Die Geschichte der Marine

Die Deutsche Marine von heute wurde im Kalten Krieg gegründet: Sie war als Bundesmarine seit 1956 die Seestreitmacht Westdeutschlands. 1990 wurde sie wieder zu einer gesamtdeutschen Marine.

Zwei Marinesoldaten in Matrosenanzug, einer trägt einen kleinen Hund auf dem Arm
Bundeswehr/Oed

Vorgeschichte: Marine tut not

Zwei dunkle, kleine Kriegsschiffe nebeneinander in einem Hafen.

Nach dem Krieg dienten ehemalige Soldaten der Kriegsmarine im sogenannten Deutschen Minenräumdienst im Auftrag der Alliierten. Hier alte Minensuchboote 1949 in Kiel.

Bundesarchiv, Bild 183-2005-0715-510/CC-BY-SA 3.0

Nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. und 9. Mai 1945 gab es keine deutsche Flotte mehr. Trotzdem gab es eine drängende Aufgabe, die nur eine Marine leisten konnte: Während des Zweiten Weltkriegs hatten alle Kriegsparteien ungefähr 580.000 Seeminen in europäischen Gewässern verlegt. Diese Seewege mussten jetzt wieder sicher werden.

Unter britischer und amerikanischer Führung dienten deshalb hunderte ehemalige Angehörige der Kriegsmarine weiter auf ihren alten Minenräumbooten. Sie machten bis Anfang der 1950er Jahre rund 5.600 Quadratseemeilen in der Nordsee und 450 Quadratseemeilen in der westlichen Ostsee wieder praktisch minenfrei. Später wurden diese Gruppen aufgelöst und gingen teilweise im mittlerweile gegründeten Seegrenzschutz Westdeutschlands auf.

Die Bundesmarine

Mit der deutschen Wiederbewaffnung baute die Bundesrepublik ab 1956 auch wieder eine Marine auf. An der Spitze des neuen Führungsstabs Marine im Verteidigungsministerium stand bis 1961 der erste Inspekteur der Marine, Friedrich Ruge. Er hatte in zwei Weltkriegen gekämpft und war zuletzt in der Kriegsmarine zum Vizeadmiral aufgestiegen.

In Wilhelmshaven, dem einstigen Kriegshafen der Kaiserlichen Marine, stellte die Bundeswehr zunächst eine Marinelehrkompanie auf. Zu den ersten Soldaten der jungen Bundesmarine gehörten dann wieder die kriegserfahrenen Seeleute, die vom Seegrenzschutz gekommen waren.

Immer im Bündnis

Die Seestreitkräfte der Bundesrepublik waren von Beginn an fest in die NATONorth Atlantic Treaty Organization eingebunden – bis heute versteht sich die Deutsche Marine zuallererst als Bündnismarine. Ihre Aufgabe in der Konfrontation mit dem sowjetischen Ostblock: die Verteidigung der Ostseezugänge und der westlichen Ostsee sowie der Seewege in der Nordsee in Kooperation mit den verbündeten Marinen vor allem Dänemarks, Norwegens und Großbritanniens. Bis Ende der 1980er Jahre blieb dieser Auftrag praktisch unverändert. Nur Planungen für Landungsoperationen an der Ostseeküste, die das westdeutsche Heer hätten unterstützen sollen, wurden in den 1960er Jahren aufgegeben.

Marine historisch Zerstörer Lütjens 01

Zerstörer „Lütjens“ und drei Flugkörper-Schnellboote der Tiger-Klasse der Bundesmarine in der Nordsee, circa 1985.

Bundeswehr

Der erste vom Bundestag genehmigte Schiffbauplan sah deshalb neben zwölf Zerstörern und sechs Fregatten vor allem eine Flotte mit vielen spezialisierten Booten vor: 40 Torpedo-Schnellboote, 24 Küstenminensuchboote, 30 Schnelle Minensuchboote, 36 Landungsboote, 10 Küstenwachboote und 12 Unterseeboote sowie 11 Tender als Versorgungsschiffe für alle. Hinzu sollten zwei große Minenleger, ein modernes Schulschiff, ein Segelschulschiff und verschiedene Hilfs-, Versuchs- und Übungsfahrzeuge kommen.

