Pilotseminar der Bundeswehr

Israel: Ein Land voller Geschichte und Konflikte

Israel: Ein Land voller Geschichte und Konflikte

Datum:
Ort:
Israel
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15 MIN

Eine Woche auf den Spuren jüdischen Lebens in Berlin und eine Woche Eintauchen in die Geschichte und Lebenswirklichkeit der Menschen im Staat Israel: Rund 20 zivile und militärische Angehörige der Bundeswehr nahmen im Oktober 2022 an einem im Auftrag der Abteilung Politik des Bundesministeriums der Verteidigung durch das Zentrum Innere Führung neu konzipierten Seminar teil.

Zwischen zwei, mit dem Rücken zur Kamera stehenden Soldaten, sieht man das rege besuchte Brandenburger Tor.

Historische Spaziergänge durch Berlin sind ohne den Zusammenhang mit jüdischer Geschichte nicht vorstellbar

Bundeswehr/Peter Messner

Für die Ausrichtung des Pilotseminars „Jüdisches Leben und der Staat Israel“ gibt es vielfältige Gründe. Darauf wiesen die beiden Delegationsleiter Dr. Ulrich P.*, Referatsleiter in der Abteilung Politik des BMVgBundesministerium der Verteidigung und Oberst i.G.im Generalstabsdienst Reinhold J.* für das Zentrum Innere Führung in ihren Einführungen hin. So ist Israel außen- und sicherheitspolitisch der wichtigste strategische Partner Deutschlands in der Region Naher Osten, mit dem die Bundesregierung vielfältige Beziehungen auf allen Ebenen unterhält. Auch leistet die Bundeswehr seit Juni 2021 mit der Einführung des Militärbundesrabbiners und der Einrichtung des Militärrabbinats einen wichtigen Beitrag für die seelsorgerische Begleitung und Betreuung jüdischer Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Aber auch die Persönlichkeitsbildung mit ihren Bausteinen politisch-historische Bildung, ethische Bildung und Interkulturelle Kompetenz als zentrales Anliegen der Inneren Führung ist mit diesem Seminar angesprochen. „Ziel ist es“, so Organisator und Planer Fregattenkapitän Kai B.*, „Multiplikatoren der Bundeswehr zu fachkundigen Botschaftern jüdischer Kultur in den Streitkräften zu machen.“

Innere Führung mit Leben füllen

Vier Teilnehmende stehen mit einer Museumsführerin vor verschiedenen Porträts jüdischer Männer in einem Museumsraum.

Im Jüdischen Museum: Vor dem Selbstporträt von Max Liebermann. Neben dem Holocaust-Mahnmal präsentiert das 2001 eröffnete Museum die über 1700-jährige Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland.

Bundeswehr/Peter Messner

Immer auf den vielfältigen Spuren und der allzu oft dramatischen und leidgeprüften Geschichte jüdischer Mitbürger kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im ersten Teil des Seminars in Berlin mit Expertinnen und Experten aus Politik, Religion, Geschichte und Verwaltung zusammen und besuchten Museen und Gedenkstätten, die ein umfassendes Bild der im deutschsprachigen Raum 1700 Jahre alten jüdischen Kultur präsentieren konnten. Es waren nicht nur die sprichwörtlichen Staatsbürger in Uniform, die sich in der Synagoge, dem Landesamt für Verfassungsschutz oder der israelischen Botschaft informierten: Unter den rund 20 Frauen und Männer waren auch zivile Mitarbeitende aus verschiedensten Teilen der Bundeswehr. Oberst i.G.im Generalstabsdienst J.* betonte den Anspruch der gemeinsamen Führungskultur: „Gelebte Innere Führung spricht Hirn und Herz gleichermaßen an. Sie lebt aber auch von Humor und Hingabe und sie verbietet keineswegs Härte in der Umsetzung und Ausbildung. Denn Innere Führung ist nicht die Summe der weichen Themen, sondern im Gegenteil ein ganz wesentlicher Beitrag zur Einsatzbereitschaft. Innere Führung vermittelt unsere Werte und Normen in die heutige Lebenswirklichkeit.“ Dazu passte es sehr gut, dass Dr. Elio Adler vom zivilgesellschaftlichen Verein „Werteinitiative“ über viele unterschiedliche Aspekte des Judentums als Religion, Ethnie oder Schicksalsgemeinschaft informierte.

