Multi-orbitale SatCom-Systeme
Wie die Bundeswehr ihre Weltraumfähigkeiten weiterentwickelt und an neue Herausforderungen anpasst.
Das Fernmeldewesen ist seit jeher unverzichtbar für militärische Führungsfähigkeit. Ohne Kommunikation sind Koordinierung und schnelle Entscheidungen im Einsatz nicht möglich. Von kabelgebundenen Feldtelefonen („Ackerschnacker“) über Richtfunk bis hin zur Satellitenkommunikation haben die Fernmelder eine rasante Entwicklung durchlaufen.
1956: Fernmeldesoldaten beim Aufbau ein Richtfunkstelle mit dem Richtfunkgerät TRC 3
BundeswehrIn über sieben Jahrzehnten haben sich Aufgaben, Ausstattung und Systeme rasant entwickelt: Was mit Feldtelefonen und wenigen Kurzwellenempfängern begann, ist heute hochspezialisierte Informationstechnik, vernetzte Kommunikation und elektronische Kampfführung. Dennoch bleibt der Kernauftrag derselbe: Fernmeldeverbindungen herstellen, betreiben und schützen, um die Führungs- und Handlungsfähigkeit der Streitkräfte weltweit zu gewährleisten. Die beeindruckende technische Entwicklung – vor allem die Digitalisierung der Systeme und die Satellitenkommunikation – zeigt: Diese Truppe steht für Fortschritt.
Die Geschichte der Fernmeldetruppe in der 1955 gegründeten Bundeswehr beginnt im Heer. Ihr Auftrag: Fernmeldeverbindungen herstellen, betreiben und schützen, um die Führungs- und Handlungsfähigkeit der Streitkräfte zu gewährleisten. Auch die Elektronische Kampfführung gehörte von Anfang an zu ihrem Auftrag: Einblick in die Führungsmaßnahmen des Feindes, Stören und Täuschen des gegnerischen Fernmeldeverkehrs und -elektronik sind nur einige Beispiele dieser Aufgaben.
1977: Im Fernmeldeverbindungsdienst des Feldheeres wird das automatische Selbstwählsystem AutoKo eingeführt
Bundeswehr
2020: Mit kleinsten Satellitenanlagen können Verbindungen hergestellt und betrieben werden
Bundeswehr/Andrea BienertZu Beginn bestand die Geräteausstattung der Fernmeldekräfte aus Funkgeräten der US-Armee, teilweise des Bundesgrenzschutzes sowie aus Fernsprech- und Fernschreibgeräten der ehemaligen Wehrmacht. Mit wenigen Kurzwellenempfängern erfassten die Fernmeldeaufklärungskräfte (spätere EloKa) den sowjetischen Funkverkehr auf dem Gebiet der DDR. 1959 wurde die Truppe mit Fahrzeugen der ersten geländegängigen Fahrzeuggeneration der Bundeswehr ausgestattet. Ab 1964 verschob sich der Schwerpunkt beim Material zunehmend in Richtung mobile Einsatzbereitschaft.
Oberstabsfeldwebel Dieter S., vormals Leiter Service Desk im IT-Bataillon 293 in Murnau, erinnert sich noch gut an die Zeit der kabelgebundenen Feldtelefone, auch „Ackerschnacker“ genannt. Von 1987 bis 1990 arbeitete er als Fernsprechgerätemechaniker in der Fernmeldewerkstatt des Flugkörpergeschwaders 2 in Geilenkirchen und hatte fast täglich mit dem Ackerschnacker zu tun. „Bei allen Übungen des Geschwaders war es das Kommunikationsmittel überhaupt“, erzählt der Soldat.
In einer mobilen Werkstatt reparierten er und seine Kameraden defekte Geräte. „Bei der Instandsetzung wurde immer eine Blasprobe zum Prüfen der Sprecheinrichtung und ein Weckerfunktionstest zum Prüfen der Rufeinrichtung durchgeführt. Gerade beim Weckerfunktionstest erschreckten sich unerfahrene Soldaten oftmals sehr, weil beim Drehen der Kurbel und gleichzeitigen Berühren der Drehklemmen ein durchaus kräftiger Stromschlag an den Fingern entstehen konnte“, lacht Oberstabsfeldwebel S.
Mit steigender Mobilität der militärischen Einheiten wurde der Feldfernsprecher zunehmend durch Funktechnik ersetzt. In den Sechzigerjahren verfügte die Fernmeldetruppe mit den Richtfunkgeräten FM 12/800 und den Trägerfrequenzsystemen VZ 12 T über bewegliche und leistungsstarke Weitverkehrsmittel. Richtfunkverbindungen wurden damit zum Hauptverbindungsmittel. Das Richtfunkgerät FM 120/5000 ermöglichte die Einrichtung analoger Richtfunknetze mit festen und mobilen Stationen. Eine komplette Richtfunkstelle mit 25-Meter-Gittermast passte in zwei Fahrzeuge mit jeweils 1,5 Tonnen Nutzlast: Die Mobilität machte rasante Fortschritte.
Die vorrangige Aufgabe der Fernmeldetruppe blieb es, die technischen Voraussetzungen für die Führungsfähigkeit der Bundeswehr zu schaffen. Damals wie heute geht es dabei vor allem um die Aus- und Weiterbildung des Personals, die Erprobung von Verfahren und das Erkennen von Schwachstellen. Kommunikation steht im Vordergrund – ebenso wie bei heutigen multinationalen Cyberübungen wie CWIX (Coalition Warrior Interoperability eXploration, eXperimentation, eXamination eXercise). Ab 1971 wurden die ersten Troposcatter-Verbindungen – auch Troposphärenfunk genannt – erprobt: Damit waren Reichweiten um 800 Kilometer möglich, die mit Richtfunk nicht erzielt werden konnten.
