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Abstand und Vernetzung

Truppe testet Kamikazedrohnen

Ausrüstung und Technik

Truppe testet Kamikazedrohnen

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Vier Kampfpanzer im Gelände finden und während der Fahrt mit Kamikazedrohnen angreifen: Diese Aufgabe galt es, beim zweiten Praxistest des Aufklärungs- und Wirkverbundes im April 2026 zu erfüllen. Eingesetzt wurden auch Soldatinnen und Soldaten, die ab 2027 mit der neuen Technik Teil der Brigade Litauen sein werden.

Ein Soldat kniet neben einer Startrampe in einem Gebäude und draussen fliegt eine Drohne.

Loitering Munition ist Teil des Aufklärungs- und Wirkverbunds für die Brigadeebene im Heer

Bundeswehr/Jana Neumann

Fünf Monate nach dem ersten Test des Aufklärungs- und Wirkverbunds (AWV) im Dezember 2025 hat das Planungsamt der Bundeswehr das zweite Schießen auf dem Übungsplatz im thüringischen Ohrdruf durchgeführt. Der AWV ist ein System, bei dem Aufklärungsdrohnen und Systeme zur Bekämpfung intelligent zusammenarbeiten. Das Ziel dieser Vernetzung: den Gegner auf große Distanz mit den Aufklärungsdrohnen finden und umgehend mit der Loitering Munition (LM)Loitering Munition (LM) ist ein gelenkter Flugkörper, der als Munition in einem Einsatzraum nach Zielen am Boden sucht. Dazu verweilt LM in unterschiedlichen Höhen, abhängig vom Einsatzprofil, und bekämpft nach Freigabe durch einen Bediener ein Punktziel mit hoher Präzision. Loitering Munition ist grundsätzlich zum einmaligen Gebrauch durch Verschuss gegen gegnerische Ziele vorgesehen. Zusammen mit der Kontrollstation und einer Missionssoftware bildet die Munition ein Loitering Munition System (LMS). bekämpfen. Mehr dazu finden Sie im Beitrag zu Loitering Munition.

Damit der Aufklärungs- und Wirkverbund funktioniert, müssen nicht nur die einzelnen Aufklärungsdrohnen und Loitering Munition jeweils für sich funktionieren, sondern auch als Gesamtsystem und unter Gefechtsbedingungen. Verbindendes Element der einzelnen Teilsysteme, die von unterschiedlichen Herstellern kommen und damit jeweils die hauseigene Software mitbringen, ist die bundeswehreigene Führungssoftware mit dem Namen Unmanned Management System (UMS).

Um die notwendige Einsatzreife dieses Gesamtsystems möglichst schnell zu erreichen, sei es notwendig, Praxistests wie in Ohrdruf gemeinsam mit den Herstellern durchzuführen, erläutert Tobias T., Leiter des Projekts im Planungsamt der Bundeswehr. Nur so sei eine zügige Fortentwicklung möglich, um den Aufklärungs- und Wirkverbund einsatzbereit in Litauen stationieren zu können. Dabei betont T.: „Dieses System wird nie fertig sein. Durch die rasante Entwicklung wird es ständig Updates geben, um die Teilsysteme zu verbessern und anzupassen. Entsprechend wurden die Kaufverträge auch gestaltet.“

Drei Drohnen stehen auf einer asphaltierten Straße. Eine Drohne startet senkrecht in die Luft.

Senkrecht in den Himmel geht es für eine der getesteten Varianten. So kann die Drohne auch auf engen Waldlichtungen oder in Häuserschluchten starten.

Bundeswehr/Jana Neumann
Vier Drohnen liegen auf Kisten in einem Gebäude.

Per Katapult wird eine weitere der getesteten Drohnen in die Luft befördert. Da dieser Start kaum Energie verbraucht, ist das System deutlich kompakter.

Bundeswehr/Jana Neumann

Ohne Datenverbindung kein Treffer

Verglichen mit der ersten Testung waren die Ansprüche an das gesamte System in Ohrdruf erheblich höher. Die Bediener kamen nicht von den Herstellerfirmen, sondern aus der Truppe. Dabei kannten einige der Soldatinnen und Soldaten das System erst wenige Tage und führten dennoch mehreren LMS gleichzeitig in der Luft. Erschwerend kam in der Übung hinzu, dass die Leopard-2-Panzer nicht standen, sondern in Fahrt getroffen werden sollten – natürlich ohne scharfen Gefechtskopf.