Museen und Gedenkstätten besucht

Teilnehmende stehen mit der Museumsführerin vor einem Stehlenfeld

Der Außenbereich des Jüdischen Museums erinnert an das Stelenfeld des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas

Bundeswehr/Peter Messner

Ob im Gespräch mit Rabbinern, dem israelischen Botschafter, Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung oder Antisemitismus-Experten: Das Judentum in Deutschland näher kennen zu lernen, ist ein Thema mit beeindruckenden politischen und historischen Dimensionen. Seit mindestens 1700 Jahren leben Menschen jüdischen Glaubens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Sie haben zahllose Spuren hinterlassen – als Kultur, architektonisch, mit herausragenden Persönlichkeiten und Ideen. Dass jüdischen Mitbürgern im sogenannten „Dritten Reich“ unter den Nationalsozialisten die völlige Vernichtung drohte, war für die gesellschaftlich engagierten, patriotischen und integrierten Deutschen mosaischen Glaubens auch ein kultureller Tabubruch ohne Beispiel. Auf den tiefen Spuren dieser Vernichtungsmaschinerie besuchten die Teilnehmenden die Gedenkstätte der Wannseekonferenz, das monumentale Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Jüdische Museum Berlin und die Gedenkstätte Gleis 17. Ein besonderer Aspekt der Aufarbeitung dieser Verbrechen wurde vom Fachinformationszentrum der Bundeswehr vorgestellt: Rund 500.000 Bücher im Besitz der Bundeswehrbibliotheken werden derzeit systematisch nach Raubgut aus ehemals jüdischem Besitz durchforstet.

Viele Fragen zum jüdischen Leben in Deutschland

Vor der Glasfassade steht die Museumsführerin zwischen zwei Teilnehmenden und beantwortet lächelnd die ihr gestellten Fragen.

Kultur, Geschichte und Architektur finden im jüdischen Leben in Deutschland immer wieder zusammen

Bundeswehr/Peter Messner

Viele Fragen gab es zu stellen und zu klären: über die Religion und ihre Riten, über Definitionen und Interpretationen. Wer ist Jude und warum? Wie laufen Gottesdienste oder Hochzeiten ab? Warum werden Juden in ganz Europa im Laufe der Geschichte immer wieder zur Zielscheibe von Neid, Hass und Gewalt – und dies trotz einer tiefen Verwurzelung in der christlichen europäischen Kultur? Wieso können in Deutschland wieder antisemitische Demonstrationen genehmigt werden? Antisemitismus von rechts- und linksextremen Gruppen sowie von islamistischen Organisationen bedrohen das jüdische Leben in der Bundesrepublik Deutschland nach wie vor. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Dr. Felix Klein, sowie Lehrer und Museumsführerinnen versuchten, den steten Wissensdurst der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer zu stillen.

Bedrohungen gibt es nach wie vor

Im Seminarraum sitzen die Teilnehmenden an einem ovalen Holztisch und sehen auf zwei stehende Männer, die sich unterhalten.

Der israelische Botschafter Ron Prosor und Seminarleiter Fregattenkapitän Kai B.* in der israelischen Botschaft in Berlin

Israelische Botschaft

Welchen Bedrohungen die rund 120.000 deutschen Juden allein wegen ihres Glaubens auch heute wieder ausgesetzt sind, machten Referenten des Verfassungsschutzes auf Bundes- und Landesebene in Berlin sowie des Bundesamtes für den Militärischen Abschirmdienstes (BAMADBundesamt für den Militärischen Abschirmdienst) deutlich: Neben schon beinahe alltäglichen Anfeindungen auf der Straße, die von Beleidigungen und Drohungen bis zu körperlichen Angriffen gehen, gibt es auch Staaten wie den Iran, die offen mit der Vernichtung des Staates Israel drohen. Die Einflüsse des Mullah-Regimes erreichen dabei über auch in Deutschland aktive Organisationen wie Hisbollah, Al Quds oder Hamas auch Islamisten in der Bundesrepublik. Antisemitismus äußert sich außerhalb der islamistischen Szene in Deutschland vor allem auch israelbezogen, religiös, rassistisch und politisch. Gerade in der linksradikalen Szene der Bundeshauptstadt wird dabei aktuell versucht, dem Staat Israel die Existenz zugunsten eines arabisch-palästinensischen Staatsgebildes abzusprechen. Innerhalb der Bundeswehr ist der Bereich Extremismusabwehr und -prävention des BAMADBundesamt für den Militärischen Abschirmdienst wachsam, um extremistische Bundeswehrangehörige zu identifizieren und aus dem Dienst zu entfernen. Antisemitismus hat, so das Fazit, in der Bundeswehr keinen Platz.

