Ermittler und Teamplayer - Persönlichkeitsbildung im Bundeskriminalamt

Ermittler und Teamplayer - Persönlichkeitsbildung im Bundeskriminalamt

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Für Michael Z. ist jeder Tag Einsatz. Als Ermittler des Bundeskriminalamts ist er zuständig, wenn Deutsche im Ausland entführt werden, wenn es darum geht, islamistische Anschläge in Deutschland zu verhindern, aufzuklären oder, wenn Salafisten die Innere Sicherheit bedrohen. Vielseitige Herausforderungen für einen Typen mit Format. Aus einem Interview am 5.August 2021.

12 Fragen an Michael Z.

BKA-Beamte in schusssicheren Westen betreten einen Raum
Bundeskriminalamt/Pressestelle
Wilke Rohde

Michael, was genau machen Sie beim BKABundeskriminalamt?

Aktuell arbeite ich in einem Bereich, der sich mit Entführungslagen zum Nachteil von deutschen Staatsangehörigen im Ausland auseinandersetzt. Das heißt, wenn bspw. ein Tourist, Entwicklungshelfer oder ein anderer deutscher Staatsangehöriger im Ausland entführt oder als Geisel genommen wird, dann bearbeiten wir das Verfahren - in der Regel im Krisenstab gemeinsam mit den Behörden des Bundes, also auch Bundeswehr und Bundesnachrichtendienst. Wir führen unterstützt von anderen Behörden des Bundes ein Ermittlungsverfahren durch und versuchen auf die Freisetzung der Person hinzuwirken. Organisatorisch gehören wir in die Abteilung TE, d.h. Bekämpfung islamistisch motivierter Terrorismus und Extremismus.

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Wilke Rohde

Wie lange sind Sie dabei?

Ins BKA bin ich 2002 eingetreten. Dort habe ich drei Jahre lang studiert, sodass ich seit 2005 voll mitarbeite, wenn man so will.

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Wilke Rohde

Was hat Sie motiviert, zum BKABundeskriminalamt zu gehen?

Ich wollte als Kriminalpolizist arbeiten. Beim BKA konnte ich direkt in die Kriminalistenlaufbahn einsteigen. Der Beruf bietet im Hinblick auf das Thema Ermittlung eine enorme Vielfalt. Für mich war das ein spannendes Berufsfeld. Das hat sich bis heute auch bestätigt.

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Wilke Rohde

Hat sich die Ausbildung auf Ihre Persönlichkeit ausgewirkt?

Sie sind nicht nur Bürger und Ermittler, Sie haben immer auch eine Vorbildfunktion. Das kriegt man früh mit. Wir sind dahingehend sensibilisiert. In Ausbildung und Studium habe ich mich immer gut aufgehoben gefühlt. Was auch damit zu tun hatte, dass sich die Ausbildung neben den klassischen Studienabschnitten im Hörsaal auch auf das „Bärenführerprinzip“ abstützte. Im Grunde muss man sich das so vorstellen, dass ein erfahrener Kriminalbeamter einem jüngeren als Mentor beisteht und in der Praxis die Dinge beibringt. Das leben wir nicht nur in der Ausbildung und im Studium, sondern in der gesamten Laufbahn.

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Wilke Rohde

War die duale Ausbildung ein Vorteil?

Absolut. Gerade die praktischen Ausbildungsabschnitte, die studienbegleitend abliefen, haben mir enorm viel gebracht, um mich als Persönlichkeit zu entwickeln. Auch auf das polizeiliche Gegenüber - also auf die Verbrecher - zu stoßen. Ich setze hier das Gesetz durch und erlebe nicht bloß Theorie im Studium. Das Prinzip des dualen Studiums, wenn man das so aufschlüsseln möchte, finde ich sehr gut und kenne eigentlich niemanden, dem das anders ging.

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Wilke Rohde

Wie war die erste Begegnung mit dem Verbrechen?

Bereits im Auswahlprozess wurde darauf geachtet und darauf hingewiesen, dass das jetzt hier nicht „Tatort“ oder „Mission Impossible“ ist, sondern das Berufsbild in der Praxis deutlich anders aussieht. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Das ist immer anders, als man es sich vorstellt. Wenn man die Ermittlungen einer Entführung selber leitet, gibt es plötzlich zehntausend Sachen, die man zu bedenken und zu organisieren hat. Ganz viele Leute schauen auf einen, man hat sehr viel Verantwortung. Man muss schauen, dass das alles läuft. Da ist keine Zeit für Hollywood.

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Wie trainieren Sie?

