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Ukraine-Unterstützung

Ukrainischer Zielfernrohrschütze: „So können wir Städte zurückerobern“

Ukrainischer Zielfernrohrschütze: „So können wir Städte zurückerobern“

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Nach nur wenigen Wochen Ausbildung zum Zielfernrohrschützen in Deutschland wird der ukrainische Soldat Andriy P. in seine Heimat an die Front zurückkehren. Sein Auftrag: Ziele in bis zu 800 Meter Entfernung präzise bekämpfen. Sein Wunsch: Frieden für alle Menschen. Wie schafft er diesen Spagat? Und was bedeutet ihm das Training persönlich?

Ein vermummter Soldat im Porträt

Sie sichern ihre und unsere Zukunft: Beim Kampf der DMR-Schützen geht es um die Existenz der Ukraine. Mit Zielfernrohrgewehr und Spezialwissen schützen sie Kameraden und Zivilisten. Ihr Ziel: Angreifer ausschalten und besetztes Land zurückerobern.

Bundeswehr/Niclas Baronsky

Zielfernrohrschütze werden innerhalb weniger Wochen: Bei der europäischen Ausbildungsmission EUMAM Ukraine bilden slowenische, litauische und Bundeswehr-Trainer auf deutschem Boden ukrainischen Soldatinnen und Soldaten aus. Sie benutzen ein halbautomatisiertes Gewehr mit stark vergrößernder Optik – auch Designated Marksman Rifle genannt. Man spricht daher auch von DMR-Schützen. Sie schließen die Lücke zwischen Infanterie, die bis zu 400 Meter optimal schießen können, und Scharfschützen, die erst ab 800 Meter eingesetzt werden.

Stabsfeldwebel Andriy P. hat die Ausbildung fast abgeschlossen. Den Krieg in der Ukraine hat er von Anfang an miterlebt. Seitdem verteidigt er seine Heimat gegen die russischen Angreifer. Im Interview erzählt der Fronterfahrene, wie die DMR-Ausbildung ihm und seinen Kameradinnen und Kameraden hilft.

Herr Stabsfeldwebel, warum ist dieses Training gerade jetzt besonders wichtig?

Andriy P.

Ganz einfach: Weil es Leben rettet. Wir müssen unbedingt so viele Menschen wie möglich retten. Außerdem können wir mit unseren Fähigkeiten auch andere Soldaten im Kampf beschützen. Schließlich wird jeder DMR-Schütze einer Gruppe zugeteilt und sichert diese im Kampf ab. Damit bauen wir eine zusätzliche Sicherheitszone für unsere Soldaten auf. Und natürlich helfen wir so auch unserer Bevölkerung – indem wir russische Angriffe schnell und effektiv abwehren.

Wie sind die Lernbedingungen hier vor Ort für Sie und Ihre Kameraden?

Andriy P.

Die deutschen Soldatinnen und Soldaten stellen uns hier an Ort und Stelle alles bereit, was wir brauchen. Die litauischen und slowenischen Soldaten bilden uns dann aus. Unsere Voraussetzungen sind also optimal. Beim DMR- Training lernen wir außerordentlich viel und intensiv. Wir wenden dann das Erlernte in der Ukraine an und können damit unsere Landsleute verteidigen. Gleichzeitig können wir selber hier in Deutschland auch mal ein wenig loslassen.

Was war Ihrer Meinung nach denn das Wichtigste, was Sie hier gelernt haben?

Andriy P.

Wir haben immer wieder trainiert, auch unter Stress schnell und treffsicher zu schießen – egal, ob bei Tag oder Nacht. Nur wer richtig gut schießt, hat eine Chance an der Front. Aber das eigentlich Entscheidende ist, dass wir hier gelernt haben, wie wir unsere Überlebenschancen maximieren. Wenn wir in unser Land zurückkehren, müssen wir dafür sorgen, dass es noch mehr Menschen schaffen.