Aufbau aus Altbeständen

Kern der neuen Marine waren aber zunächst Boote der ehemaligen Kriegsmarine, die die vormaligen Kriegsgegner zurückgaben, und Schiffe, die die Deutschen von ihren jetzigen Verbündeten kauften. Im Dezember 1956 war die westdeutsche Flotte daher schon 65 Schiffe und Boote sowie 7.700 Mann stark. Bis in die 1980er Jahren sollte sie auf gut 35.000 Soldaten anwachsen.

Die wohl kampfstärksten Schiffe dieser Bundesmarine waren drei große Lenkwaffenzerstörer der Lütjens-Klasse. Sie waren in den späten 1960er Jahren in den USAUnited States of America gebaut worden, nach modifizierten Plänen für Schiffe, die auch die USUnited States Navy fuhr. Für den Geleitschutz in Nordatlantik und Nordsee gedacht, waren die Zerstörer aber in Kiel stationiert – ein deutliches Zeichen der Abschreckung gegen den potentiellen Gegner im Osten.

Der erste Inspekteur der Marine

1956 war auch für die Bundesmarine keine Stunde Null. Gerade ihr Führungspersonal hatte eine Vorgeschichte aus zwei Weltkriegen.

Friedrich Oskar Ruge lebte und arbeitete in vier Marinen – am wirkungsvollsten ab 1957 als erster Inspekteur der westdeutschen Marine für die neuen demokratischen Streitkräfte. 1894 in Leipzig in einer bürgerlichen Familie geboren, trat er 1914 als Offizieranwärter in die Kaiserliche Marine ein. Den Weltkrieg erlebte er als Mischung von Ausbildung und Einsätzen in Nord- und Ostsee. In der Reichsmarine stieg er bis zum Kommandeur der 1. Minensuchflottille auf, in der Kriegsmarine bis zum Chef des Amtes für Kriegsschiffbau. Sein letzter Dienstgrad: Vizeadmiral.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs entnazifiziert und für „unbelastet“ befunden, arbeitete Ruge als Übersetzer, bevor er 1949 in das Naval Historical Team des USUnited States-Marinenachrichtendienstes aufgenommen wurde. Die Gruppe ehemaliger Marineoffiziere der Wehrmacht sollten ihre Kriegserfahrungen analysieren, damit die USUnited States Navy sie notfalls gegen die sowjetische Flotte nutzen könnte. In diesem Kreis entstanden auch erste Planungen für eine neue, westdeutsche Marine.

Zwei Marineoffiziere in dunkler Uniform schütteln sich die Hände

Mit der Wiederbewaffnung kam auch eine Versöhnung: Vizeadmiral Friedrich Ruge, erster Inspekteur der Marine, (rechts) hier bei einem Antrittsbesuch in London bei der Royal Navy im Juli 1957

Getty Images

1955 kam Ruge in das spätere Bundesministerium der Verteidigung. Erst als Abteilungsleiter VII/Marine, dann als Inspekteur der Marine im alten und neuen Dienstgrad Vizeadmiral leitete er die maritime Wiederbewaffnung der Bonner Republik. Zuvor hatte er den sogenannten Personalgutachterausschuss durchlaufen. Der überprüfte vor Einstellung in die neugegründete Bundeswehr kriegsgediente Offiziere, ob sie der NSDAP angehört hatten oder an möglichen nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt gewesen waren.

Sechs Jahre später schließlich ging Ruge in den Ruhestand. Er war aber gesellschaftlich noch lange aktiv – darunter als Präsident des Reservistenverbandes, Tübinger Honorarprofessor für Politikwissenschaft oder als Militärberater für den Hollywood-Film „Der längste Tag“. Er starb 1985 in Tübingen.

Porträtaufnahme eines Admirals in dunkler Uniform
Friedrich Ruge, Vizeadmiral
„Was muss ein Seeoffizier in erster Linie können? Er muss Menschen führen können. Er muss Schiffe führen können. Und er muss Waffen führen können. Dahinter tritt alles Übrige zurück.“

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Die Marine von heute besitzt über 60 Jahre Erfahrung – aus dem Kalten Krieg bis 1990 und aus den Einsätzen seit ihrer Gründung 1956.

Die Marine seit 1990

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 integrierte die Bundesmarine Teile der am Tag zuvor aufgelösten Volksmarine der DDRDeutsche Demokratische Republik. Knapp 2.000 Zeit- und Berufssoldaten wurden in die vormals westdeutsche Marine übernommen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen verschrottete oder verkaufte die Bundeswehr aber die Schiffe und Boote der ostdeutschen Flotte schon 1991.

