Ukrainischer Grabenkämpfer erzählt seine Geschichte
Der ukrainische Soldat Taras W. wird von Bundeswehrsoldaten im Grabenkampf ausgebildet – und teilt seine Erfahrung im Kampf gegen Drohnen.
Stellungskrieg in der Ukraine: Wer im Wettlauf gegen die Zeit Grabenkampf und Drohnen gleich gut beherrscht, hat die beste Chance zum Sieg.
Ein schrilles Surren zerreißt die trügerische Stille. Eine kleine ukrainische Drohne mit 500 Gramm Sprengstoff hat das gegnerische Ziel erfasst: einen mit Stacheldraht geschützten und Blätterwerk bedeckten Graben in der Tiefe des Waldes. Aber es gibt eine Lücke in der Tarnung, aus der ein Gewehr hinausragt. Die Drohne rast mit 80 Stundenkilometern auf den Grabenspalt zu, mit ihren messerscharfen Rotoren zerschneidet sie jeden Ast in ihrem Weg. Alle Gewehre im Graben richten sich auf die Drohne. Die Soldaten eröffnen das Feuer. Wer ist schneller?
Aus nur 100 Metern Entfernung beobachtet der ukrainische Gruppenführer, Unteroffizier Taras W., die Szene. Der Feind hat durch das Gewehrfeuer seine Position preisgegeben. Jetzt gibt Taras W. seinen Kameraden letzte knappe Anweisungen zum Gefecht. Zuvor hatte er auf dem Boden mit Kreuzen im Sand die gegnerischen Stellungen und die eigenen Positionen markiert. Gemeinsam hatten die Soldaten besprochen, wie sie den Gegner von verschiedenen Seiten umzingeln und ihn dadurch von der Versorgung abschneiden. „Sturmtrupp und Deckungstrupp teilen sich in kleine Zweiergruppen auf“, befiehlt Unteroffizier Taras W. seinen Kameraden. Jede größere Ansammlung von Menschen ist ein lohnendes Ziel, das feindliche Drohnenpiloten sofort ins Visier nehmen.
Nach der Befehlsausgabe muss alles schnell gehen. Beim Grabenkampf sind Geschwindigkeit und präzise Koordination das A und O. Der deutsche Ausbilder, Hauptmann Konstantin W., beobachtet jede Bewegung der ukrainischen Soldaten. Bei Bedarf gibt er ergänzende Anweisungen an die Truppe. Dafür steht ihm ein Soldat zur Seite, der aus dem Deutschen ins Ukrainische übersetzt. Im Schutz einer Nebelgranate startet der ukrainische Sturmtrupp jetzt seinen Angriff auf den feindlichen Graben. Im Hintergrund liegt der Deckungstrupp in Stellung und gibt Feuerunterstützung zum Schutz der Kameraden. Die ukrainischen Soldaten drängen voran und kämpfen eine dunkle Grabenabzweigung nach der anderen frei. Anschließend sichern sie die Grabenanlage samt Umgebung in kleinen Gruppen ab, damit der Feind sie nicht wieder zurückerobert.
Der Ukraine-Konflikt macht es deutlich: Trotz des massiven Einsatzes von Drohnen werden Soldaten am Boden noch gebraucht. Ein Einblick in die EU-Trainingsmission EUMAM.
Was andere Soldaten in Friedenszeiten in mehreren Monaten trainieren, findet hier, auf einem deutschen Truppenübungsplatz, in der Hälfte der Zeit statt. Der Ort ist geheim. Das Grabenkampftraining ist neben der taktischen Versorgung von Verwundeten und dem Kampf im bewaldeten Gebiet ein wichtiger Bestandteil der Turbo-Ausbildung zum Gruppenführer. Im fünften Jahr der russischen Vollinvasion in die Ukraine sind die Fronten verhärtet und die andauernden Gefechte haben sich zu einem regelrechten Stellungskrieg entwickelt.