Tobias T, Sachgebietsleiter im Planungsamt der Bundeswehr
Der Aufklärungs- und Wirkverbund ist zwar sehr komplex, bietet aber gigantisches Potenzial.

Die Stellungen, aus denen die Drohnen auf dem hügeligen Gelände des Übungsplatzes in Ohrdruf gestartet wurden, waren nicht vorbereitet. Der Grund: Im Einsatzfall würden die Soldatinnen und Soldaten regelmäßig ihren Ort wechseln, um nicht selbst entdeckt zu werden. Das bedeutet, dass die gesamte Infrastruktur zur Sicherstellung der Datenverbindung im Gelände aufgebaut und betrieben werden musste. „Wir ziehen in Baumreihen, Scheunen und hinter Hügeln unter – ohne direkte Sicht auf das Zielgebiet. Das ist natürlich eine Herausforderung für die Datenlinks, die essenziell für das System sind. Entsprechend müssen wir lernen, wie wir damit umgehen, sowohl technisch als auch taktisch“, erklärt der Fachmann aus dem Planungsamt.

Mit den natürlichen Herausforderungen durch Gelände, Wetter und Entfernung war es aber nicht getan beim Schießen in Ohrdruf. Denn am Ende wird der Gegner alles dran setzen, sich vor den Angriffen der Kamikazedrohnen zu schützen. Ausweichmanöver der Panzerbesatzungen, Nebelkerzen und elektronische Gegenmaßnahmen stellten die Bediener und die Zielerfassungssoftware der LMS vor zusätzliche Herausforderungen.

Arbeiten wie beim Schießen in Ohrdruf nachgewiesen mehrere unbemannte Systeme zusammen, könne man von einer Schwarmfähigkeit sprechen, die mit der weiteren Entwicklung des Aufklärungs- und Wirkverbunds immer stärker zum Tragen komme, so Oberstleutnant T.  Am Ende sei hier die verfügbare Bandbreite der Datenverbindung der entscheidende Faktor.

Zwei Soldaten sitzen vor einem Laptop unter einem Tarnnetz im Gelände.

Die Artilleristen, die mit dem AWV 2027 nach Litauen gehen, werden bereits jetzt eng mit eingebunden. Bis zu vier LMS führt ein Bediener an seiner Bodenkontrollstation gleichzeitig ins Ziel.

Bundeswehr/Jana Neumann
Eine Drohne fliegt auf einen fahrenden Panzer zu. Leuchtmunition ist in der Luft zu sehen.

Ob Nebelkerzen oder Ausweichmanöver – die Panzerbesatzungen versuchen, kein leichtes Ziel zu bieten

Bundeswehr

Erste LMS-Batterie für Litauen

„Im Gegensatz zur klassischen Rohr- und Raketenartillerie können wir mit diesem Aufklärungs- und Wirkverbund über eine größere Entfernung schießen und auch fahrende Ziele bekämpfen“, erklärt Major Florian P., Chef der ersten LMS-Batterie in der Geschichte der deutschen Artillerie. In dieser Funktion wird Major P. im kommenden Jahr mit seinen Männern und Frauen als 5. Batterie des Artilleriebataillons 455 der Panzerbrigade 45 in Litauen unterstellt werden. „Für uns ist es von großem Wert, so früh in die Entwicklung des AWVs eingebunden zu werden. Zum einen fließen unsere Rückmeldung direkt in die Weiterentwicklung ein. Zum anderen haben wir das Privileg, die taktischen Einsatzverfahren für das System mit zu entwickeln“, so der Batteriechef.

Vor dem Hintergrund der absehbaren Stationierung in Litauen sind die Erwartungen der Truppe auch entsprechend hoch. Eine große Reichweite, um den Feind möglichst tief im Raum zu bekämpfen sowie eine hohe Trefferquote seien unabdingbar, so Major P. Zudem müsse das System natürlich bei jedem Wetter funktionieren und auch unter hoher Belastung von den Soldatinnen und Soldaten sicher bedient werden können.

Neben der Batterie von Major P. wird das Artilleriebataillon 215 aus Augustdorf als zweiter Verband mit dem Aufklärungs- und Wirkverbund ausgestattet werden. Beide Batterien werden in ihren jeweiligen Bataillonen die klassische Rohrartillerie, bestehend aus Panzerhaubitzen 2000, ergänzen. 