Nach einer Übergangszeit mit einem halbseparaten Marinekommando Rostock organisierte sich die Marine 1995 neu: Auf dem Gebiet der ehemaligen DDRDeutsche Demokratische Republik stationierte Verbände waren nun auch der NATONorth Atlantic Treaty Organization zugewiesen. Ab diesem Zeitpunkt gab die Marine auch die inoffizielle Bezeichnung „Bundesmarine“ auf. Im Sinn der neuen nationalen Einheit nannte sie sich nun „Deutsche Marine“.

Neue strategische Rahmenbedingungen

Das geopolitische Umfeld Deutschlands hatte sich mit der Wende 1990 radikal verändert. Das Land auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze war nun nicht mehr Frontstaat in einer ideologischen Blockkonfrontation. Die nun vollständig souveräne Bundesrepublik engagierte sich zunehmend international, um Krisen und Konflikte einzudämmen oder gleich zu verhindern.

Trotzdem begann mit dieser strategischen Wende auch eine deutliche Abrüstung und Verkleinerung der Marine. Bis 2014 sollte ihr Personal auf knapp 16.000 Soldatinnen und Soldaten schrumpfen, die Zahl ihrer Schiffe und Boote sank auf unter 50 ab.

Luftaufnahme: Ein graues Kriegsschiff und ein weißes Kreuzfahrtschiff nebeneinander auf See in Fahrt.

Kriegsschiffe sind die Ordnungshüter der Hohen See: Hier begegnet die Fregatte „Rheinland-Pfalz“ der MS „Deutschland“ 2009 im Golf von Aden. Das Kreuzfahrtschiff fuhr in Gewässern, die von Piraten bedroht waren.

Bundeswehr

Der wohl erste Marineeinsatz unter den neuen Bedingungen war die Operation Südflanke. Deutsche Minensuchboote räumten nach dem Ende des Golfkriegs vom Februar bis Juli 1991 im Persischen Golf irakische Seeminen.

Sharp Guard und das Karlsruher Grundsatzurteil

Die Marine beteiligte sich anschließend von 1993 bis 1996 an der Operation Sharp Guard von NATONorth Atlantic Treaty Organization und Westeuropäischer Union. Ein deutscher Zerstörer oder eine deutsche Fregatte war jeweils auch bei den beiden eingesetzten NATONorth Atlantic Treaty Organization-Marineverbänden dabei. Sie setzten in der Adria das internationale Waffenembargo durch, das die Vereinten Nationen gegen die Beteiligten an den Jugoslawienkriegen verhängt hatten. Die Deutschen hatten allerdings einen stark begrenzten Handlungsspielraum.

In die Zeit dieser Mission fiel das Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1994: Fortan musste der Bundestag Auslandseinsätzen der Bundeswehr zustimmen. Die deutschen Streitkräfte waren zu einer Parlamentsarmee geworden. Für die Marinesoldaten bedeutete diese neue klare Rechtslage zugleich Handlungssicherheit. Unter anderem wurde so auch das Boarding fremder Schiffe möglich. Nun konnten auch deutsche Kriegsschiffe bei Sharp Guard selbst potentielle Embargobrecher kontrollieren.

Einsatzrealität heißt Flexibiltät

Seither war die Marine an vielen verschiedenen internationalen Einsätzen beteiligt. Darunter die Piratenjagd am Horn von Afrika, die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen im Mittelmeer, die Verhinderung von Waffenschmuggel in den Libanon. Auch ohne einen Kampfeinsatz zeigte und zeigt die Marine seit 1990 konkret, wie groß und flexibel das Aufgabenspektrum von Seestreitkräften sein kann.

Auf einer Wasseroberfläche brennt ein fast versunkenes Boot, im Hintergrund ein Kriegsschiff.

Seit 2008 nimmt die Marine am europäischen Anti-Piraterie-Einsatz Atalanta teil: Vor Somalias Küste entdeckte die Fregatte „Hamburg“ 2010 ein Skiff, das kieloben im Wasser schwamm.

Bundeswehr/Christian Laudan
Auf See brennen Reste eines Bootes, im Vordergrund deutsche Marinesoldaten in beigefarbener Arbeitsuniform.

