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Ausbildung zum Zielfernrohrschützen

Ein Soldat liegt mit einem Maschinengewehr im Anschlag auf einer Wiese.

Bundeswehr/Niclas Baronsky

Ukraine-Unterstützung

EUMAM-Ausbildung: Im Fadenkreuz der Zielfernrohrschützen

Beobachten, annähern, schießen: Ukrainische Soldaten werden in Deutschland im Intensivtraining effektiv zu Zielfernrohrschützen ausgebildet.

Die Zeit drängt. Das wissen auch Oberstabsfeldwebel Roger J.* und Stabsfeldwebel Franc W. Innerhalb weniger Wochen bilden der deutsche und der slowenische Ausbilder ukrainische Soldaten in Deutschland zum Zielfernrohrschützen aus. „Dieses Training rettet Leben. Es hilft uns, besetzte Städte zurückzuerobern“, sagt einer der ukrainischen Kameraden.  

Die Sonne flirrt. Bis auf den Wind, der in den vertrockneten Blättern raschelt, ist alles still. Stabsfeldwebel Andriy P.* aus der ukrainischen Armee liegt hinter einem Selbstladegewehr und stützt seine Arme auf das Gras. Mit dem Zielfernrohr sucht er Ziel Nummer 8 von 10 – eine kopfgroße Scheibe aus Stahl, die sich leicht im Wind bewegt. Mit bloßem Auge ist sie kaum zu erkennen, denn 800 Meter liegen zwischen Andriy P. und seinem Ziel.

Durch kurzes Drehen justiert er die Optik seiner Waffe und fixiert das Ziel. „Du kannst jetzt schießen“, fordert ihn der slowenische Ausbilder Franc W. auf. Andriy P. schaut durch das Fadenkreuz. Jetzt bloß keine falsche Bewegung. Jede kleinste Unkonzentriertheit kann an der Front zwischen Leben und Tod entscheiden.  Während er langsam ausatmet, drückt Andriy P. ab. Die stählerne Scheibe klirrt: Volltreffer auf 800 Meter Entfernung.  

Die Bundeswehr bildet gemeinsam mit Litauen und Slowenien ukrainische Zielfernrohrschützen für mittlere und weite Distanzen aus. Selbst auf 800 Meter Entfernung sollen sie sicher treffen können. Ein Einblick in die EU-Trainingsmission EUMAM.

Was andere Soldaten in Friedenszeiten in mehreren Monaten trainieren, findet hier, auf einem deutschen Truppenübungsplatz, binnen weniger Wochen statt. Wo sich der Ort befindet, ist geheim. Zielfernrohrschützen benutzen ein halbautomatisiertes Gewehr mit stark vergrößernder Optik – in der NATO spricht man vom Designated Marksman Rifle. Man nennt man sie daher auch DMR-Schützen. Sie erhöhen die Kampfkraft der Truppe signifikant. „DMR-Schützen schließen die Lücke zwischen der Infanterie, die effektiv bis zu 400 Meter weit schießen kann, und den Scharfschützen, die auch über 800 Meter weit schießen“, so der deutsche Ausbilder Oberstabsfeldwebel Roger J.  Die ukrainischen Soldaten können somit ganz präzise bestimmte „Hochwertziele“ ausschalten, wie es im Militärjargon heißt. „Etwa Funker, Offiziere oder Maschinengewehrschützen“, erklärt Roger J. Kurz gesagt nehmen die DMR-Schützen also das ins Visier, was der eigenen Truppe am meisten schaden kann oder was der Gegner zur Gefechtsführung benötigt.

„Um ein guter DMR-Schütze zu werden, ist viel geistige Arbeit notwendig, zum Beispiel mathematische Berechnungen“, sagt Roger J. Man muss aber auch seine Umgebung genauestens beachten und vieles bei der Einstellung des Visiers berücksichtigen. So zum Beispiel die Windrichtung: Gegenwind bremst das Geschoss, Seitenwind lenkt es ab. Aber auch die Sonneneinstrahlung von vorne kann sich als tückisch erweisen, denn nach längerem Hinsehen ist die Pupille geschwächt und die Luft scheint zu flimmern.