Gleichzeitig versuchen beide Seiten, Gelände nicht nur zu halten, sondern außerdem ihre Stellungen auszubauen. „Deshalb findet Grabenkampf in der Ukraine eigentlich tagtäglich statt“, erläutert Hauptmann Konstantin W. Das sogenannte gläserne Gefechtsfeld, in dem keine Truppenbewegung aufgrund von Satelliten, Radar oder Aufklärungsdrohnen unerkannt bleibe, mache den Soldaten im Gefecht jedoch keinesfalls überflüssig. Die Fähigkeiten einer Drohne allein reichten nicht aus, um eine Stellung dauerhaft einzunehmen, so der Hauptmann. „Eine Drohne kann keine Tür aufmachen. Nach wie vor müssen Menschen eine Stellung freikämpfen.“
„Der Grabenkampf ist an sich schon sehr komplex“, unterstreicht der deutsche Hauptmann. „Vor allem aber ist das moderne Zusammenspiel von Technik und Soldaten komplett neu.“ So sind traditionelle Elemente des Grabenkampfes, wie der Sturm- und der Deckungstrupp, aber auch deren Koordinierung, also eine klare Kommunikation, unerlässlich: „Lage, Absicht und die Einzelaufträge: Ganz viel muss befohlen werden“. Denn gerade in unbekanntem Gelände müssen Feuer und Bewegung eng aufeinander abgestimmt sein. Dementsprechend eröffnet der Deckungstrupp erst auf Befehl des Gruppenführers das Feuer auf den angegriffenen Grabenabschnitt. Damit wird der Gegner in Schach gehalten, während der Sturmtrupp ihn angreift.
Auch die richtige Beurteilung des Geländes spielt eine große Rolle. Wo könnte sich wahrscheinlich ein Feind verstecken? Welches Gelände kann man für einen Angriff am besten nutzen? Wo gibt es Schutz vor gegnerischem Feuer? Zudem müssen die Soldaten prüfen, wo sich möglicherweise Minen befinden könnten. Diese werden eingesetzt, um Gebiete abzusperren und ein Vorrücken feindlicher Truppen zu verhindern. Üblicherweise liegen sie dort, wo man erwartet, dass ein Mensch hintritt, zum Beispiel in Schneisen im Unterholz oder auf ausgetretenen Pfaden. „Im Krieg in der Ukraine gibt es keinen Ort, wo nicht mit Minen oder Sprengfallen zu rechnen ist“, warnt der Hauptmann.
Hightech an der Front: Kleine, wendige Drohnen werden zur Aufklärung und zum Angriff verwendet. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern und 500 Gramm Sprengstoff ist nichts und niemand vor ihnen sicher.
Bundeswehr
Stellungskrieg: Im fünften Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gibt es kaum Bewegung an der Front. Die Soldaten kämpfen nicht nur in kleineren Schützengräben, sondern ganzen Bunkersystemen, um möglichst viele Ortschaften zu halten.
Bundeswehr
Ein Bild bleibt besser im Gedächtnis als Worte: Der Gruppenführer hat auf dem Waldboden die feindlichen Stellungen markiert und bespricht mit seinen Kameraden, wie der Gegner in die Zange genommen und von der Versorgung abgeschnitten wird.
Bundeswehr
Hinter jeder Biegung kann ein Hinterhalt sein: Gräben sind oft komplex verzweigt. Ein Grabenknick nach dem anderen muss freigekämpft werden. Feste Grabensysteme, wie dieser, sind für den Stellungskrieg gedacht, der oft mehrere Wochen andauert.
Bundeswehr
Im Schutz des Nebels: Oft wirft der Sturmtrupp Rauchgranaten, um sich vor dem Gegner zu verbergen und feindliche Gräben einzunehmen. Dann richten die Soldaten ihre Maschinengewehre auf die Stellungen und der Deckungstrupp gibt Feuerunterstützung.