Der Kommandant des deutschen Schiffs ließ das treibende Boot zerstören, damit Piraten es nicht bergen und wieder nutzen könnten.

Bundeswehr/Christian Laudan

2014 jedoch wandelten sich die strategischen Bedingungen in Europa erneut. Seit der Russland-Ukraine-Krise verstärkten die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner ihre Anstrengungen in der Landes- und Bündnisverteidigung – ein Prozess, der bislang noch nicht abgeschlossen ist. Deutschland, sicher in der Mitte Europas, unterstützt seither immer mehr seine Bündnispartner im Osten des Kontinents.

Für die Marine bedeutete das, in der Ostsee und im Nordatlantik mehr Präsenz zeigen zu müssen. Und in diesen Regionen häufiger und umfangreicher als seit 1990 ihre Fähigkeiten gemeinsam mit ihren NATONorth Atlantic Treaty Organization- und EUEuropäische Union-Partnern zu trainieren.

Der Geburtstag der Marine

Die Seestreitmacht der Bundeswehr hat eine demokratische Tradition, die inzwischen über 170 Jahre alt ist.

Am 14. Juni 1848 bewilligte die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mit überwältigender Mehrheit sechs Millionen Taler für den Bau einer Reichsflotte. Abgeordnete des ersten frei gewählten deutschen Parlaments hatten die erste gesamtdeutsche Marine gegründet.

Deswegen feiert die Marine jedes Jahr diese beispiellose, zukunftsweisende Geburt der ersten deutschen Flotte. Sie unterlag der parlamentarischen Kontrolle und trug die Farben der bürgerlichen Revolution: die schwarz-rot-goldene Flagge.

Anlass für die Flottengründung war der Krieg zwischen Dänemark und den Staaten des Deutschen Bundes um Schleswig und Holstein, der im April 1848 ausgebrochen war. Zu Lande gewannen schleswig-holsteinische Aufständische und preußische Truppen allmählich die Oberhand. Aber die dänische Flotte blockierte die deutschen Häfen an Nord- und Ostsee. Die Folgen für den Handel und die Bevölkerung in den Küstenstädten waren deutlich spürbar. Eigene Schiffe, um sich dagegen zu wehren, besaßen die deutschen Staaten nicht.

Gemälde mit mehreren Segelschiffen mit zusätzlichem Schaufelantrieb vor Anker.

Die Reichsflotte, hier 1849 auf der Reede vor Bremerhaven. Zeitgenössische Darstellung

unbekannt, gemeinfrei

Die Parlamentarier in Frankfurt am Main erkannten die maritime Dimension der Sicherheit für das bis dahin kontinental geprägte Deutschland. Der Auftrag der neuen Marine: offensive Verteidigung und Schutz des Handels über See.

Nach Überwinden anfänglicher Probleme bestand die Reichsflotte aus elf größeren Schiffen und zahlreichen Ruderkanonenbooten. Manche waren umgerüstete Handels-, andere im Ausland gekaufte Kriegsschiffe. Ihr Hauptstützpunkt war Bremerhaven in der Wesermündung. Oberbefehlshaber war seit April 1849 Kapitän zur See Karl Rudolf Bromme, genannt Brommy. Er führte auch das einzige Gefecht mit dänischen Schiffen vor Helgoland am 4. Juni 1849. Der Ausgang: ein Unentschieden.

Die Niederschlagung der Revolution und das Ende der Frankfurter Nationalversammlung hatten indes schon das Ende der Reichsflotte eingeläutet. Besonders Preußen verfolgte eigene Marinepläne. Die Flotte wurde 1852 aufgelöst, die letzten Schiffe anschließend versteigert.

Den Tag der parlamentarischen Gründung der Reichsflotte, der ersten gesamtdeutschen Marine überhaupt, ist aber zur festen demokratischen Tradition geworden. Die Seestreitkräfte der Bundesrepublik Deutschland feiern diesen Marinegeburtstag bis heute.

Gemälde eines großen, runden Versammlungsraumes mit vielen Männern in Sitzreihen, links ein Rednerpult.

Die Nationalversammlung in Frankfurt am Main, das verfassungsgebende, vorläufige Parlament des Deutschen Reichs nach der Revolution von 1848. Schon im zweiten Monat nach seiner ersten Sitzung befassten sich die Abgeordneten mit dem Thema Marine.

Historisches Museum Frankfurt/Ludwig von Elliott

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