Truppenversuch AutoKo: ein wählfähiges Weitverkehrsnetz
Bundeswehr1977 wurde das automatische Selbstwählsystem AutoKo I (Automatisiertes Korps-Stammnetz) eingeführt – ein Weitverkehrsnetz, das auf dem Gefechtsfeld ausreichend Anschlussmöglichkeiten an die Knotenpunkte für die Fernverbindungen garantierte. Ab 1986 folgte AutoKo II, das noch auf analoger Technik aufbaute. Neben Sprach- und Fernschreibübertragung ließen sich über Modems Daten bis zu einer Übertragungsrate von 2,4 kbit/s übermitteln. Es war ein korpsweites Fernmeldenetz aus miteinander verbundenen Fernmeldeknoten, die über digitalisierten Richtfunk miteinander verbunden waren.
1998 beschaffte die Bundeswehr einen Wählfernsprecher mit Modemanschluss von der Firma Krone. Dieser Feldfernsprecher wurde im System AutoKo 90 (Automatisiertes Kommunikationsnetz 90) betrieben und hauptsächlich von Truppenteilen genutzt, die für Richtfunkstrecken verantwortlich waren. Mit dem mobilen, digitalen und automatisierten Weitverkehrskommunikationsnetz AutoKo 90 konnte die Fernmeldetruppe flexibel konfigurierbare Fernmeldenetze für Großverbände einrichten und raumdeckend mit Fernmeldeanschlussstellen betreiben. Das Netz bestand im Kern aus mobilen Vermittlungsknoten. Richtfunk- und Kabelverbindungen, Satellitenverbindungen oder terrestrische Übertragungswege verbanden die Netzstruktur im Operationsgebiet.
Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die Nationale Volksarmee (NVA) der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aufgelöst. Personal und Material wurden zum Teil in die Bundeswehr integriert. Für die Fernmeldetruppe begann aufgrund einer umfassenden Änderung ihrer Aufgaben- und Organisationsstruktur eine Zeit der Neuorientierung. Auslandseinsätze rückten nun stärker in den Fokus.
Führungsunterstützung bei Auslandseinsätzen erfolgt im Bereich der Informationsübertragung über einen Verbund aus stationären und mobilen Systemen. Im Rahmen einer UN-Mission richteten Fernmelder 1992 in Kambodscha eine Kommunikationszentrale im deutschen Hospital ein. Dort wurden erstmals einkanalige Satellitenkommunikationsanlagen für die Verbindung zwischen Einsatzgebiet und Heimatland eingesetzt.
1993 wurden in Somalia zum ersten Mal mehrkanalige Satellitenfunkverbindungen verwendet. Auch bei Katastrophenhilfeeinsätzen in Deutschland, etwa dem Hochwassereinsatz entlang der Elbe im Sommer 2002, waren Fernmeldesoldaten im Einsatz. Sie stellten mit mobilen Richtfunkverbindungen die Kommunikationsanbindung sicher.
Auch beim Elbe-Hochwasser haben die IT-Spezialisten mit unterstützt
Bundeswehr/Panzergrenadierbrigade 37Nach den historischen Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa ist das Aufgabenspektrum der Bundeswehr insgesamt vielfältiger und differenzierter geworden. Es reicht von humanitären Hilfseinsätzen über friedenssichernde und friedensschaffende Operationen bis zur immer stärker in den Fokus rückenden Landes- und Bündnisverteidigung.
Der Auftrag der Fernmeldetruppe besteht weiterhin darin, Führungsunterstützung für Einsätze sowie Ausbildungs- und Übungsbetrieb zu gewährleisten. In den Auslandseinsätzen – etwa im Kosovo – sind die Fernmeldekräfte mit ihren mobilen Führungs- und Fernmeldemitteln im Einsatz. Auch heute stellen sie die Kommunikation und die Anbindung aller Truppenteile an mittlerweile digitale Lagebilder sicher: aus Deutschland mit strategischen Kommunikationssystemen wie dem stationären Bodensegment Satellitenkommunikation (SatCom)-Mehrkanal sowie mit einer Kommunikationsbasis im Einsatzgebiet.
Im Juli 2017 wurden das Kommando Informationstechnik der Bundeswehr und das Kommando Strategische Aufklärung in den mittlerweile zur Teilstreitkraft erhobenen Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum (CIR) integriert. Damit wurde ein bedeutender Teil der früheren Fernmeldekräfte in einem Wirkungsraum gebündelt, der angesichts wachsender Cyberbedrohungen und hybrider Gefahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. IT-Soldaten und -Soldatinnen sind in Einsätzen oft als Erste vor Ort sind und verlassen ihn als Letzte. Mit ihren Fähigkeiten in den Bereichen Satellitenkommunikation, Netzwerktechnik, Servertechnik, verschlüsselte mobile Kommunikation und digitaler Richtfunk sorgen sie für eine reibungslose militärische Kommunikation und ermöglichen so die erfolgreiche Auftragserfüllung der Streitkräfte.
IT-Kräfte bei der Übung Grand Quadriga in Litauen 2024
Bundeswehr/Felix Zimmermann