Gemeinsam das Laubhüttenfest „Sukkot“ feiern

Militärbundesrabbiner Zsolt Balla begrüßte die Teilnehmenden des Seminars zum Laubhüttenfest „Sukkot“

Militärbundesrabbiner Zsolt Balla begrüßte die Teilnehmenden des Seminars zum Laubhüttenfest „Sukkot“ im Hof der Synagoge Rykestraße

Bundeswehr/Peter Messner

Das jüdische Leben innerhalb der Bundeswehr war neben religiösen Ritualen beim gemeinsamen Laubhüttenfest „Sukkot“ mit Vertretern der jüdischen Gemeinde Berlin und Militärbundesrabbiner Zsolt Balla ein besonders wichtiges Thema, ebenso wie die zunehmend enge Kooperation der Bundeswehr mit israelischen Streitkräften im Gespräch mit dem neuen israelischen Botschafter in Deutschland Ron Prosor. Die klar definierte Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels kam dabei auch durch die Darstellung deutschen Engagements im Mittelmeerraum bei UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon, der Zusammenarbeit der beiden Luftwaffen und vielfältigen anderen Kooperationen zur Sprache. Deutschland ist dabei nach Überzeugung des Botschafters der wichtigste europäische Partner des Staates Israel.

Eine Einschätzung, die vom Vertreter der Abteilung Politik des Bundesministeriums der Verteidigung, Oberstleutnant i.G.im Generalstabsdienst Alexander J.*, in seinem Vortrag nur unterstrichen werden konnte: „Die vertrauensvolle militärische Zusammenarbeit befindet sich auf einem hohen Niveau.“

Die Seminarteilnehmer und -teilnehmerinnen waren sich nach fünf Tagen in der Bundeshauptstadt sicher: Die zweite Seminarwoche in Israel mit vielen Kontakten zum israelischen Militär sowie intensiven Erfahrungen mit Land und Leuten dürfte mindestens so eindrücklich verlaufen wie die Woche in Berlin.


3 Fragen an Zsolt Balla

Militärbundesrabbiner

Der Militärbundesrabbiner Zsolt Balla steht in einer Laubhütte und gestikuliert während er spricht.
Bundeswehr/Peter Messner

Militärbundesrabbiner Balla, Sie sind seit rund 15 Monaten im Amt. Sie sind zudem Gemeinderabbiner in Leipzig und Landesrabbiner des Bundeslandes Sachsen. Wie schaffen Sie es, diese Arbeit unter einen Hut zu bringen?

Ich bin mit meiner Arbeit in der Bundeswehr der glücklichste Mensch der Welt. Tatsächlich wende ich bestimmt 70 Prozent meiner Arbeitszeit für die Truppe auf, denn es ist ja noch vieles im Aufbau und in der Entwicklung. Meine Gemeinde in Leipzig und die Arbeit auf Landesebene sind aber ebenso Herzensangelegenheiten, die ich nicht missen möchte. Ich habe dabei zum Glück ganz viel Unterstützung, sonst ginge es nicht.

Der Militärbundesrabbiner Zsolt Balla steht in einer Laubhütte und gestikuliert während er spricht.

Wie ist Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Militär?

Mein grundsätzliches Verhältnis ist geprägt von großem Respekt gegenüber dieser sehr wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe, der Wehrhaftigkeit. Deshalb bin ich froh darüber, für die Menschen, die diese Aufgabe erfüllen, da sein und sie unterstützen zu dürfen: mein Auftrag als religiöser Leiter der Militärseelsorge ist für mich ein Privileg.

