Herr Unteroffizier, welche Rolle spielt das Grabenkampftraining für die ukrainische Truppe?
Das Grabenkampftraining ist gerade zu diesem Zeitpunkt besonders wichtig für uns, weil die russische Seite eine Taktik des Infiltrierens in kleinen Gruppen verfolgt. Deshalb müssen wir sie vor den Städten aufhalten, die sie zu unterwandern versuchen. An dieser Stelle kommt aus taktischen Gründen der Grabenkampf ins Spiel. Wir treffen also in den Feldern vor unseren Städten auf die russischen Soldaten und verhindern ihren weiteren Vormarsch.
Was nehmen Sie aus dem Training mit?
Durch dieses Training werden unsere Risiken eindeutig minimiert und die Sicherheit insgesamt gestärkt. Der entscheidende Punkt ist letztendlich, ob die Kommunikation auf allen Ebenen gut klappt. Das ist noch eine Schwachstelle auf dem Gefechtsfeld. In diesem Bereich können wir von den deutschen Ausbildern während des Trainings enorm viel lernen und ganz viel Erfahrung sammeln. Unsere Kommunikation, wie zum Beispiel Absprachen vor dem Kampf, wird immer mehr erweitert, unsere Taktik darum immer effektiver und unsere Truppen insgesamt stärker. Umso besser ist, dass wir hier, vor Ort, in Sicherheit trainieren können, so oft wir wollen. Immer wieder das Üben verschiedener Taktiken, mehrmals den gleichen Grabenknick angreifen. Diese absolute Sicherheit macht diesen Ort perfekt für uns.
Wie muss man sich denn das moderne Gefechtsfeld vorstellen?
Wir Gruppenführer versuchen, während des Gefechts unsere Soldaten taktisch klug einzusetzen und sie gleichzeitig zu schützen. Wir tun unser Bestes, um so viele Menschenleben wie möglich zu retten. Wir müssen unsere Leute weg vom Gewehrfeuer bringen, heraus aus dem Kampfgebiet. Das ist es, was zählt. Wir sind in der vorteilhaften Position, dass sich alles extrem schnell verändert. Zum Beispiel gibt es alle möglichen Arten von unbemannten Bodenfahrzeugen. Wir können sie vielseitig einsetzen, sei es für das Gefecht, aber auch für die Rettung und den Transport von Verwundeten. Insofern sind diese Unmanned Ground Vehicles die Zukunft des modernen Gefechts.
Welche Bedeutung haben außerdem Drohnen im Kampfgeschehen?
Grundsätzlich sehe ich in der Nutzung von Drohnen wie auch von unbemannten Fahrzeugen eine positive Entwicklung. Drohnen entfalten natürlich eine erschreckende Kraft im Krieg. Aber trotzdem helfen sie uns, unsere Soldaten am Leben zu erhalten. Zum Beispiel benutzen wir die Drohnen, um die Bewegungen des Gegners auszukundschaften, aber auch um ihn anzugreifen. Im modernen Gefecht können Drohnen die Situation komplett verändern. Sie entscheiden, wie wir den Krieg durchschauen – also welche Informationen wir noch vor Beginn des Gefechts über den Gegner erfahren. Das heißt zum Beispiel: Wie viele Personen nähern sich? Wo kann man sich während des Kampfes am besten verstecken? Wir müssen die Gefahren und die Chancen durch Drohnen ständig berücksichtigen, und zwar während aller Gefechtsphasen. Dabei haben wir immer alle Menschen im Blick. Ich meine nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten. Schließlich waren wir alle Zivilisten, bevor wir hierherkamen, um uns auf den Kampf vorzubereiten.
Wie lange sind Sie also schon Soldat? Was haben Sie vorher gemacht?
Ursprünglich habe ich in einer europäischen IT-Firma gearbeitet. Als der Krieg begann, wollte ich gleich in die Armee. Meine Familie war total schockiert. Ich kann gar nicht die Masse an Schimpfwörtern wiedergeben, die sie mir an den Kopf geworfen haben. Meine Mutter war strikt dagegen. Andere Verwandte haben wiederum gar nichts erfahren. Denen habe ich es erst vor einem Jahr erzählt. Das ist sehr emotional für alle.
Wie schaffen Sie es trotz all dieser Schwierigkeiten immer weiter zu kämpfen?
Letztendlich haben wir keine andere Wahl. Die Videos in letzter Zeit sprechen ja Bände: Einmal haben die russischen Soldaten mit Drohnen einen ganz normalen zivilen Jugendlichen gejagt, der auf einem Fahrrad die Straße entlangfuhr. Er war erst so um die 16 Jahre alt. Dann wurde ein Gemüsehändler von einer russischen Drohne angegriffen. All das zeigt, wie die russischen Soldaten im Krieg vorgehen: Sie scheren sich nicht darum, ob ein Zivilist oder ein Soldat vor ihnen steht. Für mich persönlich ist das Ganze eine sehr schwierige Situation. Schließlich bin ich halb Ukrainer, halb Russe. Ich könnte mir nicht vorstellen, auch nur auf einen einzigen Zivilisten zu schießen. Umso mehr haben mich die Dinge erschüttert, die ich auf dem Schlachtfeld gesehen habe.
Das Massaker von Butscha, wo massenhaft Zivilisten ermordet und zu Tode gefoltert wurden, war für mich ein wirklicher Wendepunkt in diesem Krieg. Von diesem Tag an habe ich aufgehört, Russisch zu sprechen. Nach 26 Jahren habe ich kein einziges Wort Russisch mehr gesprochen – von einem Tag auf den anderen.
Der russische Angriffskrieg ist jetzt schon im fünften Jahr. Was wäre für Sie das ideale Szenario für 2026?
Wir müssen zu den Grenzen von 1991 zurückkehren. Ich weiß, das klingt wie ein Scherz. Aber genau das wäre für mich das ideale Szenario. Ich verstehe, dass das nur sehr schwer zu realisieren ist. Die von Russland annektierten Gebiete wie die Krim sind nicht russisches Territorium. Das ist absoluter Schwachsinn. Und all die Menschen, die dort leben, werden unmenschlich behandelt. Die russischen Soldaten haben alles demoliert. Sie wollen nicht nur unsere Städte, sondern auch unsere Kultur zerstören. Das Gleiche gilt für die besetzten Gebiete. So viele Bürgerinnen und Bürger leiden unter der russischen Besatzung.
Zu welchem Schluss kommen Sie nun nach all diesen Erfahrungen?
Acht Jahre lang, also von 2014 bis 2022, hätte ich nie gedacht, dass so eine Invasion jemals passieren würde. Ich habe niemals damit gerechnet, dass all dies mich persönlich betreffen könnte und mein Leben vom einen Tag auf den anderen auf den Kopf stellen würde. Dann merkte ich 2022, dass ich falsch lag. Wir wussten also alle niemals, was noch passieren würde. Auch heute ist das immer noch so. Es ist völlig unklar, was Putin als Nächstes vorhat. Ich bin wirklich immer wieder schockiert. Ich weiß nur eines: Wir werden unser Bestes tun, um all dies zu beenden.