„Schon nach kurzer theoretischer Einführung wird der scharfe Schuss geübt“, erklärt der deutsche Oberstabsfeldwebel. Dabei wird der Schwierigkeitsgrad kontinuierlich angepasst: Schießen erst im Liegen, dann im Stehen oder auf den Knien. Hinzu kommt eine schnelle Entfernungssteigerung: „Am ersten Tag schießen die Soldaten 500 Meter weit und am nächsten Tag gleich 700 bis 800 Meter“, so Roger J. Auch die Begleitumstände des Schießens werden von Tag zu Tag anspruchsvoller. Besonders wichtig ist zudem ein ständiger Umgebungswechsel im Wald oder auf freier Flur, um die Vielfalt realer Situationen zu simulieren. Am Ende der Ausbildung müssen die Soldaten auch unter Stress oder körperlicher Belastung schießen – und treffen. Zum Schluss dann die anspruchsvollste Variante: Schießen bei Nacht.

„Ziel ist es, das Unvorhersehbare als Normalzustand zu begreifen“, erklärt der slowenische Ausbilder Franc W. „Dabei ist die größte Herausforderung für die Soldaten, die unterschiedlichen Distanzen und damit verbundene Geschwindigkeit sowie Reaktionsschnelligkeit einzuschätzen.“ Befindet sich der Gegner in der Nähe, ist schnelles Handeln gefragt. Ist er weiter weg, kann der Schütze behutsamer vorgehen – ohne Gefahr zu laufen, selbst entdeckt zu werden. „In beiden Fällen muss der erste Schuss ein Treffer sein“, betont der Stabsfeldwebel.  „Ich habe ihnen mein ganzes Wissen gegeben, das ich habe. Und hoffe, dass ich ihnen damit helfen kann, ihr Heimatland zu verteidigen“, ergänzt der slowenische Ausbilder.

DMR-Ausbildung: Teil der EU-Ausbildungsmission EUMAM Ukraine

Stabsfeldwebel W. ist Teil der europäischen Unterstützungsmission EUMAM Ukraine. Gemeinsam mit litauischen und deutschen Kameraden bildet er hier ukrainische Soldatinnen und Soldaten aus. Seit Beginn der russischen Vollinvasion auf die Ukraine im Februar 2022 unterstützen die Europäische Union und ihre internationalen Partner die Ukraine nicht nur mit Material und Waffen, sondern auch mit Ausbildungen. In Deutschland werden diese vom multinationalen Special Training Command (ST-C) mit Sitz in Strausberg bei Berlin organisiert. Allein auf deutschem Boden wurden seit Beginn der Mission bis Anfang 2026 über 25.000 ukrainische Militärangehörige ausgebildet. Ziel von EUMAM UA ist die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte gegen den russischen Aggressor.

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Damit die ukrainischen DMR-Schützen am Ende des Trainings ihre Ziele schnell und unentdeckt treffen, gliedert sich die Ausbildung in mehrere Bestandteile, die effektiv ineinandergreifen: Beobachten, Annähern und Schießen. Durch den schnellen Wechsel unterschiedlicher Abläufe wird zudem die Reaktionsschnelligkeit gesteigert. „Bei der Beobachtungsübung, auch Stalking genannt, wird der Soldat geschult, innerhalb kürzester Zeit Auffälligkeiten in seinem Umfeld festzustellen und sie auszuschalten“, sagt der slowenische Ausbilder. Werden etwa russische Panzerfäuste übersehen, so kann das tödlich sein. Beim Annähern wie beim Beobachten ist eine gute Tarnung unerlässlich, zum Beispiel mit Blättern und Ästen. Diesen Teil des Trainings übernehmen litauische Ausbilder.

Es geht um alles

Hat der DMR-Schütze sein Ziel entdeckt, muss der Abstand exakt eingeschätzt werden. Dies ist eine der anspruchsvollsten Ausbildungsteile. Die Distanz kann unter anderem über die Optik ermittelt werden. In Ausnahmefällen verwenden die Soldatinnen und Soldaten auch einen Laserentfernungsmesser. Über jede neue Entfernung wird genau Buch geführt. Ständige Wiederholung führt zur Automatisierung, bis den Soldatinnen und Soldaten alle Fähigkeiten in Fleisch und Blut übergehen. Der deutsche Oberstabsfeldwebel Roger J. mustert seine Schützlinge: „Wir geben alles, um die ukrainischen Kameradinnen und Kameraden bestmöglich auszubilden – denn sie gehen ja nicht auf eine Übung, sondern in den Krieg“.

*Alle Namen und Rufnamen wurden zum Schutz der Soldaten geändert.

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