Der Militärbundesrabbiner Zsolt Balla steht in einer Laubhütte und gestikuliert während er spricht.

Wie eng sind Ihre Kontakte zu jüdischen Soldaten in der Bundeswehr?

Ich hatte schon viele wirklich gute Gespräche und es ist ein vertrauensvolles Verhältnis entstanden. Insbesondere mit dem Bund Jüdischer Soldaten arbeiten wir regelmäßig zusammen. Wir Militärseelsorger sind dabei aber nicht nur für die Soldaten unserer jeweiligen Religion da, sondern für alle. Im Moment bin ich noch ganz beeindruckt von einem langen Spaziergang mit einem Soldaten muslimischen Glaubens und unserem wirklich bereichernden Austausch.

Der Militärbundesrabbiner Zsolt Balla steht in einer Laubhütte und gestikuliert während er spricht.

Israel: ein außergewöhnliches Land voller Geschichte, Konflikte und Widersprüche

Zwei Seminarteilnehmer im Geschräch mit israelischen Soldaten

Im Gespräch mit israelischen Soldaten, die die Grenze nach Syrien bewachen

Bundeswehr/Peter Messner

Der zweite Teil des Pilot-Seminares führte die rund 20 Teilnehmer und Teilnehmerinnen Ende Oktober 2022 eine Woche lang nach Tel Aviv und Jerusalem, auf die Golan-Höhen, an den See Genezareth und in die Wüste am Toten Meer. Die Seminarwoche in Israel begann mit einem Besuch in der deutschen Botschaft in Tel Aviv. Botschafter Steffen Seibert, selbst erst seit August dieses Jahres im Amt, informierte die militärischen und zivilen Teilnehmenden über die aktuelle Situation in Israel. Er betonte die „sehr geschätzte Partnerschaft Deutschlands mit Israel, die vor dem historischen Hintergrund keinesfalls selbstverständlich“ sei. Der enge Austausch zwischen Deutschland und Israel ist ein zentraler Baustein der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Sehr positiv hob der Botschafter die Verträge der „Abraham-Accords“ hervor, die der jüdische Staat mit immer mehr moderaten arabischen Ländern abschließen kann. Hier entwickele sich ein „Normalisierungsprozess, der sich bereits mit vielen touristischen und wirtschaftlichen Kontakten deutlich festigt.“. Selbst mit dem weitgehend von der israelfeindlichen Hisbollah kontrollierten Nachbarn Libanon wurde in den Tagen zuvor ein Vertrag über einvernehmliche Gasförderung im Mittelmeer abgeschlossen.

Besuch in der deutschen Botschaft in Tel Aviv

Seminarteilnehmer sitzen im Besprechungsraum der Botschaft

In der deutschen Botschaft in Tel Aviv gab Botschafter Steffen Seibert einen Überblick über die aktuelle Situation

Bundeswehr/Peter Messner

Trotzdem, so Botschafter Seibert, sei die Sicherheitslage im Land angespannt. Wie so oft, gebe es derzeit extreme Spannungen im palästinensischen Gaza-Streifen. Er betonte dabei „absolut, das Recht auf Selbstverteidigung Israels, zeigte sich aber skeptisch, ob eine „permanente Wahl militärischer Mittel zum Ziel führt.“ Mit den Militärattachés wurde im Anschluss über die Bedeutung der Inhalte und Grundsätze der Inneren Führung auch in Bezug auf die israelischen Streitkräfte diskutiert. Die ununterbrochene Bedrohungslage seit der Staatsgründung 1948 bedeutet, dass junge israelische Männer drei und Frauen zwei Jahre Wehrdienst leisten müssen. Rund 470.000 Reservisten stehen so den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF - Israel Defense Forces) zur Verfügung, die etwa 170.000 aktive Soldaten umfassen.