Bundeswehr
Voneinander lernen: In dieser sicheren Umgebung können ukrainische Soldaten, so oft sie wünschen, mit ihren deutschen Ausbildern üben, wie man einen Graben freikämpft. Gleichzeitig erläutern sie Bundeswehr-Soldaten den Einsatz von Drohnen im Gefecht.
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Jede kleine Bewegung könnte verdächtig sein: Nach der Einnahme des Grabens ist eine gute Absicherung unerlässlich. Hierzu gehört auch eine gewissenhafte Überwachung rund um die Uhr. Dabei muss der Wachposten in Windeseile feindliche Späher erkennen.
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Obacht vor Sprengfallen: Bei der Ausbildung ukrainischer Grabenkämpfer spielt auch die Geländebeurteilung eine wichtige Rolle. Sprengfallen werden benutzt, um erkämpfte Gebiete abzusperren und ein Vorrücken gegnerischer Truppen zu unterbinden.
BundeswehrNoch komplexer wird das heutige Gefechtsfeld jedoch durch den Einsatz von Drohnen. „Früher kämpfte man einfach Mann gegen Mann. Doch Drohnen sind viel unmenschlicher – und retten doch, paradoxerweise, gleichzeitig Menschenleben“, so der deutsche Ausbilder. Auf der einen Seite können Abfangdrohnen verschiedene Angriffe aus der Luft abwehren und damit sowohl Soldaten als auch Zivilisten schützen. Andererseits werden Drohnen sowohl zur Lageaufklärung als auch zum Angriff genutzt, unter anderem für den Abwurf von Sprengstoff und Granaten. Das mache das ganze Gefecht gefährlicher und unberechenbarer.
Sogenannte First Person View-Drohnen, die vom Drohnenlenker mit Hilfe einer VR-Brille gesteuert werden, können beispielsweise einen abgedeckten Graben nach einem Spalt absuchen und direkt in diesen hineinfliegen – egal, ob es sich um einen 1,5 Meter tiefen Schützengraben, einen Panzergraben oder ein ganzes Bunkersystem unter der Erde handelt: „Drohnen sind wie für Grabenkämpfe gemacht“, resümiert Hauptmann Konstantin W.
Der ukrainische Soldat Taras W. wird von Bundeswehrsoldaten im Grabenkampf ausgebildet – und teilt seine Erfahrung im Kampf gegen Drohnen.
Ergänzend dazu betont der ukrainische Gruppenführer, Unteroffizier Taras W., wie wichtig der Austausch von Taktiken und Methoden des Grabenkampfes ist. „Nur vor einer Stunde habe ich zum Beispiel einem deutschen Kameraden gezeigt, wie man sich gegen Drohnen wappnen kann“, sagt der ukrainische Unteroffizier. Die Ukraine habe durch den Einsatz von Drohnen das Kampfgeschehen massiv verändert, sowohl bei der Aufklärung, als auch beim Angriff. Gleichzeitig müsse man wissen, wie man sie schnell abwehre. „Ich habe darum erklärt, wie wir unsere Positionen schützen, wenn Drohnen angreifen - denn das ist von allem das Schwierigste“, erläutert Unteroffizier Taras W.
Die Erkenntnisse, die die Bundeswehr aus der Unterstützung ukrainischer Soldatinnen und Soldaten sammelt, fließen direkt in die Ausbildung der deutschen Seite ein - unter anderem, um die Brigade 45 in Litauen zu stärken. „Wir müssen alles tun, um einen weiteren Krieg zu verhindern. Dazu leisten wir die Ausbildungsunterstützung im Rahmen von EUMAM-Ukraine“, sagt Hauptmann Konstantin W. und ergänzt: „Das, was die ukrainischen Soldaten erleben und uns hier schildern, soll kein anderer erleben müssen.“
*Alle Namen und Rufnamen wurden zum Schutz der Soldaten geändert.