Wir versuchen die Lebenswirklichkeit in Echtzeit und auch unter Druck nachzustellen. Natürlich trainieren wir Festnahmen beispielsweise. Meiner Erfahrung nach ist das dennoch nicht zu vergleichen mit der Realität. Aber wir werden im BKA langsam herangeführt an verantwortungsvolle Aufgaben und Situationen.

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Was macht Eure Ausbildung aus?

Für uns ist es wichtig Praxiserfahrungen zurückzuführen in die Ausbildung. Wir schauen uns an: Kann man etwas anders lehren? In meinem Bereich, dem ‚Islamistischen Terrorismus‘, treffen unterschiedliche Kulturen, Gedankenwelten und Religionen aufeinander. Das kann zu einer Vielzahl von Konflikten führen, gerade wenn die Situation des Aufeinandertreffens nicht friedlich, sondern im Zusammenhang mit einer strafprozessualen Maßnahme steht. Ich nehme jemanden fest. Ich kontrolliere jemanden. Das findet ja niemand gut, trotzdem muss er sich fügen. Diese Situationen sind natürlich kritisch. Darauf müssen wir achten, sowohl in der Theorie, als auch in der Praxis. Die Leute müssen handlungssicher und stabil sein, dass da nichts anbrennt. Dass sie für den Ernstfall gewappnet sind.

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Wilke Rohde

Was motiviert Sie?

Ich kenne das schon seit über einem Jahrzehnt, habe auch Familie und es war immer eine Herausforderung, diese Dinge miteinander zu vereinbaren. Stell Dir vor, von einem Nachrichtendienst im Ausland kommt die Information, da ist einer, der hat die Drähte eines Zünders schon fast zusammengesetzt, um den müsst ihr euch jetzt kümmern. Das fordert enorm viel Flexibilität von den Leuten und eine hohe intrinsische Motivation. Ich habe bisher nicht erlebt, dass die Kolleginnen und Kollegen diese nicht aufgebracht hätten. Selbst wenn sie nicht müssten, haben sie versucht, immer irgendwie möglich zu machen, dass der Job läuft.

Es gab viele Weihnachten, die die Kollegen hier im Tower verbracht haben, oder an einem anderen Einsatzort statt zuhause. Aber im Team schauen wir auch, dass wir die Mehrarbeit fair ausgleichen können. Es wird niemand verheizt, das ist ganz klar. Aber fest steht auch, dass man eine gewisse Stressresistenz mitbringen muss. Es ist ein hohes Gut, dass die Leute bereit sind, das aufzubringen. Das ist kein Job, sondern ein Beruf. Vermutlich ist das ähnlich wie bei einem Soldaten, der das wahrscheinlich genauso mitbringt. Dass wir eben nicht um 16:00 Uhr sagen: „So, jetzt fällt der Hammer.“ Sondern, dass wir uns bewusst sind, dass man im Zweifel auch da sein muss, wenn es erforderlich ist.

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Wilke Rohde

Sie sind Mitte Dreißig. Ist es irgendwann gut?

Ich muss ja nicht mit dem Fallschirm irgendwo runterspringen oder durch Torpedorohre tauchen. Das heißt, das Ermittlungsgeschäft habe ich vor, noch eine ganze Weile zu machen, weil es unglaublich viel Bandbreite abdeckt.

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Wilke Rohde

Wie ist es mit Hierarchien in den Teams?

Wenn es immer nur einen Captain vorn‘ geben würde, dann würden wir nicht weiterkommen. Das BKA lebt sehr stark vom Teamplayer-Denken, alles ist immer mannschaftsgetragen. Anders funktioniert’s auch nicht. Einer muss natürlich sagen, was passiert, im Vordergrund steht aber der Auftrag. Nur wenn alle ihren Input geben, können wir neue Ermittlungsmethoden entwickeln. Wir leben davon, dass wir auch mal innovativ etwas auf die Beine stellen. Wenn es brennt, gibt es natürlich starke Strukturen. Aber das generelle Arbeiten ist sehr teamorientiert.

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Wilke Rohde

Sind Sie noch derselbe, der Sie einmal waren? Haben Sie sich im Laufe der Jahre entwickelt?

Das ist immer eine Frage des Perspektive. Eher würde ich auf diejenigen verweisen, die mich in dieser Zeit erlebt haben, sage aber persönlich: Ich bin an meinen Aufgaben gewachsen. Ob ich mich als Mensch verändert habe? Es gibt dieses Zitat von Bertold Brecht, aus den Erzählungen über Herrn Kunold: Jener Herr K. trifft seit langer Zeit einen Bekannten auf einer Beerdigung. Der sagt zu Herrn K: Mensch, Du hast Dich ja gar nicht verändert. Daraufhin erblasst der Herr K. Eigentlich wollen wir uns ja immer verändern und anders werden, möglichst zum Guten.

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von Wilke Rohde
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