Ursprung militärischer Führung liegt im Gefecht

Vortrag für Bundeswehrangehörige an der israelischen Militärakademie

An der Militärakademie „Israel Command and Staff College“ gab ein entschlossener Kommandeur Einblicke in die Anforderungen an israelische Kommandeure und Einheitsführer

Bundeswehr/Peter Messner

Die israelischen Streitkräfte gelten den meisten Menschen im Land als der Kitt, der die Einwanderer und Gruppen aus aller Welt verbindet. Hier wird ausgebildet und gebildet. Auch, um der täglichen Auseinandersetzung untereinander zu entgehen, leben viele soziale, religiöse oder politische Gruppen im Land weitgehend unter sich. Was sie zusammenführt, ist der weitgehend klassenlose Wehrdienst und in der Regel der Wunsch, mit der Armee den Frieden und die Freiheit der Israelis, das eigene Zuhause und ihre Heimat entschlossen und wirksam zu verteidigen.

Der israelische Brigadegeneral Yaniv Alaluf machte der Seminargruppe an der Militärakademie „Israel Command and Staff College“ in beeindruckender Weise deutlich, dass er militärischen Führern in Einsatz und Ausbildung alles abverlangt: „Der Ursprung militärischer Führung liegt im Gefecht, Auge in Auge mit den eigenen Leuten und dem Gegner“. Der ehemalige Kommandeur von Spezialeinheiten schöpft seine Führungsphilosophie aus der und für die Gefechtssituation - für eine Armee, die fast täglich ihre Kampfbereitschaft beweisen muss. In sechs Ausbildungsgängen, vom Kompaniechef bis zu Generalsrängen, werden hier Kommandeure ausgebildet. Dass diese Kommandeure auch in Zukunft gebraucht werden, stellt General Alaluf nicht in Frage: „Im Libanon und in Gaza passiert seit Jahrzehnten nichts Gutes, keine Verbesserungen. Und der Iran ist dabei der Verursacher aller israelischen Probleme.“

Offizielle Kranzniederlegung in Yad Vashem

In der Halle der Erinnerung legen Bundeswehrangehörige einen Kranz nieder

Nach einer ergreifenden Führung durch die Gedenkstätte: In der „Halle der Erinnerung“ legt die Bundeswehr-Delegation in stillem Gedenken einen Kranz nieder

Bundeswehr/Peter Messner

Das „Denkmal der Namen“, Yad Vashem, ist den Märtyrern und Helden des Staates Israel im Holocaust gewidmet. Hier wird in Gedenkstätten und Museen die Geschichte all derer erzählt, die der Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten zum Opfer fielen – aber auch all derer, die Leben retteten und Juden unter Lebensgefahr schützten. Der Besuch dieser zentralen Holocaust-Gedenkstätte war für die Seminarteilnehmenden eine Begegnung mit persönlichen Schicksalen und unermesslichem Leid, eine Auseinandersetzung mit den Begriffen „Täter“ und „Opfer“. Für Juden vor allem als Ort der Trauer erbaut, bedeutet er für den deutschen Besuchenden auch immer eine Konfrontation mit eigener Geschichte, die erst zwei Generationen weit zurück liegt.

Nach einer ergreifenden Führung durch das Areal legten die Seminarteilnehmenden in der „Halle der Erinnerung“ im Gedenken an den Völkermord offiziell einen Kranz nieder. Für die Soldatinnen und Soldaten unter ihnen war der Besuch von Yad Vashem in der Uniform der Bundeswehr auch eine Bestätigung dafür, wofür die Bundeswehr als Verteidiger von Recht und Freiheit 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht.

Der Glanz Jerusalems verblendet viele Menschen

Blick über die Dächer Jerusalems

Die Heiligtümer dreier Weltreligionen liegen in Jerusalem eng beieinander

Bundeswehr/Peter Messner

In Jerusalem stellte der renommierte Autor und Journalist Gil Yaron den Teilnehmenden des Seminars in seinem Vortrag die Hauptstadt der drei großen monotheistischen Weltreligionen vor. Sie sei der Streitpunkt, an dem bisher alle Friedensverhandlungen scheiterten. Yaron verwies auf ein Zitat des ehemaligen israelischen Präsidenten Schimon Peres: „Der Glanz Jerusalems verblendet viele Menschen.“ Trotz oder gerade wegen seiner Heiligtümer vom Tempelberg über die Klagemauer bis zur Grabeskirche, die, wie er sarkastisch anmerkte, jeweils „nur einen Steinwurf von einander entfernt“ liegen.