Major Florian P., Chef der ersten Drohnenbatterie der Artillerie
Mit diesem Pionierprojekt leisten wir einen Beitrag zum großen Ganzen. Das ist unsere Aufgabe als erste Batterie und auch meine persönliche.

Bundeswehr nutzt Erfahrung der Ukraine

Dass die ukrainischen Streitkräfte in ihrem Verteidigungskampf auch die Aufklärungs- und „Kamikazedrohnen“Loitering Munition wird umgangssprachlich auch als Kamikazedrohne bezeichnet. nutzen, die für den Aufklärungs- und Wirkverbund vorgesehen sind, sei ein großer Vorteil, erklärt Oberstleutnant Tobias T. „Wir bekommen Einsatzberichte sowohl von den Unternehmen als auch von den ukrainischen Streitkräften. Das hilft uns natürlich sehr, wobei wir bei der Auswertung auch vorsichtig sein müssen, denn nicht immer sind alle Rahmenbedingungen wie Wetter oder Ausbildungsdauer der Bediener bekannt. Zudem unterscheiden sich die Systeme der Ukrainer in manchen Bauteilen zu denen, die wir kaufen.“

Und auch mit Blick auf die Trefferquoten ist das tatsächliche Bild bei unbemannten Systemen trüber, als viele annehmen, die lediglich das Videomaterial aus der Ukraine von erfolgreichen Drohnenangriffen sehen. Das betreffe alle Systeme: sowohl billige FPV- Drohnen mit kurzer Reichweite als auch größere Systeme, betont der Fachmann vom Planungsamt. „Im Schnitt, über alle Systeme hinweg, können wir eine deutlich niedrigere Erfolgsquote erkennen. Umwelteinflüsse, elektronische Gegenmaßnahmen oder einfache Verbindungsabrisse sind an der Tagesordnung. Wenn der Aufklärungs- und Wirkverbund unter Gefechtsbedingungen mindestens eine Quote von eins zu vier erreiche – also eine von vier LMS ihr Ziel erreicht und auch tatsächlich zerstört – sei das gut, so die Einschätzung des Experten.

Eine Drohne steht auf einem Feld im Gelände.

Eine Aufklärungsdrohne ist das Auge des AWVs. Ist ein Ziel gefunden, liefert sie Zieldaten und Bilder für die angreifenden Kamikazedrohnen.

Bundeswehr/Jana Neumann
Ein Soldat sitzt vor einem Laptop und berührt mit seinem Finger den Bildschirm.

Aus dem mobilen Feuerleitstand heraus koordiniert die Führung der Batterie mithilfe des Unmanned Management Systems das Gefecht mit den Drohnen

Bundeswehr/Jana Neumann

Der erste Verbund von vielen

Die Entwicklung dieses Aufklärungs- und Wirkverbundes ist für die Bundeswehr allerdings nur ein erster Schritt hin zu einer ganzen Reihe von AWVs auf verschiedenen Ebenen in der Verbandsstruktur des Heeres. So ist der AWV, der für die Panzerbrigade 45 in Litauen geplant ist, auch dezidiert für den Einsatz auf Brigadeebene vorgesehen. Daraus leiten sich beispielsweise die Anforderung der Reichweite ab oder auch die Kampfaufträge für die Batterie.

Daneben gibt es bereits Projekte für einen AWV auf Divisionsebene mit entsprechend höherer Reichweite sowie einen AWV für kurze Reichweite auf Bataillonsebene, wo auch eine neuartige Software zum Tragen kommt. Bei letzterem würden die Stückkosten pro LMS auch deutlich sinken, erklärt Oberstleutnant T. „Insbesondere die geforderte Reichweite und die Fähigkeiten sind es, die ein System teuer macht. Darüber hinaus zahlt auch die Produktionsmenge auf die Reduzierung der Stückkosten ein. Ein System wird dann günstig, wenn die notwendige Stückzahl erreicht ist, sodass die Produktion industrialisiert werden kann.“

Unterm Strich ist der Projektleiter aus dem Planungsamt zufrieden mit dem Schießen in Ohrdruf. „Wir haben große Fortschritte gemacht. Einige Probleme, die wir zuvor erwartet haben, sind allerdings auch so eingetreten. Daher haben wir bereits die kommenden Tests in diesem Jahr schon darauf ausgerichtet, diese zu beheben.“

von Ole Henckel

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