Wie können Sie ihren Landsleuten in der Ukraine also konkret helfen? Was wird Ihre Aufgabe sein?

Andriy P.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir mit diesen neuen Kenntnissen Drohnen abwehren. Wir wollen so viele wie möglich abschießen. Unsere wichtigste Aufgabe wird aber darin bestehen, in Gruppen möglichst viele besetzte Städte zu infiltrieren und sie aus russischer Hand zurückzuerobern. Letztendlich reichen schon wenige DMR-Schützen aus, um in die Stadt einzudringen und diese einzunehmen – denn jeder DMR-Schütze wird eine bestimmte Gruppe absichern.

Man lernt ja oft gegenseitig voneinander. Was lernen die deutschen, slowenischen und litauischen Kameraden von Ihnen?

Andriy P.

Hauptsächlich sind wir es natürlich, die sehr viel Wissen vermittelt bekommen. Unsere Ausbilder sind alle enorm engagierte und professionelle Leute. Sie wissen genau, was wir an der Front benötigen – und das bringen sie uns bei. Auf der anderen Seite sind die Kameradinnen und Kameraden interessiert daran, wie wir auf dem Gefechtsfeld arbeiten. Wir erzählen ihnen viel von unseren Taktiken. Wir tauschen uns also ständig untereinander aus.

Wie lange sind Sie schon Soldat und was haben Sie vorher gemacht?

Andriy P.

Ich bin seit viereinhalb Jahren bei der ukrainischen Armee – also schon seit Beginn des Krieges in der Ukraine. Bevor ich Soldat wurde, war ich Elektriker. Dann habe ich mich entschlossen, Soldat zu werden. Das ist natürlich sehr hart für meine Familie. Aber es ist notwendig, denn wir müssen unser Land verteidigen. Hier beim Training in Deutschland bekomme ich nun die Chance, alles Notwendige für die Front zu lernen. Ich weiß: Im Krieg muss und kann ich mit all diesen Kenntnissen überleben.

Ihr Land widersteht den russischen Angreifern nun schon seit vier Jahren. Was macht die Ukrainer so stark?

Andriy P.

Ich denke, es ist der Wille zum Sieg. Niemand will stark sein. Aber wir müssen stark sein und die russische Armee stoppen. Sonst wird Russland so weitermachen und immer mehr haben wollen. Sie würden immer mehr Gebiete angreifen – auch jenseits der ukrainischen Grenzen.

Im Krieg haben Sie die Gefahr ständig vor Augen. Was lässt Sie unter diesen Umständen immer weiterkämpfen?

Andriy P.

Wir müssen kämpfen, weil wir überleben müssen und als Ukraine weiter existieren wollen. Und deswegen müssen wir auch töten. Ich wünschte, ich müsste das nicht sagen, aber es ist ganz einfach notwendig. Es sterben so viele Menschen, und so viele werden verwundet. So darf es nicht weiter gehen. Dieses Training gibt unseren Kameradinnen und Kameraden eine höhere Chance, auf dem Gefechtsfeld zu bestehen.

Haben Sie eine persönliche Botschaft, die sie unseren Leserinnen und Lesern abschließend mitgeben möchten?

Andriy P.

Ich wünsche mir Frieden für wirklich alle Menschen. Außerdem möchte ich mich für die Unterstützung für unser Land bedanken. Deutschland und viele andere Länder haben uns so viel gegeben: Waffen, Ausbildung und auch Versorgungsmaterial für die Verwundeten. Auch wissen wir es sehr zu schätzen, dass uns so viele Menschen Zuflucht gewährt haben. Vor allem aber wünsche ich Ihnen, dass Sie nicht das erfahren müssen, was wir tagtäglich seit vier Jahren erleben. Ich wünsche Ihnen, dass der Krieg niemals in Ihr Land kommen wird.


*Name zum Schutz des Soldaten geändert.

von Kristina Stache

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