Die Bedeutung des Heiligen Landes entstand vor Jahrtausenden aus seiner geostrategischen Lage: Die einzige Landbrücke zwischen den frühen Hochkulturen, zwischen Mittelmeer und Nahem Osten, Babylon und Ägypten, Rom und Athen wurde zum Treffpunkt der Völker. Hier haben die großen Religionen ihre Ursprünge und Jerusalem sei so eine Quelle des Friedens und gleichzeitig ein Entstehungsort von Krieg geworden. Und doch habe die Bedeutung Jerusalems auch politische Ursachen. So manche religiöse Bedeutung sei im Laufe der Geschichte erhöht worden, einfach um nicht den konkurrierenden Gruppen das Feld zu überlassen.

Jerusalem - Hauptstadt der monotheistischen Weltreligionen

Ölberg vor den Toren der Altstadt

Blick vom Ölberg auf Jerusalem: Eine Stadt voller Kultur, Religion und Spannungen unter den Bewohnern

Bundeswehr/Peter Messner

Diskussionen und Erlebnisse rund um Krieg und Frieden prägten den Israel-Besuch der deutschen Bundeswehrangehörigen jeden Tag und in besonderer Weise. Wer aus einer so friedlichen Region wie Westeuropa kommt, ist von der nüchternen Art, wie Israelis über ihr Leben zwischen echter Bedrohung und profanem Alltag erzählen, immer wieder gefesselt. Angriffe werden selbstverständlich mit Gegenschlägen beantwortet, die Reiseführer sind aktive Reserveoffiziere und ebenso selbstverständlich bewaffnet im Bus unterwegs. All das steht in radikalem Widerspruch zu einem zutiefst religiösen Landstrich voller Kultur und uralter Kulturen. Müsste Jerusalem nicht die Welthauptstadt des Friedens und Miteinanders sein? Müssten die radikalen Kräfte nicht von friedvollen, aufgeklärt modernen Menschen gebändigt werden? Ein Ende der potenziellen Konflikte ist in der Realität für keinen der Gesprächspartner in Sicht. Gott versprach Moses ein Land, „in dem Milch und Honig fließen“. Davon sind die Menschen heute immer noch unendlich weit entfernt.

Ein kleines Bergdorf wurde zur religiösen Hauptstadt

Blick auf die Klagemauer und den davor schwer gesicherten Platz

Jerusalem: Der Platz vor der Klagemauer ist von allen Seiten schwer gesichert

Bundeswehr/Peter Messner

Israel verstehen zu wollen, ist eine Herausforderung. Es ist ein weltoffenes Land voller Einwanderer. Und doch drohen die politischen, gesellschaftlichen und religiösen Konflikte den Nahen Osten fast täglich zu zerreißen. Israel ist Atommacht – und doch wird es nahezu täglich auch mit Messern und Steinen angegriffen.

In Jerusalem wird der Widerspruch zwischen Mythos und Realität für die Seminarteilnehmenden auf Schritt und Tritt besonders deutlich: Bei einem ersten Stadtrundgang sind an jeder Wegekreuzung schwer bewaffnete Sicherheitskräfte anzutreffen. Der Direktor des deutschen Paulus-Hauses, Prof. Ralf Rothenbusch, informierte die Reisegruppe über die faszinierende Geschichte des ursprünglich kleinen Bergdorfes und seine religiösen Überlieferungen, mit denen es zur Welthauptstadt der Religionen wurde.

Die geteilte Hauptstadt Israels zeigt wie unter dem Brennglas die Zerrissenheit des Nahen Ostens und der Anhänger der drei großen Weltreligionen. Westliche, freie Lebensweisen kollidieren auf wenigen Quadratkilometern mit religiös geprägten Regeln. Begriffe wie Demokratie und Freiheit, Recht und Gesetz könnten von den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht unterschiedlicher interpretiert werden. Sind die Unterschiede zu groß, sind die Gruppen mit Zäunen und Mauern voneinander getrennt.

