleichterung war.“ 

„Als Uniformträger denkst du auch an Fahnenflucht“ 

Den Wandel, der zur gleichen Zeit mit der Machtübernahme von Michail Gorbatschow in der sowjetischen Führung einherging, war auch in der DDR spürbar. „Für mich hat so eine Wende im Kopf eingesetzt, als die publizistische Verbreitung der Zeitschrift Sputnik im November 1988 von der SEDSozialistische Einheitspartei Deutschlands unterbunden wurde. Das hat wirklich für großen Unmut – besonders in den Großstädten – gesorgt“, hebt Uwe L. hervor. 

Im Sommer 1989 heiratete der gebürtige Thüringer, der bis zur Wende zum Stabsfeldwebel – dem höchsten Unteroffiziersrang in der NVANationale Volksarmee – aufstieg. Die Flitterwochen verbrachte das junge Paar am Stausee Lipno in der Tschechoslowakei. Seine prägenden Erlebnisse beschreibt Uwe L. so: „Ich kann mich noch an die Massen von Trabbis erinnern, die im Sommer 1989 Richtung Prag fuhren. Viele DDR-Bürger sind damals über die Prager Botschaft nach Westdeutschland geflüchtet. Am Lagerfeuer am Campingplatz haben wir auch überlegt, ob wir mit rübermachen. Als Uniformträger denkst du auch an Fahnenflucht. Aber meine Frau und ich waren zurückhaltend und sind deswegen gegen den Strom zurück nach Hause gefahren.“ 

Auch in der NVANationale Volksarmee war das Jahr 1989 eine spannende Zeit: Der Urlaubsschein nach Berlin fiel weg, Soldaten konnten sich in ihrer Freizeit freier in der DDR bewegen und brauchten hierzu nicht mehr notwendigerweise die Erlaubnis ihrer Vorgesetzten. „Auf der anderen Seite nahm die parteipolitische Schärfe bei Versammlungen zu. Die Tonlage war wirklich extrem und schrill. Wir haben das alles nur noch mit halbem Ohr wahrgenommen, denn wir spürten, dass die SEDSozialistische Einheitspartei Deutschlands-Herrschaft am Ende war“, erklärt Uwe L. 

DDR öffnet die Grenze: Ein Tag voller Euphorie 

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, kam Uwe L. gerade vom Tagesdienst nach Hause. Von den Ereignissen überrumpelt, ging von der Militärführung der DDR sofort die Weisung an alle Dienststellen heraus, dass allen NVANationale Volksarmee-Angehörigen der Ausgang gestrichen werden sollte. Am 10. November stand nachmittags unerwartet sein Schwager vor der Tür: „Er wollte unbedingt die Grenzöffnung miterleben. Nach kurzem Hin- und Herüberlegen haben wir uns dann dem Fahrzeugstrom Richtung West-Berlin angeschlossen und uns anhand alter Autoatlanten orientiert, wo noch die Grenzübergänge eingetragen waren“, berichtet Uwe L. 

An der Bornholmer Straße ging schließlich nichts mehr. Die beiden Männer ließen den Wagen im Stau stehen und sind mit der Menge einfach durch die Grenzanlagen gelaufen: „Das war Euphorie pur. Ich hatte auch ein paar Gewissensbisse, wie es weiter gehen würde mit der DDR und was passieren würde, wenn mich Grenzsoldaten anhalten. Aber sie haben alle Leute einfach durchgewunken.“ Auf der Berliner Westseite standen Doppelstockbusse bereit, die die Menschen Richtung Innenstadt fuhren. Von einem Passanten bekam Uwe L. eine Flasche Bier in die Hand gedrückt. „Ich weiß noch wie ich zu meinem Schwager sagte: Kneif mich mal, ist das alles wahr?“ 

Am nächsten Morgen wieder die NVANationale Volksarmee-Uniform anzuziehen, war für Uwe L. eine Herausforderung. Der nächtliche Bummel durch Westberlin, die Erlebnisse am Bahnhof Zoo und die große Begeisterung in der Stadt gingen nicht spurlos an ihm vorüber. Auch einigen seiner Kameraden in Fürstenwalde stand der Mauerfall ins Gesicht geschrieben: „Man sah den Leuten am Lächeln an, dass sie in Westberlin waren“, schmunzelt Uwe L. heute. 

Neben den nun beginnenden Einigungsverhandlungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren nun auch im Dienstalltag Lockerungen spürbar. Im Sommer 1990 stand dann fest: Aus NVANationale Volksarmee und Bundeswehr sollte die Armee der Einheit werden. „Friede-Freude-Eierkuchen war das nicht unbedingt. Es gab auch viele, die die neue Uniform nicht anziehen wollten“, berichtet Uwe L. Zudem wurde radikal gekürzt: Alle NVANationale Volksarmee-Angehörige ab 50 Jahren sowie ab Dienstgrad Oberst wurden nach der Wiedervereinigung aus dem aktiven Dienst entlassen. Zahlreichen Unteroffizieren wurde zunächst eine Übernahme als Zeitsoldat für zwei Jahre angeboten. 

Das Personalamt der Bundeswehr brauchte Zeit, um jeden Einzelfall zu prüfen. Auch die Dienstgrade wurden angepasst: Uwe L. verlor seinen NVANationale Volksarmee-Dienstgrad und wurde als Feldwebel in die Bundeswehr übernommen. Die Einkleidung fand in Strausberg statt: „Ich weiß noch, dass ich einen großen Seesack mit nach Hause genommen habe und die neue Unform direkt anprobiert habe.“

Oberstabsfeldwebel Uwe L. steht vor einer ausgemusterten Transall C-160

Oberstabsfeldwebel Uwe L. (Mitte) beim Flugplatzfest/Tag der Reservisten in Berlin-Gatow vor einer ausgemusterten Transall der Luftwaffe

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Eine besondere Nacht im „Fuchsbau“ 

Am 2. Oktober 1990 hatte Uwe L. Nachtdienst in der Bunkeranlage in Fürstenwalde. Diesen Abend vor dem Tag der Deutschen Einheit hat er in besonderer Erinnerung: „Zehn Minuten vor Mitternacht erfolgte eine Durchsage des Diensthabenden: ‚Rundspruch an alle – ab Mitternacht ist Bundeswehruniform zu tragen!‘ Ich hatte meine Sachen schon bereitgelegt. Um 24 Uhr habe ich dann meine NVANationale Volksarmee-Uniform an den Nagel gehängt und nach dem Dienst verpackt.“ Die Bundeswehr übernahm vorrübergehend die ALMAS-Technik in der Bunkeranlage. Eine technische Generalüberholung des Systems fand bereits im Dezember 1990 statt. 

„Im Dienstalltag haben sich die Abläufe nicht über Nacht geändert. Es hat noch ein wenig Zeit gebraucht, bis jeder sich an die neue Zeit gewöhnt hatte“, erklärt Uwe L., der es in der Bundeswehr bis zum Oberstabsfeldwebel gebracht hat und nun in regelmäßigen Abständen an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg und am Presse- und Informationszentrum der Luftwaffe in Berlin-Gatow als Reservist tätig ist. In seiner aktiven Dienstzeit in der Bundeswehr diente er insgesamt sechseinhalb Jahre im Deutschen Luftwaffenkommando in den USA/Kanada und in El Paso, Texas. Noch heute trifft sich der ALMAS-Technik-Stammtisch alljährlich in Fürstenwalde/Spree. Die ehemalige Bunkeranlage „Fuchsbau“ dient heute als Museum. 

von Christian Müller  E-Mail schreiben

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