Tod und Verwundung sind Teil der Lebensrealität

Teilnehmende schauen auf großen Bildschirm mit der Aufschrift Zahal Disabled Veterans Oragnization

Im Beit Halochem ergänzt und erweitert eine private Hilfsorganisation mit einem großen Angebot die Rehabilitation kriegsbeschädigter Veteranen

Bundeswehr/Peter Messner

Tod und Verwundung sind daher ständiger Teil der Lebensrealität in Israel. Der Umgang damit in der israelischen Gesellschaft wurde im Rehabilitationszentrum Beit Halochem („Haus des Kämpfers“) der „Zahal Disabled Veterans Organization“ zum Thema: Der private Verein ergänzt und erweitert seit 1949 die staatlichen Behandlungs- und Integrationsmaßnehmen für kriegsbeschädigte Veteranen. Die Organisation unterstützt Betroffene und Familien der an Körper und Geist verwundeten Mitglieder von israelischen Sicherheitsorganen, um die Betroffenen wieder auf ihren Weg zu bringen. „Wir sind wohl der einzige Verein, der sich keine neuen Mitglieder wünscht“, heißt es zur Begrüßung der deutschen Delegation. Trotzdem sind es rund 51.000 Veteranen, die im Beit Halochem Tel Aviv und drei weiteren Zentren im Land unterstützt werden und jährlich kommen einige hundert weitere hinzu.

2023 ist eine israelische Mannschaft bei den Invictus-Games vertreten

Amnon Sharon im Gespräch mit Seminarteilnehmern über seinen Leidensweg

Amnon Sharon schildert seinen schwierigen Weg aus der Kriegsgefangenschaft in Syrien hinein in ein neues Leben. Schon lange engagiert er sich dafür auch in Beit Halochem.

Bundeswehr/Peter Messner

Mit einer 20-köpfigen Mannschaft sind die „Kämpfer“ im kommenden Jahr in Düsseldorf erstmals als Vertreter Israels bei den Invictus-Games dabei. Spitzensport ist Teil des Reha-Programms: Bei Paralympischen Spielen sind die Teilnehmer aus Israel regelmäßig aktiv und erfolgreich. So gab es 2020 in Tokio sechs Goldmedaillen. Das Beit Halochem finanziert sich zu großen Teilen aus Spenden.

Tiefen Eindruck hinterließen die Schilderungen des im Jom Kippur-Krieg 1973 verwundeten und von Syrern gefangen genommenen ehemaligen Offiziers der israelischen Panzertruppen, Amnon Sharon. Seine Folter-Qualen und Verwundungen therapiert der nun schon lange pensionierte Colonel auch mit seinem Engagement im „Haus des Kämpfers“. Der Name der Einrichtung könnte allein seiner Lebensgeschichte entlehnt sein.

An den Grenzen sind beobachtende Einheiten der UNUnited Nations stationiert

Ein Fahrzeug der UN. Die Soldaten sammeln Informationen entlang der Grenze zu Syrien.

Kontaktaufnahme: Die Vereinten Nationen patrouillieren entlang der Grenzen zu Libanon und Syrien

Bundeswehr/Peter Messner

Ausgedehnte Reisen an die Außengrenzen des Staates Israel führten die Seminarteilnehmenden zunächst bis in das von Grenzzäunen umgebene Dorf Ghaiar am Rande Süd-Libanons, später auf die Golan-Höhen mit Blick nach Syrien, zum palästinensischen Westjordanland und schließlich am Fluss Jordan entlang bis auf wenige Meter an Jordanien heran. Ein Mittagessen bei einer Familie der Drusischen Minderheit in Nordisrael, die mit syrischen Pässen ein Leben zwischen den Fronten führt, zeigte, unter welch komplizierten politischen Verhältnissen die Menschen in der Region leben. An allen Grenzen sind zwar internationale Einheiten im Friedensauftrag der UNUnited Nations stationiert, allein die Zusammenstöße der feindlichen Truppen, Angriffe und Gegenschläge können sie mit ihren Beobachtungsmandaten nicht verhindern. Hier, wo seit der Antike Hunderte von Schlachten auf den Wegen zwischen Ägypten und dem Zweistromland geschlagen wurden.

Ein besonders tragisches Ereignis fand um 74 nach Christus an der Bergfestung Masada statt. Die von den angreifenden Römern auf das Felsplateau geflüchteten, knapp eintausend Juden wählten dort den Freitod, um sich nicht der Gewalt der letztlich siegreichen Besatzer aussetzen zu müssen. Der 450 Meter oberhalb des Toten Meeres gelegene Ort gilt den Israelis heute auch als Symbol und Begründung uneingeschränkter Verteidigungsbereitschaft und Hingabe für den jüdischen Staat.

Israelische Kampfflugzeuge im Tiefflug über dem See Genezareth

Blick über die israelischen Grenzen Richtung Syrien und Libanon

Einweisung ins Gelände: In Nordisrael ist man von Damaskus und Beirut jeweils weniger als 100 Kilometer entfernt.

Bundeswehr/Peter Messner

Auch die Seminarteilnehmenden wurden zumindest Ohrenzeugen der Auseinandersetzungen: Am Tage wurde die christliche Brotvermehrungskirche mit ihrer 2000-jährigen Geschichte besucht. Nachts donnerten israelische Kampfflugzeuge über Tiberias am See Genezareth – im Tiefflug zurück von einem Luftschlag gegen Einrichtungen der Hisbollah bei Damaskus. Solche Luftangriffe gegen die iranischen Waffenlieferungen an die islamistische Miliz finden wöchentlich mehrmals statt, toleriert von der russischen Armee, die in Syrien rund 9000 Soldaten stationiert hat, berichten die israelischen Begleiter der deutschen Reisegruppe.

Nur wenige Tage nach Ende des Seminars wurde Israel wieder aus dem Gaza-Streifen mit Raketen beschossen, was zu erneuten israelischen Luftschlägen führte. Israelische Sicherheitskräfte hatten kurz zuvor einen gesuchten Führer der islamistischen Al-Kuds-Brigaden im Westjordanland getötet.

2023 wird der Staat Israel 75 Jahre alt

Ein israelisches Militärfahrzeug an der Grenze

Israel ist entschlossen, seinen Staat und seine Einwohner mit allem zu verteidigen, was es hat

Bundeswehr/Peter Messner

1948 - nur drei Jahre nach Ende des Holocaust - wurde Israel in einem Machtvakuum nach dem Abzug britischer Mandatstruppen aus dem Heiligen Land gegründet: „Nach 2000 Jahren des Wartens auf Gott nahmen die Befürworter eines jüdischen Staates im Heiligen Land die Sache selbst in die Hand“. 2023 wird der Staat Israel 75 Jahre alt und hat doch bis heute keine endgültigen Grenzen, stattdessen Todfeinde in der Nachbarschaft, die seine vollständige Vernichtung öffentlich propagieren. Ein Zustand, der sich in Israels Alltag jeden Moment finden lässt, genauso wie historische Monumente und Landschaften magischer Schönheit, Momente tiefsten Friedens an religiösen Stätten und fröhliche Menschen mit dem entschlossenen Wunsch nach dauerhaftem Frieden - und der gleichen Entschlossenheit, ihr Land mit allem zu verteidigen, was sie haben.

Erfahrungen des Seminars in die Dienststellen transportieren

Die Seminarteilnehmer vor der Jerusalemer Klagemauer

Besuch an der Klagemauer in Jerusalem. Die heiligen Stätten von Juden, Moslems und Christen liegen nur wenige Meter auseinander.

Bundeswehr/Peter Messner

Zeitgemäße Politische Bildung und Persönlichkeitsbildung: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Pilot-Seminars waren in der Abschlussbesprechung nach zwei anstrengenden Wochen in Berlin und Israel voll des Lobes. Viele Ideen waren entwickelt und erste Kontakte geknüpft, um die historischen, politischen, interkulturellen und ethischen Erkenntnisse aus dem Seminar auch in die heimischen Dienststellen zu transportieren. Für die Teilnehmenden und die Organisatoren bestand kein Zweifel, dass die wertvollen Erfahrungen aus dem Kontakt mit jüdischen Mitbürgern und der Israelreise in Zukunft vom Bundesministerium der Verteidigung und dem Zentrum Innere Führung für viele weitere militärische und zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermöglicht werden sollten. Eine Verstetigung dieses für Multiplikatoren wertvollen Formats ist daher besonders zu empfehlen, sind die Delegationsleiter überzeugt.    

*Name zum Schutz der Personen abgekürzt.

von Peter Messner